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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
Mut zur Freude
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Ordnung Mythos Natur Leben Gesellschaft Intuition Gewissen Fortschritt
 
  Wahl Titel Thema Ordnung
Mythos? Wie soll 
aus Chaos 
von selbst 
Ordnung 
entstehen?
Die Tatsache, daß die Welt schon lange bestanden hatte, als der Mensch erschien, um sie zu ordnen, hat zahlreiche Mythen entstehen lassen. Wir sind gewohnt, daß alle Ordnung zerfälllt, wenn man die Dinge sich selbst überläßt. Nichts ordnet oder regelt sich von selbst. Ordnung entsteht nur, wenn wir sie nach einem vorgefaßten Plan bewußt herbeiführen. Es scheint also, daß die Welt von einer geheimnisvollen Macht, einem Prinzip, einem Gott oder Göttern erschaffen worden sein muß. Daß es anders sein soll, daß nämlich alle Ordnung von selbst entstanden sei, scheint uns eine Legende aus dem Reich der vielen Mythen und Märchen, mit denen sich die Menschheit von Anbeginn die Entstehung der Welt zu erklären versucht. Eine andere - transzendentale - Frage ist freilich, was die Welt ist und woher sie kommt. 
Natur Selbstor- 
ganisation 
ist das 
Ordnungs- 
prinzip 
der Natur
Im Weltbild der heutigen Wissenschaft sind die von der Natur und nicht vom Menschen hervorgebrachten Dinge - nennen wir sie "natürliche Systeme" im Gegensatz zu den "künstlichen" - durch Selbstorganisation oder Autopoiese entstanden. Unter System versteht man, anders als bloße Haufen, eine geordnete Ganzheit von komplex verknüpften Elementen. Systeme können wiederum ein umfassenderes System bilden, das die zugehörigen Systeme als Elemente enthält. Wenn ein System entsteht, entwickelt es neue Eigenschaften, die zwar in den Elementen grundgelegt sein müssen, aber aus denen der Elemente nicht erklärt werden können. Wie all dies möglich ist, dazu hat die Systemtheorie zahlreiche Erklärungsansätze gefunden. Wenn die Theorie auch noch ganz am Anfang steht: Die Tatsache der Selbstorganisation kann nicht mehr geleugnet werden. 
Leben Nichts ist 
sicherer 
als das 
Leben
In der Natur lassen sich anorganische, biologische, psychische und gesellschaftliche Systeme unterscheiden. Die anorganischen Welten der Atome und Galaxien entziehen sich weitgehend unseren Sinnen. Am nächsten liegen uns die biologischen Systeme, unter denen jeder von uns als eines von ihnen lebt. Anders als künstliche Systeme entstehen, erhalten und vermehren sie sich durch Selbstorganisation. Die Evolution bringt immer wieder neue hervor. Wir sehen davon nur die, welche so glücklich organisiert sind, daß sie im wirbelnden "Chaos" des Geschehens bestehen können. Trotz der Verletzlichkeit des Lebens funktioniert das Prinzip so gut, daß es auch uns hervorbringt, trägt und erhält. Wir staunen zwar über seine "Zweckmäßigkeit", doch erscheint uns alles so selbstverständlich, daß wir es nutzen, ohne etwas davon zu ahnen und meinen, wir müßten alles selber machen, um leben zu können. 
Gesell- 
schaft
Auch die 
Gesell- 
schaft 
ordnet 
sich 
selbst
Gesetze machen die Zukunft vorhersehbar: Die Tasse in unserer Hand fällt, wenn wir sie loslassen. Darauf können wir uns verlassen, es ist ein Naturgesetz. Menschen hingegen sind unberechenbar: Ihr Verhalten hängt davon ab, was sie sich ausdenken. Die Gesellschaft braucht normative Gesetze, damit wir wissen, was wir erwarten können. Ohne Normen käme kein Omnibus pünktlich, säße morgen ein anderer auf unserem Arbeitsplatz, wäre Geld nichts wert. Das Recht ist nur ein kleiner Teilbereich. Die meisten Normen ergeben sich aus der schlichten Notwendigkeit, miteinander auszukommen. Sie strukturieren die Gesellschaft, weisen jedem seinen Platz in ihr zu: Die Gesellschaft organisiert sich selbst. Darum funktionieren Marktwirtschaft und Demokratie am besten, wenn die Politik sich zurückhält. Aber viele meinen, man müsse alles durch Gesetzgebung regeln. Ein verhängnisvoller Irrtum. 
