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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
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Mut zur Freude
Glanzlichter
Das Ende          .
Krankheit und Tod meiner Frau - 
ein Loblied auf die Hospizbewegung
 

Die Krankheit

Als ich zum achten und letzten Zyklus vom 19. Oktober bis 2. November 2000 in der Münchner Klinik weilte, rief meine Frau mich an und berichtete, sie sei gestürzt und habe seitdem Rückenschmerzen mit Ausstrahlung ins linke Bein. Am Abend des 19.Oktober hatte mich meine Frau zusammen mit meinem Sohn und meiner Enkelin Anke zum Nachtzug nach Köln gebracht. Auf dem Weg vom Bahnsteig zum Parkplatz stolperte meine Frau über eine Unebenheit und fiel hin. Wegen der seitdem aufgetretenen Rückenschmerzen wurde am 3. November ein Röntgen-Thorax aufgenommen.. Der Radiologe konnte aber keine Ursache der Schmerzen erkennen. 

Wir hatten schon vor Monaten eine Kreuzfahrt von Buenos Aires um Kap Hoorn nach Valparaiso geplant. Ich drängte jetzt darauf, beim Reisebüro die Buchungen fest zu zurren. Sonst war meine Frau immer Feuer und Flamme gewesen, wenn es auf Reisen ging. Desto größer war mein Erstaunen, dass sie das Vorhaben jetzt in Frage stellte. Sie fühle sich nicht wohl, sagte sie, habe keinen Appetit und fühle sich irgendwie krank. Der Gedanken an die Reise bereite ihr Unbehagen.

Am 3. Dezember 2000 hörte meine Frau, während sie sich einen Strumpf anzog, im Bereich der rechten Rippen ein Geräusch wie von splitterndem Holz. Die Röntgenaufnahme vom 5. Dezember zeigte, dass die 8. rechte Rippe gebrochen war. Der Orthopäde meinte zunächst, es handle sich um einen Spontanbruch in Folge einer Osteoporose. Er legte einen Klebeverband (Tape) an, empfahl calziumreiche Ernährung mit Vitamin-D-Zusatz und verordnete ein Schmerzmittel. Am 12. Dezember wurde eine Kontrolluntersuchung vorgenommen. Beim Vergleich der neuen Röntgenaufnahme mit derjenigen von vor einer Woche fand der Arzt im 12. Brustwirbelkörper einen Stauchbruch, von dem in der letzten Aufnahme noch nichts zu sehen war. Zum Stützen der Wirbelsäule erhielt meine Frau eine Bähler-Orthese. Das alles passte indes nicht zu der vor einer am 3. März 2000  durchgeführten Untersuchung, die zwar das Risiko einer Osteoporose wegen mangelhafter Mineralisierung der Knochen feststellte, aber zu keinen ernsteren Bedenken Anlass gab. Zur Osteoporose-Prophylaxe war schon seit längerer Zeit Ossiplex verordnet worden. Der Grad der Osteoporose war also zu gering, um solche Spontanbrüche bewirken zu können. Konnte nicht ein womöglich bösartiger Tumor die Ursache sein?

Um diese Frage beantworten zu können, überwies der Orthopäde meine Frau zur Aufnahme eines Szintigramms zu einem Radiologen. Die Untersuchung fand am 14. Dezember 2000 statt. Es zeigte sich, dass das Skelett zahlreiche Ansammlungen radioaktiver Stoffe aufwies. Sie bildeten ein Muster, das für Metastasen nicht untypisch ist. Zur Sicherheit wurden Röntgenaufnahmen des Thorax in zwei Ebenen, eine Kernspintomographie der Lendenwirbelsäule und des Beckens sowie eine Kernspintomographie der Halswirbelsäule erstellt.

Die Beurteilung durch den Radiologen lautete wie folgt: "Ausgedehnte Knochenmetastasierung mit pathologischen Rippenfrakturen sowie diskreter Infraktion des 12. Brustwirbelkörpers. Keine Manifestation in den Thoraxorganen. Am ehesten handelt es sich hier um ein Plasmozytom. Auffallend ist die gleichzeitige Lebervergrößerung. Auch dies könnte vielleicht zum Plasmozytom passen. Differentialdiagnostisch ist auch an ein diffus metastasierendes Mammacarcinom oder Schilddrüsencarcinom zu denken."

Auf diese Diagnose hin vereinbarte der Hausarzt die Aufnahme meiner Frau ins St.-Elisabeth-Krankenhaus Köln-Hohenlind am 3. Januar 2001. Wegen der verhältnismäßig geringen Malignität eines Plasmozytoms schien die Aufnahme ins Krankenhaus nicht dringlich. Zum Glück, denn so konnten wir Weihnachten und Neujahr noch einmal gemeinsam verbringen. Es wurden die schönsten Feiertage, deren wir uns je entsinnen konnten. Wir hielten uns von aller Hektik frei und von jedem Rummel fern. Wir bedachten den Sinn der Weihnacht und erlebten die Gegenwart des anderen bewusst wie nie, wie es nur das Leben angesichts des Todes möglich macht. Unsere behinderte Tochter Uschi war die ganze Zeit bei uns. Am 1. Weihnachtsfeiertag besuchten uns mein Sohn und seine Familie. Die Silvesternacht verbrachten wir bei uns mit meiner Schwester und meinem Schwager. Das Essen ließen wir uns vom Chinesen bringen: Pekingente. Sylvester vor 50 Jahren hatten meine Frau und ich uns kennen gelernt. War es uns schon nicht vergönnt, die goldene Hochzeit zu feiern, so erlebten wir doch immerhin das goldene Jubiläum unserer Bekanntschaft. 

