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Willibald Hilgers
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Mut zur Freude
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Das Ziel: Freude für alle

Im Wesen jeder Ethik liegt es, dem Menschen Einschränkungen und Pflichten aufzuerlegen. Da das Streben nach Freude in der Natur des Menschen liegt, scheint es auf den ersten Blick abwegig, es zur Grundlage einer Sittenlehre zu machen.

Die Schwierigkeiten einer solchen Moral ergeben sich aus der Tatsache, dass alle Menschen gleichermaßen nach Freude streben, und zwar in einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt. Da die Welt ein schier unendlich verfilztes Wirkungsgefüge darstellt, hat alles, was wir tun, zugleich gute und schlechte Folgen. Man braucht deshalb nicht lange zu suchen, um auf vielfältige Einschränkungen und Pflichten zu stoßen, wie sie jede Sittenlehre kennt.

Als sittliche Subjekte sind alle Menschen vollkommen gleich

  • Alle haben das gleiche Recht auf Freude.
  • Jeder kann mit vollem Recht behaupten: Meine Freude hat das gleiche Gewicht wie die jedes anderen, denn auch ich bin Teil dieser Welt, die ohne mich und meine Freude nicht vollendet werden könnte. 
Angesichts der großen Zahl und der Vielgestaltigkeit der Menschen drängt sich die Frage auf, wie man die Konflikte unter ihnen lösen könnte. Das zügellose Streben nach Freude ist ja gerade der Hauptgrund für allen Streit der Menschen untereinander, für einen Kampf, der sich bis zum Völkermord, ja bis zu Vernichtung der Erde steigern kann. Offensichtlich ist jedermann darauf aus, für sich mehr in Anspruch zu nehmen, als er anderen zugesteht.

Es lässt sich in Wahrheit kein einziger vernünftiger Grund finden, warum irgendein Mensch gegenüber dem anderen ausgezeichnet sein sollte. In gewisser Weise sind alle Menschen vollkommen gleich. Alles was der Mensch besitzt, nicht allein sein Hab und Gut, auch sein ganzer lebendiger Leib sind Teil der Natur, die ihn hervorgebracht hat. Alles hat er von seinen Eltern, diese wieder von den ihren und so weiter über alle Generationen der Menschheit bis hin zum Beginn der Evolution und zum Urknall, so es ihn gab. Dazu gehören auch die Informationen, die der Leib vermittelt und die vor allem vom Nervensystem mit seinem funktionalen Zentrum, dem Gehirn, aber wohl auch vom ganzen Leib getragen und gehalten (gespeichert) werden. Der Mensch hat alles nur, weil der Lauf der Welt es ihm zufällig zur Verfügung gestellt hat (Kontingenz). Insofern gehört es ihm nicht selbst, es ist ihm vielmehr geliehen. Aus dem Zufall lässt sich kein Sonderrecht herleiten, denn Zufall kennt keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet eher, dass die zufällige Ungleichheit auszugleichen sei. Kein Mensch schuldet einem anderen etwas noch hat er etwas von ihm zu fordern, es sei denn er habe sich selbst dazu verpflichtet.

Auch was der Mensch sich erarbeitet, kann er sich nicht zum Verdienst anrechnen. Mehr als er sich jemals eingestehen wird, sind seine Erfolge, aber auch seine Misserfolge, durch ein Flechtwerk von glücklichen und unglücklichen Umständen bedingt. Was dem einen leichthin zufällt, muss ein anderer unter größten Mühen erwerben. Wie viel Glück gehört dazu, etwa Staatspräsident, Papst oder Vorstand eines Konzerns zu werden; Tüchtigkeit allein reicht dazu bei weitem nicht. Viele hätten das Zeug dazu, aber nur wenige das Glück.

Transzendentale Frage:
Entfernt man in Gedanken alles Materielle und Zufällige, as den Menschen als Individuum kennzeichnet, bleibt zuletzt ein aktives Zentrum, nämlich das Ich, das wahre Selbst, als sittliches Subjekt übrig. In ihm vereinigen sich wie die Lichtstrahlen in einem Brennpunkt alle Informationskanäle, durch die der Leib dem Ich Informationen über die Welt und über seinen eigenen Zustand vermittelt. Das Ich verbindet die Gesamtheit der Informationen zu einem informationellen System, das eine Ganzheit bildet und seine Identität das ganze Leben lang durchhält. Erst in seinem Bewusstsein verwandeln sich elektrische Impulse, ähnlich wie im Computer die Zahlen, in Bilder und Töne. Nur das Ich hat die audiovisuelle "Software", das die Impulse aus dem Nervensystem zu Bildern und Tönen zusammensetzt. Das Gedächtnis liegt nicht im Ich, sondern vor ihm, im Nervensystem. Auch die Erinnerungen werden erst im Bewusstsein zu Bildern und Tönen.

Das Ich ist wie ein (gedachter) Punkt immateriell und mit der Information verwandt, man könnte sagen: ein Informationspaket. 

Das Informationssystem des Leibes wird vom Ich erkannt und fühlend bewertet. Das Ich als aktives Zentrum, als Aktivitätsquelle (D. Laing), setzt Bedingungen in Form von Informationen, die durch teils vorgeformte, teils erlernte Verfahrensmuster (Programme) den Leib und dessen Verhalten steuern. Durch das Verhalten seines Leibes verändert der Mensch schließlich die Welt. Da das Ich in einer informationellen Umgebung agiert, in der nichts Denkbares unmöglich ist, ist es durch keinerlei Schranken behindert. Wir sagen deshalb: Der Wille ist frei. Er ist es jedoch nur, soweit das informationelle Umfeld reicht; wo ihm materielle Objekte entgegentreten, unterliegt er den Einschränkungen, welche die Existenz materieller Objekte allen Veränderungen setzt. (Ob das Ich ohne seine materielle Grundlage auskommt, etwa weil es geistige Substanz besitzt, ist eine jener transzendentalen Fragen, auf die man auf wissenschaftlichen Wegen vielleicht nie eine schlüssige Antwort findet, wie es auch bei diesen Problemen der Fall ist: Was ist Leben? Was ist Schlaf? Was ist Schwerkraft? Gibt es mehr als ein Universum? Ist der Mensch eine rein materielle Kreatur, die erst durch Tod und Auferstehung zum Geist wird?) +

Wenn man den Menschen so auf sein Wesen reduziert, das er keinem ungerechten Zufall verdankt (abgesehen von dem Zufall, dass er überhaupt existiert), gelangt man zu dem, was ihm ganz zu eigen gegeben ist. In diesem seinem Wesenskern unterscheidet ihn nichts von jedem anderen. Wenn es dennoch Unterschiede gibt, beispielsweise moralischer Art, so sind sie für Menschen nicht erkennbar. Man kann einen gutwilligen Menschen zwar an seinen Taten erkennen, man kann aber nicht ermessen, inwieweit seine guten Taten ihm selbst zuzurechnen sind oder den glücklichen Umständen, welche der guten Absicht den guten Erfolg bescherten. Es ist nicht einmal sicher, ob hinter einem guten Erfolg nicht eine böse Absicht steht, die nur glückliche Umstände zum Guten gewendet haben. Streng genommen kann man also nicht einmal wissen, ob man einen Gutwilligen oder Böswilligen vor sich hat.

