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Selbstorganisation - Inhalt:
Das beängstigende Bild, das uns die neue Weltsicht vermittelt, sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aussichten der Menschheit bedeutend besser sind, als wir im ersten Schrecken anzunehmen geneigt sein mögen. Wir sollten nie vergessen, dass die Welt, die Natur, das Leben und die Evolution in all ihrer Komplexität es waren, die uns Menschen hervorgebracht haben. Sie sind auch imstande, uns zu tragen und zu erhalten. Darum sollten wir uns keine übertriebenen Sorgen machen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, weil sie uns zu unüberlegtem Handeln treibt und uns blind macht für die Chancen, die in jeder Krise liegen. Angst blockiert das logische Denken. Wenn wir nun die Welt betrachten mit all den Wundern, die wir größtenteils nicht als solche erkennen, erhebt sich sogleich die Frage, wie es geschehen konnte, dass dieses Wunderbare entstand. Die Antwort soll in diesem Hauptabschnitt zu geben versucht werden. Sie lautet: durch Selbstorganisation. Selbstorganisation widerstrebt dem begrifflichen Denken Denken beruht auf der Freiheit, das Handeln auf die Ebene vorgestellter Modelle zu verlegen, in denen Begriffe reale Objekte simulieren. Im Gedankenmodell geschieht nur, was das denkende Subjekt vorschreibt. Darum fällt es dem Menschen überaus schwer, das Prinzip der Selbstorganisation zu begreifen. Nichts ist schwerer zu erklären als das Einfachste. Es ist mir sehr schwer gefallen glaubhaft zu machen, dass die Natur keine Gesetze kennt. Es gibt darum auch keinen Gesetzgeber, der sie lenkt und formt. Wie die Welt ist, ergibt sich allein aus den Eigenschaften ihrer Elemente. Ihr Sosein ist mit ihrem Dasein gegeben. Das Geheimnis ihrer Gestalt folgt aus dem Geheimnis ihrer Existenz. "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist." Geheimnis, Mystik: deutliche Anzeichen, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine transzendentale Frage handelt. Womöglich noch schwerer ist zu begreifen, dass die Natur auch keine Zwecke kennt. Daraus folgt wiederum: Es gibt auch keinen Plan, nach dem sie vorgeht, und somit auch niemanden, der sie plant oder programmiert. Wir glauben, in allen Werken der Natur eine wunderbare Zweckmäßigkeit wahrzunehmen. Doch dies erscheint uns nur so, weil wir aus dem Umgang mit unseren Gedankenmodellen wissen, dass wir mit ihnen stets irgendeinen Zweck verfolgen. Alles, was wir in Gedanken vollziehen, hat zwei Ursachen: eine, die jeder Veränderung vorausgeht und eine, auf die jede Veränderung zielt. Die erste ist die Wirkursache oder causa efficiens, die zweite ist die Zielursache oder causa finalis. In unseren Modellen sind allein wir die treibenden und zielenden Kräfte. Also ist es für uns selbstverständlich, dass auch in der uns umgebenden Natur eine treibende und zielende Kraft schaltet und waltet. Die Zweckmäßigkeit, die wir in der Natur sehen, existiert allein in unserem Denken. Die Natur hingegen lässt einfach all das geschehen, was die Systeme auf Grund ihrer Eigenschaften innerhalb der Grenzen, die ihnen das Vorhandensein ihrer Umgebung setzt, tun können. Was sich dabei als dauerhaft erweist, muss bestimmte Eigenschaften besitzen, die solche Dauerhaftigkeit ermöglichen: Wäre ein Ding nicht so "zweckmäßig", wie es ist, könnte es in dieser Welt nicht bestehen. Der Zweckfreiheit in Natur steht auch nicht entgegen, dass alle Lebewesen offensichtlich nach Freude streben. Seit ich sah, wie der angeblich älteste Bewohner der Insel St. Helena, die Riesenschildkröte Jonathan, ein Tier, das uns schwerfällig und emotionslos anmutet, sich hoch auf alle vier Beine stellte und den Hals reckte, um seinen Kopf in die Hand des Streichelnden zu schmiegen, kann mich nichts mehr davon überzeugen, dass es anders sei. Aber ein Tier denkt nicht, und darum vermag es auch nicht wie der Mensch den Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion zu lösen, was ja die Voraussetzung zum Innehalten und Nachdenken ist. Wenn sich ein Tier zweckmäßig im Sinne des Strebens nach Freude zu verhalten scheint, folgt es nur seiner Neigung wie der Gebirgsbach dem abschüssigen Gelände. Es folgt seiner individuellen Neigung und zeigt nur dann soziale Verhaltensweisen, wenn es durch angeborene Eigenschaften am egoistischen Verhalten gehindert wird. Auch wenn sich ein Affe beispielsweise eines Steins als Werkzeug bedient, um Nüsse zu knacken, oder mit einem Dorn die Würmer aus ihren Löchern puhlt, ist das nicht Ergebnis eines Denkvorgangs, sondern unmittelbare, zufällige Erfahrung im Rahmen des tierischen Lernprozesses. Die - menschlich gedacht - wunderbare Zweckmäßigkeit der Natur gründet letztlich in den Eigenschaften der Grundelemente, was diese auch immer sein mögen. Dass die Natur weder Gesetze noch Zwecke kennt, ist deshalb kein Gegenbeweis für die Existenz Gottes, im Gegenteil: Ich kann mir nichts Göttlicheres vorstellen als ein Wesen, das solche Elemente erschafft. Immer wieder drängt sich das Bild eines Fraktals, beispielsweise der Mandelbrotmenge auf, wo ein simpler Algorithmus eine Welt von Farben und Formen hervorbringt. Nicht die Schönheit und Zweckmäßigkeit der Materie ist das Mystische, sondern die Tatsache, dass diese und keine andere Materie existiert. Umgekehrt ist sie auch kein Gottesbeweis, denn es wäre möglich, dass die Materie selbst der letzte Urgrund ihrer Existenz ist. Es bleibt dabei: Am Glauben dass oder dass nicht führt kein Weg vorüber. Wie es geschehen kann, dass ohne Gesetz und Zweck, eben durch Selbstorganisation, eine Welt entsteht wie die unsere, soll nun der Gegenstand der folgenden Betrachtungen sein. Der Mensch ist über das System der Materie hinausgelangt Zuvor jedoch sollte es erlaubt sein, innezuhalten und über uns selbst nachzudenken. Die Selbstorganisation ist etwas dermaßen Unglaubliches, dass es eine schier unbegreifliche Leistung des menschlichen Denkens bedeutet, sie - wenn auch nur mühsam - zu verstehen. Verstehen und Beurteilen eines Systems ist, wie wir wissen, nur möglich, wenn man die Befangenheit im System überwindet und aus dem System gleichsam herausspringt. Die Beobachtung, dass wir die Fessel des Reiz-Reaktions-Automatismus gesprengt haben, führt uns zu der Gewissheit, dass wir damit das System der Materie verlassen haben und über das Materielle hinausgelangt sind. Anderenfalls könnten wir die Welt nicht verstehen, geschweige denn die Selbstorganisation. Es mag sein, dass sich der Sprung über die Systemgrenzen der materiellen Natur mit dem Emergenzprinzip, demgemäß nach dem Übersteigen einer bestimmten Entwicklungsstufe die Systemeigenschaften sozusagen explodieren, erklären lässt. Es mag sein, dass die Komplexität des menschlichen Nervensystems oder des Menschen als Ganzem so groß geworden ist, dass dieser Sprung die unmittelbare Konsequenz sein musste. Es mag sogar sein, dass im Lauf der künftigen Entwicklung des Menschengeschlechts weitere, ähnliche Systemüberschreitungen geschehen werden. Jedenfalls sind wir nach dem gegenwärtigen (das heißt möglicherweise schon Millionen Jahre bestehenden) Entwicklungsstand auf die Ebene eines Systems geraten, dessen Grenzen wir nicht mehr zu übersteigen vermögen. Das heißt nichts anderes, als dass wir uns selbst nicht verstehen können, dass wir also transzendentale Wesen sind. Mithin müssen wir damit rechnen, dass uns der Sprung über
die Grenzen des Systems der Materie auf eine neue Seinsstufe gehoben hat.
Zwar unterliegen wir mit unserem Leib den Zwängen der Materie, aber
in unserem Denken sind wir frei. Es ist denkbar, dass dieses höhere,
freie Sein auch unseren Bestand über den Verfall unserer materiellen
Existenz, den Tod, hinaus sichert. Aber ob es so ist, ist eine transzendentale
Frage, von der wir nicht wissen können, wie die Antwort aussieht.
Wieder steht die Frage, soll man glauben dass oder glauben dass nicht,
im Raum.
Selbstorganisation gedeiht nicht überall Die Möglichkeit der Selbstorganisation ist an bestimmte Bedingungen gebunden. Wie sehr ich es mir auch wünschte, das Chaos in meinem Arbeitszimmer beispielsweise wird sich nicht von selbst ordnen, wenigstens nicht so, wie ich es gern hätte. Mein Arbeitszimmer erfüllt eben nicht die Bedingungen, die Selbstorganisation möglich machen, es sei denn, dass ich es lange genug, sagen wir ein paar hundert Jahre, sich selbst überließe. Dann nämlich hätten die Schadstoffe in der Luft die Papiere zersetzt, der Rost die Metalle zernagt und die Holzwürmer die Möbel gefressen. Vielleicht wäre das Haus eingestürzt und Regen, Hitze und Kleinlebewesen hätten alles in den Kreislauf der Stoffe zurückgeführt, auf Neudeutsch: recycelt. Die natürliche Ordnung wäre wiederhergestellt, aber nicht die begriffliche Ordnung, die ich meiner Arbeitsumgebung aufzwingen möchte, um mich in ihr besser zurechtzufinden. Das Beispiel, so hoffe ich, zeigt mehr als viele Worte, was Ordnung, wie wir sie verstehen, von der Ordnung, die durch Selbstorganisation entsteht, unterscheidet. Wenn wir Ordnung denken, ist es eine Ordnung der Begriffe, eine Ordnung, die im Gedankenmodell das Verhältnis der Begriffe untereinander bestimmt. Wenn wir die Realität nach dem Vorbild des Modells ordnen wollen, müssen wir Hand anlegen und die Dinge zurechtrücken. Umgekehrt: Wenn wir in der Realität Ordnung wahrnehmen, müssen wir diese Ordnung in ein Gedankenmodell, das der realen Ordnung entspricht, übersetzen. Für uns existiert Ordnung somit immer als Modell, und von dieser Erfahrung ausgehend schließen wir analog darauf, dass der Ordnung in den Dingen immer ein Modell vorausgehen müsse, nach dem irgendwer die Dinge zurechtgerückt hat. Die Ordnung, die durch Selbstorganisation entsteht, hat niemand zurechtgerückt.
Sie ist vielmehr das historische Ergebnis der schlichten Tatsache, dass
alle ähnlichen Systeme sich in ähnlicher Umgebung ähnlich
verhalten, und zwar so, wie es die Eigenschaften der Systeme und ihrer
Umgebung zulassen. Letztlich läuft alles auf die tautologische Feststellung
hinaus: Es ist, wie es ist. Diese Tautologie ist indes keineswegs wertlos,
beschreibt sie doch den gewiss nicht ganz unbedeutenden Sachverhalt, dass
überhaupt etwas ist. Wiederum erinnert uns Wittgenstein: "Nicht wie
die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist." Alle Wissenschaft
läuft nur darauf hinaus, das Wie nachzuvollziehen.
Selbstorganisation gedeiht nur in äußerster Komplexität In der Einleitung dieses Abschnitts klang bereits an, in der Realität seien alle Dinge mit allen anderen durch ein äußerst komplexes Netz verknüpft. Diese komplexe Verknüpfung ist die erste Voraussetzung für das Gedeihen spontaner Ordnung durch Selbstorganisation. Dazu genügt nicht etwa eine bloß logische Verknüpfung, sonst wäre es möglich, dass sich mein Schreibtisch von selbst aufräumte, denn sicher sind die Bücher, Manuskripte und sonstigen Dinge durch ein logisches Netz von Beziehungen verbunden. Selbstorganisation verlangt vielmehr eine reale, physikalische Einflussnahme von allen Elementen auf alle anderen. Dass sogar zwischen Dingen, die Milliarden Lichtjahre voneinander entfernt sind, eine solche Verbindung besteht, ist eine Erkenntnis, die erst in den letzten Jahrzehnten zur Gewissheit wurde. Mit unseren Sinnen allein erkennen wir die Spuren dieser Vernetzung
nicht. Das ist einer der Gründe für unsere Meinung, wir hätten
alles im Griff, weil wir mit unseren Teleskopen bis an die Grenzen des
Universums und mit unseren Mikroskopen bis in die Welt der Moleküle
zu sehen vermögen. Da sich viele Dinge deutlich voneinander abheben,
sind wir blind für die vielfältigen Fäden, die sich hinüber
und herüber spinnen. Wir halten die Dinge für so beziehungslos
wie ihre Begriffe, die in unseren Modellen erst durch unser Denken in Verbindung
gebracht werden. Solange wir aber die komplexe Verknüpfung der Dinge
verkennen, sind wir auch nicht reif, um Selbstorganisation zu verstehen.
Energie ist die Fähigkeit zur Veränderung. Das Ausmaß der Veränderung hängt davon ab, wie viele Dinge von ihr erfasst werden und wie groß die Veränderung ist. Raum ermöglicht Vielheit, also das Nebeneinander vieler Dinge zu gleicher Zeit, und Zeit ermöglicht Veränderung. Energie ist somit ein raum-zeitlicher Begriff. Je größer die Energie eines Systems, desto größer ist die Veränderung, die es bewirken kann. Ein System aber ist von anderen Systemen umgeben, die ihrerseits wieder die Fähigkeit zur Veränderung haben. Wäre ein System im Universum allein, hinderte nichts es daran, sich ins Unendliche auszudehnen. Seine Energiedichte näherte sich asymptotisch dem Wert Null, je weiter es sich ausdehnte. Den Raum schaffte es sich dabei selbst. Das einzige, was die Geschwindigkeit der Ausdehnung begrenzt, ist die in die Materie quasi fest eingebaute Bremse in Gestalt der unüberschreitbaren Lichtgeschwindigkeit. Die Lichtgeschwindigkeit bestimmt das Höchstmaß der Veränderung. Führen wir nun das Gedankenexperiment fort und stellen uns vor, es existierten nicht nur ein System, sondern genau zwei gleiche Systeme in unserem Universum, und zwar am Anfang der Zeit dicht nebeneinander. Sie behinderten sich dann in ihrer Ausdehnung gegenseitig. In Richtung auf das andere zu kann sich jedes nur mit halber Geschwindigkeit ausdehnen, weil das andere mit gleicher Energie dagegen hält. Ausdehnung benachbarter Systeme ist aber nur möglich, wenn sich ihre Schwerpunkte mit der Geschwindigkeit ihrer Ausdehnung voneinander entfernen. Die halbierten Geschwindigkeiten addieren sich zur ganzen Lichtgeschwindigkeit. Infolgedessen bewegen sich die beiden Systeme nur mit Lichtgeschwindigkeit voneinander weg. In Richtung nach außen laufen die Schwerpunkte sozusagen in das durch Ausdehnung "eroberte" Gebiet hinein: Mithin entfernt sich der äußerste Rand des Systems vom Schwerpunkt auch nur mit halber Lichtgeschwindigkeit. So erklärt sich die durch zahllose Messungen erwiesene Tatsache, dass - unter welchen Bedingungen man auch immer misst - sich das Licht nie mit mehr als Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Da die Welt nun aus sehr vielen miteinander wechselwirkenden Dingen besteht, ergeben sich aus diesem Verhalten die wunderlichsten Erscheinungen, die Albert Einstein mit seinen Relativitätstheorien beschrieben hat. Dass sich das Universum mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnt und die Dinge darin sich entsprechend voneinander entfernen, kann heute wohl als gesichert gelten, seitdem zwei Forschergruppen - eine unter Leitung von Bruno Leibundgut von der Europäischen Südsternwarte ESO und eine um Gerson Goldhaber und Saul Perlmutter von der kalifornischen Universität Berkeley - bei der Untersuchung von Lichtkurven von Supernovae in fernen Galaxien gefunden haben, dass auch das Licht an der Expansion des Universums teilnimmt. Das und nicht etwa ein Dopplereffekt ist der Grund für die Rotverschiebung des Spektrums ferner Galaxien (Bild der Wissenschaft 1997,4 Seite 92). Hält man sich all diese Tatsachen und Zusammenhänge vor Augen, so zeigt sich, dass die Begrenzung aller Veränderung durch die konstante Lichtgeschwindigkeit es ist, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ohne diese Begrenzung würde das Universum ins Nichts zerstieben. Aber diese Eigenschaft der Materie, verbunden mit der äußerst komplexen Vernetzung einer unfassbaren Zahl unterschiedlichster Systeme, die sich gegenseitig Grenzen setzen, das ist es, was Selbstorganisation und damit spontane Ordnung möglich macht, ohne dass ein planender und lenkender Geist ständig eingreift. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Ordnung nur innerhalb unübersteigbarer Grenzen möglich ist. Ein Atomreaktor geht durch, wenn die Strahlung nicht mehr ausreichend gehemmt wird. Ein Optimierungsmodell ergibt unendliche Zielfunktionswerte, wenn der zulässige Bereich auch nur nach einer Seite hin offen ist. Ein Reglersystem funktioniert nur, solange die zu regelnde Größe sowohl positiv als auch negativ verstärkende Wirkungen auslöst, die sich gegenseitig im Schach halten. Die Welt ist ein komplexes Gefüge von Regelkreisen. Wir leben auf schmalem Grat zwischen Erfrieren und Verbrennen Außer Komplexität und Begrenzung setzt Selbstorganisation Plastizität voraus. Was sich selbst organisieren soll, darf weder so starr, dass es keine Veränderung zulässt, noch völlig instabil sein. Es muss seine Struktur vielmehr eine Zeit lang durchhalten können. Leben kann sich nur entwickeln, wenn es weder erfriert noch verbrennt. Der Mensch benötigt einen Temperaturbereich zwischen etwa 20 bis 40 Grad Celsius; ist die Umgebung kälter oder heißer, müssen wir uns durch Kleidung oder Behausung schützen. Bei großer Kälte sind die Elemente so fest in ihr System eingebunden, dass sich die komplexen Verbindungen mit anderen Systemen nicht oder nicht hinreichend auswirken können. Bei großer Hitze sind die Bewegungen so heftig, dass die gegenseitige Begrenzung der Elemente aufhört oder geschwächt wird. Dann löst sich ihre bestehende Ordnung auf oder geht zumindest in einen anderen Aggregatzustand über, der wiederum eine eigene Ordnung ausbildet. So betrachtet, ist Plastizität keine besondere Bedingung, sondern nur ein Zustand, in dem Komplexität und Begrenzung einen Grad erreichen, der für die Selbstorganisation günstig ist. Unter kausalistischem Blickwinkel ist die Determinierung der Elemente und Systeme in diesem Zustand so weit aufgehoben, dass sich Spielräume für spontane Veränderungen auftun. Selbstorganisation vollzieht sich also am Rande des Chaos, da, wo die Bewegung der Elemente aus ihren festen Bahnen auszubrechen beginnt, aber noch bevor sie in die gänzlich ungeordnete, chaotische Bewegung übergeht. Wäre die Welt vollständig determiniert, wäre Selbstorganisation ein Widerspruch in sich. Die Welt ist aber nicht vollständig determiniert. Sie ist vielmehr für neue, noch nie da gewesene Verknüpfungen offen. Vollständige Determinierung ist nur unter der Voraussetzung denkbar, dass sich das Universum in ferner Zukunft nicht wieder zusammenzieht, sondern immer weiter ausdehnt, so lange, bis sich die Energie in die Unendlichkeit verlaufen hat. Dann gibt es keine Veränderung mehr; die Geschichte der Welt hat ihr natürliches Ende erreicht und alles Materielle ist im Tode erstarrt. Selbstorganisation ist das Prinzip jeder natürlichen Ordnung
