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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
Muskelschwund 
 
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Nach dem Tod meiner Frau

Allein

Probewohnen bei der DGM in Freiburg

Mit Erysipel im Krankenhaus

Im Erdgeschoss gefangen
 

Nun war ich allein im Haus. Morgens und abends kamen die Pfleger von der Caritas, tagsüber und während der Nacht war ich auf mich selbst gestellt. Meine Beine waren zwar ziemlich kräftig, aber ich merkte doch, dass sie nachließen. Noch konnte ich mich weiterhin im ganzen Haus frei bewegen. 

Sorgen bereitete mir jetzt die Atmung. Am Sonntagmorgen nach dem Tod meiner Frau (es war der 6. Mai 2001, an dem meine Frau 70 Jahre alt geworden wäre) gelang es mir nicht, zügig das Bett zu verlassen. Gewöhnlich schob ich die Beine aus dem Bett, hob sie an und richtete mich mit einem Schwung auf, wobei einerseits das Gewicht der Beine und andererseits die Stützkraft der Arme halfen. Wahrscheinlich waren die Beine etwas zu weit aus dem Bett geraten. Ich rutschte über die Kante und fand mich vor dem Brett kniend wieder. Ich bemühte mich, wieder auf das Bett zu gelangen, hatte auch  Erfolg, lag aber jetzt auf dem Bauch. Die Aktion hatte mich ziemlich angestrengt und mich zu schnellem Atmen gezwungen. Wegen der Schwäche konnte ich mich nicht mit den Armen abstützen, um mir den Brustkorb freizuhalten. Mein eigenes Gewicht hinderte mich daran, zu atmen und genug Luft herbeizuschaffen. Die Atmung wurde immer flacher und enger. Ich bekam eine furchtbare Erstickungsangst. Ich geriet in Panik. Ich drückte den Funknotruf und schrie nach Sauerstoff. Irgendwie gelang es mir, mich auf die rechte Seite zu wälzen. Zum Glück war Monika im Haus. Sie war zur Beerdigung gekommen. Sie eilte herbei, hielt mir die Hand und versuchte, mich zu beruhigen. Wahrscheinlich wegen der Seitenlage fing mein Atem wieder an, langsam tiefer und ruhiger zu werden. Nach wenigen Minuten hatte ich mich weitgehend erholt. Ich wollte unbedingt das Bett verlassen, weil ich es soeben als Todesfalle erlebt hatte. Monika richtete meinen Oberkörper auf, so dass ich aufstehen konnte. Unterdessen klingelte es an der Haustür. Die Rettungssanitäter waren da mit ihrem Sauerstoffgerät. Ich sagte, dass ich ALS hätte und erklärte ihnen, was vorgefallen und dass es sehr, sehr eng für mich gewesen war. Sie waren freundlich und sagten, sie seien froh, dass sie nicht hätten einzugreifen brauchen. Später erfuhr ich, dass der Krankenkasse für einen solchen Einsatz etwa 1000 D-Mark berechnet würden und ich 25 D-Mark wie für einen Krankentransport als Zuzahlung zu übernehmen hätte. 

Am Mittwoch darauf war die Beerdigung. Es waren viele gekommen, zu meiner Überraschung auch zwei Kölner Mitschülerinnen meiner Frau vom Kindergarten-Seminar. Leider mussten sie sich bereits auf dem Friedhof verabschieden. Für nach dem Begräbnis hatten wir die Teilnehmer in die Gaststätte Wilkens "Zur alten Burg" eingeladen. Danach trafen sich die nächsten Familienangehörigen in meinem Haus. Es war ein warmer Frühlingstag, darum konnten wir uns bis in den Abend hinein auf der Terrasse aufhalten. Die Stimmung war gedämpft und zugleich gelöst, gerade so wie zu der Zeit, als meine Frau ihr Krankenlager zu Hause hatte. Am nächsten Tag blieb Monika noch hier. Wir sprachen lange miteinander. Am Tag danach flog sie in die USA zurück. Dann wurde es ruhig im Haus. 

Gewöhnlich stand ich gegen 8 Uhr auf, las die Zeitung und wartete auf den morgendlichen Pflegedienst der Caritas. Die Pflegerinnen und Pfleger kamen zu sehr unterschiedlichen Zeiten, meist zwischen 9 Uhr 30 und 11 Uhr. Wenn sie ihre Arbeit getan hatten, konnte ich frühstücken mit dem, was sie mir bereitet hatten: zwei Tassen Tee, ein Kleiemüsli, eine Schnitte Rosinenstuten mit Butter und Honig. Manchmal kam am frühen Nachmittag mein Schwager Friedel, brachte mir etwas zu essen von seinem Mittagstisch und half mir im Garten. Wenn mein Bruder Günther im Lande war, versorgte auch er mich ab und zu mit einem Mittagessen. Hin und wieder wurde ich zum Essen abgeholt, sei es von meinem Sohn, meinem Schwager oder meinem Bruder. Ansonsten aß ich erst am Abend.

Bei schönem Wetter holte ich meinen Liegestuhl aus dem Gartenhäuschen und setzte mich in den Halbschatten der Birke, das Gesicht der Sonne zugewandt, damit ich sehen konnte, wie ihr Licht durch die Blätter und Blüten leuchtete. Wenn keine Besucher kamen, hielt ich dies, die nötigsten Unterbrechungen ausgenommen, bis zum Abend durch. Ich hatte unendlich Vieles zu durchdenken und zu verarbeiten. Die Schönheit um mich her nahm ich mit allen Sinnen dankbar auf. Damit gelang es mir, die düsteren Gedanken, die mich zu überwuchern drohten, kurz zu halten. Am späten  Nachmittag stopfte ich mir eine Pfeife und rauchte sie gemächlich mit Genuss, fast eine Stunde lang. Schließlich brachte ich meinen Liegestuhl ins Gartenhäuschen zurück. 