Unterdessen wurde meine Frau immer gebrechlicher und benötigte immer mehr Schmerzmittel. Die Treppe zum Schlafzimmer hinauf zu steigen fiel ihr schwerer und
schwerer. In der Nacht zum 2. Weihnachtstag mussten wir den Notarzt rufen, denn ihr Herz raste beängstigend. Die Ursache war schnell gefunden: Exsikkose. Meine Frau war regelrecht ausgedörrt. Anscheinend hatte sie den ganzen Tag über nichts getrunken. Ich musste zwei Flaschen Mineralwasser anwärmen, und meine Frau trank sie höchst widerwillig, aber tapfer aus

Am Morgen des 3. Januar 2001 gegen 10 Uhr stand der Krankenwagen vor der Tür. Meine Frau war morgens schon früh die Treppe heruntergekommen. Über die beiden Eingangsstufen ging sie vorsichtig hinaus zum Krankenwagen. Fahrer und Begleiter halfen ihr hinein. Der Wagen verschwand. Ich dachte: "Unser Haus wird sie wohl niemals wiedersehen." Indessen: ich hatte nicht mit der Hospizbewegung gerechnet. Meine Befürchtung erwies sich als voreilig.

Im Krankenhaus setzte die Suche nach dem Primärtumor ein, nachdem der Plasmozytomverdacht ausgeräumt war. Im Blut fanden sich nämlich keine monoklonalen Antikörper ohne Immunisierungsfunktion, die diese Krankheit auslösen. Eine Untersuchung folgte der anderen. Für meine Frau muss es eine Tortur gewesen sein. Am stärksten belasteten sie die Vorbereitungen zur Darmspiegelung. Zur Stabilisierung der Wirbelsäule erhielt sie ein Rahmen-Stützkorsett, mit dem sie zunächst sitzen, stehen und auch noch etwas gehen konnte. Sie konnte sich mit dem Rollstuhl im Zimmer oder Flur bewegen und sich mit Besuchern an den Tisch in der Nische des Flurs setzen. Dort gab es einen Kaffee- und Teeautomaten. In den ersten Wochen haben wir hier oft zusammen gesessen, eine paar Tassen getrunken und ab und zu auch ein Stück Kuchen aus der Cafeteria im Erdgeschoss gegessen. Anfang Februar gab es eine nette Abwechslung im grauen Krankenleben: Ein Team der Bild-Zeitung erschien, um die  Physiotherapeutin Katrin Schmid, im Nebenberuf Funkenmariechen der Kölner Karnevalsgesellschaft Ehrengarde, bei der Arbeit zu beobachten und ein paar Aufnahmen zu machen. Man hatte meine Frau als Patientin ausgewählt und sie um ihre Zustimmung gebeten, die sie gerne gab. Ein paar Tage später erschien eines der farbigen Fotos in der Zeitung. Eine Pflegerin legte mir das Blatt eines Morgens auf den Tisch und fragte: "Ist das nicht Ihre Frau?"

Bis dahin ging es ihr einigermaßen gut. Schmerzen hatte sie kaum; sie wurde ausreichend mit Medikamenten behandelt. Aber die Metastasen in den Knochen wuchsen unaufhaltsam weiter. Die Wirbelsäule wurde von Tag zu Tag brüchiger und die Muskeln immer schwächer, bis die Haut wie Lappen von den Knochen hing. Wegen der Auszehrung musste das Stützkorsett verkleinert werden. Die Ausflüge mit dem Rollstuhl wurden seltener. Wir hatten den Wunsch, meine Frau zu Hause zu pflegen, sobald es möglich war. Die Ärzte bemühten sich, die Wirbelsäule so weit zu stabilisieren, dass ein Transport ohne größeres Risiko vonstatten gehen konnte. Mehrmals hieß es, meine Frau könne morgen oder übermorgen entlassen werden, doch jedes Mal brach ein neuer Wirbel ein, so dass die Entlassung verschoben werden musste. Als schließlich ein Halswirbel einbrach, war von Entlassung überhaupt keine Rede mehr. Sie erhielt eine "Halskrause", eine Stützmanschette um den Hals, die sie bis zuletzt tragen musste, eine äußerst lästige und hinderliche Angelegenheit, besonders im Liegen.