Wenn es aber keine erkennbaren Unterschiede gibt, ist auch nicht einzusehen, wieso es gut sein sollte, einem Menschen mehr Freude zuzugestehen als einem anderen. Mithin haben alle Menschen die gleichen Rechte. Niemand braucht gegenüber einem anderen zurückzustehen. Folgerichtig heißt es, man solle den nächstbesten Menschen lieben wie sich selbst, das heißt, wir können einen anderen Menschen nur verstehen, wenn wir uns in ihn hineindenken und uns vorstellen, er sei wir selbst. Dieser Austausch ist aber nur sinnvoll, wenn wir den anderen als vollkommen gleichberechtigt annehmen.

Indes: die Tatsachen scheinen dem zu widersprechen.

Als Personen gibt es keine zwei Menschen, die einander vollkommen gleichen

  • Was den Menschen freut, ist für jeden anders definiert.
  • Allein er selbst kann es herausfinden.
Persona bedeutete ursprünglich die Maske, in der Schauspieler auftraten, oder die Rolle, die sie spielten. Der Wortsinn kommt von per-sonare, das heißt durch-tönen: Durch die Maske hört man die Stimme des Menschen, der sich hinter ihr verbirgt. "Person" nennen wir deshalb die "Maske", unter der das Ich als sittliches Subjekt in der Welt in Erscheinung tritt, und die "Rolle", die es darin spielt, wobei jedoch Ich, "Maske" und "Rolle" ein Ganzes bilden.
Zur Person des Menschen gehören somit das Ich (?) und der Leib, der ihm zugeordnet ist einschließlich der Informationen, die der Leib vermittelt und die vor allem im Nervensystem mit seinem funktionalen Zentrum, dem Gehirn, aber wohl auch im ganzen Leib gespeichert sind. 

Nun ist die Vorstellung weit verbreitet, dass der Leib des Menschen sozusagen an seiner Haut ende. Diese Vorstellung hält heutigen Erkenntnissen nicht stand. Der Leib ist eher ein System unter Systemen, die wiederum Elemente eines größeren Systems sind. Er bildet kein geschlossenes, sondern ein offenes (?) System, dessen Grenzen sich nicht eindeutig abstecken lassen. Er ist durch zahlreiche Kanäle mit der Umwelt verknüpft, über die ein lebhafter Austausch von Materie, Energie und Informationen stattfindet. Er atmet Luft, er isst und trinkt, nimmt Wärme auf und gibt sie ab, er scheidet Schweiß und Exkremente aus, er greift durch seine Muskelkraft mechanisch in seine Umgebung ein, er bewegt sich von der Stelle, er bekleidet sich und rüstet sich mit Werkzeugen, Fahrzeugen, Maschinen oder vielerlei Geräten aus und bedient sich ihrer, als ob sie Teile seines Leibes wären. Der moderne Zentaur ist der mit seinem Auto verwachsene Mann.

Noch lebhafter ist die Verknüpfung des Menschen mit der Umwelt in informationeller Hinsicht. In jeder Sekunde nimmt er mit seinen Sinnen Milliarden Informationseinheiten auf und verarbeitet sie zu Klängen, Bildern, Begriffen, Signalen, er verknüpft sie mit seinen Erfahrungen zu neuen Erkenntnissen. Er antwortet auf die Signale, die ihn erreichen, er sendet Signale aus, die andere empfangen. So knüpft er Verbindungen mit anderen Systemen aller Art: mit Sachen, Menschen und anderen Lebewesen. Die informationelle "Ausdehnung" des Menschen geht daher weit über seinen Leib hinaus. Ja sie ist prinzipiell unbegrenzt, weil sich Informationen nicht begrenzen lassen. Die ursprünglichen und die verarbeiteten Informationen werden von und in seinen Zellen gespeichert. Er kann sie beinahe jederzeit suchen, finden und abrufen. Alles was geschieht, hinterlässt seine Spuren im Menschen. Der Mensch als Person ist niemals der gleiche wie noch in der Sekunde davor.

Der Mensch als Person ist mithin so komplex, dass es undenkbar ist, je zwei Personen könnten einander gleichen. Schon der Leib, der ihm durch seine Gene zugeordnet wird, muss von allen anderen verschieden sein. Betrachtet man den Vorgang, wie aus einer Eizelle ein fertiger Mensch entsteht, wird deutlich, dass nahezu unendlich viele Einflüsse zufälliger Art von außen auf ihn einwirken. Sogar eineiige Zwillinge sind trotz aller Gemeinsamkeiten in wesentlichen Eigenschaften völlig verschiedene Personen. Nimmt man nun noch hinzu, was dem Menschen im Lauf seines Lebens begegnet und von ihm in irgendeiner Form gespeichert und erinnert wird, dann wird vollends klar, wie verschieden die Menschen sind. Zwar haben fast alle Kopf und Rumpf, zwei Arme und zwei Beine, und auch die Grobstruktur der Menschen ist durchaus ähnlich, aber die Feinstruktur und vor allem die informationelle Ausstattung sind bei jedem anders. Darum ist das, was den Menschen freut, für jeden anders definiert. Er allein kann es herausfinden.

Wenn im folgenden von der nahezu unendlichen Komplexität der Welt die Rede ist, in der Gutes und Schlechtes unentwirrbar ineinander verstrickt sind, sollte dabei  die Komplexität des Menschen selbst, insgesamt und im einzelnen, jederzeit mit bedacht werden. 