Zwischen acht und neun Uhr abends kam der Pflegedienst. Er bereitete mir ein Abendbrot, beispielsweise ein in der Mikrowelle aufgewärmtes Fertiggericht, einen Salat oder ein, zwei Butterbrote. Manchmal ließ ich mir auch etwas vom Italiener oder vom Chinesen bringen. Dazu gab es grünen Tee mit viel Milchzucker. Bis in den Spätsommer hinein konnte ich noch mit viel Mühe ohne Hilfe essen, doch nach und nach ging ich dazu über, mir die Speisen von den Pflegern anreichen zu lassen. Nach dem Essen wurde ich gewaschen und bekam den Schlafanzug angezogen. Bis ich zu Bett ging, las ich noch etwas, hörte Musik oder sah mir das Fernsehen an.

An trüben Tagen hingegen blieb ich im Haus und erledigte, was während der schönen Tage liegen geblieben war. Die Zeitschriften stapelten sich und die zu beantwortende Korrespondenz bedeckte den Tisch: Nachlassgericht, Vormundschaftsgericht, Landschaftsverband, Versorgungsamt, Finanzamt, Krankenkassen, Ärzte, DGM, Banken, Handwerker, Rechnungen, Bestellungen. Ich war ja auch Betreuer meiner behinderten Tochter Uschi, dazu Vermögensverwalter und Testamentsvollstrecker. Ich musste das Haus in Stand halten, mich um meine Hilfsmittel bemühen und meine Termine bei Ärzten und Krankengymnastin einhalten. Früher hatte ich ein ganzes Büro, alle Papiere waren abgelegt; was zu erledigen war, lag griffbereit im Schrank. Auf dem Schreibtisch war nur, was ich gerade bearbeitete. Nun aber musste alles auf dem Wohnzimmertisch Platz finden, ein unüberschaubares Chaos. Früher trug ich alle Aufgaben in eine Checkliste ein und strich durch, was ich erledigt hatte. So stand mir alles klar vor Augen, auch wenn es noch so viel war. Nun, da ich kaum mehr schreiben konnte, musste ich die Aufgaben sämtlich im Kopf behalten, und wenn ich darüber nachdachte, hatte ich immer das Gefühl, dass ich irgendwas vergessen hatte. So erschienen mir meine Aufgaben viel zu groß wie ein riesiger Berg, dessen Spitze dichter Nebel verschleierte. Mein Stress war schlimmer denn je.

Man kann schlechte Gedanken ganz gewiss auch mit Arbeit bekämpfen. Doch während ich arbeitete, erfasste mich Unruhe, anfangs unmerklich, dann langsam sich steigernd, schließlich unwiderstehlich. Ich begriff, dass ich meine Zeit mit Nebensächlichkeiten verschwendete. Die Meditation im Garten ebenso wie das Gespräch mit Besuchern und Anrufern empfand ich hingegen als sinnvoll und beruhigend. Die einzige Arbeit, die mir der Mühe wert erschien, war die an meinen Internet-Seiten. Ich musste sie irgendwie zum Abschluss bringen. Aber ich kam einfach nicht dazu. Die Zeit von mittags zwölf bis abends acht war schlicht zu kurz. Entweder kann etwas Wichtiges dazwischen - oder das Wetter war so schön, dass mich keine zehn Pferde im Haus festhalten konnten. Kaum hatte der Tag begonnen, war er auch schon vorbei. So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ich hätte mir die Zeit für das Internet sicherlich nehmen können, aber vielleicht brauchte ich alle verfügbare Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten. Es kann aber auch sein, dass ich zum Schreiben noch nicht reif war. 

Unterdessen wurden die Beine und der rechte Arm ganz allmählich schwächer. Es geschahen zwei kleine Unfälle, die mir das deutlich machten. Einmal wollte ich im Garten einen Blumentopf aufheben. Dabei ging ich wohl zwei Zentimeter zu tief in die Knie. Als ich mich aufrichten wollte, kam ich nicht mehr hoch, knickte ein und fiel auf den Boden. Ich drückte den Notrufknopf, konnte aber wegen der Entfernung keine Sprechverbindung mit der Zentrale aufnehmen. Da diese von mir keine Antwort erhielt, rief sie meine Nachbarin Frau Heinholt an, die meinen Hausschlüssel hatte. Es gelang ihr, mich auf die Beine zu stellen, denn ich hatte noch genügend Kraft, um sie dabei zu unterstützen.

Der nächste Sturz geschah im Spätsommer gegen Ende August. Wenn ich meinem Gartenstuhl wegräumte, musste ich häufig hin und her laufen, weil ich nicht alles auf einmal tragen konnte. Der letzte Akt bestand darin, das "Beistelltischchen", einen weißen Karton, ins Gartenhäuschen zu bringen. Das viele Hin und Her an jenem Tag hatte mich wohl überanstrengt, obwohl es, wie ich meinte, im üblichen Rahmen gewesen war. Offenbar waren meine Beine schwächer geworden. Als ich die Bücher und Zeitschriften, die auf dem Tischchen gelegen hatten, ins Haus zu tragen versuchte, versagte mir auf der 15 Zentimeter hohen Stufe von der Terrasse zum Wohnzimmer das rechte Bein. Ich fiel rücklings auf den steinernen Terrassenboden und schlug zuletzt, wenn auch nicht mit voller Wucht, mit dem Hinterkopf auf. Ich rief meine Nachbarin Frau Benn, die nebenan in ihrem Garten arbeitete, zu Hilfe. Sie stieg über den niedrigen Zaun und versuchte, mir zu helfen. Aber mein Gewicht war zu groß für sie. Sie holte Frau Brenig, eine Nachbarin von der gegenüberliegenden Seite der Schlossstraße dazu, doch auch beide gemeinsam konnten mich nicht heben. Frau Brenig eilte daraufhin nach Hause und kam mit Mann und Sohn zurück. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen endlich, mich auf die Füße zu stellen..