Um die Heimkehr zu ermöglichen, entschloß man sich zu einer palliativen Strahlenbehandlung, die den Verfall der Wirbelsäule verzögern sollte. Die Behandlung dauerte vorm 13. bis 28. Februar 2001. Meine Frau wurde deshalb zunächst in die Kölner Universitäts-Strahlenklinik und am 16. Februar 2001 in das Dr.-Mildred-Scheel-Haus, einer reinen Palliativklinik, verlegt. Es liegt in der Nähe des Bettenhauses auf dem Gelände der Universitätsklinik. Es ist ein schöner zweigeschossiger Klinkerbau mit 15 großen Einzelzimmern, von denen jedes einen ebenerdigen Zugang zum gartenartig angelegten Innenhof besitzt. Man erkennt die Absicht, den Menschen in ihren letzten Tagen ein wohltuendes Umfeld zu bereiten. Die Räume sind mit einem warmen Holzdekor eingerichtet und mit Fernseher, Schrankküche und Liege, auf der ein Angehöriger übernachten kann, ausgestattet. Leider konnte ich das Angebot nicht nutzen, weil ich ja pflegebedürftig war und rechtzeitig daheim sein musste.

Am 16. März 2001, einem Freitag, war es endlich soweit:: Meine Frau durfte nach Hause. Das war nun alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Über den Pflegedienst der Caritas hatten wir Verbindung zur Hospiz im Erftkreis gGmbH aufgenommen. Diese Gesellschaft wird von den örtlichen Hospizvereinen getragen. und betreibt hat einen Palliativpflegedienst. Palliativpflege ist weder häusliche Pflege, wie sie über die Pflegeversicherung finanziert wird, noch häusliche Akut-Krankenpflege, welche die Krankenkassen bezahlen, sondern irgend etwas dazwischen, das weder in die Zuständigkeit der Pflegeversicherung noch der Krankenkassen fällt. Offenbar hat man aber eingesehen, dass hier eine Gesetzeslücke besteht, die man überbrücken sollte, um die Hospiz-Krankenhäuser zu entlasten. Im Fall meiner Frau liegt der Vorteil klar auf der Hand: Durch den Übergang in die Palliativpflege wurde ihr Platz im Dr.-Mildred-Scheel-Haus frei. So wurde In Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 mit einem auf drei Jahre befristeten Modellversuch begonnen, der Erfahrungen mit der häuslichen Palliativpflege liefern soll. Die Kosten tragen die beteiligten Versicherungen und das Land. Wegen des Umgangs mit den Betäubungsmitteln, die für ausreichende Schmerzbekämpfung nötig sind, tragen die Pflegerinnen und Pfleger große Verantwortung unter strenger ärztlicher Kontrolle.

Alles war gut vorbereitet: Das Wohnzimmer war umgeräumt, damit das Pflegebett mit dem nötigen Arbeitsraum drumherum Platz hatte, das notwendige Pflegematerial und -gerät war beschafft, soweit es nicht von den Pflegerinnen mitgebracht wurde, das Pflegepersonal stand bereit. Am Nachmittag kam der Krankenwagen und brachte meine Frau endlich nach Hause. Es war eine große Freude, dass sie jetzt noch eine Weile im eigenen, vertrauten Heim mit Angehörigen, Freunden und Nachbarn leben durfte. Jetzt war jeder Tag kostbar, jede Stunde zählte. Ich hatte den glühenden Wunsch, jeden Tag, wenn möglich, zu einem Fest zu machen. Indes: wie kann man das In der Gewissheit des nahen Todes?

Mut zur Freude

Ich weiß natürlich nicht genau, wie meine Frau fühlte und dachte. Aber wir hatten oft und eingehend über alles gesprochen. Wir waren uns einig, dass wir ein erfülltes Leben mit Höhen und Tiefen und sehr viel Schönem gehabt hatten. Das machte uns dankbar und dadurch zur Annahme dessen, was uns bevorstand, geneigt. Wir stellten uns vor, wir hätten noch 20 Jahre mit all den  Beschwerden und Gebrechen des Alters vor uns und ständen dann wieder vor einer ähnlichen Situation wie heute. Ich bin ja das beste Beispiel dafür, was einen im Alter begegnen kann: Nachlassen der Kräfte, Pflegebedürftigkeit, Lähmung, Hilflosigkeit, Leben im Altersheim, dazu womöglich weitere Krankheiten, Schmerzen, Operationen, Verwirrung und vieles mehr. "Des Menschen Leben währet 70 Jahre, wenn es hoch kommt, sind es 80" heißt es in der Bibel, jeder Tag über 70 in Gesundheit ist geschenkt. Da war es sicher besser, sich dem Unvermeidlichen zu stellen und es hinter sich zu bringen. Aber noch lebten wir ja und konnten aus jedem Tag das Beste machen. Es wäre undankbar gewesen, hätten wir uns allem verschlossen und die uns geschenkte Zeit mit Jammern und Wehklagen vergeudet. Andere Menschen, die heute unbeschwert und ahnungslos dahin leben, sind vielleicht schon morgen tot. Wir dagegen wussten, was uns bevorstand. Dieses Wissen belastete uns einerseits, bereicherte uns aber auch zugleich. Wir wussten, dass jeder Tag einen unschätzbaren Wert hat, weil uns nur noch wenige Tage blieben. Grund genug, jeden nach besten Kräften zu einem Fest zu machen. Man musste nur das Kunststück fertig bringen, der Todesgewissheit keinen höheren Rang einzuräumen als denjenigen, den sie, genau genommen, im Leben eines jeden Menschen einnimmt. Das Leben eines jedes Menschen gleicht ja im Grunde einer unheilbaren Krankheit, die mit Gewissheit zum Tode führt.