In der frühen Evolutionstheorie wurde das Leben in der freien Natur deshalb auch als Kampf ums Dasein beschrieben. In diesem Kampf siegt angeblich immer das Stärkere über das Schwächere. Das ist im großen und ganzen richtig; es kommt darauf an, wie man Stärke und Schwäche definiert. Auch das Schwache kann das Starke überwinden, wenn es sich nur als lebenstüchtig, oder - wie es in englischer Sprache treffend heißt - als "fit", also an die Lebensumstände angepasst, erweist. Diese Denk- und Ausdrucksweise führt dazu, dass man die "Selektion", die Auslese der Besten, als ein besonderes Prinzip postuliert. An diesem Begriff zeigt sich einmal mehr die Falle, in das begriffliche Denken des Menschen immer wieder hineintappt und durch überflüssige Begriffsbildungen in unnötige Schwierigkeiten gerät. Selektion ist nichts anderes als ein ungeschickter Ausdruck der schlichten Tatsache, dass sich Strukturen nur bilden und eine Zeit lang überdauern können, wenn die unablässigen Veränderungen im Fuß der Dinge sie nicht zerstören. Alle Dinge arrangieren sich unaufhörlich in immer neuen Konfigurationen. Die Konfigurationen, die länger bestehen als andere, verdrängen diejenigen von kürzerem Bestand. In den Jahrmilliarden der Evolution haben sich nach diesem Prinzip zahlreiche Konfigurationen ergeben, die extrem beständig sind. Es handelt sich dabei zum Teil um die weitgehend erstarrten Strukturen der festen Materie. Lebendige Strukturen existieren dagegen in einem schmalen Band zwischen Eis und Feuer, zwischen totaler Erstarrung und totaler Flüchtigkeit, zwischen der Erstarrung der Zustände niedriger Energie und der Flüchtigkeit der Zustände hoher Energie. Tautologie ist die unausweichliche Folge, wenn man mit verschiedenen Begriffen den gleichen Sachverhalt zu beschreiben versucht, besonders dann, wenn es nichts zu beschreiben oder zu erklären gibt, weil es sich schlichtweg zeigt. "Fit" ist halt, was fit ist. Dieser tautologische Charakter des Selektionsbegriffs hat Naturwissenschaftlern wie Manfred Eigen großes Unbehagen bereitet. Zu Unrecht, wie ich meine, denn es ist keine Kleinigkeit, das Leben eines Lebewesens in allen Einzelheiten zu erforschen, bis seine Lebenstüchtigkeit unmittelbar erkennbar wird. Gewiss fehlt es dann am Ende an der Schlussfolgerung, aus der sich eine Begriffsdefinition ergibt, die ausdrückt, "warum" es so ist, wie es ist. Doch nicht der Begriff ist die Seele der Wissenschaft, sondern die Erkenntnis - je unmittelbarer, desto besser. Ein anderes klassisches Beispiel, wie Wissenschaftler über die eigenen Beine stolpern wie der Tausendfüßler, der darüber nachzudenken beginnt, wie er sich fortbewegt, ist die Frage: Wie ist es möglich, dass nach dem Urknall (sofern es ihn gibt) überall im Raum die gleichen Bedingungen herrschten und sich dennoch Fluktuationen ergaben, die zu den Strukturen wurden, aus denen Sterne, Planeten und Monde, Galaxien, Spiralnebel und die unregelmäßige Verteilung der Materie im Raum entstanden? Oder warum konnte die Materie mehr Teilchen erzeugen als die Antimaterie, wo doch keinerlei Bevorzugung der einen oder der anderen erkennbar ist? Der Schlüssel zur Lösung liegt in der Überschätzung der Begriffe und in deren Gefolge der Überschätzung der "Naturgesetze". Gäbe es nämlich Naturgesetze wirklich und nicht bloß in unserer Vorstellung, dazu noch in der reinen, idealisierten, quasi platonischen Form, wie sie den Gelehrten vorschwebt, dann müsste ein universaler Zuchtmeister über allen Dingen die Rute schwingen und sie zwingen, wie eine Kolonne wohlgedrillter Soldaten eisern in Reih und Glied zu marschieren und sich ja keine Ausnahme herauszunehmen. Diese Vorstellung ist grotesk. Seit den Anfängen der Quantentheorie wissen wir, dass den Urelementen der Materie durchaus Spontaneität eignet. Es gibt beispielsweise keine Regel, kein Gesetz, nach dem man voraussagen könnte, wann ein Elektron einen Quantensprung ausübt, bei dem es ein Photon aufnimmt oder abgibt. Diese Spontaneität ist zwar klein, aber Elektronen, geschweige denn Photonen, sind auch nicht größer. Doch da sich alles Große aus diesem Kleinen zusammensetzt, liegt die Größe des "Kleinen" in seiner Zahl, und um sie multipliziert sich die winzige Spontaneität zu einer gigantischen Freiheit. Nicht dass sich am Anfang des Universums Unregelmäßigkeiten zeigen, ist das Unbegreifliche, sondern dass Wissenschaftler absolute Regelmäßigkeit erwarten. Warum sollten sich alle Dinge ausnahmslos gleich verhalten? Was wäre der zureichende Grund? Etwa ein Gesetz, das allein im Denken von Menschen besteht? Betrachten wir den Strudel, der sich bildet, wenn Wassermassen zur gleichen Zeit durch ein dünnes Abflussrohr drängen. Solch ein Strudel erscheint mir als primitives Symbol für Selbstorganisation. Jeder Tropfen folgt seiner Eigenart als Flüssigkeit. Er folgt ihr unter den Bedingungen des Gravitationsfelds, das ihn umgibt. Millionen andere Tropfen tun das gleiche. Einer verdrängt und behindert den anderen. Wo die Kraft am stärksten wirkt, setzt sich die Abwärtsbewegung am erfolgreichsten durch. Die Corioliskraft tut das ihre hinzu, und so gerät die Bewegung in Drehung. Es bildet sich die spiralige Form: ein deutliches Zeichen spontaner Ordnung, wie sie schon in den Urzeiten des Universums herrschte. Und solange genug Wasser vorhanden und der Abfluss aufnahmefähig ist, bleibt die Struktur des Strudels erhalten. Er besitzt Dauer, ob kurz oder lang. Wo immer ähnliche Bedingungen herrschen, vollzieht sich ein ähnlicher Ablauf. Das ist das "Gesetz" des Strudels. Ein Gesetz? Nein: Das Wasser verhält sich so, wie es sich immer beim Abfluss verhält. Die "Tropfen" gibt es nicht, sie sind nichts als Begriffe zum Beschreiben des Modells, das wir uns von einem Strudel machen. Wenn wir den Strudel betrachten, sehen wir alles, was in einem Strudel geschieht. Nichtsdestoweniger fördert das Wissen über Gravitation und Corioliskräfte das Verständnis dessen, was wir sehen, wobei die Kräfte als unsichtbare Beteiligte einfach dazugehören. Begriffe sind nützlich, weil sie uns helfen, das Unsichtbare zu erkennen und zu beschreiben, damit sich das Wissen unter Menschen verbreiten kann. Aber wir dürfen sie nicht mit dem wirklichen Geschehen verwechseln und sie schon gar nicht als das Eigentliche, Wesentliche betrachten. Natur repariert sich selbst Die meisten menschlichen Werke sind Fremdkörper im Gewebe der selbstorganisierenden Systeme. Sie sind deshalb dem Zerfall ausgesetzt, denn die Natur "arbeitet" ständig daran, sie wieder in ihren Kreislauf der Stoffe zurückzuführen. Dahinter steckt indes nicht etwa eine Absicht, sondern allein die schlichte Tatsache, dass sich alle Systeme ihren Eigenschaften gemäß verhalten. Unsere Werke beziehen ihre Dauerhaftigkeit ja nicht aus dem Gesamtzusammenhang der Evolution, sondern aus menschlicher Technik, die nicht mit, sondern entgegen den natürlichen Selbstorganisationsprozessen wirkt. Wenn wir ein Haus oder eine Maschine bauen, verwenden wir zwar Material, das von Natur aus eine gewisse Dauerhaftigkeit mitbringt. Doch dieses Material war nicht immer fest, sondern hat im Lauf der Zeit, also durch Selbstorganisation, Kristallstrukturen entwickelt, welche die Bewegung der Moleküle binden und sie zu Festkörpern machen. Sobald wir es aus seinem ursprünglichen Verband herausbrechen, setzen wir es Einflüssen aus, die in keinem Zusammenhang mit den Bedingungen, die es zu dem gemacht haben, was es ist, mehr stehen und es zerstören. Entsprechendes gilt auch für Materialien, die einen technischen Umwandlungsprozess durchlaufen haben wie Metalle, Ziegel oder Kunststoffe: Eisen rostet, Ziegel zerfallen, Kunststoffe werden spröde und splittern. Wir haben ständig mit dem Zerfall unserer Werke zu kämpfen. Einen beträchtlichen Teil unserer kostbaren Lebenszeit müssen wir opfern, um unseren materiellen Besitz instand, sauber und in Betrieb zu halten. Diese Tätigkeit ist nicht mit sonderlich viel Freude verbunden. Es lohnt sich deshalb, der Natur so viel Raum zu geben wie nur immer möglich, denn Natur repariert sich selbst. Dann sollten wir die Natur aber auch walten lassen und nicht beispielsweise mit der geballten Macht gärtnerischer Werkzeuge gegen sie vorgehen, falls etwa ein welkes Blatt den englischen Rasen verunziert oder gar ein Grashalm die Dreistigkeit besitzt, anders herum zu wachsen, als es unser Gartenarchitekt geplant hat. Lassen wir der Natur doch ihren "Willen" und schneiden wir sie erst zurück, wenn sie über alle vernünftigen Grenzen hinauswuchert. Immerhin haben wir die unberührte Natur verändert und müssen die Grenzen, die sie sich einst selbst auferlegt hatte, nun ersetzen. Aber nicht allein an Gärten sollten wir denken. Wie viel Geld, wie viel Zeit und Anstrengung kostet es uns, unser Haus, unseren Wagen, unser Inventar stets auf Hochglanz zu polieren, jeden Gegenstand, der Spuren des Gebrauchs zeigt, sofort gnadenlos dem Müllbehälter einzuverleiben, oder stets das neueste Modell und die Marke, die gerade in Mode ist, vorzuweisen. Wir machen uns doch zum Sklaven unseres Besitzes. Mancher rackert sich ab bis zum Herzinfarkt, nur um sich überflüssigen Luxus leisten zu können. Auch im gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Bereich gibt es vieles, was sich von selbst regelt und regeln könnte, wenn man es ließe. Das augenfälligste Beispiel ist die Marktwirtschaft, ein typischer Fall von Selbstorganisation. Die Versuche, die Selbstorganisation des Markts durch Planwirtschaft zu ersetzen, war von Anfang an zum Scheitern verdammt. Man kann die organisatorische Leistung der UdSSR nur bewundern, die es vermochte, ihr utopisches Wirtschaftssystem überhaupt zum Funktionieren zu bringen und das auch noch über lange Zeit. Dass es nach dem Zusammenbruch nicht genügt, das System sich selbst zu überlassen, versteht sich eigentlich von selbst. Wenn man das äußerst verwickelte und während einer langen Geschichte entstandene System des Markts durch staatliche Planwirtschaft zerstört hat, kann man nicht erwarten, dass es sich binnen kurzer Zeit erholt. Hat man einen Garten betoniert und grün angestrichen und die Pflanzen durch Plastikgemüse ersetzt, genügt es ja auch nicht, die Pappkameraden auf den Müll zu werfen, den Beton zu zerschlagen und dann zu sagen: "Nun wachst mal schön!" Da muss eine Menge mehr geschehen. Die Chinesen sind anscheinend klüger. Man kann auch im gewöhnlichen Fall nicht die Wirtschaft sich hemmungslos selbst überlassen, ebenso wenig wie den Staat und die Gesellschaft allgemein. Der Mensch ist wohl ein System wie jedes andere: Er verhält sich gemäß seinen Eigenschaften. Insofern ist die menschliche Gesellschaft zur Selbstorganisation fähig. Aber er kann seine Eigenschaften und damit sein Verhalten wegen seiner Willensfreiheit jederzeit und in einem Maße wie kein anderes System ändern. Wenn die Verhaltensänderung zum Erfolg führt, findet sie eine schnell wachsende Zahl von Nachahmern. Dies kann zu katastrophalen Umstürzen führen. Dazu einige Beispiele: Es besteht die Gefahr, dass sich die Macht in den Händen weniger Menschen konzentriert, so dass diese zur Gefahr für alle menschlichen Werte werden. Es kann auch sein, dass sich ganze Völker in eine mordende und brennende Schar von Gewalttätern verwandeln, die über ihre Nachbarn herfallen. Ähnlich gibt es in der Wirtschaft einerseits die Konzentration der Marktmacht mit Ausschaltung der Konkurrenz und andererseits die Bildung ausbeuterischer Strukturen unter den einzelnen Wirtschaftssubjekten, die den sozialen Frieden bis hin zum Bürgerkrieg belasten. Damit die übelsten Missstände verhindert werden können, muss es Normen als Spielregeln und Grenzen geben, die mögliche Verhaltensänderungen der Menschen zum Bösen verhindern oder wenigstens erschweren. In den Ausführungen zu Recht und Moral wird noch eingehend auf den Sinn der Normen eingegangen werden. Normen dienen der Mehrung der Freude, weil sie verhindern sollen, dass Menschen sich gegenseitig schädigen und so die Grundlage ihrer Lebensfreude zerstören - vorausgesetzt allerdings, dass sie nicht missbraucht werden, um Menschen die Freude am Leben zu verbieten. Soviel sei hier schon gesagt: Normen, die Grenzen setzen - im allgemeinen sind es Verbote, wenn auch nicht nur - widersprechen nicht dem Prinzip der Selbstorganisation. Selbstorganisation besteht ja darin, dass die Dinge durch ihre bloße Existenz für die anderen Dinge natürliche Grenzen setzen. Wegen der Fähigkeit des Menschen, naturgegebene Grenzen zu sprengen, muss der Mensch mit Hilfe der geballten Macht der Gesellschaft denjenigen Tätern Grenzen setzen, welche die Grundlage aller menschlichen Moral, nämlich das Gegenseitigkeitsprinzip, die "goldene Regel", verletzen. Dazu dient die "soziale Restriktion", welche die Marktwirtschaft als "soziale Marktwirtschaft" kennzeichnet. In diesem Begriff steckt unendlich viel mehr als ein politisches Schlagwort, nämlich eine völlig andere Qualität der Wirtschaft, zu der es keine vernünftige Alternative mehr gibt. Durch Normen als Spielregeln und Beschränkungen wird Selbstorganisation also nicht außer Kraft gesetzt, im Gegenteil: Sie wird gesichert. Normen dürfen hingegen nicht missbraucht werden, um Selbstorganisation durch Planung, Reglementierung, Überorganisation und Bürokratie zu ersetzen oder gar einen "neuen Menschen" im Sinn irgendeiner utopischen Ideologie zu "erschaffen". Anderenfalls geraten wir auf einen ähnlichen Irrweg wie der, von dem eingangs die Rede war: Wir ersetzen Natur durch Technik und müssen unsere kostbare Lebenszeit opfern, um das lebensfeindliche und alle Lebensfreude vernichtende System einer künstlichen, den menschlichen Neigungen widersprechenden, durchrationalisierten, durchorganisierten und total bürokratisierten Gesellschaft in Gang zu halten. Natur meidet Spannungen Eine andere wohltuende Eigenschaft der Natur ist die Tatsache, dass Selbstorganisation den Weg des geringsten Widerstands geht und sich auf das niedrigstmögliche Energiepotential zu bewegt. Dadurch werden Spannungen, die Energie verzehren und zu Brüchen führen, vermieden oder notfalls gelöst. Spannungen haben ihren Grund in sich selbst verstärkenden Prozessen, denen keine oder nur solche dämpfenden Kräfte entgegenwirken, die zu schwach sind, um sie am ungezügelten Anwachsen zu hindern. Sie können ihre Umgebung über deren Bruchfestigkeit hinaus belasten und die sie dämmenden Strukturen zerstören, worauf sie im (relativ) Grenzenlosen verebben. Dieses natürliche Lösen von Spannungen nennen wir Katastrophen, wenn sie ein für uns Menschen bedrohliches Ausmaß annehmen, wie bei Unwettern, Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen oder Insektenplagen. Daneben gibt es jedoch eine Unzahl kleiner "Katastrophen", die alle dem gleichen Muster folgen. Viele solcher kleinen Katastrophen können die große verhindern, indem sie das ungedämpfte Anwachsen von zerstörerischen Kräften schon im Ansatz unterbinden. Bei Entspannungsbeben zum Beispiel kann die Erdkruste dem gewaltigen Druck großräumiger Bewegungen ein Stück nachgeben und so das Anwachsen des Drucks vorübergehend mildern. Ohne sie baut sich der Druck immer höher auf, bis er sich schließlich in einem verheerenden Beben entlädt. Wir können also schwere Katastrophen verhindern, wenn wir das unaufhaltsame Anwachsen von Kräften beobachten und ihnen immer wieder einen Weg ins Freie bahnen, damit ihre Zerstörungskraft gebrochen wird. Doch unsere Technik geht oft den umgekehrten Weg. