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| Wahl |
Titel |
Thema Ordnung |
| Mythos? |
Wie soll
aus Chaos
von selbst
Ordnung
entstehen? |
Die Tatsache, daß die
Welt schon lange bestanden hatte, als der Mensch erschien, um sie zu ordnen,
hat zahlreiche Mythen entstehen lassen. Wir sind gewohnt, daß alle
Ordnung zerfälllt, wenn man die Dinge sich selbst überläßt.
Nichts ordnet oder regelt sich von selbst. Ordnung entsteht nur, wenn wir
sie nach einem vorgefaßten Plan bewußt herbeiführen. Es
scheint also, daß die Welt von einer geheimnisvollen Macht, einem
Prinzip, einem Gott oder Göttern erschaffen worden sein muß.
Daß es anders sein soll, daß nämlich alle Ordnung von
selbst entstanden sei, scheint uns eine Legende aus dem Reich der vielen
Mythen und Märchen, mit denen sich die Menschheit von Anbeginn die
Entstehung der Welt zu erklären versucht. Eine andere - transzendentale
- Frage ist freilich, was die Welt ist und woher sie kommt. |
| Natur |
Selbstor-
ganisation
ist das
Ordnungs-
prinzip
der Natur |
Im Weltbild der heutigen Wissenschaft
sind die von der Natur und nicht vom Menschen hervorgebrachten Dinge -
nennen wir sie "natürliche Systeme" im Gegensatz zu den "künstlichen"
- durch Selbstorganisation oder Autopoiese entstanden. Unter System versteht
man, anders als bloße Haufen, eine geordnete Ganzheit von komplex
verknüpften Elementen. Systeme können wiederum ein umfassenderes
System bilden, das die zugehörigen Systeme als Elemente enthält.
Wenn ein System entsteht, entwickelt es neue Eigenschaften, die zwar in
den Elementen grundgelegt sein müssen, aber aus denen der Elemente
nicht erklärt werden können. Wie all dies möglich ist, dazu
hat die Systemtheorie zahlreiche Erklärungsansätze gefunden.
Wenn die Theorie auch noch ganz am Anfang steht: Die Tatsache der Selbstorganisation
kann nicht mehr geleugnet werden. |
| Leben |
Nichts ist
sicherer
als das
Leben |
In der Natur lassen sich anorganische,
biologische, psychische und gesellschaftliche Systeme unterscheiden. Die
anorganischen Welten der Atome und Galaxien entziehen sich weitgehend unseren
Sinnen. Am nächsten liegen uns die biologischen Systeme, unter denen
jeder von uns als eines von ihnen lebt. Anders als künstliche Systeme
entstehen, erhalten und vermehren sie sich durch Selbstorganisation. Die
Evolution bringt immer wieder neue hervor. Wir sehen davon nur die, welche
so
glücklich organisiert sind, daß sie im wirbelnden "Chaos" des
Geschehens bestehen können. Trotz der Verletzlichkeit des Lebens funktioniert
das Prinzip so gut, daß es auch uns hervorbringt, trägt und
erhält. Wir staunen zwar über seine "Zweckmäßigkeit",
doch erscheint uns alles so selbstverständlich, daß wir es nutzen,
ohne etwas davon zu ahnen und meinen, wir müßten alles selber
machen, um leben zu können. |
Gesell-
schaft |
Auch die
Gesell-
schaft
ordnet
sich
selbst |
Gesetze machen die Zukunft
vorhersehbar: Die Tasse in unserer Hand fällt, wenn wir sie loslassen.
Darauf können wir uns verlassen, es ist ein Naturgesetz. Menschen
hingegen sind unberechenbar: Ihr Verhalten hängt davon ab, was sie
sich ausdenken. Die Gesellschaft braucht normative Gesetze, damit wir wissen,
was wir erwarten können. Ohne Normen käme kein Omnibus pünktlich,
säße morgen ein anderer auf unserem Arbeitsplatz, wäre
Geld nichts wert. Das Recht ist nur ein kleiner Teilbereich. Die meisten
Normen ergeben sich aus der schlichten Notwendigkeit, miteinander auszukommen.