Dazu bedarf es einer starken Kraft, die Angst und Trauer überwindet. Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die diese Kraft aus sich selbst heraus schöpfen können. Uns war die Kraft seit langem durch unsere christliche Glaubensgewissheit zugewachsen. Eine Schwester meiner Mutter war zu ihrer Zeit Generaloberin der Palottinerinnen in Limburg an der Lahn. Vor vielen Jahren hatte sie uns eine Postkarte geschickt, deren Vorderseite der Spruch zierte: "Ostern gibt die Gewissheit, dass das Ende von allem nur Freude, unermessliche Freude sein kann". Ostern gibt die Gewwissheit... Diese Karte stand gut sichtbar auf dem Regal meiner Bibliothek. Offenbar habe ich diesen Spruch im Laufe der Zeit so verinnerlicht, dass ich vor dem Tod (nicht vor dem Sterben) keine Angst mehr empfinden kann, im Gegenteil, ich bin nur neugierig auf das, was dann geschieht. Ich glaube, dass es meiner Frau ähnlich erging. So fertigte ich eine vergrößerte Kopie der Karte an und stellte sie am Sterbebett meiner Frau so auf, dass sie den Spruch immer sehen konnte.

Vielleicht hat das mit dazu beigetragen, dass meine Frau niemals jammerte oder weinte, sondern erstaunlich guter Dinge war. Ich vergesse nie, dass sie noch drei Tage vor ihrem Tod auf die Frage eines Besuchers, wie es ihr denn so gehe, antwortete: "Och - eigentlich ganz gut." Es ist auch möglich, dass meine Frau deshalb so gefasst war, weil sie sich allein fühlte. Von ihrer Herkunftsfamilie war niemand mehr in der Nähe, sie hatte seit Jahren keinen Verwandten mehr gesehen. Als sie geboren wurde, waren ihre Brüder schon an die 20 Jahre alt. Vater, Mutter und beide Brüder sind längst gestorben, die Brüder übrigens 1995 am gleichen Tag, einer in Bonn, der andere in Rendsburg. Und der frühe Tod unseres jüngsten Sohnes mit 25 Jahren in 1985, hatte sie wohl stärker geprägt, als sie es sich anmerken ließ. Vielleicht freute sie sich auf ein Wiedersehen. Eines Tages sagte sie zu mir aus gegebenem Anlass: "Ich hänge an nichts mehr."

Die meisten Menschen wissen gewöhnlich nicht, was sie sagen sollen, wenn sie auf einen schwer Kranken oder Behinderten treffen oder wenn sie kurze Zeit nach der Beerdigung einem Hinterbliebenen begegnen. Sie machen einen großen Bogen um die Betroffenen, wechseln zum Beispiel die Straßenseite, vermeiden jeden Blickkontakt oder versuchen, den Betroffenen zu ignorieren. Der fühlt sich dann - wenn er dieses Verhaltensmuster noch nicht kennt - zurückgesetzt oder gar verstoßen, so als habe er etwas Ehrenrühriges getan oder leide an einer ansteckenden, aussatzähnlichen Krankheit. So ist es aber keineswegs gemeint, es ist in Wahrheit nichts als der Versuch, die Unsicherheit zu verbergen. Nun ist es Sache des Betroffenen, auf den anderen zu zu gehen und ganz unbefangen mit ihm zu reden, als sei nichts geschehen. 

So kamen zuerst nur die engsten Verwandten und solche Bekannten, die sich zu einem Besuch verpflichtet fühlten. Alle, besonders diese, wirkten in den ersten Minuten ihres Besuchs etwas gehemmt und ein wenig verlegen. Doch das änderte sich sehr schnell, weil wir sie freudig begrüßten und mit ihnen sprachen, wie wir es von früheren Besuchen gewöhnt waren. Selbstverständlich war viel von Krankheit und Tod die Rede. Wir sprachen nüchtern und unbefangen über die heikelsten Themen und machten deutlich, dass wir den Tod  In unserem Alter als Teil des ganz gewöhnlichen Lebens akzeptierten. Wir zeigten uns dankbar für all das Schöne, mit dem uns das Leben beschenkt hatte und das zum unverlierbaren Besitz unseres Lebens geworden war. Wir sagten, dass es keinen Grund gebe, den heutigen Tag und die uns noch verbleibende Zeit mit Jammern und Wehklagen zu verschwenden. Wir lebten ja, wenn auch durch Krankheit beschränkt, wie jeder andere auch, nur, wir wüssten, dass unsere Tage gezählt wären, wohingegen viele, die heute frisch und fröhlich dahin lebten, als gäbe es kein Ende, vielleicht morgen oder übermorgen schon tot sein würden. Jeder einzelne der wenigen Tage, an denen wir noch beisammen sein könnten, hätte für uns unschätzbaren Wert, und darum wollten wir, so froh und heiter es uns nur immer möglich sei, das Beste daraus machen. 