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Eindämmen von Flussläufen. Wir bilden uns ein, wir könnten die Kräfte der Natur dauerhaft bannen. Doch irgendwann werden die Wassermassen so groß, dass ein Deich bricht oder überflutet wird. Je höher der Damm ist, auf desto höherem Niveau bricht sich die Spannung Bahn und um so schlimmer sind die Folgen. Ähnlich verhält es sich in der menschlichen Gesellschaft, wenn ein Regime versucht, sein politisches Modell zu konservieren, indem es alle Anzeichen von Veränderung unterdrückt. Mag das Modell anfangs auch erfolgreich sein, irgendwann entfernt es sich so weit vom Guten und den natürlichen Neigungen der Menschen, dass soziale Spannungen entstehen, Unruhen aufkommen oder sogar eine Revolution alles zerstört, was in Jahrzehnten aufgebaut wurde. Die großen alten Demokratien sind deshalb so beständig, weil sie ihre Normen und Institutionen unablässig der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen - und der Großteil des Volkes aus langer Geschichtserfahrung darauf vertraut. In jungen Demokratien dagegen ruft das Volk allzu bald nach dem starken Mann, weil es noch nicht begriffen hat, dass sich nahezu alle Probleme durch stetigen Wandel lösen lassen, jedenfalls eher als durch Experimente mit wechselnden Diktatoren. Sogar im Leben des einzelnen Menschen gilt das gleiche Prinzip, mag es auch weithin als Charakterstärke gelten, wenn jemand unbeirrt an seinen Zielen festhält, obwohl sie sich längst als schlecht und verfehlt erwiesen haben. Ich halte es dagegen für bedeutend tugendhafter, dass man sich ständig selbstkritisch fragt, ob das, was man gerade anstrebt, wirklich gut ist und auf der Linie dessen liegt, was man letztendlich will. Man muss bereit sein, beim Erweis eines Irrtums unverzüglich den Kurs zu korrigieren, auch dann, wenn man zugeben muss, einen Fehler gemacht zu haben, oder andere einem Wankelmut und Konzeptlosigkeit vorwerfen. "Sie wollen mich doch wohl nicht hindern, jeden Tag ein bisschen klüger zu werden!" soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Jemand hatte ihm vorgehalten, er habe seine Meinung mehrmals geändert. Wer an seinen verfehlten Zielen starrköpfig festhält, entfernt sich immer weiter von seinen natürlichen Neigungen. Die Spannung zwischen Wirklichkeit und Sinn, zwischen dem Streben nach Freude und seiner Erfüllung wird immer stärker, bis die Kraft, die den Menschen aufrecht hält, zerbricht und er in einer persönlichen Katastrophe endet. Darum halte ich die formale Pflichtethik Kants für verfehlt. Nach ihr gilt moralisch nichts, was aus Neigung geschieht. Allein die moralische Anstrengung, welche die Spannung zwischen Pflicht und Neigung überwindet, zählt. Wäre das richtig, müsste man aus moralischen Gründen wünschen, dass möglichst viele Menschen möglichst schlechte Neigungen hätten, damit ihnen möglichst viel Gelegenheit zur Tugendhaftigkeit geboten würde. Gewiss nötigt uns ein Alkoholiker oder Drogenabhängiger, der sich aus eigener Kraft von seiner Sucht befreit, große Hochachtung ab, doch ist er deshalb ein besserer Mensch? Allein: Niemandem steht das Recht zu, die Moral eines anderen zu begutachten, auch nicht einem Gericht, denn dieses kann nur nach den erkennbaren Umständen und ungerechten, wenn auch unabdingbar notwendigen Gesetzen urteilen. Welche moralische Anstrengung es irgendjemand von uns kostet, ein halbwegs anständiges Leben durchzustehen, das vermag ein anderer nie und nimmer zu ermessen. Die persönlichen Stärken und Schwächen des Menschen sind von Mensch zu Mensch grundverschieden; nicht einer von Milliarden ist wie der andere. Keiner ist für seine Anlagen verantwortlich; entscheidend ist, was er daraus macht. Kant hatte allerdings Recht, wenn er aus der Unmöglichkeit, jeden gerecht zu belohnen oder zu bestrafen, im Namen der Vernunft die Existenz Gottes für erforderlich hielt. Da andererseits alle Menschen als sittliche Subjekte einander vollkommen gleich sind, kann es für alle nur eine einzige gerechte Belohnung geben: die randvolle Erfüllung der grenzenlosen Leere des Menschen mit grenzenloser Freude. Nur dann kann sich keiner mehr beklagen. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erhielten auch alle den gleichen Lohn, ob sie nun morgens, mittags oder erst abends zur Mannschaft gestoßen waren. Doch hier ist es anders, weil keiner mehr tragen kann, als er bekommt. Als Strafe für den aber, der sich in voller Erkenntnis der Tragweite gegen die Freude entscheidet, gibt es nur eine gerechte Strafe: die Nichterfüllung seiner grenzenlosen Leere. Dies letzte ist so unvorstellbar schrecklich, dass es schwer fällt zu glauben, Menschen könnten jemals dazu imstande sein. Die Spannungen zwischen Pflicht und Neigung sollte man keinesfalls verstärken. Sie sind gefährlich genug und wer Gefahr liebt, kommt darin um wie Marcel Kraft, der Vulkanfotograf, und seine Frau. Man sollte vielmehr stets an sich arbeiten, um die Spannung zu lösen und sich mehr und mehr zum Guten geneigt zu machen. Das Schwere im Leben mutig auf sich nehmen - ja, aber es suchen? Nie. Die Natur verzeiht (fast) alles Selbstorganisation wird mit jeder Situation fertig, weil sie nicht anders kann, denn die Logik der Realität ist die Logik der Geschichte. Sie fragt nicht warum. Sie fragt weder nach Regeln und Gesetzen noch nach Sinn und Zweck. Der Zustand der Welt in dieser Sekunde ist die Ausgangslage für das Geschehen in der nächsten, gleichgültig, was ist oder sein wird. Mag eine Katastrophe auch noch so großes Durcheinander hinterlassen, im Augenblick, da sie verebbt, beginnt eine neue Ordnung. Auch wenn wir Menschen etwas zerschlagen, fragt die Natur nicht nach dem Schuldigen, sondern beginnt augenblicklich mit den Aufräumungsarbeiten. Die Natur verzeiht alles. Freilich kann der Schaden einer Fehlentscheidung beträchtlich sein, aber der ist keine Strafe, sondern nichts als nackte Konsequenz. Wir empfinden die Konsequenz als Strafe, und deshalb ist die Aussage richtig, die Natur verzeihe "fast" alles. Nur in diesem Sinn möchte ich das "fast" verstanden wissen. Selbstverständlich kann die Natur genau genommen weder verzeihen noch nachtragen, weder belohnen noch strafen. Wir sollten uns nicht vor dem Neuen und Unbekannten ängstigen. Wenn nach langer Seefahrt (ohne ein modernes Satelliten-Ortungsgerät) eine Küste auftaucht, hebt das große Rätselraten an, wo der Landfall wohl stattfinden mag. Da gibt es nur eins: Heranfahren und schauen, bis sich eine Landmarke mit einem Eintrag in der Seekarte zusammenbringen lässt. Bis dahin heißt es: Behutsam vortasten und ständig loten, weil man ja noch nicht weiß, wo die Untiefen, welche die Karte bezeichnet, verborgen sind. So ist es mit allem Neuen: Man sollte nicht ängstlich rätseln, was es uns bringen könnte, oder sich gegen alle denkbaren, auch die unwahrscheinlichsten Risiken wappnen, sondern sich ihm mit Behutsamkeit und Voraussicht nähern, um herauszufinden, ob und was es an Gutem bringt und wie man Schaden verhindern kann. "Prüft alles und behaltet das Gute!" schreibt der Apostel Paulus. Ich habe nirgends einen besseren und exakter auf den Punkt gebrachten Rat über den Umgang mit komplexen Systemen gefunden als dieses "Paulus-Prinzip". Sicher soll man sich nicht leichtfertig in erkennbare Gefahr begeben, aber das bedeutet nicht, dass man jede Unsicherheit meidet und alles unterlässt, was mit Verlust verbunden sein könnte. Man sollte sich nur überlegen, ob man mit den Folgen eines Fehlschlags leben kann, und die gute Gelegenheit nutzen. Wo kein Verlust möglich ist, da gibt es auch keinen Gewinn. Wir schwimmen wie Fische im Wasser der Selbstorganisation. Sie trägt und erhält uns und wir ahnen es kaum. Die Parabel von der Versammlung der Fische fällt mir ein: Sie hatten gehört, dass alle Welt vom Wasser redete und kamen nun zusammen, um zu ergründen, was wohl mit Wasser gemeint sei. Zwar sind wir nie ganz vor Katastrophen der Natur, der Gesellschaft oder der Gesundheit sicher, doch vor ihnen kann uns keinerlei Vorsorge schützen. Wenn man es recht bedenkt, ist das ganze Leben eine ganz und gar unmögliche Angelegenheit. Man muss sich nur wundern, was alles dennoch gelingt. Die größte Gefahr sind wir selbst, und zwar um so mehr, je umfassender unsere Pläne und je atemberaubender unsere Konstruktionen sind. Wir wollen der Natur eine neue Welt abtrotzen, eine Welt, die vollkommener, sicherer und dauerhafter ist als die, welche sie uns vorgibt. "Nur lieben - was für eine Sackgasse!" sagt Direktor Rivière in Saint-Exupérys "Nachtflug". Der Mensch möchte "seinen vergänglichen Körper austauschen gegen Bleibendes." Es scheint uns heroisch, eine Stadt in der Wüste zu errichten wie eine Zitadelle, die wir gegen die zersetzenden Kräfte der Natur verteidigen. Doch nicht die Liebe ist die Sackgasse, sondern der untaugliche Versuch,
Vergängliches gegen Bleibendes auszutauschen. Siegerin bleibt immer
die Natur, sei es über den vergänglichen Körper, sei es
über die Tempel der Inkas, "diese steilen Blöcke hoch im Gebirg",
welche die Menschen dort hinaufgeschleppt haben, um "ihre eigene Unvergänglichkeit
hier aufzurichten." Die heroischen Leistungen des Menschen sind zwar beeindruckend,
aber sie muten auch tragisch an, weil der Mensch einen viel zu hohen Preis
zahlt für etwas, das letzten Endes nichts als ein Spielzeug ist. Gewiss
ist auch das Spiel eine der großen Quellen, aus denen der Mensch
seine Freude schöpft: die Freude an der Arbeit, am schöpferischen
Gestalten, an der sportlichen oder geistigen Leistung, am Sieg über
widerstrebende Kräfte oder die eigene Unvollkommenheit. Doch wenn
wir das Spiel für das wirkliche Leben halten, erliegen wir dem Größenwahn
und zerstören die Wurzeln unseres Seins. Recht behält immer die
Liebe. Die Spannung zwischen der natürlichen Welt der Liebe und der
technischen Welt der Tat ist wohl nirgends so packend verdichtet wie im
Werk des Piloten Saint-Exupéry.
Zufall muss nicht alles sein Indes: Tauschen wir vielleicht nur den Aberglauben an die Naturgesetze gegen einen anderen, nämlich den an die Selbstorganisation ein? Gewiss kann niemand sagen, ob Selbstorganisation das letzte Wort der Schöpfung sei. Gewiss mag sich eines Tages zeigen, dass alles ganz anders ist. Auch wenn ich kategorisch so rede, als ob es nicht anders sein könnte, so bin ich mir doch dessen bewusst, dass kein Mensch die letzte Wirklichkeit kennt und dass die Rede, dass es wahrhaftig so sei, wie es behauptet wird, nur ein sprachlicher Behelf ist. Anders verstände man vor lauter Wenn und Aber kein Wort mehr. Wenn ich also apodiktisch feststelle, es verhalte sich so und so, dann bitte ich es so zu verstehen, als dass ich überzeugt sei, so könne es sein. Man kann also nicht völlig ausschließen, dass der Glaube an die Selbstorganisation ebenfalls ein Aberglaube sei wie der an die Naturgesetze. Doch das bitte ich ganz klar zu sehen: Ich wende mich nicht gegen die Naturgesetze als solche, insofern sie als Hilfsmittel menschlichen Denkens selbstverständliche, wenn auch rein logische "Realität" sind. Ich wende mich vielmehr gegen den Aberglauben, der die Naturgesetze in die physische Wirklichkeit selbst verlegt. Diese Art Aberglauben führt in die Sackgasse des Kausalnexus und damit des Determinismus. Er blockiert das Verständnis der Selbstorganisation total. In diese Richtung weist auch, was ich früher über die Überwindung der exakten Wissenschaften sagte: Ich lehne nicht das sinnvolle Streben nach größtmöglicher Exaktheit in der Wissenschaft ab, sondern nur den Aberglauben an die Exaktheit als Maß aller Dinge und den Alleinvertretungsanspruch der exakten für alle ernsthaften Wissenschaften überhaupt. Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit: Naturgesetze und Exaktheit da - Selbstorganisation und unberechenbare Komplexität dort. Doch ich möchte auch klar und deutlich zum Ausdruck bringen: Selbstorganisation muss nicht alles sein. Es gibt vermutlich keinen Beweis dafür, dass die Natur genügend Zeit hatte, die schier unendliche Zahl der Varianten und Gestalten, die wir heute auf der Erde vorfinden, ganz zufällig hervorzubringen. Zumindest dürften sich die äußerst glücklichen Zufälle in höchst unwahrscheinlicher Zahl gehäuft haben. Darum halte ich es keineswegs für sicher, dass an anderen Stellen des Universums intelligentes Leben existiere. Umgekehrt ist es bei der unermesslichen Größe des Universums nicht unwahrscheinlich, dass es irgendeinen Ort darin gibt, in dem sich die äußerst glücklichen Zufälle so häufen konnten, wie es auf der Erde geschah. Und dass wir ausgerechnet auf dieser Erde leben, ist ebenso zufällig wie notwendig, denn wir konnten offensichtlich nur da entstehen, wo sich die glücklichen Zufälle in ungewöhnlichem Maße häuften. Noch eines sollte nicht übergangen werden:
Die Häufung äußerst glücklicher Umstände könnte
auch ein Anzeichen dafür sein, dass eben nicht alles Zufall ist, was
wie Zufall aussieht. Man kann bei sorgfältiger Würdigung aller
Möglichkeiten nicht ausschließen, dass es eine Intelligenz ist,
die in kritischen Zuständen, Bifurkationssituationen, Phasenübergängen
und dergleichen unbemerkt die Weichen so stellt, dass die betroffenen Systeme
auf die "richtige" Seite kippen. Da in solchen Verzweigungspunkten eine
unmerkbare Verschiebung der Gewichte eine Art Kettenreaktion mit unverhältnismäßigen
Folgen bewirkt, ist es möglich, dass eine intelligente Steuerung ebenso
wirksam wie unbemerkt geschehen kann. Hier stoßen wir wieder auf
ein transzendentales Problem, und darum soll es damit sein Bewenden haben.
Doch dass solche intelligente Steuerung keine Mystik, sondern knallharte
Realität ist, mögen die folgenden Überlegungen verdeutlichen,
die sich aus unserer eigenen, alltäglichen Lebenspraxis ergeben:
Wir bedienen uns der Selbstorganisation und merken es nicht. Die bewundernswertesten Werke des Menschen sind weniger seine gigantischen Bauwerke als die, welche aus der Nutzung der Selbstorganisation erwachsen. Wir können Selbstorganisationsprozesse in Gang setzen, zusammenführen, fördern, hindern und unterbrechen. Letztlich ist alles, was wir tun, nur ein Eingreifen in laufende Prozesse. Selbst unsere Technik hat ein Erfolgsrezept, womöglich das wirkungsvollste von allen, das auf Steuerung und Verstärkung beruht. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Weichenstellung in Verzweigungspunkten. Hier besteht ein labiles Gleichgewicht der Kräfte, das massiv auf die geringste Störung reagiert. Ein großes Schiff, ein Supertanker etwa, der viele hunderttausend Tonnen wiegt, folgt willig dem leicht schräggestellten Blatt der Ruderanlage. Das Ruder wiederum wird über eine ausgeklügelte Verstärkerkette von der Hand des Steuermanns gelegt. Doch dabei sollte man nicht stehen bleiben, sondern fragen, warum sich die Hand des Steuermanns in eine bestimmte Richtung bewegt. Offensichtlich gibt es in den Nerven und Muskeln des Steuermanns ein ähnliches Verstärkersystem, das den bloßen Gedanken "links" oder "rechts" in die gerichtete Kraft verwandelt, die das Ruder bedient. Um die Hand zu bewegen oder eine Ruderanlage zu konstruieren ist es
nicht einmal nötig, die zugrunde liegenden Vorgänge zu verstehen.
Es hat lange gedauert, bis der Mensch wusste, was bei der Zeugung im einzelnen
vor sich geht, und es hat der Bevölkerungsvermehrung nicht geschadet,
im Gegenteil. Man könnte heute Menschen klonieren, aber darum wäre
das Ergebnis doch keineswegs ein "künstlicher Mensch". Ob bei der
Zeugung, ob beim Klonen: Biologisch betrachtet beschränkt sich das
Zutun des Menschen darauf, DNS und DNS zusammenzubringen. Dass daraus ein
Mensch entsteht, ist allein das Werk der Natur im Leib der Mutter. Wirkliche
"Retortenbabies" gibt es nicht. Was man so nennt, hat mit einem echten
Homunculus nichts zu tun. So weit reichen unsere Künste nicht.
Wir brauchen Selbstorganisationsprozesse nicht in allen Einzelheiten
erklären und experimentell reproduzieren zu können, wie es technische
Konstruktionen erfordern. Es genügt, wenn wir ihren Verlauf und ihre
Ergebnisse kennen. Nach der Grundregel, dass sich ähnliche Systeme
in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten, können wir sie
sogar in unsere Modelle einbeziehen. Wir können das Verhalten der
Dinge voraussehen und sie im Blick auf das von uns erstrebte Ziel so zurechtrücken,
dass sie sich von selbst nach unseren Wünschen entwickeln. Doch im
Gegensatz zu unseren technischen Konstruktionen brauchen wir uns wenig
um die Einzelheiten zu kümmern. Wir können uns weithin darauf
verlassen, dass auch komplexe Prozesse wie erwartet verlaufen. Vor allem
aber kommen wir meistenteils ohne umfangreiche Modelle und Planungen aus,
weil wir die Dinge nur zu beobachten brauchen, um zu sehen, wie sie verlaufen
werden und welche Folgen es hat, wenn wir in dieser oder jener Form eingreifen.
Dies ist so einfach und geschieht so selbstverständlich, dass selbst
Tiere bis zu einem hohen Grad zu vorausschauendem, ja "intelligentem" Verhalten
fähig sind. Es scheint darum oft, als ob Tiere dächten, aber
es hat mit Denken nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein dynamisches
Sehen, bei dem die bewegten Bilder der Erfahrung mit der gegenwärtigen
Wahrnehmung in Deckung gebracht werden. Man kann dieses dynamische Sehen
auch als eine Art Mustererkennung auffassen, wobei statt statischer Muster
Bewegungsmuster wiedererkannt werden. Eine Katze weiß aus Erfahrung,
wie eine Maus flüchtet, und kann auf deren zu erwartende Bewegung
sozusagen "vorausschauend reagieren". Der Unterschied zum Menschen besteht
darin, dass die Wahrnehmung des Tieres unmittelbar mit seinem Verhalten
verknüpft ist, während der Mensch zwischen Wahrnehmung und Verhalten
einen Denkprozess einschalten kann.