So ging der Sommer dahin. Ich genoss die vielen schönen Tage mit allen Sinnen und sog die Schönheit, die mich umgab, mit voller Kraft in mich herein. Damit mir der Abschied vom Garten und vielleicht auch vom Haus so leicht wie möglich würde, war ich bestrebt, sie mir innerlich ganz und gar zu eigen zu machen. Was ich tief im Herzen trage, so sagte ich mir, kann ich nicht mehr verlieren und es gibt auch keinen wirklichen Abschied. Ich war ja immer gerne gereist und hatte viele Abschiede von Orten, die ich am liebsten nicht mehr verlassen hätte, erlebt. Ich stellte mir vor, ich verlebte in diesem Haus und in diesem Garten die letzten Urlaubstage. Jetzt erschien mir das ganze Leben wie eine große Reise. Die Zeit in diesem Haus war nur ein langer Urlaub, auf den die Rückkehr in ein neues Heim folgte. Ein neues Haus - ein neuer Lebensabschnitt, ein neues Abenteuer.

Am 28. August, einem Dienstag, hatte ich Geburtstag. Gefeiert wurde am Samstag danach. Die ganze Familie einschließlich Urenkelin Lara war versammelt und wir hatten viel Spaß. Am Dienstag, dem 4. September 2001, musste ich letztmalig zur Untersuchung nach München. Am frühen Morgen kurz vor 4 Uhr holte mich mein Sohn Klaus in meinem Wagen ab und brachte mich zum Friedrich-Baur-Institut. Gegen zehn Uhr kamen wir dort an. Klaus verabschiedete sich und fuhr nach Hause zurück. Untersuchung und Anamnese brachten keine neuen Erkenntnisse. Es blieb dabei: Ich hatte eine degenerative Motoneuronerkrankung. Offenbar weil immer noch keine Bulbärsymptomatik zu erkennen war, wollte man sich nicht auf ALS festlegen, konnte es jedoch auch nicht ausschließen. Das war mein letzter Klinikbesuch in München. Am Dienstag den 11. September 2001 erschien  Klaus gegen 10 Uhr auf der Station und holte mich wieder ab. Da wir uns auf der Fahrt meistenteils unterhielten, hatten wir das Radio nicht eingeschaltet. Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags meldete sich das Handy. Es war mein Enkel Georg. Er sagte, in New York sei etwas Furchtbares geschehen und wir sollten den Rundfunk hören. So erfuhren wir von den Terrorangriffen auf das World Trade Center.
 

Probewohnen bei der DGM in Freiburg

Eine Woche später, am Montag, dem 17. September 2001 fuhren Klaus und ich zur Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke nach Waltershofen, einem kleinen Vorort am westlichen Stadtrand von Freiburg, etwa zehn Kilometer vom Zentrum entfernt. Wir hatten dort für eine Woche eine der größeren Probewohnungen gebucht. Am späten Nachmittag kamen wir dort an und wurden von der Hausmeisterin empfangen. Sie sagte uns, was wir wissen mussten, und wies uns in alles ein. Die Wohnung im ersten Stock war geräumig, absolut behinderten- und rollstuhlgerecht, mit zahlreichen Hilfsmitteln eingerichtet und steckte voller pfiffiger Ideen. Leider konnte ich vieles nicht nutzen, weil meine Arme zu kraftlos waren. Die höhenverstellbaren Möbel zum Beispiel brachten mir deshalb keinen nennenswerten Vorteil. Desto nützlicher waren für mich die verschiedenen verstellbaren und fahrbaren Sitzgelegenheiten. Am Morgen nach unserer Ankunft gingen wir ins Erdgeschoss zur Hilfsmittelberatung. Die dort ausgestellten Geräte waren für meine Zwecke wenig geeignet. Das war auch nicht zu erwarten, denn die individuellen Bedürfnisse sind zu verschieden, um alle nötigen Hilfsmittel vorhalten zu können. Dessen ungeachtet erwies es sich  die Beratung an Hand einer Fülle von Prospekten als überaus ertragreich. Am Ende standen auf der Liste der Favoriten das "Rotomat"-Bett, die Mobilitäts-Hilfsarme und die ErgoRest-Armstützen von Nitzbon sowie der Elektro-Rollstuhl "Räbbit" von Otto Bock. 

Das "Rotomat"-Bett hebt sich aus der normalen Liegeposition im Ganzen um etwa 50 Zentimeter, faltet sich bis zur Sitzposition, dreht sich um 90 Grad zur Seite und senkt sich wieder auf normale Höhe, damit der Patient selbst aufstehen oder mit fremder Hilfe aufgerichtet werden kann. Dieses Bett erhält mir, solange ich noch irgendwie zu gehen vermag, meine Mobilität. Wenn ich nämlich aus einem gewöhnlichen Bett aufstehen will, gelingt es mir nicht, mich so weit aufzurichten, dass ich mich zum Aufstehen auf die Bettkante setzen kann. Genau das wird mir durch das "Rotomat" ermöglicht.  Bei meinen misslungenen Aufstehversuchen geriet ich in eine Lage, die mir den Brustkorb dermaßen beengte, dass ich keine Luft mehr bekam. Außerdem lag ich danach so unglücklich, dass ich keine Chance mehr hatte, mich wieder aufzurichten. Mehrmals musste ich deswegen den Notdienst bemühen. 

Die Hilfsarme werden rechts und links am Rollstuhl befestigt. Sie bestehen aus einer Stütze, an der oben eine Stange so angebracht, ist, dass sie sich horizontal und vertikal bewegen lässt. Am hinteren Hebelarm der Stange befindet sich ein Gewicht, während am Ende des vorderen Hebelarms eine Schlinge hängt, in die man den Unterarm legen kann. Das Gewicht kompensiert das Gewicht des Arms,  so dass man ihn mit der verbliebenen Kraft auf und ab und seitwärts bewegen kann. Die Hilfsarme sind für mich unschätzbar wertvoll, weil sie mich befähigen, vor allem am Tisch vielfältige Verrichtungen auszuführen.

Für die Arbeit am Computer sind die ErgoRest-Armstützen überaus hilfreich. Sie werden an der Tischplatte festgeschraubt. Man legt die Unterarme darauf und kann sie nun über dem Tisch nach allen Seiten bewegen, aber nur in einer Ebene. Doch das reicht für die Arbeit mit Maus und Tastatur völlig aus.