Ich staunte, wie interessiert die Besucher auf die sonst sorgsam gemiedenen Themen eingingen, so als hätten sie diesbezüglich eine Menge Nachholbedarf. Es kam zu vielen guten Gesprächen, in deren Verlauf unsere zuversichtliche Laune auf die Besucher übersprang und die ursprüngliche Befangenheit einer heiteren Stimmung wich. Viel Ernstes und Lustiges wurde erzählt und oft wurde gelacht. Wenn die Besucher schließlich gingen, ließen sie keinen Zweifel daran, dass es ihnen gefallen hatte. Es sprach sich schnell herum, dass ein Besuch bei uns alles andere als eine tränenreiche Trauerveranstaltung war. Darum hatten wir über Mangel an Besuch nicht zu klagen. Besonders freute es uns, dass viele alte Bekannte und Verwandte, die wir lange nicht mehr gesehen hatten, kamen. Meine  Frau beteiligte sich mit großer Aufmerksamkeit an den Gesprächen. Man merkte, dass  es ihr Freude machte. Sie war immer ganz bei der Sache und gab niemals zu verstehen, dass sie sich überanstrengt fühlte. Erst in den letzten Wochen, als sie schon sehr schwach war, konnte es geschehen, dass sie einnickte und nach einiger Zeit wieder aufwachte. Wenn die Besucher gingen, war sie beim Verabschieden wieder voll dabei.
 

Glanzlichter

Neben den kleinen und großen täglichen Freuden gab es auch einige Glanzlichter. Das erste, noch während des Aufenthalts im Dr.-Mildred-Scheel-Haus, war die Geburt unserer Urenkelin Lara am 27. Februar 2001. Urgroßmutter zu werden, hatte sich meine Frau zum Nahziel gesetzt. Dass sie es nun erreicht hatte, freute sie über die Maßen. Wieder ein Stück erfülltes Leben mehr, wenn auch, leider, ein Abschiedsgeschenk. Einstweilen konnte sie nur die Bilder der Kleinen bewundern, doch bald, soviel sei schon verraten, würde sie das Kind in ihren Armen halten.

Das nächste Glanzlicht war der Besuch unserer Tochter Monika mit ihren beiden Buben: Brian (12) und Mason (10). Ihr Ehemann, Helmut Hack, US-Amerikaner, konnte aus beruflichen Gründen nicht mitkommen und blieb in ihrem Haus in Phoenix/Arizona, das sie vor kurzem neu gebaut hatten, zurück. Meine Frau fieberte dem Besuch entgegen. Ihn noch zu erleben, hatte sie sich als Nächstes zum Ziel gesetzt. Am 22. März 2001, einem Donnerstag, sechs Tage nach der Heimkehr meiner Frau, war es erreicht. Die Wiedersehensfreude war riesengroß, nur die Jungen wussten nicht so recht, was sie anfangen sollten. Beide sprachen kein Wort Deutsch, und ihr Englisch war noch nicht so ausgeprägt, dass man es leicht hätte verstehen können. Es dauerte nicht lange, und sie hatten meine Computer entdeckt. Um Konflikte und Schäden zu vermeiden und den Tatendrang der Knaben in geordnete Bahnen zu lenken, blieb mir nichts anderes übrig, als für sie einen eigenen Computer installieren zu lassen. Mein Sohn ist  Fachmann auf dem Gebiet und erledigte das sehr schnell.

Am folgenden Sonntag, dem 25. März 2001, kam der große Augenblick, in dem die Urgroßmutter ihre Urenkelin Lara zum ersten mal in den Armen halten durfte. Das muss für eine Frau, die alles Lebendige, Blumen, Tiere und vor allem Kinder, über alles liebte, eine unermessliche Freude gewesen sein. Andererseits, wie  zugleich schmerzlich es für sie vor dem Hintergrund des nahen Todes gewesen sein mag, ich weiß es nicht. Niemand kennt die wahren Gefühle eines anderen, selbst wenn man 50 Jahre lang miteinander gelebt hat. Ihr Lächeln verklärte ihr graues, verfallenes Gesicht über der entstellenden Halskrause. Ich glaube, sie war einen langen Augenblick glücklich. Mir ging ein Stich durchs Herz.

Die Familie war nahezu vollzählig da: Tochter Monika mit den beiden Jungen, Sohn Klaus mit Schwiegertochter Hedi und ihren drei erwachsenen Kindern Karen, Anke und Georg, dazu Karens Ehemann Stefan und eben die Hauptperson: Lara. Allein die behinderte Tochter Uschi fehlte. Das ganze Haus war voller Leben. Es war einfach schön, und meiner Frau sah man an, dass sie alles in vollen Zügen genoss. Nur ich war ein bisschen traurig, weil ich zu schwach war, Lara auf den Arm zu nehmen.