Der Einzelmensch ist mehr als das Kollektiv

Die Feststellung, der Einzelmensch sei mehr als das Kollektiv, scheint in sich widersprüchlich, ist doch ein Teil immer kleiner als das Ganze.

Ein Kollektiv, beispielsweise eine Familie, eine Gemeinde, ein Volk, ist quantitativ selbstverständlich mehr als eines oder wenige ihrer Mitglieder. Eine große Menge ist quantitativ selbstverständlich größer als eine ihrer Untermengen. Ein Kollektiv kann zudem ein System bilden und als solches Eigenschaften an den Tag legen, die sich aus der komplexen Verknüpfung seiner Elemente, der Einzelmenschen, ergeben.

Aber in qualitativer Hinsicht ist der einzelne Mensch immer mehr als jedes Kollektiv. Nur der einzelne kann erkennen, denken, fühlen, wollen und handeln, nur der einzelne hat ein Gewissen und nur der einzelne ist ein moralisches Subjekt.
Man spricht in der Psychologie gelegentlich von einem kollektiven Bewusst- oder Unterbewusstsein (C.G. Jung und die Archetypen). Die Erscheinungen, die vermuten lassen, dass ein solches existiere, lassen sich auch deuten, ohne ein mysteriöses Kollektivwesen einzuführen. Da die Person des Menschen, von der im vorigen Abschnitt die Rede war, durch die Strukturen seines Leibes, vor allem seines Nervensystems, ihre konkrete Gestalt erlangt, werden auch die Inhalte seines Bewusstseins zum Teil durch diese Strukturen bestimmt. Diese Strukturen sind großenteils ererbt, zum Teil auch in den ersten Lebensjahren durch die Verflechtung der Nervenzellen geprägt. Es muss deshalb Bewusstseinsinhalte geben, die vielen Menschen gemeinsam sind und deshalb wie ein kollektives Bewusstsein erscheinen. Aber auch dieses "kollektive" Bewusstsein ist und bleibt das Bewusstsein eines einzelnen.

Es wäre denkbar, dass die Menschheit als System einen Komplexitätsgrad erreicht, der das Emergieren eines höheren Wesens bewirkt. Dieses Wesen hätte, vom Blickpunkt des Einzelmenschen aus gesehen, göttliche Qualität. Die Menschheit wäre sein Leib und der einzelne Mensch eine Art Zelle. Teilhard de Chardin hat diese Vorstellung mit dem christlichen Gedanken des "mystischen Leibes Jesu Christi" verknüpft. Diese Lösung lässt sich auf religiöser, aber nicht auf wissenschaftlicher Ebene nachvollziehen. Ob ein höheres Wesen auf dieser Grundlage möglich sei, gehört wohl zu den transzendentalen Fragen, auf die es vielleicht nie eine Antwort gibt, weil sie den Erkenntnishorizont des Menschen übersteigt.

Der Vergleich der menschlichen Gesellschaft mit Staaten bildenden Insekten bringt keine neue Erkenntnis. Ein Ameisenvolk verhält sich zwar in mancher Hinsicht ganzheitlich, so als ob es ein einziges Lebewesen bildete, aber nichts deutet darauf hin, dass dieses Ganze ein eigenes Bewusstsein hätte. Jedes System aus Individuen als Elementen, das hinreichend komplex ist, zeigt ganzheitliche Systemeigenschaften; dennoch besteht kein Grund, deshalb ein "Überbewusstsein" außerhalb der Individuen anzunehmen. Jedenfalls haben wir es wohl auch hier mit einer transzendentalen Frage zu tun. Schon für die Annahme, dass Tiere ein dem unseren ähnliches Bewusstsein haben, müssen wir einen Analogieschluss bemühen.

Auch die Redensart vom "Wählerwillen" gibt für die Konstruktion eines "Übermenschen" nichts her. Mehrheitsvoten in der Demokratie sind lediglich Hilfsmittel eines Entscheidungsverfahrens, das die friedliche Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ermöglicht. Als solche sind sie von hohem kulturellem Wert. Die Auszählung eines Wahlergebnisses oder die Auswertung von Meinungsumfragen ergeben nichts als kalte Zahlen, die weder über Gefühl noch Verstand noch Gewissen verfügen. Solche - wenn auch notwendige - Krücken beruhen auf den Wünschen der Menschen im Augenblick der Erhebung. Aber was der Mensch wünscht, wechselt von Stunde zu Stunde und ist selten das, was er im Grunde seines Herzens will. Mehrheit ist nicht Wahrheit; manchmal hat einer Recht und alle anderen irren. Es ist deshalb vernünftig, dass große Staaten Plebiszite nur ausnahmsweise dulden und sich grundsätzlich auf repräsentative Demokratie stützen. Es ist nicht der Beruf der Politiker, dem Volk seine Augenblickswünsche zu erfüllen, sondern herauszufinden und zu tun, was die Menschen wollten, wenn sie die Informationen eines Spitzenpolitikers mit seinen kundigen Beratern hätten und dazu genügend Zeit, über die anstehenden Probleme nachzudenken. Wer als Politiker eine vernünftige Maßnahme durchsetzt, macht vernünftige Politik, mag sie auch den Bürgern nicht gefallen. Er sollte nicht vor dem Unmut der Wähler zurückschrecken, sondern sie überzeugen. Gelingt ihm das, wird er trotz seiner Politik wiedergewählt - wenn nicht gar ihretwegen erst recht, denn nichts überzeugt mehr als Erfolg.

Da die Menschen als sittliche Subjekte einander vollkommen gleichen, ist die Differenz von einem zum anderen gleich Null. Niemand hat gegenüber irgendeinem anderen irgendetwas voraus. Verpflichtet ist der Mensch nur gegenüber dem Sittengesetz, sofern er sich ihm unterworfen hat. Wenn aber niemand von einem anderen etwas zu fordern hat, hat auch keine noch so große Zahl von Menschen etwas von einem Einzelmenschen zu fordern. Jede Zahl mal Null ergibt wieder Null.