Die Gesellschaft organisiert sich selbst Das Verhalten des Menschen ist durch die Abkopplung vom Reiz-Reaktion-Schema weit weniger vorhersehbar als bei jedem anderen System. Die Fähigkeit, sein Verhalten vom Ergebnis eines Denkprozesses abhängig zu machen, ist die Grundlage unserer Freiheit. Darum ist der Mensch das einzige von der Natur geschaffene Lebewesen, das zwischen Tun und Lassen wählen kann. Auf den ersten Blick will es deshalb scheinen, als ob Selbstorganisation für den Menschen keine Bedeutung hätte. Doch das Gegenteil ist der Fall. Um Missverständnisse von vornherein auszuschalten: Man könnte Selbstorganisation auch als Produkt des menschlichen Denkens verstehen, nämlich als die Organisation im Sinne einer Verfassung, die der Mensch der Gesellschaft, insbesondere dem Staat gibt, um die Beziehungen der Mitglieder untereinander vernünftig zu regeln. Da die Menschheit sich auf dieses Weise selbst organisiert, könnte man diesen Sachverhalt mit gutem Grund "Selbstorganisation" - etwa in Anlehnung an den Begriff der Selbstverwaltung - nennen. Doch diese Art Selbstorganisation ist das Gegenteil der Selbstorganisation, von der hier die Rede ist: der spontanen Ordnung, die sich auch in der menschlichen Gesellschaft herausbildet, und zwar gerade ohne eine lenkende Hand, ohne Regierung, Betriebsleitung, Vereinsvorstand und dergleichen. Das augenfälligste Beispiel für Selbstorganisation in der Gesellschaft ist die Wirtschaft. Die Marktwirtschaft erweist sich immer wieder als die leistungsfähigste Wirtschaftsordnung. Nach herkömmlichem Denkschema müsste sie, da niemand zu erkennen ist, der sie lenkt, im vollkommenen Chaos enden. Es gab Wirtschaftstheoretiker, die, um die unleugbare Tatsache ihrer Existenz zu begründen, eine "unsichtbare Hand", die das Wirtschaftsgeschehen lenkt, postulierten. Für Sozialisten waren nicht nur die "unsichtbare Hand", sondern auch die Vorstellung einer spontanen Ordnung oder der "Selbstheilungskräfte" in der Wirtschaft Undinge, die in das Reich der Mythen und Märchen gehörten. Es bedurfte des monströsen Fiaskos der sozialistischen Planwirtschaft, um sie eines Besseren zu belehren. Es versteht sich indes von selbst, dass, nachdem alle Ansätze einer Markwirtschaft über viele Jahrzehnte mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden, mehr als die Dauer eines Menschenlebens nötig ist, bis neue marktwirtschaftliche Strukturen wachsen können. Nachdem der Staat die Wirtschaft zerstört hat, darf er die Trümmer sich nicht selbst überlassen und erwarten, dass sich alles von selbst regelt. Selbstverständlich wird eines fernen Tages wieder eine blühende Wirtschaft entstehen, doch bis es so weit ist, muss man mit unvorstellbarem Elend der Menschen und blutigen Unruhen rechnen. Der chinesische Weg scheint mir jedenfalls klüger als der russische, vorausgesetzt, der Staat nimmt sich nach der Erholungsphase zurück und lässt nach einer freien Wirtschaft auch eine offene Gesellschaft zu. Jedenfalls zeigt die Erfahrung unbestreitbar, dass es in der Wirtschaft eine spontane, weder geplante noch gelenkte Ordnung gibt. Diese Ordnung zeigt alle Merkmale, die jede Selbstorganisation, gleich wo man sie findet, auszeichnen. Von da bis zur Erkenntnis, dass auch in der Wirtschaft das Prinzip der Selbstorganisation wirkt, ist es jetzt kein großer Schritt mehr. Und wie im wirtschaftlichen Bereich der menschlichen Gesellschaft, so wirkt die Selbstorganisation auch in allen anderen. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation ist eben eine fundamentale Eigenschaft aller Dinge. Wie alle Systeme schöpft auch der Mensch seine Möglichkeiten aus, soweit es seine Umgebung zulässt. Aus den Beschränkungen durch die umgebenden Menschen und Dinge sowie durch die Eigenschaften der Menschen selbst ergibt sich trotz aller individuellen Verschiedenheit eine Gemeinsamkeit des Verhaltens, die sich in den charakteristischen Strukturen der Gesellschaft niederschlägt. Die Bildung dieser Strukturen ist ein so komplexer Vorgang, dass er sich begrifflich im einzelnen nicht nachvollziehen lässt. Er ist mithin nicht zu erklären und - in Teilbereichen - "nur" intuitiv zu erfassen. Damit müssen wir leben. Das ist keine Katastrophe, denn wir brauchen Selbstorganisation ja nicht zu verstehen, um sie zu nutzen und sich von ihr tragen zu lassen. Das hat die Menschheit schon immer getan und sich dabei immer sehr gewundert, dass es funktionierte. Was blieb - und bleibt - ihr auch anders übrig? Welche Strukturen nun eine Wirtschaft, eine Gesellschaft, eine Gruppe im Wege der Selbstorganisation annehmen, hängt von den Eigenschaften der Menschen ab und den Beschränkungen, die sie sich auferlegen. Die grundlegenden Bedürfnisse und Bestrebungen des Menschen als biologischem System sind zwar individuell verschieden, aber doch nicht so sehr, dass sie Selbstorganisation prinzipiell unmöglich machten. Soweit hingegen das Verhalten des Menschen von seinem Denken abhängt, bestimmt er selbst, welche Eigenschaften er annimmt. Insoweit hängt die Art und Weise, wie sich die Gesellschaft selbst organisiert, vom Denken und Handeln ihrer Mitglieder ab. Es versteht sich, dass eine Gesellschaft von Menschen, deren Grundkonsens über die Notwendigkeit gegenseitiger Rücksichtnahme unbestritten ist, eine andere Struktur hervorbringt, als eine, deren Menschen hemmungslos der "Selbstverwirklichung" frönen. Darum hat eine soziale Marktwirtschaft, in der wirtschaftliches Handeln dem Regulativ der Solidarität unterworfen wird, eine ganz andere Qualität als Marktwirtschaft schlechthin, die von nahezu schrankenloser Freiheit der Wirtschaftssubjekte ausgeht und dem Konkurrenzprinzip der "freien Wildbahn" unterliegt, wo das Recht des Stärkeren oberstes Gesetz ist. Sie endet in der Konzentration der Wirtschaftsmacht in einer Hand. Damit führt sich das Konkurrenzprinzip selbst ad absurdum. Denn anders als in der Natur, wo auch das stärkste Tier auf seine Grenzen stößt, kann ein Mensch kraft seiner Intelligenz durch Mobilisierung aller Ressourcen und Zusammenballung von Macht über Millionen Menschen, die von ihm Vorteile erwarten, alle anderen unterjochen. Die soziale Restriktion muss die globale Katastrophe verhindern Aus diesem Grund ist das Konkurrenzprinzip, das in der Natur - wenigstens solange die Menschen noch keine Massenproduktion und keine Massenvernichtung erfunden hatten - äußerst erfolgreich war, für sich allein keine geeignete Basis der Selbstorganisation mehr. Die Macht des Menschen findet praktisch keine natürliche Grenze mehr. Der Selbstorganisation fehlt im Zeichen des heutigen Menschen die notwendige Restriktion, die verhindert, dass die Entwicklung auf der Erde explosionsartig wie ein durchgehender Reaktor verläuft und im totalen Chaos der totalen Vernichtung endet. Wenn der Mensch wie ein Naturwesen ohne Denkvermögen alle seine Möglichkeiten ausschöpft, zerstört er sich selbst und die Welt dazu. Wir brauchen mehr als die Natur und die Gesellschaft vor uns: Wir brauchen eine Beschränkung, die wir uns selbst auferlegen, weil nichts erkennbar ist, was uns Grenzen zu setzen vermag. Ich nenne diese Beschränkung die "soziale Restriktion", die das Konkurrenzprinzip überlagert und es dem "Prinzip Liebe" unterstellt. Zwar bleibt die Selbstorganisation eine naturgegebene Tatsache, aber sie hängt an entscheidender Stelle vom sittlichen Willen einer unabsehbaren Schar von Menschen ab. Hinter der sozialen Restriktion und dem Prinzip Liebe verbirgt sich - vom aufmerksamen Leser hoffentlich längst wiedererkannt - nichts anderes als die sittliche Forderung der universalen Optimierung, die Freude aller Wesen im Universum bis zu den Grenzen des Möglichen zu mehren. Anders ausgedrückt, verlangt die universale Optimierung, dass der Mensch das Wohl seiner Mitmenschen und des ganzen Universums neben seinem individuellen Wohlergehen zum gleichberechtigten Inhalt seines eigenen Strebens macht. Ohne diese sittliche Selbstbeschränkung sind wir und mit uns die Erde zum Scheitern verurteilt. Wäre es wahrscheinlich, dass es im Weltall viele weitere Erden gäbe, ließe sich der Verlust verschmerzen: Der hiesige Mensch erhielte, was er verdient, und andere Menschen auf anderen Erden setzten das Werk der Schöpfung fort. Da die Erde aber höchstwahrscheinlich einzigartig ist, ist unsere Verantwortung für die Schöpfung unermesslich. Da der Mensch ohne Moral sich selbst keine sittlichen Schranken setzt und dadurch die ganze Schöpfung ins Unheil stürzt, gibt es ohne Moral keine Freude. Damit erweist sich schon hier, dass die Moral nicht die Widersacherin der Freude ist, sondern ihre treueste Dienerin. Nein, Selbstorganisation ist kein Märchen. Sie hat uns hervorgebracht, ohne dass wir auch nur das Geringste dazugetan haben. Das berechtigt uns zu der Hoffnung, dass sie uns weiterhin erhalten und leiten wird. In diesem Kapitel wird später gezeigt, dass Selbstorganisation und nicht unsere Technik uns in den Stand versetzt, die Komplexität der Welt zu meistern und die Schöpfung zu einem guten Ende zu bringen. Wir müssen es nur wollen. Trotzdem fällt mich oft der beunruhigende Gedanke an, dass das Leben eigentlich eine ganz und gar unmögliche Angelegenheit ist. Man kann nur staunen, wie unglaublich viel dennoch - trotz allem Unheil und wider alle Ängste - gut geht. Auch das Nervensystem organisiert sich selbst Betrachtet man das Wunderwerk des menschlichen Nervensystems, fällt es gewiss schwer, sich vorzustellen, dass es durch Selbstorganisation entstanden sein soll. Da scheint es sogar wahrscheinlicher, dass eine überlegende Intelligenz es durch intelligente Steuerung in den Verzweigungspunkten der Evolution planmäßig zusammengefügt und die Materie bereits in ihrem Ursprung so angelegt hat, dass sie auf hoher Entwicklungsstufe solche Fügungen erlaubt. Nur: Die Unmessbarkeit der steuernden Kräfte in solchen Verzweigungspunkten verhindert jeden wissenschaftlich haltbaren Beweis ihrer Existenz. Es bleibt uns deshalb wohl oder übel nichts anderes übrig, als alle Wunder dieser Welt der Selbstorganisation als dem komplexen Zusammenwirken von allem mit allem zuzuschreiben. Allerdings ist es angebracht, hinsichtlich der Steuerung der Entwicklung durch eine intelligente Kraft einen transzendentalen Vorbehalt anzubringen. 1 Die Informationsverarbeitung im Gehirn geschieht durch Selbstorganisation Nun wäre es dennoch äußerst gewagt zu behaupten, die Leistungen des Gehirns beruhten auf Selbstorganisation, gäbe es da nicht das neuronale Netzwerk der Informatik. Wie schon früher betont, wäre nichts verkehrter, als das Nervensystem von Mensch und Tier als eine Art solcher "neuronaler" Netze aufzufassen. Es ist eher umgekehrt: Die Informatiker haben lediglich gewisse Verhaltensweisen biologischer Nervensysteme mit einem technischen Modell nachgebildet und das Modell dann - ziemlich hochtrabend - "neurnales Netzwerk" genannt. Ich argumentiere nun so: Da ein von Menschen geschaffenes technisches Gerät zu einem Verhalten gebracht werden kann, das mit dem Verhalten eines Nervensystems vergleichbar ist, muss es erlaubt sein, sich die Funktionsweise eines Nervensystems ähnlich vorzustellen. Wie die Natur diese Funktionalität aber tatsächlich realisiert, ist eine ganz andere Frage. Sie kann völlig andere Wege gehen. Auf das Ergebnis kommt es an. Ein neuronales Netzwerk ist wie jede Maschine ein durch den Konstrukteur vollständig determiniertes System, wenn man einmal vom Fall von Funktionsstörungen durch Verschleiß, thermische Veränderungen und dergleichen absieht. In der Natur handelt es sich hingegen um gewachsene Systeme, die sich im komplexen Spiel der Kräfte von selbst geordnet haben. Schon aus diesem Grund ist ein allzu direkter Vergleich eines neuronalen Netzwerks mit der Selbstorganisation in der Natur unzulässig. Aber es weist Züge der Selbstorganisation auf. Es kommt übrigens nicht von ungefähr, dass sich beim Betrachten
von Denkvorgängen sogleich der Vergleich mit Computern aufdrängt.
Der Computer wurde ursprünglich als Rechenmaschine konzipiert, der
dem Menschen eine der lästigsten Denktätigkeiten abnehmen sollte.
Da die Logik höchst elegant auf eine Art Rechnen mit aussagenlogischen
Variablen zurückgeführt werden kann, war der Sprung vom bloßen
Rechenknecht zur vielseitigen Denkmaschine, wenigstens im Prinzip, nicht
weit. Es versteht sich von selbst, dass sich auch der eigenwilligste Konstrukteur
gern von natürlichen Vorbildern inspirieren lässt. So bleibt
es nicht aus, dass die Art und Weise des begrifflichen Denkens Vorbild
für die Maschine ist, zumal ja die Maschine selbst wiederum ein vom
begrifflichen Denken erzeugtes und realisiertes Modell darstellt. Alles
in allem ist der Computer nichts anderes als das Funktionsmodell des begrifflichen
Denkens selbst. Darum fällt es uns leicht, den Computer zu "verstehen",
und mit Hilfe dieses Modells lernen wir zu begreifen, was in uns vor sich
geht, wenn wir denken. Dabei dürfen wir aber auf keinen Fall vergessen,
dass ein Modell nur ein Abbild ist, das vergröbert und vereinfacht,
besonders wenn es sich nicht um Gestaltungs-, sondern Funktionsmodelle
handelt. Modelle sind zudem meist aus ganz anderem Material als das Abbild.
Ein Computer (bisher) konventioneller Bauart unterscheidet sich wesentlich von einem "Neuro-Computer". Ein solcher ist im Prinzip bedeutend einfacher gebaut als herkömmliche Computer. Sein hervorstechendes Merkmal ist die komplexe Verknüpfung der einzelnen Schaltelemente untereinander, die verhältnismäßig einfachen Regeln unterliegt. Komplexes muss ja nicht kompliziert sein, wie auch das Beispiel der Fraktale und des deterministischen Chaos beweist. Während nun ein gewöhnlicher Computer seine Tätigkeit in allen Einzelheiten vom Programmierer vorgeschrieben bekommt, bleibt es einem neuronalen Netzwerk selbst überlassen, wie es seine Verknüpfungen bildet. Die Regeln sind zwar durch die Bauart, mithin durch den Menschen, bestimmt, doch das hindert die Vergleichbarkeit mit der Natur keineswegs: Auch in der Natur verhalten sich die Nervenzellen nach den "Regeln", die ihnen ihre Struktur und ihre Elemente in der vorhandenen Umgebung vorschreiben. Es dürfte deshalb erlaubt sein, die selbstorganisatorischen Züge neuronaler Netzwerke mit denen eines natürlichen Nervensystems zu vergleichen. Die wichtigste Eigenschaft neuronaler Netzwerke ist die Fähigkeit,
ein Muster (Eingangsvektor) einem Namen (Ausgangsvektor) zuzuordnen. Die
Zusammenhänge zwischen Mustern und ihren Namen sind in den Zellen
des Netzwerks als "Gewichte" gespeichert, und zwar nicht an einer bestimmten
Stelle, sondern auf das ganze Netz verteilt. Die Informationen über
mehrere Muster werden deshalb auch nicht an verschiedenen Stellen gespeichert,
sondern dem ganzen Netz überlagert. Das Netz arbeitet somit ganzheitlich,
das heißt: Wird das Netz teilweise zerstört, reicht die verbleibende
Information vielfach noch für eine richtige Zuordnung aus, und ist
das Eingabemuster teilweise verfälscht, ebenfalls. Mit Hilfe einer
Lernregel wird das Netzwerk so ausgelegt, dass es seine Struktur selbständig
an die erwartete Verhaltensweise anpasst. Es handelt sich um die Umkehrung
der Regel, dass sich das Verhalten der Systeme nach ihren Strukturen richtet;
hier passt das System seine Strukturen an ein bestimmtes Verhalten an:
Es lernt.
Die gleiche Fähigkeit erlaubt es, mehrere verfälschte Exemplare des gleichen Musters dem unverfälschten Muster zuzuordnen. Hier ist der Ausgangsvektor nicht ein Name (der im Prinzip ja auch nichts anderes als ein Buchstaben- oder Zahlenmuster ist), sondern ebenfalls ein Muster. Diese Fähigkeit wird gebraucht, wenn man beispielsweise einen Bekannten wieder erkennen will, ihn aber nicht von vorn, sondern von der Seite oder von hinten sieht. Den zugrunde liegenden Lernprozess nennt man autoassoziatives Lernen. Bei der Zuordnung von Mustern zu Ähnlichkeitsklassen, Namen und Begriffen, braucht man einen "Lehrer", der einem sagt, wie das Gebilde, das man vor sich hat, heißt. Ein neuronales Netzwerk kann aber auch selbständig - das heißt nichts anderes als durch Selbstorganisation - Ähnlichkeitsklassen von häufig wiederkehrenden oder besonders markanten Mustern bilden. Diese Fähigkeit ähnelt dem autoassoziativen Lernen. Es ist die Vorstufe zur Begriffsbildung; nur der zum Begriff gehörende Name fehlt. Neuronale Netzwerke werden deshalb auch zur Aufdeckung von Gesetzmäßigkeiten in scheinbar chaotischen Prozessen verwendet, wo es keinen endlichen Algorithmus gibt, durch den man eine Regelmäßigkeit feststellen könnte. Eine lukrative Anwendung ist die Voraussage von Trendwenden an der Börse, auf Grund derer man den günstigsten Zeitpunkt für Kauf oder Verkauf von spekulativen Papieren bestimmen kann. Besonders wichtig für ein Lebewesen ist die Fähigkeit, bestimmte Wahrnehmungsmuster mit einer Bewertung zu verknüpfen. Wenn eine Situation mit Schmerzen verbunden ist, lernt ein Lebewesen schnell, die der Situation entsprechenden Wahrnehmungsmuster wieder zu erkennen und zu flüchten. Ein neuronales Netz hat aber bekanntlich kein Gefühl, das ihm sagt, was gut und richtig oder schlecht und falsch ist. Man kann ein Netzwerk aber durch Verknüpfung seiner Ausgabe mit einem Wertkoeffizienten oder einer Valenzziffer veranlassen, nur "gute" Muster zu lernen und "schlechte" zu vergessen oder umgekehrt. Wie man sieht, lassen sich wichtige Funktionen des Nervensystems durch neuronale Netzwerke im Wege der Selbstorganisation simulieren. Wenn man nun bedenkt, wie ungeheuer groß die Zahl der Neuronen in unserem Nervensystem ist, erscheint es nicht mehr unwahrscheinlich, dass die bewundernswürdigen Leistungen unseres Gehirns auf den dargestellten Grundfunktionen basieren könnten. Dass die technischen Realisationen neuronaler Netzwerke nicht annähernd so leistungsfähig sind, stellt diese Aussage kaum in Frage. Es beweist nur wieder einmal, dass unser begriffliches Denken, das unsere Konstruktionen ermöglicht, ein äußerst vergröbertes und vereinfachtes Modell der komplexen Wirklichkeit liefert. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Forschung noch ganz am Anfang steht und das Gesagte eine möglicherweise waghalsige Vorwegnahme künftiger Ergebnissen bedeutet. Ungeachtet dessen ist die sich abzeichnende Perspektive so einleuchtend, dass ich es für falsch halte, vor ihr die Augen zu verschließen. (Es ist übrigens eine der erstaunlichsten Gaben des Heiligen Geistes, aus falschen Prämissen richtige Schlüsse ziehen zu können! Doch das nur nebenbei.) 