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Ausführlicher Bericht
Momentaufnahme:
Pfingsten 2001
Heute ist Pfingstsonntag 3. Mai 2001. Endlich
komme ich dazu, was ich mir schon lange vorgenommen habe: über meine
Erfahrungen mit meiner degenerativen Motoneuronerkrankung zu schreiben.
Einfach so, wie es mir in den Sinn kommt, unstrukturiert und ganz und gar
für mich selbst. Wenn es jemand anderen interessiert, mag er es lesen.
Ich habe in meinem Leben viel zu viel Zeit mit Strukturieren verschwendet.
Was ich meine, sieht man sofort, wenn
man meine Website "Mut zur Freude" betrachtet.
Meine größte Freude wäre
es, wenn in allen meinen Schriften auch nur ein einziger Mensch etwas fände,
was ihn ein wenig aufrichtet und ihm trotz allem Leid Mut zur Freude macht.
Meine Schwierigkeit (das Wort Problem möchte
ich am liebsten ganz aus meinem Wortschatz streichen) ist diese: Ich habe
eine Motoneuronerkrankung, möglicherweise ALS, Amyotrophe LateralSklerose.
Vor zwei Jahren wurde die Verdachtsdiagnose gestellt. Die ersten Anzeichen
traten schon ein Jahr früher auf. Es begann mit Ungeschicklichkeiten
der Hände und Schwäche der Schultergürtelmuskulatur. Diese
hatte zur Folge, dass ich beim Gehen den Nacken nicht aufrecht halten konnte.
Meinen Kopf trage ich seitdem mit dem Kinn auf dem Brustbein. Im Stehen
kann ich meinen Gesprächspartner nicht ansehen. Mein Kehlkopf ist
zusammengedrückt, die Stimme klingt dumpf und rau. Anders im Sitzen:
wenn ich mich weit genug zurücklehne, kann ich den Kopf leicht balancieren
und habe keinerlei Beschwerden.
Zur Zeit kann ich noch einige hundert Meter
gehen, drei Stockwerke hoch Treppen steigen und von einem normal hohen
Stuhl aufstehen, aber ich merke doch, dass die Beine nach und nach schwächer
werden. Dagegen sind die Arme, vor allem der linke, schon sehr kraftlos.
Ich muss deshalb morgens und abends gepflegt werden (Pflegestufe 2). Essen
fällt mir sehr schwer. Ich muss dazu die Arme auf die Tischplatte
stützen und mir die Speise aus dem Handgelenk heraus mit einem Löffel
irgendwie in den Mund schieben. Zum Glück sind Bulbärsymptomatik
und Atemschwierigkeiten bisher nicht aufgetreten.
Ich muss befürchten, dass ich
in absehbarer Zeit, vielleicht noch in diesem Jahr, verstärkt auf
Hilfsmittel angewiesen sein werde. Insbesondere denke ich an einen Rollstuhl,
der mit Aufstehhilfe und Treppenlifter ausgerüstet ist. Im Artikel
über Ergotherapie bei ALS, den ich auf der DGM-Website fand, ist ein
Gestell beschrieben, das über Seile, Rollen, Gegengewichte und Schlaufen
die Schwerkraft an den Armen eliminiert. Ich habe Ähnliches schon
provisorisch konstruiert und gefunden, dass dies eine gute Hilfe wäre.
Im übrigen habe ich schon seit über 50 Jahren mit EDV und Computern
zu tun und möchte auf jeden Fall erreichen, dass ich mich noch lange
damit beschäftigen kann. Ebenso kommt es mir darauf an, möglichst
lange in meinem eigenen Haus zu bleiben. Meine Bibliothek, meine Musiksammlung,
meine vielen Fotos, Alben und Videos möchte ich unbedingt in meiner
Nähe haben. Ich bin bereit und in der Lage, beträchtliche Mittel
zu investieren, weil ich davon ausgehe, dass ein Aufenthalt im Heim noch
viel teurer würde und hinsichtlich Lebensqualität völlig
unvergleichbar wäre.
Immerhin kann ich noch eine Computer-Tastatur
bedienen, obschon der rechte Ringfinger sich mit dem Mittelfinger verklemmt,
wenn ich Ziffern blind eingeben will. Texte erfasse ich mit dem Spracheingabeprogramm
ViaVoice von IBM.