Erproben konnte ich diese Geräte in Freiburg leider nicht. Da ich sie aber später angeschafft habe, beruht meine Beurteilung auf längerer Erfahrung. Über den Elektro-Rollstuhl "Räbbit" werde ich berichten, wenn Ich ihn habe. Nun kam es mir aber sehr darauf an, erste Erfahrungen mit einem Elektrorollstuhl zu sammeln. So wurde mir am nächsten Morgen ein leichter Rollstuhl mit Elektromotoren in den Radnaben zur Verfügung gestellt. Ich habe ihn zuerst in der Wohnung, danach auf der Straße ausprobiert. Wir hatten für die Dauer unseres Aufenthalts den VW-Bus der DGM gemietet. Er besitzt eine große Hecktür, eine ausklappbare Rampe, genügend Raum für einen Rollstuhl mit Fahrer und kräftige Gurte mit passender Befestigung. Mein Sohn packte den Rollstuhl in den VW Bus und wir fuhren los. Am ersten Tag ging es nach Breisach, am nächsten nach Titisee und am Freitag, unserem letzten Tag vor der Abreise, nach Freiburg. An Ort und Stelle unternahmen wir mehrere Kilometer lange Wanderungen. Ich hatte mit dem Rollstuhl keine Schwierigkeiten abgesehen davon, dass ich sehr geschickt gegenlenken musste, wenn die Wegoberfläche seitwärts geneigt war. Die zu kleinen Vorderräder waren sehr unkomfortabel. Das gilt besonders für Freiburg, denn in der Innenstadt liegt äußerst holpriges Kopfsteinpflaster, durchzogen von tiefen Rinnen, die man mit dem Rollstuhl nicht überqueren kann. In Freiburg  überfiel uns immer wieder leichter Nieselregen. Die Hosenbeine über den Oberschenkeln waren schnell durchnässt, weil sie dem Regen vierkant ausgesetzt waren. Seitdem werde ich bei unsicheren Wetterverhältnissen nie wieder ohne wasserdichte Plane ausfahren.

Interessant war für mich auch das Blattwendegerät, das ich in Freiburg testen konnte. Es ist an einem stabilen Stativ in Augenhöhe angebracht und besitzt ein Pult, dessen Neigung in einem weiten Bereich bis zur Über-Kopf-Stellung verändert werden kann. Darauf wird das Lesegut durch eine raffiniert konstruierte Andruckvorrichtung festgehalten. Diese ist mit einer nicht minder ausgeklügelten Blattwendeeinrichtung verbunden, die das Hin-und-her-Bewegen der Blätter mit einem System von Rollen und Plexiglasscheiben besorgt. Gesteuert wird das Ganze vom Leser über ein Gestänge, das auf verschiedene Arten der Behinderung eingestellt werden kann. Ich habe es mit der linken Hand bedient. Um damit einigermaßen zügig zu arbeiten, braucht es anfangs einige Geschicklichkeit und eine Menge Zeit zum Üben. Zum Einspannen des Leseguts wird ein Helfer benötigt. Das Gerät eignet sich für Bücher und geheftete Zeitschriften, aber nicht für Zeitungen. Auch zum Suchen in Nachschlagewerken ist es ungeeignet, weil Seite für Seite umgeblättert werden muss. Der Preis für das Lesegerät liegt in der Größenordnung von 10.000 D-Mark/5.000 Euro.

Sehr angenehm fand ich das WC der Marke Clos-o-mat. Es ist in der Höhe verstellbar und besitzt rechts und links stabile Haltebügel. Der Clou dabei ist, dass man mit einer leichten Rückwärtsneigung des Rückens ein Programm auslösen kann, das zuerst die Wasserspülung betätigt, dann mit einem Warmwasserstrahl senkrecht von unten die Reinigung vornimmt und schließlich mit einem warmen Föhn die Feuchtigkeit trocknet.
 

Mit Erysipel im Krankenhaus

Am Samstag, dem 22. September 2001 fuhren wir wieder zurück. Gegen 17 Uhr kamen wir beim Haus meines Sohnes an. Nach und nach fand sich die ganze Familie ein und ich freute mich sehr, wieder einmal mit meiner Familie zusammen zu sein. Doch nach etwa einer Stunde merkte ich, dass ich Fieber bekam. Mir wurde unwohl und bald fühlte ich mich krank und elend. Klaus mit Tochter Anke brachten mich nach Hause, weil ich mich ins Bett legen wollte. Obwohl ich noch Treppen steigen konnte, war ich doch durch die Infektion so geschwächt, dass mir beide unter die Arme griffen, um mir über die letzten Stufen zu helfen. Wie ich war, legte ich mich hin, denn ich war zum Umfallen müde. Ich fürchtete, wieder Lungenentzündung zu bekommen. Mein Sohn hielt das für übertrieben und ließ mich allein. Nach längerer Zeit merkte ich, dass ich zur Toilette musste. Ich versuchte aufzustehen, aber dazu hatte ich nicht die Kraft. Meine Beine hingen aus den Bett und ich lag mit stark durchgedrücktem Kreuz auf dem Rücken. In dieser Lage konnte ich nicht mehr frei atmen und fing an zu hecheln. Dabei versuchte ich, mich aus der misslichen Lage zu befreien, aber die Anstrengung machte alles nur noch schlimmer. In letzter Verzweiflung drückte ich den Notrufknopf und begann, so tief und ruhig zu atmen wie ich konnte. In der grausamen Erstickungsangst erschien mir die kurze Zeit bis zum Eintreffen des Notdiensts wie eine Ewigkeit. Der Notarzt maß den CO2-Gehalt des Blutes, der stark angestiegen war, sich aber nach Sauerstoffgabe rasch normalisierte. Unterdessen wurden Fieber und Puls gemessen. Offenbar hatte ich eine schwere Infektion, deren Ursache vor Ort nicht zu klären war. Also wurde ich ins Maria-Hilf-Krankenhaus im nahe gelegenen Bergheim gebracht. Wegen des Wochenendes wurden und nur die üblichen Aufnahme-Untersuchungen vorgenommen, doch diese ergaben keinen Fingerzeig auf die Art der Infektion.