Daraus folgt ferner der Grundsatz, dass kein Mensch einen anderen für seine Zwecke benutzen darf. Dieser Grundsatz gehört zu denjenigen Normen, die für alle Menschen jederzeit und allerorts gültig sind. Wer andere seinen Zwecken unterwirft, sucht seinen Vorteil auf Kosten anderer. Der Mensch ist somit Selbstzweck, ein Zweck also, der keinem anderen Zweck mehr dient. Er darf sich nicht einmal seinen eigenen oder fremden Zwecken in der Weise dienstbar machen, dass seine Freiheit zu sittlichem Handeln eingeschränkt wird. Uns gehört nur das Ich als freies, sittliches Subjekt; der Leib gehört nicht uns selbst, er steht uns nur für die Zeit unseres Lebens zur Verfügung. Er gibt uns Gelegenheit, unsere sittliche Freiheit zu betätigen.

Ansprüche der Menschen untereinander sind nur Reflexe der selbstgewählten sittlichen Verpflichtung des in Anspruch genommenen Menschen; sie bestehen nicht kraft eigenen Rechts des Fordernden. Dass Verpflichtungen der Menschen untereinander in der Rechtspraxis dennoch behandelt werden, als beruhten sie auf Gegenseitigkeit, ist kein Argument gegen die sittliche Begründung. Es handelt sich lediglich um eine verkürzte Denk- und Ausdrucksweise, die sich durchaus bewährt hat. Wenn man sich des Kürzels bedient, sollte man den vollständigen sittlichen Sachverhalt nicht aus den Augen verlieren. Wohin es führt, wenn man dies nicht beachtet, zeigt der Fall des marxistischen Klassenkampfs: Er ist die Perversion des christlichen Liebesgebots, weil er die Pflicht zu teilen in das Recht verkehrt, jeden, der nicht teilen will, zu berauben. Am Ende steht der Kampf aller gegen alle, weil jeder genug Gründe findet, sich als "Armen" zu betrachten. Die Klassenkampfidee ist eine geistige Atombombe.

Die Bedingung, dass kein Mensch gegenüber dem anderen bevorzugt oder benachteiligt werden darf, ist für das Optimierungsproblem, von dem in den nächsten Abschnitten die Rede sein wird, eine der am schwersten zu erfüllenden Auflagen. Sie verlangt, dass die notwendigen Beschränkungen allen Menschen gleichmäßig auferlegt werden müssen. Diese Bedingung unterscheidet das Modell der Universalen Optimierung von allen utilitaristischen Ansätzen, die es erlauben, Menschen dem Gemeinwohl zu opfern, wenn nur der Nutzen des Kollektivs groß genug ist.. 

Was wir auch immer tun, es hat zugleich gute und schlechte Folgen

  • Was uns selbst Freude macht, kann anderen Ärger, Schmerz und Leid bereiten.
Auf den ersten Blick sieht die Welt ziemlich einfach aus: Hier gehe ich, vor mir liegt die Straße, rechts stehen ein paar Häuser, da liegt ein Stein, drüben läuft ein Hund hinter einer Katze her, linker Hand zieht sich eine Reihe Pappeln den Wegrand entlang, weiter vorn macht die Straße eine Kurve und umgeht so den Berg, der sich hinter den Häusern erhebt. Darüber Wolken, ein paar Stücke blauen Himmels, ab und zu schaut die Sonne hervor. Die Dinge scheinen wohlgeordnet, stehen aber ohne erkennbaren Zusammenhang nebeneinander, nur der räumliche Bezug vermittelt den Eindruck der Zusammengehörigkeit.

Ähnlich sehen wir unser Handeln: Ich hebe den Stein auf und werfe ihn ein paar Schritt zu Seite, damit kein Radfahrer durch ihn zu Fall kommt. Das ist zweifellos richtig und gut, es verändert die gegebene Situation zum besseren und damit hat es sein Bewenden, endgültig. Gewiss hat unser Tun und Lassen häufig - vielleicht sogar meistens - Folgen, die wir wie die Landschaft vor unserer Haustür leicht überschauen können, Folgen, die wir voraussehen und in ihrer Wirkung hinreichend zutreffend abzuschätzen vermögen.

Doch der Schein trügt. In Wirklichkeit ist alles mit allem, bis an die Grenzen des Universums, durch ein komplexes Wirkungsgefüge verbunden, das uns verborgen bleibt. Was wir überblicken können, ist ein winziger Ausschnitt. Unser gesamtes Planen ist in eine Zukunft hineingewagt, die hinter dem Horizont, den wir von unserer "Haustür" aus sehen, eine unabsehbare Menge von Überraschungen bereithält. Hätte das unüberschaubare Netz nicht die Fähigkeit, sich selbst zu ordnen, wie wir später sehen werden, könnten wir nicht eine Sekunde lang überleben.

Unsere Pläne und Vorhaben reichen viel weiter in den unüberschaubaren Bereich, als wir uns dessen bewusst sind. Das trifft nicht etwa nur auf die weltbewegenden Entscheidungen der Staatenlenker zu. Nicht einmal allein auf die wichtigen Entscheidungen in unserem Leben: welchen Beruf wir erlernen, welche Arbeit wir aufnehmen, wen wir zum Ehepartner wählen, ob wir ein Geschäft eröffnen, welches Haus wir bauen oder kaufen, ob wir Kinder haben wollen und dergleichen. Tag für Tag treffen wir Entscheidungen, die uns völlig unwichtig scheinen, aber dennoch unabsehbare Folgen haben. Das ist nahezu immer der Fall, wenn sie Menschen betreffen. Schon ein einziges Wort, zu einem anderen gesagt, ist unberechenbar in seiner Wirkung. Weit mehr noch sind es eine heftige Ablehnung oder eine unerwartet freundliche Zuwendung, eine Zurechtweisung oder ein Lob. Ganz zu schweigen von Intrigen, körperlichen und seelischen Misshandlungen, Vertrauensbruch einerseits und Liebeserweisen, Freundschaftsdiensten und Wohltaten aller Art auf der anderen Seite.

Wir pflegen in Kausalketten zu denken: Eine Wirkung hat ihre eindeutige Ursache - die Wirkung wird zur Ursache einer bestimmten anderen Wirkung - diese wird wiederum die Ursache einer weiteren Folge - und so fort über zwei, drei weitere Kettenglieder. Damit, so meint man, sei die Angelegenheit abgetan. Freilich erleben wir häufig, dass nicht alles so abläuft, wie wir es uns vorstellen, etwa weil wir Überraschungen erleben oder anderen ins Gehege geraten, die sich gegen unsere Pläne wehren.