Ach ja, übermorgen am 5. Juni 2001
würde mein Vater 103 Jahre alt, wäre er nicht mit 88 gestorben.
Meine Mutter ist bis auf drei Monate 91 alt geworden. Meine Frau
wurde genau vor einem Monat in den Sarg gelegt und aus dem Haus getragen,
nachdem sie am Tag zuvor gestorben war, vier Tage vor ihrem 70. Geburtstag.
Seitdem hat sich viel in meinem Leben verändert. Es ist aber auch
Vieles gleich geblieben.
Ich bin gern allein. Ich kann dann vieles
tun, was mir Spaß macht, zum Beispiel schreiben, lesen, Musik hören,
die Videos von den Reisen betrachten, mich mit dem Computer beschäftigen,
im Garten sitzen und meditieren. Leider kostet mich der Papierkrieg viel
zu viel Zeit.
Der Verlauf meiner Motoneuronerkrankung
So fing es an:
Die ersten Anzeichen von Schwäche zeigten
sich vermutlich schon 1994. In unserem Haus führt eine offene Holztreppe
zu den oberen Geschossen. Mit "offene Treppe" meine ich eine Treppe, bei
denen die Stoßbretter fehlen, so dass man zwischen den Stufen durchsehen
kann. Unter der Holztreppe führt eine Steintreppe in den Keller. Da
ich Rückenschmerzen hatte, stellte ich mich auf die oberste Stufe
der Kellertreppe, klammerte mich mit den Fingern an eine darüber liegende
Holzstufe und ließ mich hängen, wobei die Füße ihren
Halt verloren. Zweck der Übung war, den Rücken zu strecken. Zu
meiner Verblüffung gaben die Finger - anders als viele Male zuvor
- nach. Ich versuchte noch, mich zur Kellertreppe zurück zu schwingen,
doch im Schwungholen flog ich mit dem Kreuz vorwärts auf die Kante
der vorletzten Steinstufe vor dem Treppenabsatz, ein Höhenunterschied
von gut und gern anderthalb Metern. Hinterher zeigte die Röntgenaufnahme
weder einen Bruch noch den geringsten Riss. Der einzige Denkzettel war
ein gewaltiger Bluterguss, aus dem der Arzt schätzungsweise sieben-
bis achthundert Milliliter Blut heraus punktierte. Und in vier Wochen sollte
eine Kreuzfahrt quer über den Südpazifik starten. Doch alles
ging gut.
Ich führte die Schwäche meiner
Finger auf Trainingsmangel oder erste Alterserscheinungen zurück nach
dem Motto: Auch junge Leute haben ihre Wehwehchen, nur sie haben keinen
Anlass, sie aufs Alter zu schieben. Im Nachhinein denke ich: Damit fing
es an. Das nächste Warnzeichen erreichte mich 1997 an unserem 43.
Hochzeitstag. Beim Essen im Restaurant zuckte meine rechteHand an einer
bestimmten Stelle so heftig, dass die Speise vom Löffel oder von der
Gabel sprang. Ich maß dem keine Bedeutung bei, denn mit etwas
Geschick konnte ich das Zucken überspielen, indem ich die Hand etwas
anders bewegte. Von da an passierte es mir immer öfter, dass ich beispielsweise
Kaffee verschüttete, wenn ich die Tasse zum Mund führte. Als
wir 1998 zu Ostern bei unserer Tochter Monika in Phoenix/Arizona weilten,
fragte sie heimlich meine Frau: "Verschweigst du mir etwas?", weil sie
fürchtete, ich hätte Parkinson.
Im Juni 1998 fuhren meine Frau und ich
nach Holland zu unserem Boot, das in der Marina Kranerweerd bei Zwaartsluis
in der Provinz Overijssel lag. Bei den Vorbereitungsarbeiten für den
Törn versuchte ich den Bolzen in einen Schäkel zu drehen. Dabei
war mir plötzlich, als sei der Mittelfinger eingerastet. Erst nach
einigem mentalen Zureden bewegte er sich wieder Ich maß dem keine
Bedeutung bei, weil sich ein ähnlicher Vorfall erst nach Wochen wiederholte.