2 Das intuitive Denken spiegelt die Komplexität der Welt Als ich diese Zeilen schrieb, kam mir der Gedanke, mich selbst zu beobachten, während ich mich mit dem Gegenstand dieses Buches beschäftigte. Was ich fand, ist schnell gesagt: Ich fasse die Welt wieder und wieder konzentriert ins Auge und suche nach den globalen "Strickmustern", die sie mich erkennen lässt. Wo sich die Muster kreuzen und überlagern, sehe ich nach, ob das Garn keine Risse hat und ob es sich nicht verheddert oder verfilzt. Ergibt ein neues Muster keine sauberen Maschen, vergesse ich es und suche nach einem besseren. So fahre ich Tag um Tag und Jahr für Jahr fort, bis ich ein möglichst fehlerfreies Modell der Welt geschaffen habe, das in meinen kleinen, dummen Schädel aßt und in ein Buch von sagen wir zweihundert Seiten. Was dabei heraus kommt, ist sehr subjektiv, gewiss. Aber so könnte sie sein, die Welt. Könnte es sich lohnen, ein paar Stunden lang zu lesen, was ein Mensch in seinem ganzen Leben über die Welt herausgefunden hat? Jeder Mensch verfährt im Prinzip auf diese oder ähnliche Weise. Die Wahrnehmungen werden im Nervensystem gespeichert und mit ihnen die Erfahrungen, welche die Gestaltmuster der Dinge mit ihren Verhaltensmustern verknüpfen. In bestimmten Teilen des Gehirns, vielleicht im Bereich des Sprachzentrums, liegt außerdem eine Datenbank, in denen die Muster, die einen Namen haben, mit ihrem Namen assoziiert sind. Es ist eine Art Stichwortverzeichnis. Wir benutzen es, wenn wir uns sprachlich ausdrücken oder sprachliche Äußerungen anderer nachvollziehen. Die Art und Weise, wie die Bilder unserer Wahrnehmung im Nervensystem gespeichert sind, sollte man sich nicht so vorstellen, als ob die Bilder selbst im Gedächtnis abgelegt seien. Vielmehr sind es die Signale, welche die Wahrnehmungen in uns auslösen. Erst im Bewusstsein - was immer das sein mag - werden die Signale in Bilder verwandelt. Es verhält sich wohl ähnlich wie im Computer, wenn von einem Messgerät aufgenommene Daten beispielsweise aus Medizin, Astronomie oder Geowissenschaften von einem Grafikprogramm in Bilder umgesetzt werden. So dürften Tiere wie Fledermäuse oder Delphine, die mit besonderen, etwa akustischen Wahrnehmungsorganen ausgerüstet sind, echte Bilder der Umgebung gewinnen, mögen die Bilder auch ganz anders aussehen, als die wir mit unseren Augen erkennen. Wie ich von Blindgeborenen weiß, haben auch sie eine durchaus bildhafte Vorstellung der Welt, freilich in einer Form, von der kein Sehender etwas ahnt. Wie sich bei Hypnoseversuchen zeigt, ist die Menge der im Gedächtnis gespeicherten Informationen bedeutend größer, als wir gewöhnlich glauben. Viel wird verdrängt und vergessen und bleibt doch bestehen. Dennoch sind die gespeicherten Wahrnehmungen nicht vollzählig diejenigen, die wir im Augenblick der Gegenwart aufnehmen. Daher sind Erinnerungen blasser als ihr Original, es sei denn, dass es sich um stark emotionale Erlebnisse handelt. In unserem täglichen Denken, Tun und Treiben tun wir den Dingen wahrscheinlich Gewalt an, so dass eine Spannung zwischen unseren Denkmodellen und dem ursprünglichen Speicherinhalt unseres Nervensystems erwächst. Im Traum - gewiss eine gewagte Hypothese - scheinen die Dinge der Spannung nachzugeben und sich wieder zurechtzurücken. Darum heißt es ja, man solle Entscheidungen in verwickelten Angelegenheiten überschlafen, ehe man sie umsetzt. Diesen erstaunlichen Mechanismus nutze ich selbst seit langem mit großem Erfolg, wenn ich komplexe Probleme zu lösen habe. Zunächst stopfe ich mich mit einschlägigen Informationen voll, bis ich nicht mehr weiß, wie mir der Kopf steht. Dann vergesse ich das Ganze eine zeitlang, ein paar Stunden oder ein paar Tage, je nachdem. Wenn ich mich dem Problem dann wieder zuwende, sehe ich bereits die Lösung - oder eine neue Informationslücke. Im letzteren Fall wiederhole ich das Verfahren so oft, bis ich eine annehmbare Lösung gefunden habe. Sie muss nicht absolut richtig sein, denn das absolute Optimum finden wir selten. Es ist schon viel, wenn wir die berühmten achtzig Prozent schaffen. Wenn alle Beteiligten mit dem Ergebnis leben können, darf man zufrieden sein. Die intuitive Fähigkeit des Nervensystems beruht auf der Fähigkeit neuronaler Netze - in der Natur wie in der Informationstechnik - selbständig komplexe Muster und Regelmäßigkeiten zu konstatieren, sogar und gerade solche, die zu verwickelt sind, als dass man sie mit logischem Denken und mathematischem Kombinieren feststellen könnte. Auf Grund seines ungeheuren Umfangs kann das neuronale Netzwerk des Nervensystems unvergleichlich komplexere Probleme lösen als jedes Computernetzwerk. Anders ist es jedoch, wenn ein entsprechend ausgestatteter Computer auf ein eng begrenztes Problem angesetzt wird, etwa für die Trendvoraussage oder eine Turn-around-Prognose an der Börse. Hier kann ein Computer den Menschen um Längen schlagen, denn er ist im Kleinen präziser und vor allem schneller als der Mensch. Die Stärke des Menschen liegt in der Bewältigung äußerster Komplexität, wo es weniger auf Präzision ankommt als auf die Handhabung von Begriffen mit verschwommenen Konturen (fuzzy sets). Es ist nicht verwunderlich, dass ein Computer im Schachspiel einen Weltmeister schlagen kann. Beim Schachspiel sind die Bedingungen scharf definiert, nur die Zahl der Kombinationen übersteigt die Fähigkeiten selbst des tüchtigsten Rechners. Darum hat ein menschlicher Könner eine reale Chance. Er ersetzt Präzision und Schnelligkeit durch intuitives Erkennen vorteilhafter Positionen, während der Programmierer des Computers sein Heil im rasend schnellen Durchrechnen aller möglichen Züge, von denen alle bis auf wenige unsinnig sind, suchen muss. Allerdings war der Computer im berühmten Spiel IBM gegen Karpow kein neuronaler Computer. Wie es aussähe, wenn dem Menschen ein solcher gegenüberstände, wage ich nicht zu prophezeien. Möglicherweise würde der Computer völlig versagen, weil er nicht schnell genug rechnen kann und deshalb die überlegene Intuition des Menschen nachahmen müsste. Denkbar wäre auch, einen Hybridcomputer einzusetzen, der die Schnelligkeit eines Rechners mit der Findigkeit eines neuronalen Netzwerks verbindet. Bei alledem sollte man aber nicht vergessen, dass ein Schachspiel nur ein Spiel ist, ein Spiel zudem, das Menschen mit ihrem begrifflichen Denken ausgedacht haben. Mit der Komplexität der Lebenswirklichkeit, selbst in relativ kleinem Rahmen, lässt es sich trotz seiner unvorstellbar vielen Möglichkeiten überhaupt nicht vergleichen. Die große Leistung des intuitiven Denkens ist es eben, uns ein weitgehend zutreffendes Bild der Welt, deren Komplexität unser begriffliches Denken maßlos überfordert, zu verschaffen. Dabei strengt es uns nicht an. Es bedarf nicht der ständigen Lenkung und Überwachung wie das begriffliche Denken, in dem nichts geschieht, was nicht gewollt und mit Energie durchgesetzt wird. Es beruht vielmehr auf dem freien Zusammenwirken der Zellen untereinander und dieser mit der Umwelt, die ihnen die Informationen zuspielt. Es ist ein Produkt der Evolution wie wir selbst. Es ist mit uns und nach demselben Prinzip wie wir selbst gewachsen. Es funktioniert auch nach demselben Prinzip: der Selbstorganisation. Und das Bild, das es uns zeichnet, ist Spiegelbild der Welt, die nach demselben Prinzip gebildet ist. Das begriffliche Denken ist anders. Es ist zwar ebenfalls ein Produkt der Natur. Aber es ist nicht, wie das intuitive Denken, selbst Natur, sondern eine Fähigkeit, die uns zur Verfügung steht wie unsere Körperkraft, und es ist unsere Sache, wie ob und wie wir sie gebrauchen. Ihr Einsatz kostet Anstrengung. Der Informationsflut, mit der die Sinne unser Nervensystem überschwemmt, wäre das begriffliche Denken deshalb nicht gewachsen. Das intuitive Denken dagegen meistert sie mit Leichtigkeit. Die Informationsflut, die heutzutage über die Medien auf uns einströmt, braucht uns nicht zu ängstigen, weil wir aufs beste für sie gerüstet sind. Wenn wir uns allerdings einbilden, jedermann müsse alle Informationen gewissenhaft verarbeiten, um im gegenwärtigen Leben bestehen zu können, überschätzen wir unser begriffliches Denken auf groteske Weise. Mit intuitivem Denken hingegen meistern wir die Flut ohne Schwierigkeit. Lassen wir die Informationsflut der Medien an uns vorbeifließen, wie wir es mit allen anderen Wahrnehmungen tun, holt sich das intuitive Denken selbst heraus, was es braucht. Was es nicht aufnimmt, ist auch nicht wirklich wichtig. Gewöhnung, ja sogar Abstumpfung gegenüber dem Elend, das unsere Bildschirme zeigen, ist nichts Negatives, sondern ein notwendiger Schutz des sich selbst organisierenden Systems vor übermächtigen Einflüssen, die das System aus dem notwendigen, ordnenden Gleichgewicht bringen und letztlich zerstören könnten. Das Gewicht der Sachverhalte, gegen deren Übergewicht sich das System wehrt, wird dadurch nicht gemindert, sondern auf ein Maß zurückgeführt, das den vernünftigen Umgang mit ihnen gestattet. Wer die Medien unverkrampft und ohne Anstrengung behandelt, wird am Ende nicht zu Tode erschöpft sein, sondern als ein besser informierter, urteilsfähigerer und zu gutem Handeln eher befähigter Mensch dastehen als jemand, der sich den Medien verschließt. Man darf natürlich nicht ihrem Zauber verfallen und ihrer Verführung erliegen, sondern muss sie als das betrachten, was sie sind: Leben aus zweiter Hand. - Ich werde auf die Bewältigung der Informationsflut im nächsten Abschnitt zurückkommen, wenn es um das Meistern komplexer Systeme geht. Möglichst viele Informationen in Akten, Dateien und Bibliotheken zu sammeln, zu klassifizieren und zu verwalten, ist nicht die Aufgabe des einzelnen. Auch kein Staat, nicht einmal eine Weltmacht, wären dazu imstande, allenfalls eine globale Zentralbibliothek oder vielleicht eine Art Weiterentwicklung des Internets. Sinn hat es aber nur, wenn Suchmaschinen erfunden würden, mit deren Hilfe man alles wieder finden könnte, was zu einem bestimmten Thema jemals gesagt, getan und aufgezeichnet worden ist. Unauffindbare Informationen sind verloren, mögen sie auch bis in alle Ewigkeit gespeichert sein. Leicht auffindbare Informationen hingegen sind für die Ökonomie der Wissenschaft von unschätzbarem Wert, weil Wissenschaftler da weiterdenken können, wo andere aufgehört haben, und das Rad nicht immer wieder neu erfinden müssen. Das Gewissen ist sittliche Intuition Ich gestehe, dass ich mich lange gescheut habe, den Schritt zu tun, den ich nun folgen lasse. Dagegen zögere ich nicht einen Augenblick zu bekennen, dass ich von allen Wundern, die es auf Erden und unter den Sternen gibt, keines mehr bewundere, als unser Gewissen. Religiöse Menschen haben allen Grund, es die Stimme Gottes zu nennen. Dennoch ist es etwas ganz Natürliches. Man sollte es nicht mystifizieren, sonst könnte man glauben, es sei eine Erfindung der Theologen, was es, weiß Gott, nicht ist. Theologen sollten mich nicht deswegen tadeln. Wenn man etwas Wunderbares nicht erklären kann, was ist dann leichter: per Knopfdruck einen allmächtigen deus ex machina zu bemühen, der selbstverständlich auch das Unmöglichste möglich macht und mich so aller Mühen enthebt, oder ist es leichter zu zeigen, auf wie unendlich großartige Weise Gott zu uns spricht? Was könnte die Größe Gottes sinnfälliger machen: das gewaltige Geschehen der Evolution oder die ehrwürdige Erzählung der Genesis, wonach Gott den Menschen aus Erde formte und ihm den Odem einhauchte? Zudem: Ist die Schöpfung des Menschen aus Materie durch die Evolution nicht wortwörtlich das, was die Genesis, wenn auch mit anderen, ihrer Zeit angemessenen Worten sagt? Und wenn der Mensch aus materiellem Leib und geistiger Seele bestehen soll, ist das nicht vollkommen vereinbar mit meiner Ansicht, dass die Fähigkeit, auf ferner Systemebene ein Wesen wie den Menschen zu bilden, schon den Urelementen gegeben sein muss? Genug. Ich bin nicht befugt, eine theologische Abhandlung zu schreiben, und habe auch nicht die Absicht. Nur möchte ich nicht, wie zu befürchten, von übereifrigen Theologen abgekanzelt werden und dadurch ins Abseits geraten. Doch nun zur Sache. Niemand hat das Recht, etwas Unmögliches zu verlangen. Das Sittengebot, das vom Menschen verlangt: "Tu das Gute und lass das Schlechte!" wäre unsinnig, wenn es dem Menschen unmöglich wäre herauszufinden, was gut oder schlecht denn sei. Der Verweis auf die zahllosen Vorschriften, die von Berufenen und weniger Berufenen ausgegeben werden, bietet Steine statt Brot. Gott selbst hat sich wohlweislich auf den Dekalog und das Gebot, Gott und die Menschen zu lieben, beschränkt und damit weiten Raum für Auslegungsfragen gelassen. Vorschriften können es also nicht sein, was die Sittlichkeit ausmacht. Das wird später in dieser Schrift noch klarer gesagt werden. Und das universale Optimierungsproblem, dessen Lösung die Frage nach gut und schlecht letztgültig beantworten könnte, ist so komplex und filigran, dass es noch so viele Vorschriften nicht mit Leben erfüllen können. Trotzdem muss es uns leiten, weil es jeder andere Leitstern alsbald der Beliebigkeit anheim fiele. Die Komplexität des universalen Optimierungsproblems spiegelt die Komplexität des Sittengebots. Wie im vorigen Abschnitt dargelegt, spiegelt das intuitive Denken die Komplexität der Welt, in der das universale Optimierungsproblem angesiedelt ist. Folglich ist das intuitive Denken das Instrument, das es uns möglich macht, das Sittengebot zu erfüllen. Doch mit Denken allein ist es nicht getan. Das universale Optimierungsproblem ist ja auf die Maximierung der Freude im Universum gerichtet. Freude aber ist Sache des Fühlens. Um zu wissen, was gut ist, müssen wir also denken und fühlen zugleich. Genau das ist es, was den Menschen ausmacht: Das gleichzeitig denkende und fühlende Bewusstsein. Erkennen und Fühlen sind in uns untrennbar verbunden. Wir denken fühlend und fühlen denkend. Nahezu alle Lebensäußerungen, nicht nur von Menschen, sind von Gefühlen begleitet. Alle sind von verschiedenster Qualität, doch alle lassen sich zwei entgegengesetzten Kategorien zuordnen: gute und schlechte. Gute Gefühle sind die, nach denen wir streben, schlechte sind solche, die wir fliehen. Da wir nach Freude streben, sind gute Gefühle die, welche zum Spektrum der Freude gehören, weil sie angenehm, wohltuend, schön, stärkend oder Leben fördernd sind. Schlechte Gefühle sind unangenehm, schmerzhaft, traurig, hässlich, schwächend oder lebensfeindlich. Freilich sind, wie immer und überall im Leben, Gutes und Schlechtes untrennbar miteinander verbunden, doch daraus ergibt sich ja die Komplexität des universalen Optimierungsproblems, nach dem Gutes und unvermeidbar Schlechtes so gemischt werden müssen, dass ein Höchstmaß an Freude zustande kommt. Somit sind Gefühle die Grundlage jeder Bewertung. Sie selbst bedürfen keiner Bewertung. Sie sind Gegebenheiten wie alles, was wir in dieser Welt vorfinden. Sie sind einfach da oder einfach: Sie sind. Fühlen ist eine Eigenschaft des Seins lebender Wesen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass Maschinen, neuronale Netzwerke etwa, jemals fühlen werden. Kybernetische Regelwerke können zwar auf Reize reagieren, zum Beispiel der Thermostat an der Heizung. Sein Hauptbestandteil ist der Fühler oder Sensor. Der Ausdruck "Fühler" lässt an Gefühl denken, aber er fühlt nicht, sondern misst nur. Genauer: Er verändert sich so, dass wir an seiner Veränderung das Maß der Wärme erkennen können. Er dreht die Heizung nicht auf, weil er fühlt, dass Wärme gut ist, sondern nur, weil er von Menschen so eingestellt ist, dass er die Wärme auf angenehme Weise dosiert. Gewiss kann sich kein Mensch in einen Sensor oder irgendein anderes Maschinenwesen hineindenken. Dass Maschinen nichts fühlen, ist eine Hypothese, die sich auf die Erfahrung stützt, dass Ähnliches unter ähnlichen Bedingungen ähnlich verhält. Vergleicht man ein lebendes Wesen mit einer Maschine, so fällt ein so schwerwiegender Unterschied auf, dass eine Ähnlichkeit im Fühlen äußerst unwahrscheinlich ist: In lebenden Wesen sind alle Zellen und mit ihnen ihre Moleküle auf unvergleichlich komplexe Weise mit allen anderen verbunden. Folgt man dem Grundsatz, dass die Fähigkeit der Materie, auf hoher Systemebene Leben, Fühlen, ja Geist zu ermöglichen, schon in den Urelementen grundgelegt sein muss, so kann man annehmen, dass die Fähigkeiten der einzelnen Elemente in hochkomplexer Verknüpfung zusammenfließen, so als ob man mehrere brennende Kerzen mit ihren Dochten nahe aneinander hielte, damit sich ihre Flammen zu einer einzigen vereinen. Womöglich könnte dieses Bild die Grundlage einer Theorie der Entstehung von Bewusstsein, Gefühl und menschlicher Sinneserkenntnis überhaupt bilden. Bei so genannter toter Materie fehlt diese komplexe Verknüpfung. Hier ist vielmehr ein bloßes, wenn auch geordnetes Nebeneinander gegeben, wie beispielsweise in den Kristallen. Verknüpfungen gibt es nur unter benachbarten Molekülen, nicht aber, wie in lebenden Wesen, unter entfernt liegenden Elementen. Auch Maschinen sind tote Materie. Ihre Bestandteile sind nicht natürlich zu einem unteilbaren Ganzen zusammengewachsen. Vielmehr hat der Mensch sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang in der Natur herausgebrochen und sie nach einem in Gedanken geplanten Modell zusammengefügt. Maschinen funktionieren nicht wie lebende Wesen in freier Selbstorganisation, sondern unter äußerem Zwang. Die gegenseitigen Beschränkungen, die einer Maschine ihre geordneten Bewegungsabläufe aufzwingen, entsprechen den Modellvorstellungen des Konstrukteurs und ergeben sich nicht aus der freien Konkurrenz im natürlichen Spiel der Kräfte. Maschinen sind und bleiben vom begrifflichen Denken gezeugte Geschöpfe aus toter Materie. Die Ordnung ihrer Bestandteile ist - aus der Perspektive der Urelemente - ein zufälliges Nebeneinander ohne die komplexen Beziehungen, die alle lebenden Systeme zu einem unteilbaren Ganzen fügen. Die Flamme des Lebens kann sich in ihnen nicht entzünden. Darum können Maschinen weder fühlen noch denken. Bei einer Organtransplantation genügt es nicht, dass der Chirurg das Ersatzorganisation in den Körper des Empfängers einfügt. Vielmehr muss der Organismus selbst das Organ annehmen und es in das komplexe Beziehungsgeflecht seiner zahllosen Elemente einbinden. Da dies von selbst, das heißt durch Selbstorganisation, geschieht, scheint es dem naiven Betrachter, als sei wie bei einer Maschine lediglich ein Ersatzteil ausgetauscht worden. Gelänge es, Gehirne oder Teile davon zu transplantieren, müsste man nach meiner Einschätzung damit rechnen, dass ein gewaltiger Wirrwarr im Bewusstsein des Empfängers entstände, weil sich die im Nervensystem abgelagerten Informationskomplexe des Transplantats dann mit den im ursprünglichen Körper verbliebenen vernetzen müssen. Wenn hier wie selbstverständlich allen lebenden Wesen, wenigstens im Prinzip, Gefühle zugetraut werden, so beruht das auf dem Prinzip, dass sich ähnliche Systeme unter ähnlichen Bedingungen ähnlich verhalten. Da ich von der Hypothese ausgehe, dass schon den Urelementen die Fähigkeit, Leben, ja Geist zu entwickeln, gegeben sein muss, folgt daraus, dass sich ähnlich komplexe Wesen in den Lebensfunktionen, deren typischste offenbar das Fühlen ist, nach Maßgabe ihrer Ähnlichkeit ähneln. Die Sonderstellung des Menschen ergibt sich aus seiner Fähigkeit, den Reiz-Reaktions-Prozess von der Ebene der biologischen Realität auf die Ebene des Denkens umzuleiten und zu bearbeiten, bevor er ihn wieder auf die Ebene der Realität entlässt. Ganz wohl ist mir angesichts der Frage, ob der Hirntod des Menschen den Beginn der Explantationsfrist bestimmen dürfe, dennoch nicht. Die komplexen Beziehungen der Elemente im Körper des Hirntoten sind sicher noch nicht gelöst. Beispielsweise Haare und Nägel wachsen noch nach Tagen. Andererseits ist mit dem Erlöschen der Hirnfunktionen das spezifisch Menschliche an sein natürliches Ende gelangt. Auch das Schmerzbewusstsein dürfte wohl ausgeschaltet sein, weil die Reizweiterleitung die Zentrale wahrscheinlich nicht mehr erreicht. Dafür spricht, dass schon bei weniger dramatischen Anlässen als dem Hirntod die Schmerzempfindung unterdrückt ist, etwa bei der Anästhesie, oder herabgesetzt ist wie bei Hypnose, Ohnmacht oder Schlaf. Letzte Zweifel indessen bleiben. Die Fähigkeit nun, denkend zu fühlen und fühlend zu denken, ist die Grundlage des Gewissens. Auch die mit Gefühlen verwobenen intuitiven Fähigkeiten sind Denken, das heißt, sie erschöpfen sich nicht in Verarbeiten der gegenwärtigen Wahrnehmungen, sondern operieren zusätzlich auf der Grundlage der im Nervensystem überlagerten Informationskomplexe, und zwar aller, auch der unbewussten. Wir können uns auf der Ebene des Denkens - oder vielleicht besser im Informationsraum des intuitiven Denkens - frei bewegen. Wir können unsere Aufmerksamkeit bestimmten Teilen des Raums zuwenden und den Raum aus den verschiedensten Perspektiven betrachten. Vor allem können wir uns selbst mit den Augen anderer Menschen sehen. Wir können uns in andere hineinversetzen und fühlen, wie andere unser Handeln wahrnehmen und empfinden. Wir können uns ein Bild davon machen, wie es wäre, wenn alle so handelten wie wir: Das ist die Grundlage, auf der wir unsere Maximen am kategorischen Imperativ messen können. Es ist damit zugleich die Grundlage der Goldenen Regel der Moral, nämlich des Gegenseitigkeitsprinzips: Wie ich selbst behandelt werden will, so werde ich auch die anderen behandeln. All dieses überschauen wir quasi auf einen Blick, und das Gefühl, das sich dabei einstellt, ist die lebendige, ganzheitliche Reaktion unseres Bewusstseins auf die Vorstellung dessen, was wir uns anschicken zu tun. Wir erkennen Einzelheiten und fühlen das Ganze. Das Fühlen schätzt blitzschnell den Wert des Integrals aus den schier unendlich vielen Komponenten der Situation sowohl in der uns umgebenden Welt als auch in uns selbst. Für das Fühlen spielt es dabei keine Rolle, ob die Gedächtnisinhalte ober- oder unterhalb des wachen Bewusstseins liegen. Die Integration des Werts geht so schnell vor sich, dass unser begriffliches Denken keine Zeit hat, in den Integrationsprozess einzugreifen und ihn zu verfälschen. Hat das Gewissen seinen Spruch gefällt, hält es unverrückbar an seiner Bewertung fest. Es rastet förmlich ein und lässt sich durch keinerlei Rechtfertigungsargumente von der Stelle bewegen. Nur neue Tatsachen können es zu einer Revision veranlassen, dann aber auch ebenso gründlich wie beim ursprünglichen Urteil. Alle Ausreden, die uns einfallen, um unbequeme Gewissensurteile außer Kraft zu setzen, können es nicht beeindrucken. Ja die Notwendigkeit, uns vor uns selbst und anderen rechtfertigen zu müssen, beweist die Unbestechlichkeit des Gewissens. Wenn es im Menschen überhaupt etwas Objektives gibt, dann ist es ganz sicher das Gewissen. Objektiver als sein Gewissen kann ein Mensch nicht sein. Freilich ist auch das Gewissen nicht unfehlbar. Von drei Seiten droht
die Gefahr des Irrtums: erstens von den Mängeln des im Informationsraum
des Nervensystems gespeicherten Tatsachenwissens, zweitens aus der Richtung
irrationaler Emotionen oder selbstsüchtiger Regungen, und drittens
seitens der Bequemlichkeit und Begehrlichkeit des Menschen, der sich bemüht,
die Widerstände des Gewissens gegen seine Pläne wegzudiskutieren.