Während die Diagnostik am Montag noch im Gange war, fiel mir auf, dass mein linker Unterschenkel unförmig geschwollen und auffallend stark gerötet war. Es fiel mir ein, dass ich 1989 ungefähr an der gleichen Stelle ein Erysipel gehabt hatte, das damals mit Megacillin behandelt wurde. Als der Chefarzt zur Visite kam, erzählte ich ihm davon. Er sah sich das Bein an und sagte, dass ich mit meiner Vermutung recht habe, es sehe ganz nach einem Erysipel aus. Daraufhin wurde ich wieder mit Megacillin-Tabletten behandelt. Das Fieber ging im Lauf der Woche zurück, aber die Behandlung wurde noch ein paar Tage fortgesetzt, damit auch die letzten Erreger vernichtet würden. Doch diese Hoffnung erwies sich später als trügerisch. Jedenfalls wurde ich am Dienstag, dem 2. Oktober 2001, entlassen.

Bei diesem Klinikaufenthalt machte ich die Erfahrung, dass man mit einer so seltenen Behinderung wie der meinen in einem normalen Krankenhaus einige unverhoffte Schwierigkeiten hat, anders als in einer Spezialklinik wie der Station des Friedrich-Baur-Instituts, die sich mit solchen Behinderungen auskennt. Es versteht sich, dass Pflegefälle den gewohnten Ablauf in einem Akutkrankenhaus ohnehin empfindlich stören. Wenn nun noch hinzu kommt, dass der Patient mit  ungewöhnlichen  Behinderungen, in die sich niemand wirklich hinein zu denken vermag, zu kämpfen hat, ist das Krankenhauspersonal schlichtweg überfordert. Es kommt zu einem längeren Anpassungsprozess, der auf beiden Seiten sehr viel Geduld verlangt. Allem guten Willen zum Trotz kommt es unvermeidlich zu Auseinandersetzungen, wenn der Patient sich in seiner Not nicht mehr zu helfen weiß und die Pflegekraft andererseits sich überhaupt nicht vorstellen kann, inwiefern die Situation für den Patienten so unerträglich sein soll, während dieser nicht erkennt, welchem zeitlichen Stress jene ausgesetzt ist. Wenn die dicksten Stolpersteine dann endlich aus dem Weg geräumt sind, ist der Krankenhausaufenthalt womöglich schon zu Ende.

In den nächsten zwei bis drei Wochen ging die Rötung deutlich zurück. Im linken Unterschenkel hatte ich schon seit Jahren ein leichtes Ödem, das während des Tages anschwoll, möglicherweise weil das Erysipel von 1989 das Gewebe vorgeschädigt hatte. Durch die erneute Erkrankung hatte sich das Ödem verschlimmert und musste tagsüber gewickelt werden. Die allgemeine Schwäche durch das Liegen im Krankenhaus hatte ich schnell überwunden. Immer noch konnte ich die Treppe zum ersten Stock, wo mein Schlafzimmer lag, hinaufsteigen. Mein rechter Arm war mittlerweile genau so schlapp wie der linke geworden. Ich konnte ihn keine Sekunde lang mehr wagerecht halten. Nach wie vor schlief ich oben in meinem Bett. Im Krankenhaus hatte ich mit der elektrischen Steuerung des Pflegebetts experimentiert und herausgefunden, dass mir das Rückenteil beim Aufstehen helfen konnte. Da mein Bett in der gleichen Weise elektrisch verstellbar war, habe ich das Rückenteil eingesetzt, wenn ich aus eigener Kraft nicht hoch kam.

Doch das war nicht ganz ungefährlich. In der Nacht zu Donnerstag, dem 25. Oktober 2001 gegen zwei Uhr, wollte ich aufstehen, konnte mich aber nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen nicht aufrichten und versuchte es mit dem elektrisch verstellbaren Rückenteil. Obwohl ich mit dem Fußteil gegenhielt, rutschte ich mit den Schultern an der Schräge ab, lag dann zusammengekrümmt in der Mulde zwischen den beiden schräg gestellten Teilen und bekam keine Luft mehr. Um die schrägen Teile in die Waagerechte herunter zu fahren, hatte ich keine Zeit. Ich entschloß mich zu einem Befreiungsschlag und ließ mich auf der linken Bettseite aus etwa 60 Zentimetern Höhe zu Boden gleiten. Dabei berührte ich den Boden mit der Nase, unsanft, aber keineswegs heftig. Da ich, besonders bei trockener Luft, wenn die Schleimhäute austrocknen und aufplatzen, zum Nasenbluten neige, fing die Nase kräftig zu bluten an und wollte nicht aufhören, offenbar weil ich prophylaktisch zur Blutverdünnung ASS nehme. Hinterher sah das Schlafzimmer aus, als hätte hier jemand eine ganze Familie ermordet. Zunächst aber wurde mir erst einmal klar, dass gute Aussichten bestanden, die nächsten acht Stunden bis zum Eintreffen der Pflegerinnen ohne Decke und eingenässt auf dem harten und kalten Fußboden verbringen zu müssen. Alle drei Alarmgeräte waren außer Reichweite: Der Handsender der Diebstahl-Alarmanlage lag auf einem Hocker auf der anderen Seite. Das schnurlose Telefon lag rechts auf dem Bett. Der Handsender für den Funk-Notrufdienst lag auf einem Bord über dem Kopfteil, weil der Auslöseknopf so empfindlich war, dass ich den Sender während der Nacht nicht um den Hals tragen konnte, ohne ständig Alarm auszulösen.