Bei dem anschließenden Törn
fiel mir auf, dass mir bei schwierigen Manövern der Nacken schwer
wurde, so dass ich den Kopf nur mit Mühe aufrichten konnte, nachdem
ich ihn geneigt hatte. Ich hielt dies für eine Muskelverspannung als
Stresssymptom und achtete nicht weiter darauf
Juli 1998 gingen meine Frau und ich wieder
auf Fahrt. Diesmal war unser 14-jähriger Enkel Georg dabei. Er nahm
mir viele Arbeiten ab. So wurde ich geschont und hatte zunächst keine
Beschwerden. An einem Tag mit viel Regen und Wind fuhren wir mit dem Wagen
zum Zoo nach Enschede. Auf dem Weg vom Parkplatz dorthin wurde mir nach
etwa 800 Metern Wegs der Kopf immer schwerer. Ich setzte mich auf einen
an der Straße stehenden Betonklotz und ruhte mich aus. Nach ein paar
Minuten ging es weiter. Beim Zoobesuch hatte ich wenig Grund zur Klage,
einmal weil ich genügend Sitzgelegenheiten fand, zum anderen weil
wir häufig stehen blieben, um die Tiere zu beobachten. In Stehen konnte
sich der Nacken hinreichend ausruhen.
Am 23. Juli 1998 ließ ich mich zur
Verlaufskontrolle meiner Hypertonie von der Kardiologin Dr. Kocks in Frechen
untersuchen. Ich habe seit langem eine Myokardhypertrophie, die aber von
keinerlei Insuffizienzerscheinungen begleitet ist. Die Ärztin ist
dafür bekannt, dass sie auch Auffälligkeiten wahrnimmt, die nicht
unbedingt in ihr Fachgebiet fallen. Sie bemerkte eine beiderseitige Atrophie
der Daumenballen und riet mir, mich auf das Vorliegen eines Carpaltunnelsyndroms
untersuchen zu lassen.
Mein Hausarzt schickte mich wegen
des Verdachts auf Carpaltunnelsyndrom und des Zitterns der Hände zum
Neurologen. Der untersuchte meine Hände und Arme mittels Elektroneurogramm
und Elektromyogramm. Aufgrund des Befunds schloss er Carpaltunnelsyndrom
und Parkinsonsche Krankheit aus. Außerdem tastete er die Schulter-und
Rückenmuskulatur ab, wobei er einem paravertebralen Hartspann diagnostizierte.
Das Händezittern deutete er als psychogenen Intentionstremor. Ferner
stellte er ein chronisches Wirbelsäulensyndrom, hauptsächlich
im Bereich der Halswirbelsäule mit Wurzelreizung, aber ohne Wurzelkompression
fest. Therapeutisch hielt er von Seiten seines Fachgebiets eine konservierende
Behandlung der Wirbelsäule mit vorwiegender Wärme für ausreichend.
Das war am 8. September 1998.
Mit der Diagnose des Neurologen ging ich
zum Orthopäden. Nach der Untersuchung meinte dieser, es handle sich
offenbar um Muskelverspannungen infolge Stress und Bewegungsmangels. In
drei, vier Wochen werde alles wieder in Ordnung sein. Er verordnete mir
6 mal Physiotherapie in Form von Nackenstreckung auf den Streckbett. Da
keine Besserung festzustellen war, wurde die Physiotherapie noch sechsmal
wiederholt. Auch das brachte nichts. Deshalb wurde ich für dreimal
sechs Behandlungen zum Krankengymnasten geschickt.
Ich liebte es, lange Wanderungen im Wald
auf meinem "Philosophenweg" zu unternehmen. Philosophenweg deshalb, weil
ich, wenn ich ein philosophisches, berufliches oder sonstiges Problem hatte,
mich auf den Weg machte und am Ende die Lösung hatte. Fast immer.
Der Weg war je nach Route sechs bis zehn Kilometer lang. Das Wandern wurde
immer beschwerlicher; ich ging abwechselnd ein paar 100 Meter mit aufgerichtetem
und 100 Schritte mit gesenktem Kopf. Mit dem Beinen hatte ich dagegen überhaupt
keine Last. So konnte ich meine geliebten Wanderungen noch ein paar Monate
fortsetzen.