Intuition Intuition 
meistert 
Kom- 
plexität
Die größte Schwierigkeit, selbstorganisierende Systeme zu verstehen, liegt in ihrer maßlosen Komplexität. Unserem begrifflich-konstruktiven Denken ist sie zu kompliziert. Dabei ist Komplexität einfach. Mit einer kleinen Formel, deren Ergebnis wiederholt als Eingangswert einer neuen Berechnung verarbeitet wird, lassen sich Fraktale erzeugen, die eine Welt schönster Formen und Farben in sich bergen. Sie mit Worten zu beschreiben, ist aussichtslos. Aber mit dem Auge erfassen wir sie intuitiv mit einem Blick, denn unser Nervensystem verarbeitet Millionen Eindrücke zugleich. Als Teil unseres biologischen Systems ist das intuitive Denken ein Kind der Selbstorganisation unseres Nervensystems. Intuition ist das Organ, mit dem wir Komplexität spielend meistern. Aber wir mißtrauen der Intuition, weil wir sie nicht in Begriffe fassen können: ebenfalls ein fataler Fehler. 
Gewissen Gewissen 
ist mora- 
lische 
Intuition
Die Frage, was gut sei, ist sicher das komplexeste aller Probleme. Seine Komplexität entzieht es jeder Fassung in Begriffe und Gesetze. Unsere Überschätzung des begrifflichen Denkens aber verführt uns zu dem Irrtum, Sittlichkeit sei auf Gesetze gegründet. Das Gegenteil ist der Fall: Was gut ist, kann nur intuitiv erfaßt werden. Wir nennen die sittliche Intuition Gewissen. Dieses ist aber allein dem einzelnen Menschen eigen. Zudem ist jedes Handeln in einen inneren Kontexet gebettet, der dem äußeren gleichwertig ist. Sein Inneres kennt nur der Mensch selbt. Niemand kann also über einen anderen urteilen und niemand kann dem anderen sagen, was gut sei. Das muß jeder einzelne selbst herausfinden. Gesetze können allenfalls Wege weisen. Der Fortschritt zum Guten, zum universalen Optimum, ist ganz in die Hand des einzelnen gelegt. Allein der einzelne hat die Macht - nichts und niemand sonst. 
Fort- 
schritt
Dem 
Gewissen 
zu folgen 
genügt
Fortschritt im Guten ist möglich, wenn die Menschen nach ihrem Gewissen handeln. Wie in jedem sich selbst organisierenden System hängen die Gesellschaftstrukturen von den Eigenschaften ihrer Elemente, der Menschen, ab. Die Normen einer Gesellschaft spiegeln deshalb die Moral ihrer Mitglieder. Das Übel ist, daß der Mensch sich oft gewissenlos verhält, weil es ihm gefällt und er meint, auf ihn als einzelnen komme es nicht an. Zum Glück mildern die gesellschaftlichen Normen das Schlimmste. Irrtümer fallen kaum ins Gewicht, denn wenn die Überzahl der Menschen nach besten Kräften ihrem Gewissen gehorcht, wird das Gefälle zum Guten hin so stark, daß die Entwicklung unwiderstehlich zum Besseren driftet. Universale Optimierung ist keine Utopie. Die Welt ist - dank Selbstorganisation - so beschaffen, daß es genügt, dem Gewissen zu folgen. Wir müssen es nur begreifen - und tun! 
 
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