In Wirklichkeit ist alles anders. Es bleibt nicht bei den Folgen, die wir wahrnehmen und beobachten. Von jedem Ereignis geht ein Strahlenkranz von Wirkungen aus, die sich mit den Wirkungen anderer Ereignisse bündeln und verflechten. Umgekehrt sind die meisten Ereignisse nicht auf eine einzelne, eindeutig bestimmbare Ursache zurückzuführen; sie ergeben sich vielmehr aus dem Zusammentreffen der Wirkungen zahlreicher Ursachen. Die Wirklichkeit besteht nicht aus einer Menge relativ kurzer Kausalketten, sondern aus einem dichten Netz von Wirkungen, das über alle Zeiten und Räume hinweg bis zu den Grenzen des Universums und weit in die Zukunft reicht. Wirkungen verstärken sich und heben sich auf. An Verzweigungspunkten genügt eine winzige Verschiebung der Gewichte, um unabsehbare Veränderungen zu bewirken, die in keinem Verhältnis zur Größe der Ursache stehen. Kleinste Ursachen haben oft größte Wirkungen, während die Wirkungen vieler "Großtaten" im Sande verlaufen. Ja, Goethe hat mit seinem Wort Recht: "Es wird die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn." Jeder Mensch verändert die Welt auf seine Weise, und die Folgen dieser Veränderungen strahlen bis in die fernste Zukunft aus. Wenn ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, so ist jeder einzelne von den Milliarden Tropfen im Aß daran beteiligt.

Wir sind nicht die Herren über die Folgen unserer Taten. Wir beherrschen lediglich einen eng umgrenzten Bereich, in dem wir die Folgen voraussehen, planen und steuern können. Doch schon in dieser "Puppenstube", diesem "Spielzeugladen", können wir beobachten, dass das Gute, das wir tun, unlöslich mit schlechten Folgen verbunden ist. Wir nehmen das Schlechte in Kauf als Preis für das Gute, weil wir die guten Wirkungen höher bewerten als die schlechten. Jemandem ein Bein abzutrennen, ist gewiss ein schreckliches Unrecht, wenn es aber darum geht, jemandem durch eine unvermeidliche Amputation das Leben zu retten, wird sicher kein Mensch dagegen Bedenken äußern. Welche Spätfolgen daraus erwachsen, kann allerdings niemand voraussehen, und deshalb wird man den Chirurgen dafür auch nicht verantwortlich machen. 

So hat alles seinen Preis, jeder Ertrag setzt Aufwand voraus. Das gilt nicht allein für das Wirtschaftsleben, es gilt für das Leben, ja die Welt überhaupt. Die Wirtschaft ist ja nicht ein Ghetto, in dem alles anders wäre als im wirklichen Leben, sie ist Teil des Geschehens wie alles andere auch. Nur das Bewusstsein um die Bedingtheit des Guten ist im Geschäftsleben aus nahe liegenden Gründen klarer und ausgeprägter. Man kann daraus lernen.

"Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil" heißt es bei Schiller. Es mag zwar auch das reine Geschenk geben, für das niemand bezahlen muss und das vielen zugute kommt, ohne anderen etwas zu nehmen, doch man muss lange suchen, bis man es findet, und wenn man dann in seiner Vorgeschichte weit genug zurückgeht, findet man meist auch den Preis.

Wenn aber schon im überschaubaren Bereich die guten mit den schlechten Folgen unentwirrbar verquickt sind, um soviel mehr ist es der Fall, wenn man die Gesamtheit aller Wirkungen ins Auge fasst. Die Verwirrung wird schließlich vollkommen dadurch, dass kein Mensch wie der andere und der Mensch zudem ein System von einer Komplexität ist, das der Komplexität der übrigen Welt in nichts nachsteht. 

Gut handeln heißt deshalb so handeln, dass alle guten Folgen alle schlechten möglichst weit überwiegen 

  • und zwar aufs universale Ganze gesehen
  • über alle Räume und Zeiten hinweg bis ans Ende der Welt
  • unter Achtung der Gleichberechtigung aller
Da menschliches Handeln unlösbar mit guten und schlechten Folgen verbunden ist, stellt sich unabweisbar die Frage, ob man nicht eine Grenze ziehen muss, jenseits derer die Frage nach gut und schlecht gegenstandslos wird, weil wir das Flechtwerk der Folgen nicht mehr überschauen können. Keiner der Urahnen Hitlers zum Beispiel hat im entferntesten ahnen können, wer eines Tages aus dem Schoß ihres Geschlechts hervorgehen werde. Kann man ihnen deswegen die subjektive Verantwortung zuschieben?

Sicher nicht. Man sollte niemandem Schuld geben an Folgen, die er beim besten Willen nicht voraussehen kann.. Objektiv ist aber jeder einzelne der direkten Vorfahren Hitlers eine der vielen "Ursachen" für sein Erscheinen. Will man objektiv sein, so muss man auch sämtliche Spätfolgen des verhängnisvollen Wirkens Hitlers in Betracht ziehen. Wie Gutes in Schlechtes verstrickt ist, so ist auch mit Schlechtem viel Gutes verbunden; das Böse liegt allein im Plan, die hinter dem Geschehenen steckt. Wenn die Völkergemeinschaft jemals lernen sollte, dem völkerfressenden Ungeheuer Gewalt augenblicklich aufs Haupt zu schlagen, sobald und wo immer es sich, sei es auch zaghaft, erhebt, gehört die Menschheitserfahrung mit Hitler gewiss zu den Erkenntnissen, die den segensreichen Lernprozess vorwärtsgetrieben haben.

Gut und Schlecht sind objektive Kategorien. Da ist es keine Lösung, mit Rücksicht auf subjektive Unmöglichkeit auf halbem Weg stehen zu bleiben. Die Mengenlehre hat es vermocht, dem Wesen des Unendlichen in der Mathematik auf die Spur zu kommen und objektiv gültige Aussagen über diverse Arten des Unendlichen zu machen. Freilich hat die Mathematik es leichter, denn in der Mathematik sind die Begriffe unter sich und diese sind Menschenwerk, wohingegen unser Problem es zu tun hat mit der Komplexität der Wirklichkeit, die dem Menschen vorausgeht und ihn übersteigt.