Doch diese Schwierigkeiten sind bei etwas gutem Willen lösbar. Es
ist eine Frage der "Gewissensbildung". Nicht etwa in dem Sinne, als ob
man das Gewissen mit den richtigen Maßstäbe gewissermaßen
eichen müsse: Das Gewissen wäre nicht es selbst, wenn man ihm
Maßstäbe setzen müsste. Es ist der Maßstab, wenn
auch allein für seinen Inhaber selbst und niemand anderen sonst.
So ist das Gewissen die einzige Möglichkeit, dem Konzept der universalen
Optimierung gerecht zu werden. Fehler sind dabei unvermeidlich, das bedarf
keiner Frage. Aber für den geschichtlichen Prozess, in dem die Menschheit
sich dem universalen Optimum anzunähern strebt, ist das Gewissen der
einzige Kompass, der den einzelnen zu leiten vermag. Auf den einzelnen
aber kommt es an, denn er und nur er ist das Element, dessen Verhalten
die Strukturen und die Entwicklung des ganzen Systems bestimmt. Auf völlige
Irrtumsfreiheit kommt es nicht an: Es genügt, wenn die Hauptrichtung
stimmt. Dann würde die Drift der einzelnen Elemente hin zum Guten
ein mächtiger Strom. Hielten sich alle Menschen allein an ihr Gewissen,
brauchte man kein Gesetz. Aber wenn das Gewissen machtlos ist, dann sind
es auch die Gesetze, denn wer seinem Gewissen nicht folgt, der folgt auch
keinem Gesetz. Das Problem der Sittlichkeit ist nicht die Frage, was gut
oder schlecht und was falsch oder richtig sei. Das weiß jeder Mensch
ganz genau. Das Problem der Sittlichkeit ist vielmehr, dass sich der Mensch
dem Guten verweigert: Das ist das Böse, genau das und nichts anderes.
Darum ist das tiefste Problem der Ethik nicht die Frage nach gut und schlecht,
sondern das Böse.
Das Gewissen allein kann die komplexe sittliche Aufgabe in hinreichender Näherung lösen Auf den ersten Blick scheint es mehr als gewagt, ja geradezu tollkühn, die ganze Moral und damit letztlich das Wohl der ganzen Menschheit, darüber hinaus letzen Endes sogar des ganzen Universums dem Gewissen jedes einzelnen Menschen zu überantworten. Statt jetzt zu argumentieren, soll an einige Tatsachen erinnert werden, auf denen die These gründet. Das Hauptproblem der Moral sind nicht die Normen, sondern das Böse: die Tatsache nämlich, dass der Mensch sich weder an das Sittengesetz, noch an die Normen noch an das Gewissen hält. Wer nicht seinem Gewissen folgt, der folgt auch keinem Gesetz, es sei denn, er wird dazu gezwungen oder gelockt. Das Problem mit dem Gewissen ist nicht das unverfälschte Gewissen als solches, sondern das, was der Mensch als Gewissen vorschützt. Nie lügt der Mensch unverschämter als dann, wenn er von seinem Gewissen spricht, weil das Gewissen seinen selbstsüchtigen Wünschen im Weg steht. Wenn der Mensch erst anfängt, über den Spruch des Gewissens nachzudenken - im selben Augenblick beginnt er, nach Gründen zu suchen, mit denen er seinen Ungehorsam rechtfertigen kann. Das unverfälschte Gewissen als sittliche Intuition ist etwas ganz und gar Ursprüngliches, das weder der Belehrung noch der Erziehung bedarf. Gewissensbildung ist nicht etwa, wie es besonders Moraltheologen fordern, das Ausrichten oder Eichen des Gewissens an "richtigen" Normen, denn das führt geradeswegs in die Beliebigkeit der Moral, nämlich in die Willkürherrschaft derer, die sich anmaßen, das Gewissen "bilden" zu dürfen. Der Mensch bedarf zwar der Gewissensbildung, aber Gewissensbildung, die der himmelhohen Würde des Gewissens gerecht wird, kann einzig und allein heißen, dem Menschen begreiflich zu machen, dass diese unbequeme Stimme in seinem tiefsten Innern das Gewissen ist und dass er dieser Stimme unter allen Umständen zu folgen hat, sogar dann, wenn es von Menschen gemachte Normen verbieten oder wenn das Gewissen irrt. Das Gewissen ist das letzte, unerschütterliche Bollwerk gegen Tyrannei und Gewaltherrschaft. Das Gewissen kann auch irren, doch nur dann, wenn es von falschen Voraussetzungen ausgeht. Darum ist es unmoralisch, Menschen zu belügen oder die volle Wahrheit vorzuenthalten, aber auch, die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen oder in selbstgewählter Unwissenheit zu verharren. Darum ist das zweite Hauptproblem der Moral das Problem mit der Wahrheit. Wenn man sich jetzt, in diesem Augenblick, alles vergegenwärtigt, was bisher über die schier unendliche Komplexität der Welt, über die Logik der Geschichte als Logik der Realität, über die nahezu vollkommene Unsicherheit aller unserer Entscheidungen im Hinblick auf das universale Optimierungsproblem gesagt wurde, dann leuchtet unmittelbar ein, wie hoffnungslos wir im Dunkeln tappen. Bilden wir uns da etwa ein, wir könnten mit unserer Wissenschaft größere Gewissheit erschaffen, als sie das Gewissen besitzt? Das Gewissen ist wie die Welt selbst, es ist nach demselben Prinzip entstanden und ebenso komplex wie sie, es spiegelt die Welt und fühlt wie das Leben. Es ist zur Welt isomorph. Die Fehlertoleranz der Selbstorganisation in der Welt ist größer als alle Fehler eines irrendes Gewissens Gäbe es das Problem des Bösen nicht, folgte der Mensch also immer den Weisungen seines Gewissens, brauchten wir keine Sorge um den Bestand der menschlichen Art und ihre Entwicklung zum Guten hin zu haben. Die selbstordnenden Kräfte der Welt und des Lebens, durch die wir und alles, was vor uns entstanden ist, geschaffen wurde, haben alles ohne unser Zutun hervorgebracht. Hätte der Mensch nicht die Freiheit, das Reiz-Reaktionsschema zu durchbrechen und sein Handeln auf der Ebene des Denkens zu planen, wäre das Gewissen Teil unserer biologischen Ausstattung. Auch die Grundlage des Gewissens ist im Lauf der Evolution gewachsen, das heißt, es ist in unseren tierischen Mitgeschöpfen bereits vorgebildet. Doch erst mit dem Aufscheinen des Denkens im Menschen wird die biologische Grundlage zum Gewissen als moralische Richtschnur. Das Gewissen verkörpert aufgrund seiner Entstehung sozusagen den Stand der Entwicklung (state of the art, Standard) der Natur. Es ist Teil des selbstorganisierenden Systems Welt und unterliegt somit dessen "Logik". Das Gewissen nimmt an der im System liegenden Unbestimmtheit teil und damit an der Möglichkeit, ein Verhalten zu zeigen, das nach den Maßstäben konstruktiven Denkens fehlerhaft ist und deshalb Umwege geht oder Schäden herbeiführt. Doch alle Schäden durch ein irrendes Gewissen, seien sie auch noch so katastrophal, können mithin nicht größer sein als die, mit denen wir als Bewohner dieses Universums ohnehin rechnen müssen. Mit anderen Worten: die Schäden durch ein irrendes Gewissen haben eine natürliche Grenze. Der Schaden hingegen, den der Mensch mit Hilfe seines Denkens anzurichten vermag, ist auf kein natürliches Maß beschränkt. Wie groß der Schaden ist, hängt in keiner Weise davon ab, ob das geplante Fehlverhalten im bösen Willen oder in einem Irrtum wurzelt. Wenn man das bedenkt und es vor dem Hintergrund der ganzen Fragwürdigkeit unseres Wissens betrachtet, begreift man unmittelbar, dass es im Zweifel besser ist, der Weisheit der Natur und ihren selbstordnenden Kräften, zu denen auch das Gewissen gehört, zu vertrauen - als menschlichem Denken und den von ihm gesetzten Normen. Was die Natur zerbricht, macht sie irgendwie wieder gut, aber was der Mensch anrichtet, ist möglicherweise nicht mehr zu beheben. Darum ist es besser, im Fall der Unsicherheit dem irrenden Gewissen zu folgen als ihm widersprechenden Normen, von denen man auch nicht weiß, ob sie richtig sind. Wie schön wäre die Welt, wenn alle ihrem Gewissen folgten, auch wenn es irrt. Sein Gewissen allein vermag die persönliche Entscheidungssituation eines Menschen richtig zu bewerten Das Gewissen besitzt etwas, das über alle Zeiten und Räume hinweg einmalig ist wie sein Inhaber: Es vereint die Welt außerhalb des Menschen und das Universum in seinem Innern. Jeder Mensch ist ein Universum für sich, ebenso komplex wie weiträumig. Die ganze Welt bis an ihre äußersten Grenzen aßt hinein und füllt es trotzdem noch lange nicht. Da das Gewissen eines Menschen absolut einmalig ist, kann kein anderer beanspruchen, besser zu urteilen als dieses. Niemand kann das Innere eines Menschen so gut kennen wie sein Gewissen, und deshalb sieht ein anderer bestenfalls die äußere Hälfte. Daraus folgt zwingend und unumstößlich der Satz: Die höchste Instanz im Menschen ist sein Gewissen - aber nur für ihn und niemand anderen sonst. Man mag einwenden, das möge richtig sein, wenn es sich um die kleinen Dinge des täglichen Lebens handelt. Wie aber, wenn es um epochale Entscheidungen geht, etwa für oder gegen die Nuklearenergie, die Gentechnik oder das Internet? Doch auch dann gilt immer das gleiche: Jeder, der auf die Entwicklung Einfluss hat, muss tun, was ihm sein Gewissen gebietet. Niemand weiß im voraus, wohin die Entwicklung führen wird, niemand, kein wissenschaftliches Gremium, keine politische Partei, kein Philosoph, kein Theologe und kein Moralist. Es herrscht vollständige Unsicherheit; jede voreilige Festlegung birgt die Gefahr von Fehlentwicklungen. Wer weiß, ob in ferner Zukunft das, was heute verteufelt wird, nicht die Rettung aus tödlicher Not sein könnte? Gewiss hängt die richtige Entscheidung vom richtigen Wissen ab, darum ist das Wort der Experten wichtig. Doch auch im Bereich der Wissenschaft gibt es viel Irreführendes, vor allem gibt es Halbwahrheiten, die gefährlichsten aller Lügen, denn sie lassen sich beweisen. Zumal von der Politik her droht Gefahr: Wissenschaftliche Halbwahrheiten lassen sich exzellent zur Volksverdummung missbrauchen. Oft haben die, welche am heftigsten agitieren, die wenigsten Kenntnisse, denn nichts fördert die Bildung einer eigenen Meinung mehr als mangelnde Sachkenntnis. Maßgebend kann daher im letzten nur sein, was die Lebensqualität, was Freud und Leid jedes Menschen berührt. Und das kann das Gewissen jedes einzelnen zu gegebener Zeit - wenn die konkrete Entscheidung für den nächsten Schritt im Entwicklungsprozess ansteht und nicht die Frage, welches Zukunftsmodell der Weltverbesserer den Vorzug verdient - durchaus sicher beurteilen. Sein Gewissensurteil gilt nur für den Menschen selbst und für niemand anderen sonst Niemand hat also das Recht, sein eigenes Gewissen zum Maßstab und Richter über das Gewissen des anderen zu machen. Also hat auch niemand, kein Gesetzgeber, kein König, kein Kaiser und kein Papst das Recht, irgendeinen Menschen moralisch zu verurteilen. Damit schließt sich der Kreis: Wir sind wieder beim Problem des Bösen angelangt. Gäbe es dieses Problem nicht, weil jeder bedingungslos seinem Gewissen folgte, wären alle sittlichen Normen und Gesetze überflüssig. Dann brauchten wir nur solche Gesetze, die das tatsächliche menschliche Handeln organisieren. Da aber jeder Mensch dazu neigt, dem Auftrag seines Gewissens zuwider zu handeln und damit andere zu schädigen, zu behindern oder zu belästigen, brauchen wir Gesetze, mit denen wir den Schutz der menschlichen Gesellschaft vor den Übergriffen böswilliger Menschen und Gruppen organisieren. Damit möglichst klar und eindeutig entschieden werden kann, wann und wie jemand in seine Schranken gewiesen oder bestraft werden muss, sind Gesetze nötig, die den Regeln entsprechen, die das Gewissen den einzelnen Menschen vorgibt. Doch diese Aufgabe ähnelt der Quadratur des Kreises; sie ist unlösbar. Indes, wie wir schon gesehen haben: Es gibt keine unlösbaren Probleme, wenn wir die Lösung nicht kleinlich mathematisch, sondern menschlich praktisch als zufrieden stellende Lösung eines Optimierungsproblems sehen. Es genügt deshalb vollkommen, wenn alle mit der Lösung leben können. Die Gesetze sollten sich möglichst nahe an die Gewissensregeln anlehnen, dem Menschen in komplexen Fällen genügend Freiheit zu sittlichem Handeln lassen und möglichst von allen, zumindest von der Mehrheit anerkannt werden. Diese Maxime entspricht auch den Regeln der Demokratie. Ein möglicher Widerspruch muss hier noch ausgeräumt werden: Wenn unser Gewissen kein Maßstab für die Beurteilung anderer sein kann, wie sollen wir dann überhaupt beurteilen können, was gut für andere, für die Menschheit, ja für das ganze Universum ist? Der Widerspruch löst sich auf, wenn man den grundlegenden Unterschied zwischen beiden Angelegenheiten beachtet: Im ersten Fall geht es um das Handeln eines anderen, im zweiten um den Maßstab für das eigene. Jemand anderen zu be- oder verurteilen, steht uns nicht zu, weil wir ihm nicht gerecht werden können. Beim eigenen Handeln steht uns kein besserer Maßstab zur Verfügung. Wir müssen und können nur handeln, so gut es geht, wenn es auch unvollkommen geschieht. Das gilt auch für den Fall, dass wir versuchen, anderen Gutes zu tun. Da alle in ihrem Wesen als sittliche Subjekte absolut gleich sind, aber wegen der gänzlich verschiedenen Persönlichkeiten niemand genau weiß, was für den anderen gut oder schlecht ist, sind Fehler unausbleiblich, aber man muss sie hinnehmen, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Damit der Fehler möglichst klein wird, gilt es, nicht einem anderen das zuzumessen, was man für sich selbst als gut erkennt, sondern dem anderen diejenige Freiheit zu verschaffen, die ihm die Wahl dessen erlaubt, was der andere für sich als gut erkennt. Vor allem muss er die Freiheit zum sittlichen Handeln haben. Hilfe gerät leicht zur Bevormundung. Man kann einem anderen bestenfalls raten, aber entscheiden muss er. Nichts ist eben vollkommen. Es gibt in dieser krummen Welt nicht viel Gerades, darum sollten wir nicht versuchen, alles gerade zu biegen, sonst könnten wir das wenige Gerade auch noch verbiegen. Wir sollten nie auch nur wollen, die ideale Welt zu konstruieren, denn das endet im Kampf aller gegen alle, weil jeder seine eigenen Vorstellungen davon hat. Wir sollten nur immer daran denken: Gesetze sind nur ein Notbehelf. Die Demokratie ist es auch. Moral besteht allein darin, seinem Gewissen zu folgen. Nur mit Hilfe der Selbstorganisation meistern wir die Zukunft Die unerhörten Herausforderungen, die wir mit dem dritten Jahrtausend auf uns zukommen sehen, sind großenteils Folgen unseres unbezähmbaren Dranges, alles und jeden zu kontrollieren. Das gilt im Bereich Natur und Technik ebenso wie im Bereich Mensch und Gesellschaft. Jeder neue Eingriff in die gewachsene Natur zieht die Notwendigkeit weiterer Eingriffe nach sich, und jede Vorschrift erzeugt neuen Regelungsbedarf. Der Prozess verstärkt sich selbst und endet damit, dass unsere Kräfte wie unser Wohlstand erstens durch den Kampf mit einer lebensfeindlichen - weil zerstörten - Umwelt und zweitens durch eine alles überwuchernde Bürokratie restlos verzehrt werden, sofern wir den Prozess nicht erkennen und aufhalten. Für Kultur und Lebensfreude bleibt sonst nichts mehr übrig. Das Erschreckendste dabei ist, dass gerade die Umweltschützer in ihrem Eifer die größten Umweltzerstörer in gesellschaftlicher Hinsicht zu werden drohen, wenn sie die Missstände, die sie mit Recht beklagen, durch eine allmächtige Bürokratie beseitigen wollen. Die meisten von uns haben längst erkannt, was im Bereich Natur und Technik geschehen muss, aber die wenigsten begreifen, dass im Bereich Mensch und Gesellschaft ein ähnlicher Zerstörungsprozess wie in der Umwelt wütet. Um eine Gesellschaft unter Bedingungen, wie sie sich schon für die nahe Zukunft abzeichnen, gebührend durchzuorganisieren, durchzurationalisieren und durchzuregulieren, wäre ein gigantischer Verwaltungsapparat vonnöten. Schon heute wächst die Zahl der Gesetze in einem modernen Staat unaufhaltsam. Die neuen Gesetze zählen Jahr für Jahr nach Hunderten und die in ihnen verpackten Paragraphen nach Myriaden. Wenn jemals ein Gesetz ersatzlos aufgehoben würde, so wäre das eine Nachricht von höchstem Informationswert. Man kann in Deutschland jetzt schon vor lauter Vorschriften kaum noch vernünftig handeln. Mit jeder neuen Vorschrift erhebt sich ein Rattenschwanz von Streitpunkten und Zweifelsfragen. Es dauert Jahre, bis sie durch Verwaltungsvorschriften und höchstrichterliche Rechtsprechung einigermaßen geklärt sind. Zum Beispiel fürchtet jeder Steuerberater nichts mehr als Steuervereinfachungen. Statt Vereinfachungen bringen sie Komplikationen; zumindest muss man über Jahre hinweg die dreifache Menge Vorschriften beachten, nämlich altes Recht, neues Recht und Übergangsrecht. Die Bürokraten in den Behörden erfahren so trotz aller demokratischen Vorsichtsmaßnahmen einen Zuwachs ohnegleichen an unkontrollierter Macht. Die gerissenen unter ihnen nutzen diese Macht schamlos zum eigenen Vorteil aus und die verantwortungsbewussten sind überfordert, weil die ihnen zugemessenen Aufgaben ihre Mittel und Möglichkeiten übersteigen. Am Ende verschlingen die Kosten der Bürokratie die letzten Reste des kümmerlichen Volkseinkommens, das in einer zerstörten Umwelt noch übrig bleibt. Selbstorganisation geht vor Konstruktion Selbstverständlich gibt es kein Patentrezept, um den Konflikt zwischen der Erhaltung selbstregulierender Systeme und notwendiger Reglementierung beizulegen. Es bleibt immer ein schwieriger Balanceakt. Alles und jeden sich selbst zu überlassen, kann selbstverständlich keine Lösung sein. Vielmehr heißt es umdenken: Es gilt, Selbstorganisation vor Konstruktion gehen zu lassen. Wer den Einsatz technischer Eingriffe oder die Einführung neuer Vorschriften plant, muss ihre Notwendigkeit beweisen. Wenn bisher zum Beispiel jede naturgegebene Unbequemlichkeit ohne Bedacht mit massivem Einsatz technischer und finanzieller Mittel beseitigt wurde, ohne zu bedenken, dass jede technische Maßnahme einen Pfahl im lebendigen Fleisch der Umwelt bedeutet und deshalb zumindest neue Unbequemlichkeiten, wenn nicht Schlimmeres nach sich zieht. Oder wenn bisher jeder vermeintliche Missstand mit neuen Vorschriften und neuen Ausführungs- und Kontrollbehörden angegangen wurde, so gilt es künftig zuallererst darüber nachzudenken, welche Vorschrift die Unzuträglichkeiten herbeigeführt haben könnte und ob nicht schon die Aufhebung der Vorschrift die Probleme löst, weil dann die allgemeine Norm zum Greifen kommt und flexibleres Verhalten erlaubt. Erst wenn sich zeigt, dass die Aufhebung der besonderen Norm keine Besserung bringt, sollte man an neue Vorschriften denken. Doch dieses Umdenken ist wohl die größte Herausforderung an den Menschen von heute, der unentwegt an die Machbarkeit aller Dinge und daran glaubt, das Gute lasse sich nur mit der Macht der Gesetze durchsetzen, notfalls sogar mit Gewalt. Das Thema Notwendigkeit der Gesetze und deren Grenzen werden deshalb den folgenden Hauptabschnitt beherrschen. Selbst im größten "Chaos" herrscht Ordnung Einstweilen soll davon die Rede sein, wie sehr unser ganzes Dasein von Selbstorganisation getragen und bestimmt wird. Wir sollten uns stets vor Augen halten, dass wir Glieder eines unteilbaren Ganzen sind. Nur in ihm kann sich der Geist entfalten. Wir tun aber so, als hätte uns nicht die Natur hervorgebracht, sondern wir lebten von eigenen Gnaden. Unsere Überheblichkeit lässt uns glauben, wir seien klüger als die Evolution. Sie lässt uns vergessen, dass die Natur es ist, was uns trägt und erhält. Wir bilden uns ein, unser Verstand sei dazu bestimmt, diese - wie wir meinen - chaotische Welt endlich vernünftig zu ordnen. In Wirklichkeit nutzen wir die Möglichkeiten der Selbstorganisation in einem Maß, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind. Eines der komplexesten Systeme, die es gibt, ist unser Körper. Stellen wir uns vor, wir müssten jeden Herzschlag und jeden Atemzug bewusst anstoßen und die Synthese der zehntausend körpereigenen Substanzen in der Leber mit dem Rezeptbuch in der Hand überwachen! Wir hätten unser Leben lang keine Zeit, auch nur einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen, geschweige denn auszuführen. Der Mensch ist sicher viel mehr als ein Automat, aber die "Automatik" der Selbstorganisation unserer Natur verschafft uns erst die Freiheit, die uns zum geistigen oder zumindest geistähnlichen Wesen macht. Griffig zugespitzt: Freizeit durch Automation. Der vernünftiges Umgang mit unserem Körper kann uns besser als jedes andere Beispiel lehren, wie man die Möglichkeiten der Selbstorganisation komplexer Systeme nutzt. Folgende Systeme sind für die hier angestellten Überlegungen von Bedeutung:
Einige dieser Aussagen gelten auch für alle anderen Systeme, die im Universum vorkommen, denn alle Teilsysteme teilen die grundlegenden Eigenschaften des Universums. Wir können auf allen Ebenen der Systemhierarchie Selbstähnlichkeit bemerken, wie wir sie aus der Mathematik der Fraktale und der Chaosforschung kennen. Selbstähnlichkeit besagt, dass bei der Betrachtung selbstähnlicher Strukturen unter verschiedenen Vergrößerungsmaßstäben ähnliche Strukturen sichtbar werden, so dass es nicht möglich ist, von der Struktur auf den Maßstab zu schließen. Selbstähnliche Strukturen lassen sich durch ihre fraktale Dimension unterscheiden und beschreiben. Die ganze Welt ist voll von Selbstähnlichkeiten, sei es bei Pflanzen, Küstenlinien oder den Kursen einer Aktie. Diese Strukturen sind die Folgen des Zusammentreffens unzähliger Einflussgrößen, die alle zusammen eine Art "Gesetzmäßigkeit" ausdrücken. Vollkommen zufällige Prozesse gibt es in der Realität ebenso wenig wie vollkommen determinierte. Darum ist selbst im größten "Chaos" noch Ordnung. Die Kenntnis der Ordnungsparameter kann uns wertvolle Hinweise auf Störungen und Veränderungen liefern. Die Ordnung im Chaos ist unserem begrifflichen Denken freilich verborgen. Wir können sie mit raffinierten statistischen Verfahren (Standardabweichung, Hurt-Exponent u.s.w.) zwar nachweisen, aber nicht in ihre Bestandteile zerlegen. Ihre "Ursachen" sind so vielfältig und komplex, dass sie sich jeder Analyse und jeder gezielten Synthese entziehen. Wir können sie nicht nach unseren Wünschen handhaben. Darum fällt es vielen Wissenschaftlern schwer, diese Ordnung zum Gegenstand ernsthafter Bemühungen zu machen. Sie verweisen sie gern ins Reich der Märchen und Mythen. Die Wissenschaften, die sich mit den wichtigsten hochkomplexen, dynamischen und weitgehend selbstorganisierenden System befassen, wie zum Beispiel Psychologie, Soziologie, Teile der Medizin oder die Nationalökonomie, sind mehr vom Streben nach größtmöglicher Exaktheit im Sinne der Naturwissenschaften beherrscht als von Methoden, die der Komplexität ihrer Gegenstände angemessen sind. Diese Methoden benötigen die Begabung mit intuitiven Fähigkeiten, die es ermöglichen, im unüberschaubaren Fluss der Dinge dynamische Gestalten zu erkennen, die Hinweise auf künftige Fehlentwicklungen geben könnten. Ohne das Erkennen der Gestalt von Systemen lassen sich im übrigen auch nicht die "Gesetze" beschreiben, nach denen sie sich verhalten, denn die Gestalt geht dem Begriff voraus. Man kann zum Beispiel die Ursachen von Insektenschäden nur erforschen, wenn man die Morphologie der Insekten beherrscht. Ohne die Insekten zu kennen, kann man sie nicht bekämpfen. Nur das intuitive Denken ist, wie bereits dargelegt, imstande, große Informationsmengen gleichzeitig zu verarbeiten, wie es bei der Erkennung von komplexen Gestalt- und Verhaltensmustern nötig ist. Als Produkt der Selbstorganisation hat das intuitive Denken deren Eigenschaften buchstäblich ererbt. Es ist deshalb besser als jedes andere Werkzeug geeignet, die Probleme selbstorganisierender Systeme zu meistern. Zufall schafft Notwendigkeit Die für uns wichtigste Eigenschaft selbstorganisierender Systeme ist ihre Verlässlichkeit. Sie sind nicht willkürlich, sondern zufällig zustande gekommen. Zufällig in dem Sinne, dass kein Wille hinter ihrem Zustandekommen steht. Willkür und Zufall sind also Gegensätze. Zufall, nicht Willkür, erzeugt Notwendigkeit. Ja wenn es überhaupt ein Naturgesetz gibt, das in den Dingen liegt, dann ist es das Gesetz des Zufalls. Es sei daran erinnert, dass sich alle Dinge unaufhörlich in immer neuen Konfigurationen arrangieren, wobei Konfigurationen, die länger bestehen als andere, diejenigen von kürzerem Bestand verdrängen. In den langen Zeiträumen der Evolution haben sich nach diesem Prinzip zahlreiche Konfigurationen ergeben, die besonders beständig sind, weil nichts sie erschüttern konnte. Die Verlässlichkeit selbstorganisierender System ist indessen nicht von der Art, die ewig gleich und unverrückbar wie in Erz gegossen die Äonen überdauert. Sie ist auch nicht vor Katastrophen gefeit. Selbst Grund und Boden sind von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Fluten, Bränden oder Absturz von Himmelskörpern bedroht. Selbstorganisation ist vielmehr verletzbar und fließend, doch zugleich zäh und elastisch, so dass sie auch nach heftigen Störungen ihr Gleichgewicht und mit ihm ihre Beständigkeit wieder findet. Was ist es denn anderes als Selbstorganisation, was den Menschen siebzig, achtzig, ja hundert und mehr Jahre alt werden lässt, obwohl er ein in tausenderlei Ängsten und Gefahren frei schwebender Tropfen ist, der von den Membranen seiner Zellen zusammengehalten wird? Was ist es, was das Leben der meisten Menschen in zivilisierten Gesellschaften gelingen lässt, tausenderlei Schwächen, Fehler und Nachlässigkeiten ungeachtet? Weil wir den vielen zerstörenden Kräften zum Trotz entstanden sind, gibt es nicht viel, was uns etwas anhaben kann: Was uns nicht umbringt, macht uns stark. Und doch misstrauen wir dem stärksten Trumpf, den wir haben, weil wir ihn nicht verstehen. Um unsere Existenz zu sichern, wie wir meinen, neigen wir aus lauter Angst vor dem Unbegreiflichen dazu, das Fundament, das uns trägt, zu zerstören, indem wir die natürliche Selbstorganisation durch unsere technische Willkürherrschaft ersetzen. Dabei sollten wir sie doch hegen und pflegen.
Jedes Problem ist lösbar Wenn wir Selbstorganisation richtig nutzen, können wir jedes Problem lösen, wenn auch nicht "exakt", sondern praktisch. Exakte Lösungen gibt es nur in der Abstraktion, absolut exakt allein in der Mathematik und exakt mit Abstrichen in Teilen von Wissenschaft und Technik. Anders in der lebendigen Wirklichkeit. In der Realität wäre die exakte Lösung eine "Momentaufnahme", die - genau genommen - schon im nächsten Augenblick nicht mehr gilt. Jedermann, der sich dauernd mit komplexen Problemen herumschlägt, muss Tag für Tag mindestens dreimal die Lösung für ein Problem finden, für das es - exakt - keine Lösung gibt. Es kommt viel mehr darauf an, einen Weg zu finden, mit dem alle Beteiligten leben können. Jede "Lösung" ist ja letztlich nur vorläufig. Das Leben bleibt nicht bei der Lösung stehen. Sobald sich zeigt, dass die angestrebte Lösung nicht hält, was man sich von ihr versprochen hat, kann man eine bessere versuchen. Die realen Probleme laufen nicht auf die exakte Lösung einer Gleichung hinaus, sondern verlangen die Lösung eines komplexen Optimierungsproblems. Ein solches lässt sich nicht mathematisch exakt, sondern nur iterativ im Wege der Annäherung ans Ziel nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum lösen. Auf diese Weise ist jedes Problem lösbar. Reale Lösungen sind deshalb immer Kompromisse, bei der jede Seite auf Maximalforderungen verzichten muss. Wenn es um hochkomplexe Probleme geht, sind nicht die Kompromisse "faul", sondern die angeblich "sauberen" Lösungen, bei denen nur eine Seite gewinnt und alle anderen verlieren. In der Politik gelten jedoch für gewöhnlich nicht die "Kompromissler" als die fähigen Köpfe, sondern die "Macher". Nur erlebt man häufig, dass ein solcher Macher "konsequent, mutig und entschlossen" auf die Nase fällt. Um wirklich befreiende Lösungen zu finden, brauchen wir weniger analytisches, zergliederndes Denken, als auf das Ganze gerichtete, tausenderlei Einzelheiten zugleich erfassende Intuition. Das Geheimnis anerkannter Begabungen für Politik und Kunst, ja sogar für Technik und Wissenschaft sind ihre besonders ausgeprägten intuitiven Fähigkeiten. Sie erkennen neue Entwicklungen früher als andere Beobachter, verarbeiten sie intuitiv und projizieren sie in die Zukunft. So legen sie Weitsicht, Einsicht und Voraussicht an den Tag in einem Maß, das jeden Bewunderer verblüfft. (ZPB 29/30.07.97) Komplexe Probleme lassen sich nicht auf eine begrenzte
Zahl von Ursachen zurückführen. Streng genommen ist jedes eine
Singularität. Jedes hat viele Kausalitätsstränge, die kein
anderes besitzt. Manche haben zwar Ähnlichkeiten in Struktur und Verhalten,
aber dennoch ist keines dem anderen so ähnlich, dass sich ihr Verhalten
in ein Gesetz fassen ließe. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie
sich, soweit ihre Ähnlichkeit reicht, weitgehend ähnlich verhalten,
und doch muss man vor Überraschungen auf der Hut sein. Unvorhersehbare
Faktoren können zu dramatischen Abweichungen vom erwarteten Verhalten
führen. Was ähnlich scheint, muss nicht ähnlich sein.
Indessen, auch die geschickteste Lenkung komplexer Prozesse kann die Frage nicht beantworten, ob der gesteuerte Pfad ein gutes Ende oder ein schlechtes findet. Es ist wichtig, eine Vorstellung oder - wie man heutzutage zu sagen pflegt - eine "Vision" dessen zu haben, was am (vorläufigen) Ende einer Entwicklung stehen sollte. Dabei genügt es, nur die Eigenschaften des angestrebten Zustands zu kennen, auch wenn sie unvereinbar zu sein scheinen. Es handelt sich ja nicht darum, den Zielzustand gewissermaßen nach einer Blaupause zu konstruieren, wie es beim Durchpeitschen eines Plans oder eines Organisationsmodells der Fall ist. Die Realisierung des Zielzustands ist hier vielmehr Sache des selbstorganisierenden Prozesses. Dieser läuft nicht nach unseren Plänen, sondern auf seine ureigene Weise ab. Unsere Sache ist es, ihn so zu beeinflussen, dass sich die Realität in Richtung auf den anvisierten Zustand hin verändert. Dabei wird nicht jede Lenkungsmaßnahme eine Verbesserung, das heißt eine Annäherung an den Zielzustand, bewirken. Wenn sie zu einer Verschlechterung führt, müssen wir - getreu dem Prinzip von Versuch und Korrektur des Irrtums - dies möglichst frühzeitig erkennen und eine besseren Lösung versuchen. Doch erst wenn wir unsere "Vision" verwirklicht haben, werden wir erkennen, ob das Erreichte auch tatsächlich erfüllt, was wir uns anfangs davon versprochen haben. Darum ist keine Vision schon das Ziel aller Ziele, sondern nur eine (vorläufige) Etappe auf dem Weg dorthin. (ZPB 29/30.07.97) Wir werden trotz aller Schwierigkeiten lernen müssen, mit komplexen selbstorganisierenden Prozessen umzugehen. Es wäre gut, wenn wir es lernten, solange uns die Selbstorganisation noch hilft. Haben wir sie erst verstört oder sogar zerstört, sind wir es, die alles organisieren müssen. Das dürfte uns bis zur Erschöpfung fordern und uns nur dann gelingen, wenn wir begreifen, dass wir die Prozesse der Selbstorganisation zumindest notdürftig wiederherstellen müssen. Ohne sie haben wir keine Chance. Selbstorganisation erlaubt machtvolle Konstruktionen Wenn in diesem Hauptabschnitt die Vorzüge der Selbstorganisation hervorgehoben werden, so könnte dadurch der Eindruck entstehen, als könne und solle sie alles richten. Im Prinzip kann sie zwar alles richten, aber nur auf verschlungenen Pfaden und Umwegen. Was in der Natur durch Selbstorganisation geschieht, ist selten optimal. In der Natur ist vielmehr alles möglich, was nicht so schlecht ist, dass es im Spiel der Kräfte untergeht. Die scheinbare Zweckmäßigkeit, die wir in der Natur wahrzunehmen glauben, ist ja - ebenso wie die Vorstellung von der realen Existenz der Naturgesetze - nur eine Projektion menschlicher Denkgewohnheiten in die Realität. Erst die Fähigkeit des Menschen, sein Handeln vom Reiz-Reaktionsschema abzukoppeln, es auf die Ebene des Denkens um- und wieder in die Realität zurückzuleiten, ermöglicht Zweckmäßigkeit und Zielstrebigkeit. Auf der Ebene der Realität gibt es nur das Zusammenspiel der Systeme, das wir mit dem Begriff der Kausalität im Sinne der Wirkursachen (causa efficiens) verbinden. Ziele und Zwecke entstehen dagegen erst im Denken von Modellen, die wir erfinden, um die Wirklichkeit nach unseren Wunschvorstellungen, nämlich unseren Zielen und Zwecken, zu verändern. Das Ziel geht beim menschlichen Handeln der Umsetzung in die Tat voraus; es ist also, kausal gedacht, eine Ursache. Das Ziel ist aber zugleich das Ende des Prozesses, durch den wir unsere Wünsche in die Tat, das heißt in die Realität oder die Welt der Tatsachen, umsetzen. Das Ziel ist somit Anfang und Ende menschlichen Tuns. Darum nennen wir das Ziel auch Endursache oder causa finalis (von lat. finis, Ende oder Ziel). Dadurch, dass sie den Menschen hervorbrachte, erlangte die Evolution die Fähigkeit, sich auf ein Ziel auszurichten. Damit wurde sie zugleich vom "Guten Willen" des Menschen abhängig. Das Schicksal der Welt liegt nun in unseren Händen, wenigstens so lange wir uns nicht selbst wieder auslöschen. Darum kommt alles darauf an, dass wir die Richtung, in die wir der Entwicklung geben, richtig einschätzen und die Ziele unseres Handelns daran ausrichten. In der Vergangenheit wurde gelegentlich behauptet, das höchste Ziel des Menschen könne nur die Erhaltung seiner Art sein (Eric Vester). Allein: Überleben ist notwendig, aber zu wenig. Was wäre die Welt, wenn sie zwar ewig existierte, aber ohne Freude? Da es auf der Hand liegt, dass jedes Wesen, das die Evolution hervorgebracht hat, nach Freude strebt, kann, wie wir längst erkannt haben, nur die Mehrung der Freude in der Welt die Maxime jeglichen Handelns sein, sofern es den Anspruch erheben will, als gut zu gelten. Seit es Menschen gibt, genügt es keinesfalls, den Lauf der Welt allein sich selbst, das heißt der Selbstorganisation zu überlassen. Wir dürfen unser Talent nicht vergraben. Unser Talent, den Lauf der Dinge im Modell vorwegzunehmen und zu steuern, müssen wir in diesem Sinne nutzen. Indessen: Das bedeutet, dem Begriff "Konstruieren" einen anderen Sinn zu geben als den, welchen wir bislang mit ihm verbunden haben. Konstruieren wird künftig heißen, auch die konstruktiven Kräfte der Selbstorganisation zu nutzen und nicht nur die Energie der Naturkräfte. Konstruieren wird künftig vor allem heißen, die Bedingungen für selbstorganinisierende Prozesse zu schaffen und aus solchen Prozessen, die bereits etabliert sind, alles zu entfernen, was sie stört oder in eine Fehlentwicklung treibt. Wenn wir zum Beispiel eine Maschine, ein Gebäude, ein Gerät oder eine Anlage konstruieren, planen wir sie in allen Einzelheiten als Modell. Einfache Modelle können wir in Gedanken planen. Wenn es schwieriger wird, übertragen wir das gedanklich konzipierte Modell zunächst in groben Zügen in eine vorläufige, bildhafte, ja eine Art virtueller Realität, die wir leicht korrigieren können: eine Zeichnung, ein Holzmodell, eine Computer-Simulation oder -Animation und dergleichen. In dieser virtuellen Realität können wir nicht alle, aber immerhin einige wesentliche Eigenschaften des Endprodukts betrachten, ausarbeiten und ausprobieren. Erst wenn wir einigermaßen sicher sind, dass unsere Idee keine schwerwiegenden Fehler aufweist, machen wir uns daran, das Modell im Material des Endprodukts auszuführen. Das Verhalten der Konstruktion ist durch den zugrunde liegenden Plan Punkt für Punkt festgelegt. Der Zufall ist vollständig ausgegrenzt, für Selbstorganisation oder individuelle Aktion und Reaktion bleibt kein Raum. Erst wenn die Konstruktion durch Verschleiß oder Bruch von Einzelteilen ihre Übereinstimmung mit dem Plan einbüßt, kommen Zufall und Individualität wieder zu ihrem Recht. Doch dann ist die