Ermutigt durch den Erfolg der Aktion, vereinbarten wir für den nächsten Sonntag nochmals ein Familientreffen, weil Monika in der darauf folgenden Woche den Heimflug antreten musste. Wir besorgten drei Torten und luden noch meinen Bruder Günther mit seiner Frau Anneliese und meine Schwester Elisabeth mit ihrem Mann Friedel ein. Es war ein richtiges Fest. Meine Frau freute sich voll Dankbarkeit, dass sie es noch erleben konnte. Sie war hellwach und nichts deutete darauf hin, dass ihr etwas zu viel wurde.

Es gab keinen einzigen Tag, an dem wir keinen Besuch gehabt hätten. Karen und Lara waren ganz besonders gern gesehene Gäste. An den Sonntagen kamen auch entfernter wohnende Bekannte und Verwandte. Ostern fiel in diesem Jahr auf den 15. April. Der Sonntag ist mir als der letzte Tag, an dem die ganze Familie beisammen war, in Erinnerung geblieben. Karsamstag besuchte uns auch mein jüngster Bruder Franz-Josef aus Wiesbaden, der auf der Durchreise schon mehrfach vorbeigeschaut hatte, mit seiner Frau Ingrid und deren Mutter.

Nach Ostern wurde es langsam ruhiger. Meine Frau brauchte mehr Schmerzmittel und verbrachte den Tag zunehmend mit Schlafen. Die Besucher merkten, dass meine Frau Ruhe brauchte, und hielten sich mehr und mehr zurück. Trotzdem freute sich meine Frau offensichtlich über jeden, der kam. Sie war nur nicht mehr so aufmerksam. Jedenfalls war sie im wesentlichen schmerzfrei. Wenn man sie fragte, sagte sie, es gehe ihr eigentlich ganz gut. Das Schlimmste waren für sie die stark geschwollenen Beine, die so schwer waren, dass sie sie nicht bewegen konnte. Man musste sie von Zeit zu Zeit anders lagern, damit sie nicht schmerzten. 
 

Das Ende

Und noch ein Ziel hatte sich meine Frau gesetzt: ihren 70. Geburtstag am 6.Mai2001. Es rückte nun in greifbare Nähe. Doch an einem der letzten Apriltage, ich glaube es war der 30., sagte sie unvermittelt: "Ich höre auf zu kämpfen. Ich gebe auf." Sie sagte es leise, nur ich und einer der anwesenden Besucher konnten es hören. Anscheinend war sie gerade aufgewacht. Von nun an lag sie ständig im Schlaf. Man merkte, dass das Leben von ihr zu weichen begann. Am Abend des 1.Mai aber war sie plötzlich - scheinbar - hellwach. Sie weigerte sich, ihre Tabletten zu nehmen und behauptete, man wolle sie vergiften. Alles gute Zureden nutzte nichts. Sie sprach mit glasklarer Stimme. Ihre Argumente klangen durchaus vernünftig, hatten aber wenig mit der Realität zu tun. Zum Glück bekam sie die wichtigsten Schmerzmittel über ein Pflaster im Rücken. Der Ausbruch wiederholte sich während der Nacht, als ich mit ihr allein war. Per Telefon rief ich den Notdienst der Caritas an und bat um Unterstützung. Doch auch der Pfleger konnte nichts ausrichten. Als er gegangen war, setzte meine Frau die Diskussion fort. Sie machte mir die absurdesten Vorwürfe, während ich mich verzweifelt bemühte, diese zu entkräften. Die Perfidität ihrer Entgegnungen brachte mich schließlich so in Rage, dass ich ihr einen Palmzweig auf die Brust legte und sagte: "Du bist ja vom Teufel besessen." Dann ging ich wütend zu Bett. Ich schäme mich noch heute, dass ich mich so habe hinreißen lassen, aber das Trugbild eines klaren, bewussten Geistes hatte mich völlig verwirrt und in die in die Enge getrieben. Ich kann nur hoffen, dass meine Frau nicht darunter gelitten hat. Vielleicht war es das letzte Aufbäumen ihrer Kämpfernatur. Jedenfalls war sie fortan still. 

Während der morgendlichen Pflege am nächsten Tag sagte sie nichts und schlief immer wieder ein. Ähnlich verhielt es sich, als gegen 12 Uhr die Palliativpflegerin, Frau Kolbach vom Hospiz im Erftkreis, erschien und nach dem Rechten sah. Unterdessen saß ich ein wenig abseits am Tisch und beschäftigte mich mit Papierkrieg. Gegen 12Uhr15 sagte Frau Kolbach: "Ihre Frau atmet so merkwürdig. Ich fürchte, es geht zu Ende." Ich stand auf und trat zu ihr hin, um ihre Hand zu nehmen. Sie schien zu schlafen. Nach einer Minute klingelte das Telefon. Ich ging ins Nebenzimmer und nahm das Gespräch an. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, doch gegen Ende wurde ich immer unruhiger, bis ich sagte: "Ich muss auflegen, hoffentlich ist meine Frau nicht schon gestorben." Im Flur begegnete mir tatsächlich Frau Kolbach und raunte mir zu: "Ihre Frau hat soeben ihren letzten Atemzug getan." Und ich war nicht dabei. Das war um 12Uhr30.