Um zu bestimmen, was objektiv gut und was schlecht ist, muss man also bis zu den absoluten Grenzen des Raums und der Zeit vorstoßen. Man kann auch nicht in der Gegenwart stehen bleiben, man muss vielmehr die Zukunft bis an ihre Grenze, das Ende des Universums, einbeziehen. Im objektiven Sinn ist absolut gut alsdann das, was dazu beiträgt, dass der Gewinn an Freude im Ganzen des Universums über alle Zeiten und Räume hinweg bis an das Ende der Welt den höchstmöglichen Wert annimmt. Im objektiven Sinne ist relativ gut, was das Maximum zwar verfehlt, aber zumindest eine Mehrung dieses Gewinns bewirkt.

Doch damit nicht genug. Die Aufgabe verlangt die Erfüllung einer unerlässlichen Bedingung. Da alle Menschen als sittliche Subjekte gleich sind, darf niemand gegenüber dem anderen bevorzugt oder benachteiligt werden. Kein Mensch darf den Zwecken anderer geopfert werden, nicht einmal denen eines Kollektivs, sei es auch noch so groß. Der Utilitarismus scheitert daran, dass er diese Bedingung vernachlässigt. Man kann beispielsweise von niemandem verlangen, dass er für andere sein Leben hingibt. Dass viele es dennoch tun, ist der höchsten Ehren wert, aber niemals kann als sittlich gut erachtet werden, dass Menschen in den Tod getrieben werden, nicht einmal dann, wenn es im übrigen objektiv gut wäre. Gewiss, es ist geradezu das Kennzeichen jeder Moral, dass sie Einschränkungen, Anstrengung und Opfer verlangt. Aber da wir ja dabei sind, das absolut gültige Ziel aller Moral zu bestimmen, müssen wir streng darauf achten, dass sie die notwendigen Beschränkungen allen Menschen gleichmäßig auferlegt.

Mit dieser Nebenbedingung strebt die Schwierigkeit des Problems gegen Unendlich. Doch wie die Mengenlehre mit dem Unendlichen, so müssen wir irgendwie mit dem Problem der universalen, über alle Räume und Zeiten hinweg greifenden und die Gleichberechtigung aller Menschen achtenden Bewertung unseres Handelns fertig werden. 

Gut zu handeln ist ein Optimierungsproblem

Im vorigen Abschnitt wurde gutes Handeln als die Aufgabe definiert, den Gewinn an Freude im ganzen Universum möglichst groß zu machen. Das ist ein Optimierungsproblem.

1 Optimierungsprobleme begleiten unser Leben.

Es handelt sich schlicht und einfach darum, aus dem, was man hat, möglichst viel zu machen, und dabei auch noch zwischen widerstreitenden Interessen und sich gegenseitig behindernden Gegebenheiten einen Ausgleich zu finden. Ein alltägliches Beispiel: Ich habe täglich 24 Stunden Zeit zum Schlafen, zum Arbeiten und als Freizeit. Mein Geld ist knapp. Mit Arbeit kann ich mein Geld vermehren, in der Freizeit gebe ich es wieder aus. Zwar habe ich Freude an der Arbeit, aber die Freude lässt nach, je länger ich arbeiten muss. Freude an der Freizeit habe ich fast immer, aber je mehr Freizeit ich habe, desto mehr Geld gebe ich aus. Meine Freizeitbeschäftigungen machen mir nicht alle gleichviel Freude; manche teuren Beschäftigungen gefallen mir mehr als billige, und doch gibt es solche, die mir große Freude machen und trotzdem nichts kosten. Die Lebenskunst besteht nun darin, Zeit und Geld so auf die verschiedenen Beschäftigungen zu verteilen, dass man möglichst viel Freude erlebt. Solch eine Verteilung ist indessen noch keine sittlich besonders wertvolle Tat, weil sie rein ichbezogen ist und das Wohl meiner Mitmenschen und darüber hinaus der Menschheit und des ganzen Universums in keiner Weise berücksichtigt. Es handelt sich um eine Teiloptimierung mit einem Suboptimum als Ergebnis. Wertlos ist sie aber nicht, denn meine erste soziale Pflicht ist, sofern ich nicht behindert bin, für mich nach Kräften selbst zu sorgen, um anderen nicht zur Last zu fallen.

Das Beispiel ist eine Anwendung des Ökonomischen Prinzips, das darauf abzielt, aus gegebenen Aufwand einen möglichst hohen Ertrag oder einen bestimmten Ertrag mit möglichst wenig Aufwand zu erwirtschaften. Hier geht es um eine  Gewinnmaximierungs-Aufgabe, wobei der Gewinn nicht in Geld, sondern in Freude besteht. Es versteht sich, dass in der Betriebswirtschaftslehre, aber auch in der militärischen Strategie, Optimierungsaufgaben Gegenstand eingehender Untersuchungen darstellen. Speziell die Unternehmungsforschung (OR, Operations Research, Optimierungsrechnung) und eine ihrer Disziplinen, die Spieltheorie, bemühen sich um ständige Verbesserung von Verfahren der Optimierungsrechnung, mit deren Hilfe beispielsweise optimale Produktionsprogramme ("lineare Programmierung") kalkuliert werden können.

Die aus dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse über Natur und Struktur von Optimierungsaufgaben aller Art sind auch für unser Problem höchst lehrreich. Wir können nämlich die wesentlichen Eigenschaften der Optimierungsmodelle auf die Wirklichkeit übertragen. Unser Denken und Planen beruht vereinfacht darauf, dass wir ähnliche Gegenstände, die wir in der Realität vorfinden, zu Ähnlichkeitsklassen zusammenfassen und aus ihnen Begriffe bilden. Mit den Begriffen als Bauteilen bauen wir Gedankenmodelle in der begründeten Annahme, dass die Begriffe in diesen Modellen ähnlich zusammenwirken wie die realen Gegenstände, die durch die Begriffe repräsentiert werden. Wenn wir die Gedankenmodelle dann in die Realität übertragen, können wir damit rechnen, dass die realen Gegenstände ähnlich zusammenwirken wie die Begriffe in unseren Modellen.

2 Die Struktur der Optimierungsprobleme ist komplex

Die Aufgabe besteht darin, die Verteilung der Aktivitäten verschiedener Art so geschickt zu lösen, dass die Summe der Erfolge aller Aktivitäten möglichst hoch ausfällt. Die Summenformel, die den Wert der Einzelerfolge addiert, heißt Zielfunktion. Eine Lösung ist zulässig, wenn sie alle Nebenbedingungen erfüllt. Eine zulässige Lösung ist dann optimal, wenn sie einen höheren Erfolg als alle anderen ergibt. Der Erfolg dient als Zielkriterium für die Suche nach dem Optimum.