Ich lag jetzt links neben meinem Bett. Um das Telefon oder den Handsender zu erreichen - an den Notrufknopf kam ich  so oder so nicht heran - musste ich mich auf dem Rücken liegend mit den Schultern zentimeterweise auf die rechte Seite robben. Nach zwei Stunden harter Arbeit war ich endlich am Ziel. Zuerst suchte ich nach dem Telefon, indem ich auf dem Bett herum tappte, soweit mein Arm reichte. Doch alle Mühen blieben vergebens. Danach schaffte ich es irgendwie, den Handsender der Diebstahlalarmanlage zu packen, aber der bekam keinen Funkkontakt. Damit war auch meine letzte Chance geplatzt. Nach und nach begann ich, mich mit meiner Lage abzufinden. Um es mir wenigstens so bequem wie möglich zu machen, zog ich das Kopfkissen und das Deckbett herunter. Als ich mich einigermaßen eingerichtet hatte, hörte ich auf einmal ein leises Fiepen. Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was das zu bedeuten hatte, bis das Fiepen in ein unterbrochenes Tuten überging. Jetzt begriff ich, dass ein kleines Wunder geschehen war: Das Telefon lag neben meinem Kopf unter dem Kissen! Sofort rief ich den Notrufdienst der Caritas an und schilderte meine Lage. Mittlerweile war es halb fünf. Die Pflegerin, die Nachtdienst hatte, wurde aus den Bett getrommelt und war bald zur Stelle. Sie half mir aus der größten Not, aber es gelang ihr nicht, mich auf die Füße zu stellen. Mit dem Handy rief sie einen Kollegen zu Hilfe, der ebenfalls aus dem Bett musste. Mit vereinten Kräften hoben sie mich schließlich auf. Meine Nase blutete immer noch, obwohl wir sie mit Tempo-Taschentüchern tamponiert hatten. Nachdem die Pfleger klar Schiff gemacht hatten, verließen sie mich wieder, weil Ich hoffte, dass die Blutung in absehbarer Zeit aufhören werde.

Aber die Nase blutete und blutete. Ich stand im Bad über das Waschbecken gebeugt und ließ das Blut ins aufgestaute Wasser laufen. Aber das Tropfen hörte nicht auf. Nach 20 Minuten Stehen vor dem Waschbecken merkte ich, dass meine Knie schwach wurden. Ich musste zusehen, dass ich mich rechtzeitig aufs Bett setzen konnte. Aber die Nase lief und lief. Ich schaute mich um und sah, dass aus unerklärlichen Gründen eine Pampers-Windel in Griffweite lag. Jetzt konnte ich mir die Windel unter die Nase halten und mich in aller Ruhe aufs Bett setzen, um zu telefonieren. Ich rief die Notrufnummer 112 an und ließ mir einen Krankenwagen schicken. Der brachte mich in die HNO-Abteilung des Krankenhauses Köln-Hohenlind. Der Diensthabende Arzt fand rasch die blutende Stelle und schweißte sie zu. Dann jagte er mir einen Tampon, so groß wie ein Finger, ins linke Nasenloch, dass ich laut aufschrie. Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Sicherheitshalber sollte ich noch bis 7 Uhr bleiben. Dann fuhr ich mit dem Taxi nach Hause.

Am Mittwoch der folgenden Woche machte sich das Erysipel wieder bemerkbar. Als ich in der Nacht gegen 4 Uhr aufwachte, bemerkte ich, dass ich mich unwohl fühlte. Ich stand auf, um zur Toilette zu gehen und mich auf die andere Seite zu legen. Ich kann mich nämlich nicht einfach umdrehen, weil  mir die Kraft fehlt, den Oberkörper so weit zu verlagern, dass ich beim Herumwälzen nicht aus dem Bett falle. Als ich mich hinlegen wollte, fühlte ich mich so schwach, dass ich fürchtete, nicht wieder aufstehen zu können. Ich ging die Treppe hinunter und setzte mich im Wohnzimmer auf einem Sessel, um abzuwarten, wie sich mein Zustand entwickeln würde. Ich wollte nämlich meine Pflegerin nicht schon wieder aus dem Bett jagen. So blieb ich ein paar Stunden sitzen und kämpfte mit dem Fieber. Das aber wurde immer stärker. Ich betrachtete das linke Bein und stellte fest, dass es rote Flecken hatte. Kurz nach 7 Uhr rief ich die Caritas an und sagte, ich hätte wohl eine Infektion, vielleicht wieder ein Erysipel. Es möge doch bitte jemand danach sehen und entscheiden, ob ich wieder ins Krankenhaus müsste. Die Pflegerin kam und sah sich das Bein an. Sie meinte, es müsse sich tatsächlich um ein Erysipel handeln und bestellte den Krankenwagen. So kam ich am Mittwoch, dem 31. Oktober 2001, erneut ins Bergheimer Krankenhaus. In den ersten beiden Wochen wurde ich wieder mit Megacillin-Tabletten behandelt, aber das Fieber hielt sich hartnäckig. Infolgedessen wurde mir Ciprobay, ein Mittel, das auch gegen Milzbrand verwendet wird, intravenös infundiert. Am Mittwoch, dem 28. November 2001, vier Wochen nach der Aufnahme ins Krankenhaus, war ich endlich wieder daheim.
 

Im Erdgeschoss gefangen

Der Klinikaufenthalt hatte mich merklich geschwächt. Ans Treppensteigen zum Schlafzimmer hinauf war nicht mehr zu denken. Mein häusliches Leben musste sich von nun an auf die Erdgeschossebene beschränken. Die anderen Geschosse meines Hauses wurden mir fremd wie ein fernes Land. Das schöne Wohnzimmer wurde vollständig umgeräumt und verlor seinen Charakter. Trotzdem war ich heilfroh, dass ich weiterhin allein im Haus bleiben konnte, denn das Rotomat-Bett war endlich gekommen. Es stand jetzt da, wo meine Frau gelegen hatte, bevor sie starb. Dank des neuen Bettes konnte ich selbständig schlafen gehen und aufstehen. So brauchte ich keine ständige Betreuung. Inzwischen waren auch die Hilfsarme an meinem Rollstuhl installiert ebenso wie die Armstützen am Computer. Dadurch hatte ich wieder eine Menge Möglichkeiten, mich zu betätigen. Leider konnte ich das Haus nicht mehr ohne fremde Hilfe verlassen, weil die beiden Stufen vor der Haustür und die Stufe vor der Terrassentür zu hoch waren. Ich ließ mir mit 30x30x4 Zentimeter großen Betonplatten Hilfsstufen setzen, damit ich, die Füße links und rechts auf den jeweils höher liegenden Stein setzend, nur vier Zentimeter Höhenunterschied je Schritt zu überwinden brauchte. Auf diese Weise konnte ich allein aus dem Haus und wieder hinein. Das ging zwei Monate, etwa bis Ende 2001, ganz gut, doch danach wurde ich so unsicher, dass ich mich nur noch mit Unterstützung über die Stufen traute. Nun war ich im Erdgeschoss meines  Hauses gefangen. Wenn das Wetter schön war und die Sonne schien, wurde ich ganz traurig. Ab und zu stellte jemand meinen Rollstuhl hinaus und fuhr mit mir ein wenig spazieren. Aber im Winter war es zu kalt, um länger draußen zu bleiben, und außerdem war der leichte Klapprollstuhl, wenn ich darin saß, sehr schwer über die Unebenheiten der Straße zu schieben.