Ich verrichtete still die Sterbegebete. In Gedanken verloren betrachtete ich die Frau, die mir ihr Leben geschenkt hatte. Bilder aus unserem gemeinsamen Leben tauchten in der Erinnerung auf und verschwanden wieder, eins nach dem anderen in ungeordneter Folge. Als ich mich abwandte, gab Frau Kolbach mir schweigend die Hand. Nach einer Weile bat sie mich, mit ihr zum Kleiderschrank meiner Frau zu gehen und nach einem Kleid zu suchen, das sie mit ins Grab nehmen sollte. Ich wählte ein graues Kostüm mit beigefarbenen Karos, das sie immer gerne getragen hatte. Frau Kolbach reinigte die Tote, kleidete sie um und faltete ihr die Hände.

Ich rief meinen Sohn Klaus an und sagte ihm, dass seine Mutter gestorben sei. Ich bat ihn, die anderen nahen Verwandten zu benachrichtigen. Dann beauftragte ich das Beerdigungsinstitut Mittag in Horrem, alles Nötige zu veranlassen. Es dauerte nicht lange, bis mein Sohn kam und von seiner Mutter Abschied nahm. Am Nachmittag setzten wir uns mit meinem Vetter Peter-Gottfried Rey in Kerpen in Verbindung, teilten ihm das Geschehene mit und baten ihn, in seiner Druckerei die Todesanzeigen zu drucken. Er versprach, uns seine Mustersammlung zu bringen. Dann erschien Frau Mittag, um über die Einzelheiten der Beerdigung zu sprechen. Wir baten sie, den Leichnam erst am nächsten Tag abzuholen, weil wir allen, die es wünschten, Gelegenheit geben wollten, meine  Frau noch einmal zu sehen. Die ersten Maitage waren sehr warm, darum gab uns Frau Mittag den Rat, die Fenster geschlossen zu halten und keine Fliegen herein zu lassen.

Über Nacht blieb mein Sohn bei mir, um mit mir gemeinsam die Totenwache zu halten. Irgendwann begannen wir, die Texte für die Drucksachen zu verfassen. Von Zeit zu Zeit trat ich an die Tote heran und betrachtete sie. Ich fand, dass sich der Leichnam von Mal zu Mal weiter vom Bild der Lebenden entfernte. Dabei wurde mir bewusst, dass der tote Körper nicht mehr meine Frau, sondern nur noch eine leere Hülle war. Das machte es mir leichter, von ihm auf Nimmerwiedersehen Abschied zu nehmen, als der Sargdeckel am nächsten Nachmittag zu geklappt wurde. Eigentlich wunderte ich mich, dass mich die Trauer nicht überwältigte. Statt ihrer fühlte ich eine tiefe Traurigkeit, die derjenigen glich, die mich gleich bei Beginn der Krankheit meiner Frau befallen hatte. Offenbar empfand ich den Tod lediglich als den Vollzug dessen, was in Gedanken längst vorweggenommen war. Trotzdem, etwas war anders. Während sie noch lebte, machte mich der Gedanke immer wieder glücklich, dass sie lebte, dass sie da war, dass man zu ihr gehen, mit ihr sprechen, ihre Hand nehmen und sie streicheln konnte. Doch jetzt war alles vorbei. Endgültig.

Was mir am meisten half, war meine Dankbarkeit dafür, dass alles so optimal gelaufen war. Vier Monate waren eine gute Zeit, nicht zu lang und nicht zu kurz, um sich auf das Ende vorzubereiten. Auch dass meine Frau die letzten sechs Wochen ihres Lebens zu Hause, in vertrauter Umgebung, im Kreise der Menschen, die ihr etwas bedeuteten, und vor allen Dingen schmerzfrei verbringen durfte, war ein Geschenk. Ohne die Hilfe der Menschen vom Hospiz wäre all das nicht möglich gewesen, was uns den Abschied erträglich gemacht hatte. Pathos liegt mir nicht, aber eigentlich ist dieser ganze Bericht über Krankheit und Tod meiner Frau ein einziges Loblied auf die Hospizbewegung. Wie öde wäre alles gewesen, hätte es sich im Krankenhaus abgespielt?! Abgesehen davon, dass vieles, ja das meiste überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

Gewiss, für mich war es bitter, dass meine Frau sterben musste, als ich ihrer Hilfe am meisten bedurfte. Doch das hat mir am wenigsten zu schaffen gemacht. Im Gegenteil war ich glücklich, dass ich noch imstande war, sie bei Tag und Nacht wenn auch nicht zu pflegen, so doch zu betreuen. Vor allem brauchte sie nicht mehr, so wie ich, jahrelang hilfe- und pflegebedürftig zu sein und womöglich in einem Pflegeheim zu enden. Schließlich blieben ihr auch die Belastungen erspart, die durch meine Krankheit auf sie zu kamen. Nein, ich hatte keinen Grund mich zu beklagen. Ich gönnte ihr, dass sie nun vor den Plackereien des Lebens Ihre Ruhe hatte. Das machte mich sogar ein bisschen froh. Es ist wie es ist, und wie es ist, ist es gut, besser geht es halt nicht.