Die leichteste Lösung wäre, die Erträge einfach durch die Zahl der Aktivitäten zu vermehren und so den Wert der Zielfunktion zu erhöhen. An und für sich sind der Vermehrung der Aktivitäten keine prinzipiellen Grenzen gesetzt. Der Gewinn würde dann aber ins Uferlose explodieren, denn ohne Beschränkung gibt es keine Ordnung. Zur Gewinnexplosion kann es schon kommen, wenn eine einzige Beschränkung in der Weise aufgehoben wird, dass der Kranz der Rahmenbedingungen nach einer Seite hin offen ist.

Aber für jede Aktivität braucht man Mittel zu deren Durchführung. Das heißt: jede Aktivität verursacht Kosten - und die Mittel sind beschränkt (knapp). Die Knappheit der Mittel begrenzt die Anzahl der Aktivitäten. Außerdem sind Kosten und Erträge jeder Art von Aktivität von denen jeder anderen Art verschieden. Wegen der Verschiedenheit in den Kosten und Erträgen bleiben viele Mittel bei ungeschickter Zuordnung zu den Aktivitäten ungenutzt. 

Es kommt nun darauf an, die knappen Mittel den einzelnen Aktivitäten so zuzuweisen, dass die Verschiedenheit in den Kosten und Erfolgen bestmöglich ausgenutzt wird, damit möglichst kein Mittel ungenutzt bleibt und der Gesamtgewinn höher wird als bei jeder anderen Verteilung. Diese günstigste Zuordnung nennt man das Optimum.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Optimierungsrechnung, soweit sie die Lösung unseres Problems anlangen, sind also diese:

  • Das Ziel ist durch den maximalen Wert der Zielfunktion und die Nebenbedingungen eindeutig bestimmt
  • Es gibt nur eine optimale Lösung, das heißt es gibt vermutlich keine zwei Lösungen, die einander gleichwertig sind.
In der Theorie gibt es allerdings mehrdeutige, unendliche und entartete Lösungen. Wenn solche Lösungen existieren, ist dies ein Zeichen dafür, dass das Modell nicht realistisch ist. Die Wirklichkeit kennt keine Widersprüche. Widersprüche entstehen allein durch unsere Begriffe und deren falsche Verwendung in falschen Modellen.

Dass mehrdeutige oder gleichwertige Lösungen nicht realistisch sein können, ist freilich eine Vermutung. Diese Vermutung stützt sich auf die Tatsache, dass die Welt nahezu unendlich komplex ist und daher nahezu unendlich viele Beschränkungen (Nebenbedingungen, Restriktionen) aufweist. In einem solch verfilzten Netz sind mehrdeutige Lösungen äußerst unwahrscheinlich, weil sie nur auftreten können, wenn die Grenze des zulässigen Bereichs, die durch eine Nebenbedingung gezogen wird, zwischen zwei Punkten senkrecht zum Gradienten der Zielfunktion verläuft; außerdem muss dies ausgerechnet bei einer Restriktion der Fall sein, die das Optimum begrenzt. In dieser krummen Welt ist nichts so gerade, als dass man eine derart unwahrscheinliche Regelmäßigkeit zu befürchten hätte!

3 Die Lösung der meisten Optimierungsaufgaben ist schwierig

In Wirtschaft, Technik und militärischer Strategie gibt es zahlreiche Optimierungsaufgaben, die man, ohne sich unvertretbar weit von der Realität zu entfernen, so vereinfachen kann, dass Zielfunktionen und Nebenbedingungen durch ein System linearer Gleichungen darstellbar sind. Für die Lösung gibt es ein exakt definiertes mathematisches "Strickmuster" (Algorithmus), das man Simplexverfahren nennt. Mit schnellen Vektorrechnern kann man heute Modelle mit Tausenden von Aktivitäten und Nebenbedingungen durchrechnen. Mehr als unangenehm ist, dass zwar große lineare Modelle außer ihrem Umfang keine Schwierigkeiten bereiten, aber schon einfache komplexe Zusammenhänge den Aufbau äußerst komplizierter Modelle erfordert, die man, wenn überhaupt, nur mit knapper Not handhaben kann.
Lineare und linearisierbare Optimierungsaufgaben sind nämlich Ausnahmen. Die Regelfälle sind komplex, denn die einzelnen Koeffizienten und Restriktionen beeinflussen einander in unüberschaubarer Weise. Schon die mathematische Formulierung der Probleme ist selbst unter gewagten Vereinfachungen schwierig. Solche mathematischen Modelle lassen sich nicht mehr mit dem Simplexalgorithmus berechnen. Um solche Schwierigkeiten zu meistern, haben Unternehmensforscher viele ausgeklügelte Programme erdacht.

Im Wesentlichen erzeugen diese Programme die Simulation eines Zielsuchverfahrens, das nicht viel anderes darstellt als ein systematisches "Sichdurchwursteln" in vielen, vielen kleinen Schritten (Iteration, Näherung). Im Grunde sind sie eine Anwendung des Paulus-Prinzips: "Prüft alles und behaltet das Gute!" (bitte nicht verwechseln mit dem Pauli-Prinzip der Physik!). Erstens verändert man die "Mischung" der Aktivitäten (Lösungsvektor, Lösung) ein wenig, zweitens schaut man nach, ob sie die Nebenbedingungen erfüllt (ob sie zulässig ist), und drittens rechnet man aus, wie sich die Zielfunktion verändert; sind die Nebenbedingungen erfüllt und der Wert der Zielfunktion größer als bei der vorhergehenden Lösung, wird sie als vorläufig beste (noch nicht optimale) Lösung gespeichert; anderenfalls wird sie verworfen. Im nächsten Schritt versucht man, ausgehend von der letzten vorläufig besten Lösung, durch deren möglichst gezielte Veränderung zu einem besseren Wert der Zielfunktion zu gelangen. Diese Schritte wiederholt man, bis sich keine Verbesserung mehr finden lässt.

Man kann nun hoffen, dass man das Optimum damit gefunden hat, allein sicher ist es nicht. Es ist möglich, dass es sich um ein Suboptimum handelt. Das Suchverfahren verhält sich im Suboptimum wie ein Ball, der einen Hang hinunterrollt und auf dessen halber Höhe in einer Senke hängen bleibt, ohne die tiefste Stelle im Tal, das globale Optimum, zu erreichen. Man muss deshalb, sobald ein Optimum gefunden ist, die nähere oder weitere Umgebung in Stichproben daraufhin prüfen, ob dort noch eine Stelle liegt, die günstiger ist als das gefundene Suboptimum. Ist das der Fall, muss man den Suchprozess von da aus fortsetzen.