Konstruktion für uns wertlos und reif, in den Kreislauf der Stoffe zurückgeschleust zu werden. Die selbstorganisierende Kreativität der Natur wird also nicht genutzt, im Gegenteil: Sie wird unterdrückt, weil sie den geplanten Ablauf stört. Mit dieser Art der Konstruktion hat der Mensch in Wissenschaft und Technik große Erfolge erzielt. Darum gilt sie als der beste aller möglichen Wege. Also versucht man, diese Technik in allen Lebensbereichen nachzuahmen und macht dabei vor lebenden Systemen nicht halt, etwa in der Medizin oder in Landwirtschaft und Viehzucht. In der Medizin werden beispielsweise Organe und Körperteile durch Maschinen und mechanische Bauteile ersetzt. Die Viehzucht arbeitet zum Beispiel mit vollautomatischer Fütterung und Entmistung für die Massentierhaltung. Die lebenden Systeme, die von dieser Art Konstruktion betroffen sind, werden behandelt wie Bestandteile der Maschine oder zu bearbeitendes Material. Das Lebendige ist wie bei einer Maschine vollkommen zwanghaft verlaufenden Prozessen ausgeliefert. Auch im gesellschaftlichen Leben wird versucht, Abläufe und Verhaltensweisen zu konstruieren. Da das menschliche Verhalten nicht durch "Naturgesetze" gesteuert wird, ersetzt man sie durch Rechtsgesetze und stellt den fehlenden natürlichen Zwang durch Sanktionen, das heißt Lohn oder Strafe, Zuckerbrot und Peitsche, her. Eigeninitiative oder gar sittliches Handeln sind nicht vorgesehen oder sogar verboten, denn sie stören ja nur. Die betroffenen Menschen fühlen sich bevormundet oder unterdrückt und tun alles, um sich dem Zwang zu entziehen. So werden die besten Kräfte vergeudet. Überlässt man derart konstruierte Systeme sich selbst, verfallen sie der Entropie und lösen sich auf. Sie verlangen deshalb bedeutenden Aufwand für Erhaltung und Erneuerung, Aufwand, der besser der Verwirklichung des Ziels gewidmet würde. Noch schwerer fällt ins Gewicht, dass sich durch Konstruktionen, die bis in die letzte Einzelheit geplant, realisiert und kontrolliert werden müssen, keine hochkomplexen Systeme erzeugen lassen. Der Plan wäre so kompliziert, dass ihn niemand beherrschen kann. Zwangssysteme sind, alles in allem genommen, unwirtschaftlich, anfällig und schwach. Sie sind es auch dann, wenn sie gigantisch sind und mit ungeheuren Energien arbeiten, weil der Erfolg in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand steht. Mit dem gleichen Aufwand an Energie und konstruktiver Kreativität ließe sich oft bedeutend mehr erreichen, wenn man die andere Art des Konstruierens wählte. Gewiss eignet sich nicht alles für beide Verfahren. Die erste ist bei vielen, vor allem bei einfachen und überschaubaren Aufgaben unschlagbar, die zweite bei sehr komplexen Aufgaben in Natur und Gesellschaft. Der zweiten Art des Konstruierens gehen wie der ersten ebenfalls ein Plan und ein Modell voraus. Der Plan ist jedoch weniger auf die Durchführung als auf das Ziel gerichtet. Es ist darum weniger die Frage, wie der Zustand, den man erreichen will, beschaffen sein muss. Viel wichtiger ist, eine Vorstellung, eine "Vision" des Zustands mit seinen erwünschten Eigenschaften zu haben. Es kommt uns ja auch nicht so sehr darauf an, mittels welcher Produktionstechnik unser Auto hergestellt wird, als darauf, wie es aussieht, wie es fährt, welche Unfallsicherheit und welchen Komfort es bietet. Nicht wir sind die Hersteller und wir wollen es nicht sein. Konstruktion und Produktion wollen wir möglichst weitgehend den dafür gerüsteten Experten überlassen. So sparen wir Kraft und Kreativität, die wir uns zur Freude besser einsetzen können. Wir sehen uns also als erstes um, welche Mittel und Möglichkeiten verfügbar sind. Das tun wir bei der ersten Art des Konstruierens auch, nur suchen wir dort nach Geld, Material, Werkzeugen oder nach Menschen, die für und mit uns die Arbeit tun oder die wir für unsere Zwecke motivieren können. Hier dagegen beobachten wir zuerst alles, was um uns herum vor sich geht. Dabei suchen wir nach Veränderungen und Prozessen, die in der von uns gewünschten Richtung verlaufen, aber auch nach Strukturen, welche die richtigen Eigenschaften besitzen oder leicht mit solchen Eigenschaften ausgestattet werden können. Dann gilt es, die Abläufe und Strukturen in unserem Sinn zu beeinflussen. Das gelingt am leichtesten in Augenblicken, da das System, das die Prozesse und Strukturen umfasst, labile Verzweigungspunkte durchläuft. Dort genügt der geringste Einfluss, um den Lauf der Dinge in eine günstige Bahn zu lenken. Auf diese Weise können wir mit wenig Aufwand ungeahnte Wirkungen erzielen. Freilich setzt dieses Verfahren viel Beobachtungsgabe, Erfahrung, Wissen, Klugheit und intuitives Denken voraus, dazu auch Fortüne, denn gute Gelegenheiten sind rar und schnell verpasst. Zudem kann man sich bei der Einschätzung künftiger Abläufe leicht irren. Dann kommt es darauf an, bei ersten Anzeichen einer Fehlentwicklung Möglichkeiten der Umsteuerung zu suchen und rechtzeitig zu finden. Mit dieser Technik lassen sich machtvolle Konstruktionen von beliebiger Komplexität erzeugen. Der wohldurchdachte Einsatz von Aktivitäten in Verzweigungspunkten hat gewaltige Hebelwirkung, denn die systemimmanenten Kräfte verstärken sich gegenseitig und folgen dem Weg des geringsten Widerstands. Dabei ordnet und regelt sich alles von selbst, weil sich die Elemente des Systems gegenseitig kontrollieren. (3.10.97)Die Technik des konstruktiven Einsatzes der Selbstorganisation ist nicht neu. Geniale Menschen haben sie seit jeher intuitiv verstanden und benutzt, wenn auch zumeist weniger zum Wohl als zum Weh der Menschheit, besonders in der Politik. Revolutionen, Kriege oder Diktaturen kommen über die Menschen wie Naturgewalten. Sie scheinen unabwendbares Schicksal zu sein. In Wahrheit stehen manchmal ein einzelner Mensch, manchmal kleine oder größere Gruppen, angeführt von begabten Politikern, dahinter. Sie erfassen intuitiv die Sachlage, die ihnen erlaubt, die Wünsche, Nöte, Vorstellungen, Instinkte, Aggressionen, Neigungen und Abneigungen der Menschen, modische Tendenzen, herrschende Ideologien und Ähnliches wie Wasser auf die Mühlen ihres Ehrgeizes und ihrer persönlichen Vorteile zu leiten. Manchmal sind es auch Idealisten, die sich plötzlich in die Lage versetzt sehen, ihre Weltverbesserungsphantasien in die Tat umzusetzen. Am gefährlichsten ist es, wenn jemand glaubt, den Willen Gottes zu kennen und vollstrecken zu müssen. Oft treffen sogar mehrere oder alle Motive zusammen und verstärken sich gegenseitig oder es ergibt sich eins aus dem anderen. Die Angehörigen der Völker, die so in den Strudel der Ereignisse gerissen werden, begreifen gewöhnlich nicht, was mit ihnen geschieht. Die meisten richten sich in den Gegebenheiten häuslich ein, weil sie das Neue für die Welt der Zukunft halten, und ergreifen Partei für die herrschende Strömung. Wenige ahnen das kommende Unheil, sträuben sich, leisten Widerstand oder geraten unter die Räder. Es ist ein Irrtum zu meinen, bestimmte Völker seien gegen solche Katastrophen gefeit, während andere sie durch ihre Eigenschaften herausforderten. Richtig ist, dass jedes Volk, jede Gruppe und jeder Mensch unversehens in katastrophale Prozesse verwickelt werden kann, wobei nie vorauszusehen ist, wer zum Mitläufer oder Widerständler wird. Wer hätte jemals geahnt, dass ein so kultiviertes Volk wie das deutsche einem Hitler verfallen könnte? Nichts ist gefährlicher als die Meinung, was in Deutschland geschehen ist, könne keinem anderen Volk widerfahren. Die ungeheure Macht, welche die Kenntnis der Selbstorganisation in Verbindung mit ihrer bewussten, konstruktiv-planmäßigen, zielgerichteten Steuerung uns Menschen verleiht, kann unermessliche Gefahren, aber auch unermesslichen Nutzen stiften. Wir können mit ihrer Hilfe Katastrophen vermeiden und die Freude in der Welt aufs äußerste mehren. Es wäre deshalb nicht zu verzeihen, wenn wir uns aus Angst vor den unbestreitbaren Gefahren von ihr fernhielten. Ähnlich verhält es sich mit der Nuklearphysik, der Gentechnik oder der Informationsverarbeitung. Alle sind mächtige Werkzeuge in der Hand des Menschen, die er ebenso wohl zum Guten gebrauchen wie zum Bösen missbrauchen kann. Wenn wir wegen des möglichen Missbrauchs auf sie verzichten, geben wir kleinmütig preis, womit wir eines zukünftigen Tages vielleicht uns und die Welt vor dem Untergang retten können. Es wird darauf ankommen, die Selbstorganisation zu erforschen und sie immer besser zu verstehen, damit wir sie zum Guten nutzen und Fehlentwicklungen verhindern können. Dabei darf aber keine Geheimwissenschaft als Herrschaftswissen weniger Mächtiger entstehen, denn damit wäre der Missbrauch programmiert. Der beste Schutz vor Missbrauch wäre es, wenn alle Menschen so gut informiert wären, dass sie jeden Ansatz von Missbrauch erkennen können und sich nicht mehr missbrauchen lassen. Nicht minder wichtig ist es, nie der Verführung der Gigantomanie zu verfallen. Große Schritte in die falsche Richtung sind gefährlicher als kleine. Gemessen an der Größe und Komplexität des Universums ist selbst der größte Schritt nicht mehr als einer von zahllosen Verbesserungsversuchen im Rahmen einer unaufhörlichen Durchwurstelei nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Je größer der Schritt, den wir tun, desto unvorhersehbarer ist, was uns nach ihm erwartet, und desto später können wir Irrtümer erkennen und berichtigen. Darum sind viele kleine Schritte gewöhnlich besser als ein großer. Die Erforschung der Selbstorganisation in komplexen dynamischen Systemen mit vielen Dimensionen und einer unüberschaubaren Menge von möglichen Gleichgewichtszuständen, in die das System nach Durchlaufen von Verzweigungssituationen fällt, wird eine nie endende Aufgabe zukünftiger Wissenschaft sein. Im Lauf der geschichtlichen Entwicklung zeigt sich, dass immer wieder Grenzen, die man für unüberwindlich hielt, fallen und neue Beschränkungen auftreten, mit denen niemand gerechnet hat. Beschränkungen sind die Stützpfeiler jeder Ordnung; sobald einer von ihnen fällt, gerät das gesamte System in Bewegung. Fluktuationen und Instabilitäten treten auf und - sofern das System die "Krise" übersteht - entsteht ein neuer Gleichgewichtszustand der widerstrebenden Kräfte, das heißt eine neue Ordnung. Aktuelle Beispiele sind das Ende des Kalten Kriegs am Ausgang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, der Durchbruch der Gentechnik und die schwindelerregende Entwicklung der Informationstechnologie. Welche Gestalt die Welt annimmt, wenn die Krise im neuen Gleichgewicht endet, weiß einstweilen niemand. Zudem sind die globalen Krisen in zahlreiche kleinere gegliedert. Zu den Teilkrisen gehören der Balkankonflikt oder die Vereinigung von DDR und Bundesrepublik Deutschland mit dem Umtausch von Ostmark in Westmark und der Zusammenbruch der Märkte im ehemals sowjetisch beherrschten Osten. Auch die Einführung einer Einheitswährung in vielen europäischen Ländern dürfte eine Krise mit unvorhersehbaren Veränderungen hervorrufen, denn auch Währungen stellen Grenzen innerhalb des Systems der Weltwirtschaft dar. Freilich fürchten sich die meisten Menschen vor unüberschaubaren Änderungen. Krisen werden gewöhnlich als Übel betrachtet. Tatsächlich sind Krisen kein Übel, sondern Zeugnisse wirksamer Selbstorganisation und als solche Vorboten einer neuen stabilen Ordnung, welche die Probleme mit der neuen, zunächst unbequemen und ängstigenden Freiheit löst. Es wäre gut, wenn die Menschen bessere Kenntnisse über die Eigenschaften selbstorganisierender System besäßen und sich nicht aus Angst mit Armen und Beinen, Händen und Füßen gegen das Neue - das in Wahrheit so alt ist wie die Welt - wehrten. Es gibt in Krisensituationen gewöhnlich nichts Falscheres als dies, ausgenommen in Fällen, in denen für den kundigen Blick leicht abzusehen ist, dass die Krise ins Verderben führt wie bei manchen politischen Umwälzungen. Dort nämlich geht es nicht um neue Freiheit, sondern um neue Beschränkungen zugunsten neuer Machthaber. Wo es sich hingegen um neue Ordnung in neu gewonnener Freiheit handelt, sind die Turbulenzen nichts als unvermeidliche Begleitumstände der notwendigen Umstellungen. Wenn man sie verhindert, etwa indem man die alten, für die neue Freiheit untauglichen Strukturen verfestigt oder sogar eine Zwangsordnung nach einem erdachten Modell konstruiert, destabilisiert man das in der Neuordnung begriffene System und zerstört es womöglich. Richtig ist vielmehr, dass jeder seinen Einflussbereich möglichst früh an die neuen Bedingungen anpasst, denn so stabilisiert sich das System am schnellsten. Desto eher etabliert sich eine neue Ordnung, mit der alle Betroffenen leben können. Das Schlimmste dagegen sind in solchen Situationen regelungswütige Regierungen, die alle Maßnahmen zentral koordinieren und bevormunden möchten. Ihre Besserwisserei führt direkt in die Katastrophe. Doch selbst dann, wenn der Verlauf einer Krise durch verfehlte Maßnahmen dramatisiert wird, oder wenn eine Krise in der Katastrophe endet, so kann dies nicht verhindern, dass sich eine neue Ordnung herausbildet. Die Neuordnung wird nur verzögert. Wohl wird die Verzögerung bewirken, dass die neue Ordnung anders ist als die, welche ohne die Verzögerung entstanden wäre. Doch das muss kein Nachteil sein, dann nämlich nicht, wenn die andere Ordnung weniger gut gewesen wäre als die tatsächlich entstandene. Allein, niemand kann die andere Ordnung beurteilen, weil niemand sie kennt, bevor sie da ist. Der größtes Nachteil von Verzögerungen besteht im wesentlichen darin, dass mehr Menschen länger unter den Begleiterscheinungen der Umstellungen leiden müssen. Es gibt keinen Grund, sich vor Freiheit und Selbstorganisation zu fürchten.
Selbstorganisation ist Ordnung in Freiheit. Was uns Grund zum Fürchten
gibt, ist allein der Mensch, der seine Konstruktionen zum Bösen missbraucht.
Kann Gott in die natürlichen Abläufe eingreifen, ohne die "Naturgesetze zu verletzen"? Doch ich möchte auch klar und deutlich zum Ausdruck bringen: Selbstorganisation muss nicht alles sein. Es gibt vermutlich keinen Beweis dafür, dass die Natur genügend Zeit hatte, die schier unendliche Zahl der Varianten und Gestalten, die wir heute auf der Erde vorfinden, ganz zufällig hervorzubringen. Zumindest dürften sich die äußerst glücklichen Zufälle in höchst unwahrscheinlicher Zahl gehäuft haben. Darum halte ich es keineswegs für sicher, dass an anderen Stellen des Universums intelligentes Leben existiere. Umgekehrt ist es bei der unermesslichen Größe des Universums nicht unwahrscheinlich, dass es irgendeinen Ort darin gibt, in dem sich die äußerst glücklichen Zufälle so häufen konnten, wie es auf der Erde geschah. Und dass wir ausgerechnet auf dieser Erde leben, ist ebenso zufällig wie notwendig, denn wir konnten offensichtlich nur da entstehen, wo sich die glücklichen Zufälle in ungewöhnlichem Maße häuften. Noch eines sollte nicht übergangen werden:
Die Häufung äußerst glücklicher Umstände könnte
auch ein Anzeichen dafür sein, dass eben nicht alles Zufall ist, was
wie Zufall aussieht. Man kann bei sorgfältiger Würdigung aller
Möglichkeiten nicht ausschließen, dass es eine Intelligenz ist,
die in kritischen Zuständen, Bifurkationssituationen, Phasenübergängen
und dergleichen unbemerkt die Weichen so stellt, dass die betroffenen Systeme
auf die "richtige" Seite kippen. Da in solchen Verzweigungspunkten eine
unmerkbare Verschiebung der Gewichte eine Art Kettenreaktion mit unverhältnismäßigen
Folgen bewirkt, ist es möglich, dass eine intelligente Steuerung ebenso
wirksam wie unbemerkt geschehen kann. Hier stoßen wir wieder auf
ein transzendentales Problem, und darum soll es damit sein Bewenden haben.
Doch dass solche intelligente Steuerung keine Mystik, sondern knallharte
Realität ist, mögen die folgenden Überlegungen verdeutlichen,
die sich aus unserer eigenen, alltäglichen Lebenspraxis ergeben:
Lob des Gewissens Ich gestehe, dass ich mich lange gescheut habe, den Schritt zu tun, den ich nun folgen lasse. Dagegen zögere ich nicht einen Augenblick zu bekennen, dass ich von allen Wundern, die es auf Erden und unter den Sternen gibt, keines mehr bewundere, als unser Gewissen. Religiöse Menschen haben allen Grund, es die Stimme Gottes zu nennen. Dennoch ist es etwas ganz Natürliches. Man sollte es nicht mystifizieren, sonst könnte man glauben, es sei eine Erfindung der Theologen, was es, weiß Gott, nicht ist. Theologen sollten mich deswegen nicht tadeln. Wenn man etwas Wunderbares nicht erklären kann, was ist dann leichter: per Knopfdruck einen allmächtigen deus ex machina zu bemühen, der selbstverständlich auch das Unmöglichste möglich macht und mich so aller Mühen enthebt, oder ist es leichter zu zeigen, auf wie unendlich großartige Weise Gott zu uns spricht? Was könnte die Größe Gottes sinnfälliger machen: das gewaltige Geschehen der Evolution oder die ehrwürdige Erzählung der Genesis, wonach Gott den Menschen aus Erde formte und ihm den Odem einhauchte? Zudem: Ist die Schöpfung des Menschen aus Materie durch die Evolution nicht wortwörtlich das, was die Genesis, wenn auch mit anderen, ihrer Zeit angemessenen Worten sagt? Und wenn der Mensch aus materiellem Leib und geistiger Seele bestehen soll, ist das nicht vollkommen vereinbar mit meiner Ansicht, dass die Fähigkeit, auf ferner Systemebene ein Wesen wie den Menschen zu bilden, schon den Urelementen gegeben sein muss? Genug. Ich bin nicht befugt, eine theologische Abhandlung zu schreiben, und habe auch nicht die Absicht. Nur möchte ich nicht, wie zu befürchten, von übereifrigen Theologen abgekanzelt werden und dadurch ins Abseits geraten. Ende Text
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