Keinesfalls zuletzt half mir das überreiche Maß an menschlicher Zuwendung, das mir von Verwandten, Freunden, Bekannten, Helfern und Menschen, die mir begegneten, geschenkt wurde. Wichtiger als alle Hilfe, so brotnötig diese auch sein mag, ist Zuwendung. Denn Hilfe kann man erbitten, kaufen oder sogar fordern, aber Zuwendung nur dankbar wie ein unverdientes Geschenk annehmen. Zuwendung braucht keine Worte oder Taten, einfach da zu sein genügt.

Mehr als alles andere jedoch half (und hilft mir immer noch) das unbeschreibliche Gefühl der Nähe, wenn ich mich in Gedanken meiner Frau zuwende. Dieses Gefühl ist mir seit dem frühen Tod meines Sohnes Wolfgang vertraut. Solche Nähe ist enger, als sie es zu Lebzeiten jemals sein kann. Die Schranken der Körperlichkeit als Quelle vieler Missverständnisse und Fehldeutungen und der Unmöglichkeit, die tiefsten Gefühle und Gedanken auszutauschen, stehen nicht mehr im Wege. Der Austausch ist unmittelbar, man weiß einfach, was der andere denkt oder sagen will. Als besonders schmerzlich empfinde ich jene sentimentalen Momente, wenn man unvermittelt auf einen Gegenstand oder was auch immer trifft, was in enger Beziehung zum Verstorbenen steht und einen blitzartig an ihn erinnert. Einen Augenblick lang schneidet Trauer ins Herz, doch dann steigt Freude auf, sobald man sich dem anderen in Gedanken zuwendet. Die Erinnerung erweckt ein Lächeln, vielleicht auch Dankbarkeit, und der Gegenstand wird wieder zu dem, was er ist: ein bedeutungsloser Rest wie der Leichnam, der im Grab dahin modert, während das,  was allein wichtig ist, unzerstörbar besteht und gegenwärtig bleibt. Umgekehrt sind die kleinen Lichtblicke im Alltag - ein Schmetterling, ein Eichhörnchen auf der Terrasse, eine Amsel am Fenster, ein heller Stern, ein unerwarteter Sonnenstrahl - wie ein freundlicher Gruß, der in mir augenblicklich das beglückende Gefühl der Nähe weckt. So bin ich gegen plötzliche Melancholieanfälle nahezu gefeit.

Das klingt wohl ziemlich abgehoben. Vielleicht handelt es sich auch nur um Spiegelungen eigener Wunschvorstellungen. Aber es ist emotionale Realität. Es  ist einfach so. Ja, es kommt noch schlimmer. Schon beim Tode meines jüngsten Sohns war es ähnlich. Ich habe nie darüber gesprochen, weil ich nicht in der Klapsmühle enden wollte. Während der Totenmesse ergriff mich eine überwältigende Freude, die Minuten lang andauerte und bis heute ihre Spuren hinterlässt. In aller Klarheit stand der Gedanke da: Sie lebt, ist am Ziel, beim Quell aller Freude angekommen. In biblischen Zeiten hätte man gesagt, ein Engel habe es mir verkündet.

In der Totenkapelle war der Sarg in ein Blumenmeer gebettet. Ich wollte meiner Frau die Blumen, die sie so sehr geliebt hatte, nicht vorenthalten. Spenden kann ich selbst. Als der Sarg auf das Wägelchen gehoben wurde, brach Monika in Tränen aus. Sie hatte ihre Mutter nach ihrem Tod ja nicht mehr gesehen. Draußen war ein strahlender Frühlingstag, Mittwoch, der 9. Mai 2001. Ich saß im Rollstuhl und mein Sohn Klaus schob mich hinter dem Sarg her durch den üppig grünenden und blühenden Friedhof bis hin zum Grab. Währenddessen war jegliche Trauer in mir wie weggeblasen. Wieder war es da, dieses eigentlich doch paradoxe Glücksgefühl. Das Licht in mir, das gleißende Sonnenlicht außen und die Gewissheit der Nähe meiner Frau verbanden sich auf unbeschreibliche Weise. Was ich damals erlebte, wird mir bis zum Ende meiner Tage Garant dafür sein, dass das Ende von allem nur Freude, unermessliche Freude sein kann. Die Beisetzung erlebte ich wie im Traum. Erst die Beileidsbezeugungen brachten mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und machten mir klar, welchen Verlust ich erlitten hatte. Die alte Traurigkeit war wieder da... 

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