Das Rotomat-Bett brachte nicht nur Erleichterungen, sondern auch neue Schwierigkeiten. Wegen der komplizierten Automatik konnte ich mich nicht mehr selbst zudecken. Ich hätte mich zwar nach der Abendpflege zudecken lassen können, doch dann hätte ich mich schon zwischen 9 und 10 Uhr hinlegen müssen. Und wenn ich in der Nacht aufstehen müsste, wäre ohnehin niemand da. Ich heizte das Wohnzimmer also auf 24 Grad und legte mich, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, ins Bett. Ich hatte mir zwar dicke Socken anziehen lassen, bekam aber  trotzdem unerträglich kalte Füße. Außerdem fühlte ich mich in der Nierengegend unterkühlt. Nach langem Durchforschen aller denkbaren Möglichkeiten kam ich schließlich darauf, mir abends einen leichten Morgenmantel überziehen zu lassen und darin zu schlafen. Das erwies sich als die Lösung für Rücken und Nieren. Als Ursache der kalten Füße stellte sich heraus, dass die Unterränder der Hosenbeine des Schlafanzugs nachts bis zu den Knien hochrutschten und die Unterschenkel entblößten. Die Hosenbeine wurden also in die Socken gesteckt, damit sie nicht mehr hochrutschen konnten. Sie konnten trotzdem; nicht immer, aber viel zu oft, weil sie an der glatten Haut keinen Halt fanden. Um dem abzuhelfen, ließ ich mir unter den dicken Socken normale Strümpfe anziehen. Die Hosenbeine wurden dazwischen gesteckt und von nun an konnte ich ruhig schlafen.

Bis etwa Ostern 2002 änderte sich nicht viel. Zwar fühlte ich, dass die Kraft in den Beinen auch weiterhin allmählich schwächer wurde, aber ich konnte mich immer noch frei in den Zimmern bewegen, ohne nach der nächsten Sitzgelegenheit schielen zu müssen. Das änderte sich am Ostersamstag innerhalb weniger Stunden. Morgens nach dem Aufstehen verlief noch alles wie immer. Nach der Morgenpflege setzte ich mich  im Rollstuhl an den Wohnzimmertisch, um die Post sowie etliche Zeitungen und Zeitschriften durchzusehen und möglichst viel davon in dien Papierkorb zu werfen. Als ich nach zwei oder drei Stunden aufstand, war ich ungewohnt wackelig auf den Beinen. Zuerst dachte ich, es könnte an einer ungünstigen Sitzposition gelegen haben, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass ich nach längerem Sitzen oft einen unsicheren Gang hatte. Es half, wenn ich mich eine Weile auf dem Bett ausruhte. Aber alles Ruhen nutzte jetzt nichts. So bewegte mich möglichst viel mit dem Rollstuhl, damit ich keine längeren Wege mehr zu gehen brauchte, und hoffte, dass die Nachtruhe meine Beine wieder auf Trab bringen werde. 

Tatsächlich ging es mir am Ostersonntag besser. Mittags holten mich meine Schwester und mein Schwager zum Mittagessen zu sich nach Hause. Nachmittags kam ihr Sohn Thomas, von Beruf Alten- und Krankenpfleger, zu Besuch. Ab vier Uhr schien die Sonne. Wir setzen uns auf die Terrasse und genossen den milden Frühlingsabend, der durch die nächtliche Umstellung auf Sommerzeit um eine Stunde verlängert worden war. Der  Ostermontag verlief ähnlich. Meine Enkel holten mich gegen Mittag ab. Es war ein warmer, strahlender Tag, noch viel schöner als der Sonntag. Die ganze Familie meines Sohnes war versammelt. Nach dem Mittagessen setzten wir uns auf die Terrasse und blieben bis zum Abend dort. Das Leben im Freien war für mich, der ich ganz gegen meine Natur monatelang zum Stubenhocker verurteilt gewesen war, ein Wiedersehen mit dem Leben.

Der Transport im Personenwagen war übrigens bisher kein Problem. Die wenigen Schritte zum Wagen konnte ich noch ganz gut gehen, nur beim Aus- und Einsteigen musste mir jemand kräftig unter die Arme greifen. Die Fahrt selbst, auch wenn sie Stunden dauerte, machte mir nichts aus, vorausgesetzt, Lehne und Kopfstütze wurden so verstellt, dass ich mich weit genug zurücklehnen konnte, um den Kopf aufrecht zu tragen oder an die Stütze zu lehnen. War die Kopfstütze zu weit vorne, drückte sie mir den Kopf herunter. Außerdem kam es auf den Fahrer an: Wenn er zu scharf bremste oder beim Schalten zu sehr ruckelte, knallte mir der Kopf auf die Brust. Darum ließ ich mich am liebsten mit meinem eigenen Wagen fahren, weil er eine Automatikschaltung besitzt und in der Höhe (Bodenfreiheit) verstellbar ist, was beim Aus-und Einsteigen hilft.