Sie strukturieren die Gesellschaft, weisen jedem seinen Platz in ihr zu:
Die Gesellschaft organisiert sich selbst. Darum funktionieren Marktwirtschaft
und Demokratie am besten, wenn die Politik sich zurückhält. Aber
viele meinen, man müsse alles durch Gesetzgebung regeln. Ein verhängnisvoller
Irrtum. |
| Intuition |
Intuition
meistert
Kom-
plexität |
Die größte Schwierigkeit,
selbstorganisierende Systeme zu verstehen, liegt in ihrer maßlosen
Komplexität. Unserem begrifflich-konstruktiven Denken ist sie zu kompliziert.
Dabei ist Komplexität einfach. Mit einer kleinen Formel, deren Ergebnis
wiederholt als Eingangswert einer neuen Berechnung verarbeitet wird, lassen
sich Fraktale erzeugen, die eine Welt schönster Formen und Farben
in sich bergen. Sie mit Worten zu beschreiben, ist aussichtslos. Aber mit
dem Auge erfassen wir sie intuitiv mit einem Blick, denn unser Nervensystem
verarbeitet Millionen Eindrücke zugleich. Als Teil unseres biologischen
Systems ist das intuitive Denken ein Kind der Selbstorganisation unseres
Nervensystems. Intuition ist das Organ, mit dem wir Komplexität spielend
meistern. Aber wir mißtrauen der Intuition, weil wir sie nicht in
Begriffe fassen können: ebenfalls ein fataler Fehler. |
| Gewissen |
Gewissen
ist mora-
lische
Intuition |
Die Frage, was gut sei, ist
sicher das komplexeste aller Probleme. Seine Komplexität entzieht
es jeder Fassung in Begriffe und Gesetze. Unsere Überschätzung
des begrifflichen Denkens aber verführt uns zu dem Irrtum, Sittlichkeit
sei auf Gesetze gegründet. Das Gegenteil ist der Fall: Was gut ist,
kann nur intuitiv erfaßt werden. Wir nennen die sittliche Intuition
Gewissen. Dieses ist aber allein dem einzelnen Menschen eigen. Zudem ist
jedes Handeln in einen inneren Kontexet gebettet, der dem äußeren
gleichwertig ist. Sein Inneres kennt nur der Mensch selbt. Niemand kann
also über einen anderen urteilen und niemand kann dem anderen sagen,
was gut sei. Das muß jeder einzelne selbst herausfinden. Gesetze
können allenfalls Wege weisen. Der Fortschritt zum Guten, zum universalen
Optimum, ist ganz in die Hand des einzelnen gelegt. Allein der einzelne
hat die Macht - nichts und niemand sonst. |
Fort-
schritt |
Dem
Gewissen
zu folgen
genügt |
Fortschritt im Guten ist
möglich, wenn die Menschen nach ihrem Gewissen handeln. Wie in jedem
sich selbst organisierenden System hängen die Gesellschaftstrukturen
von den Eigenschaften ihrer Elemente, der Menschen, ab. Die Normen einer
Gesellschaft spiegeln deshalb die Moral ihrer Mitglieder. Das Übel
ist, daß der Mensch sich oft gewissenlos verhält, weil es ihm
gefällt und er meint, auf ihn als einzelnen komme es nicht an. Zum
Glück mildern die gesellschaftlichen Normen das Schlimmste. Irrtümer
fallen kaum ins Gewicht, denn wenn die Überzahl der Menschen nach
besten Kräften ihrem Gewissen gehorcht, wird das Gefälle zum
Guten hin so stark, daß die Entwicklung unwiderstehlich zum Besseren
driftet. Universale Optimierung ist keine Utopie. Die Welt ist - dank Selbstorganisation
- so beschaffen, daß es genügt, dem Gewissen zu folgen. Wir
müssen es nur begreifen - und tun! |
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