Gewöhnlich gelingt es trotzdem nicht, das globale Optimum zu erreichen. Der Computer kann ja nicht bis in alle Ewigkeit weiter rechnen. Also muss man das Verfahren abbrechen und mit dem gefundenen Wert zufrieden sein. Will man ein besseres Ergebnis, muss man entweder länger rechnen oder die Suche dadurch verkürzen, dass man den Computer hindert, auf Lösungen zu verfallen, die gemäß Logik oder Erfahrung beim besten Willen nicht optimal sein können. Es ist immer leichter zu sagen, was auf keinen Fall geschehen darf, als zu programmieren, was gut ist. Um ein Flugzeug nonstop von Frankfurt nach Los Angeles zu fliegen, bedarf es langer Ausbildung und ständiger Übung, aber um zu wissen, dass es nicht abstürzen darf, braucht man kein Flugkapitän der Lufthansa zu sein. Oder man lässt den Rechner nur in solchen Bereichen suchen, die am ehesten Erfolg versprechen. Doch dazu gehört viel Sachkenntnis und noch mehr Glück. Solche einschränkenden oder steuernden Nebenbedingungen nennt man "heuristische Prinzipien" (A. Simon).

Für unser Problem der universalen Optimierung kommen nur offenbar nur Suchverfahren in Betracht, die sich dem Optimum schrittweise unter Anwendung zahlreicher heuristischer Prinzipien nähern. Es versteht sich, dass solche komplexen Aufgaben im Modell nur mit Hilfe modernster Computertechnik gelöst werden können, und zwar ausschließlich mit Supercomputern höchster Kapazität und Leistung.

Mit der Beliebigkeit in der Moral ist es endgültig vorbei

  • Das Ziel ist durch das Optimum eindeutig bestimmt
  • Es gibt keine zwei absolut gleichwertigen Handlungen
Während der Überlegungen im vorigen Unterabschnitt dürfte längst klargeworden sein, dass das Modell der universalen Optimierung das komplexeste von allen denkbaren Modellen ist. Darum ist es zumindest zweifelhaft, ob seine Lösung gelingen kann.

Doch darauf kommt es nicht an, denn der Wert des Modells liegt einzig im Beweis, dass die Frage nach dem objektiv Guten prinzipiell entscheidbar ist: Das Ziel ist durch das Optimum eindeutig bestimmt, das heißt es gibt keine zwei absolut gleichwertigen Handlungen. Die Crux jeder bisherigen Moral ist ihre Fähigkeit, beliebig ausgelegt zu werden. Die Wahrheit ist: Es gibt tatsächlich ein absolutes Ziel und nichts ist beliebig. Wir sind nur unfähig, dieses Ziel zu finden, aber wir haben die Fähigkeit, uns nach dem Paulus-Prinzip dem Ziel zu nähern.

Mit der Beliebigkeit in der Moral ist es ein für allemal vorbei.
 

Religiöse Anmerkungen

Zur geistigen Natur des Menschen

Es ist denkbar, dass der Leib des Menschen von der Evolution entwickelt und der Geist bei der Empfängnis, der Geburt, im Tod oder in irgendeinem andern Augenblick des Lebens jedes Menschen durch Gott in ihn hinein gepflanzt wird. Diese Annahme entspricht exakt dem Schöpfungsbericht, der davon spricht, dass Gott den Menschen aus Erde geformt und ihm alsdann seinen Geist eingehaucht habe. Um das zu akzeptieren, braucht man nur das Werk der Evolution am Menschen als das Werk Gottes zu betrachten. Das ziemlich naive Bild des Töpfergottes wird so durch ein unendlich viel größeres und schöneres ersetzt, das der Majestät Gottes bedeutend angemessener ist. 

Heiß umstritten ist die Frage, ob Tiere und Maschinen, wie etwa hochkomplexe Computer, denken und ein Ich-Bewußtsein haben können und ob es dem Menschen gelingen werde, neue Lebewesen aus DNA-Bausteinen oder gar wie Maschinen zu konstruieren. Der Hauptgrund für die Aufregung ist, dass hinter dieser Frage eine andere, ungleich spannendere steckt. Wenn Tiere und Maschinen denken können und ein Ich-Bewußtsein haben, sollte man annehmen, dass sie mit dem Menschen auf der gleichen Stufe ständen. Dann wäre das, was wir menschlichen Geist nennen, eine in der Natur weit verbreitete Eigenschaft und der Mensch somit nichts Besonderes. Eine weitere Folgerung läge nahe: Es wäre unsinnig, den Menschen ein Kind Gottes zu nennen und an ein Leben nach dem Tod sowie an die Existenz Gottes zu glauben. 

Doch diese Schlüsse sind nicht stichhaltig. Was wäre, wenn die Bibel Recht hätte mit den Worten: "Gott schuf in den Menschen aus Erde und hauchte ihm den Odem ein"? Aus heutiger Sicht könnte man den Satz so interpretieren: Alles was sich heute und in fernster Zukunft mit natürlichen Vorgängen erklären läßt, ist das Werk der Evolution. Es entspricht dem ersten Halbsatz: Gott schuf den Menschen aus Erde. Der zweiter Halbsatz entspricht der Aussage: Gott begabt den Menschen in einem besonderen Schöpfungsakt mit unsterblichem Geist von seinem Geist - bildlich gesprochen mit seinem Atem, der aus seinem tiefsten Inneren kommt. Dann ist es ohne Belang, ob etwa Tiere denken und Maschinen fühlen können. Wir stehen hier wiederum vor einer transzendentalen Frage, die man nur verneinen oder im Glauben bejahen kann, weil sie jenseits aller wissenschaftlichen Beweisführung liegt.

Links zum Thema:
http://www.geo.de/themen/tiere_pflanzen/tiere_denken/workshop_1.html
(Griffin: "Tiere wollen das eine und fürchten das andere. Und sie erwarten, daß bestimmte Verhaltensweisen zu vorhersehbaren Ergebnissen führen." - Kognitive Ethologie, die Verhaltensforschung des Denkens. - "Epiphanien" des Bewußtseins)
 
 

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