Am Osterdienstag hatte ich morgens das Gefühl, mich wieder auf meine Beine verlassen zu können, und ging wie immer zwischen den verschiedenen sitzenden Tätigkeiten frei in der Wohnung herum. Ich fühlte mich ziemlich sicher. Gegen 13 Uhr musste ich zur Toilette. Wie gewöhnlich ließ ich den Rollstuhl im Wohnzimmer zurück. Als ich die Toilette verlassen wollte, bemerkte ich eine fatale Schwäche in den Beinen. Ich schaffte es noch bis zum Türrahmen, war aber nicht im Stande, einen weniger als einen Meter entfernten Stuhl zu erreichen. Ich dachte, die Beine würden sich im Stehen erholen, doch das war ein Irrtum. Ich stand da und wusste, ich würde fallen mit nicht vorhersehbaren Folgen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit packte mich. Ich schrie völlig sinnlos um Hilfe. Mir war klar, dass der Notruf nicht mehr rechtzeitig einen Helfer schicken konnte. Meine Beine verloren immer mehr an Kraft. Mit einem letzten Aufbäumen versuchte ich, mich auf den Stuhl zu werfen, aber das misslang. Jetzt lag ich mit der rechten Seite auf dem Boden. Schmerzen hatte ich nicht, dafür litt ich wieder an bedrohlicher Atemnot. Wegen der vorangegangenen Anstrengung brauchte ich viel Luft, doch ich lag zusammengekrümmt und mit dem Kopf ungestützt auf den blanken Fliesen. Ich versuchte, mich zu beruhigen und bewusst tief zu atmen. Doch das reichte nicht, die Atemnot wurde immer größer. Ich griff zum Notrufknopf, denn ich hatte das Telefon, das mit der Sprechanlage an der Haustür verbunden war und als Türöffner dienen konnte, leichtsinnigerweise auf dem Wohnzimmertisch zurückgelassen. Zum Glück stand das Wechselsprechgerät im Arbeitszimmer, dessen Tür zum Flur hin offen stand. So konnte ich der Notrufzentrale die Situation schildern und sie bitten, die Nachbarin Frau Heinholt oder meinen Sohn zu schicken, die beide einen Schlüssel besitzen. Schon nach kurzer Zeit meldete sich die Notrufzentrale wieder und sagte, mein Sohn werde kommen. Der aber wohnt etwa sechs Kilometer entfernt und brauchte sechs bis acht Minuten. Ich lag da und zählte die Sekunden, während Atemnot und Angst immer schlimmer wurden. Nach einer Ewigkeit hörte ich, dass die Tür geöffnet wurde. Mein Sohn kam, holte den Rollstuhl und hob mich hinein. Schließlich setzte er mich auf das Bett. Ich konnte mich nahezu aufrecht mit Schulter und Kopf gegen das Rückenteil stützen. So konnte ich am besten frei atmen . 

Nach wenigen Minuten hatte ich mich erholt. Als ich da saß, beobachtete ich, wie mein Sohn über seine Hemdsärmel wischte, offenbar weil sie verschmutzt waren. Ich fragte ihn nach dem Grund. Er antwortete, dass ich am Kopf stark blute, weil ich anscheinend mit dem Hinterkopf gegen die Kante einer Türzarge gestoßen sei. Übrigens sei ich schon ziemlich blau im Gesicht gewesen. Die Notrufzentrale meldete sich wieder und fragte, ob alles in Ordnung sei. Mein Sohn gab zurück, dass ich eine Wunde am Hinterkopf hätte. Darauf schickte die Zentrale einen Krankenwagen, der mich in die Unfallambulanz des Bergheimer Krankenhauses brachte. Dort wurde ich zuerst von hinten und von links geröntgt. Von einer Fraktur war nichts zu erkennen. Dann wurde die Wunde gereinigt. Anschließend blieb ich nahezu eine Stunde im Rollstuhl sitzen bis der Arzt kam, der meine Wunde versorgen sollte. Aber die Wundränder waren schon so verklebt, dass er sie nicht zum Klaffen bringen konnte. So blieb es bei einem Sprühverband. Wir hatten mit dem Krankenwagenfahrer vereinbart, dass mein Sohn mich abholen werde. Dessen ungeachtet wurde ich mit dem Rettungswagen, der zufällig eine Leerfahrt in Richtung Kerpen hatte, transportiert. Zu Hause angekommen, war kein Hausschlüssel da und auch der Rollstuhl war weg. Ich bat den Fahrer, meinen Sohn anzurufen, weil er beides vermutlich mitgenommen habe. Wir seien davon ausgegangen, dass er mich abholen werde. Als er kurz darauf kam, konnte ich endlich ins Haus gebracht werden.

An den nächsten beiden Tagen wagte ich es nicht, mich mehr als ein paar Schritte vom Bett, dem Rollstuhl oder dem Bürosessel, den ich vor die Computer gestellt hatte, zu entfernen. Die Nackenmuskulatur war anscheinend durch den Sturz gezerrt und schmerzte heftig, wenn ich den Kopf in Rückwärtslage anheben musste. Bis zum Wochenende jedoch erholte sie sich wieder. Das Schlimmste, was vom Sturz zurückblieb, war die Angst zu fallen. Ich konnte den Weg, den ich zu gehen im Stande war, nicht mehr abschätzen. Mittwochs, am Tag nach dem Sturz, hatte ich Krankengymnastik. In Gegenwart der Therapeutin, die den Rollstuhl hinter mir her schob, konnte ich auf der Terrasse immerhin drei Runden gehen (in der Vorwoche waren es noch sechs), das sind rund 50 Meter. Um die Stufe ins Haus zu schaffen, musste ich mich zuvor ein paar Minuten ausruhen. Das war deutlich schlechter als vor einer Woche, zeigte aber, dass die Angst es war, die mich nicht mehr als wenige Schritte gehen ließ. Ich nahm an, die Kraft der Beine hätte sich beim langen Stehen vor dem Sturz aufs Äußerste erschöpft und werde im Lauf der Woche zurückkehren. Doch das war nicht der Fall. Ich vermute, dass Erschöpfung die Muskeln schädigt. Es war mir schon früher aufgefallen, dass gerade die Muskeln, die am meisten gefordert werden, am schnellsten nachlassen. Selbst  schonendes Krafttraining dürfte bei meiner Krankheit deshalb eher schädigend wirken.

Am Freitag in der Frühe merkte ich beim Toilettengang, dass ich nicht mehr lange genug stehen konnte. Mit knapper Not rettete ich mich in den Rollstuhl, den ich wohlweislich so nahe wie möglich an die Toilette herangefahren hatte. Von da an sollte sich in meinem Leben wieder vieles ändern.

(Fortsetzung folgt)

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