Ende Januar 1999 flogen meine Frau und
ich für drei Wochen zu den Malediven. Auf der Insel Meerufenfushi
("Insel des wohlschmeckenden Wassers") wohnten wir in einem komfortablen
fünfeckigen Häuschen mit Klimaanlage und halboffenem Bad. Von
der Terrasse aus blickte man zwischen Palmen und tropischen Gewächsen
auf den schneeweißen Strand, die türkisfarbene Lagune und das
Korallenriff, an dem sich die Brandung des tiefblauen Indischen Ozeans
brach. Wasser und Luft waren beide um die 29 Grad warm. Das Wasser war
voller Leben. Wir fanden größtes Vergnügen daran, Fische
zu füttern, zu schnorcheln und unter Wasser Aufnahmen zu machen. Vor
allem die blau-schwarz-weiß-gelben Doktorfische hatten es mir angetan.
Schnorcheln machte mir keine Schwierigkeiten, weil dabei der Kopf unter
Wasser blieb und so von seinem Auftrieb gehalten wurde. Brustschwimmen
fiel mir dagegen schwer, weil ich den Kopf nicht heben konnte, um Luft
zu schnappen. Überhaupt keine Schwierigkeiten hatte ich mit dem Rückenschwimmen.
Dabei fühlte ich mich so leicht und frei, wie ich es niemals zuvor
empfunden hatte. Das einzige, was mir missfiel, war morgens, mittags und
abends der zwölf Minuten lange Marsch zum zentral gelegenen einzigen
Speiselokal der Insel und wieder zurück. Mein schwacher Nacken machte
mir dabei zu schaffen und ich schwitzte erbärmlich unter der Anstrengung.
Der neunstündige Flug und die Stunde Fahrt mit dem Schnellboot zwischen
Flugplatz und Insel machten mir nichts aus.
Im April 1999 war immer noch nicht
die mindeste Besserung zu spüren, im Gegenteil. Ich bat den Orthopäden,
doch bitte endlich seinen Bericht an den Hausarzt zu senden. Ich erhielt
zur Antwort, da sei nichts zu berichten, denn es gebe keinen Befund. Auf
meinen Einwand hin, was ich denn von meiner fortschreitenden Muskelschwäche
zu halten habe, meinte er, dafür sei er nicht mehr zuständig,
und verordnete dennoch, wenn auch ein wenig widerwillig, eine Kernspintomografie
(MRT). Diese geschah am 12.April1999. Die MRT der Halswirbelsäule
und des cervikalen Spinalkanals ergab keine Hinweise auf krankhafte Veränderungen,
die zu Nervenschädigungen führen können wie etwa durch Kompression
von Nerven infolge eines Bandscheibenvorfalls. An den Wirbeln waren nur
unbedeutende "Verschleißerscheinungen" zu erkennen. Kein Wunder,
hatte doch mein Treppensturz von 1995 die Qualität meines Knochenbaus
erwiesen.
Im Mai 1999 stellte der Hausarzt bei einer
Blutuntersuchung erhöhte CK-Werte fest. PSA, Borreliose- und Rheumafaktor
waren negativ, doch die CPK-Erhöhung ließ den Verdacht eines
entzündlichen Prozesses aufkommen. Daraufhin wurde ich erneut zum
Neurologen überwiesen. Der untersuchte mich am 14. Juni 1999 wieder
mit Elektroden und Nadeln und verkündete mir, ich habe wahrscheinlich
ALS. Ich hatte schon vor Monaten das Barmer Gesundheits-Lexikon und den
Pschyrembel ausgequetscht und dabei ALS in die engere Wahl gezogen. Ich
erinnere mich, dass ich meine Befürchtung, ich könne ALS haben,
sogar ausdrücklich gegenüber meinem Hausarzt geäußert
hatte. Somit war ich schon vorgewarnt, aber dennoch einigermaßen
geschockt durch die Endgültigkeit der Diagnose. Da ich epidemologisch
wegen meines Alters (71) nicht mehr in die Zielgruppe der ALS fiel, meinte
der Arzt, meine Krankheit habe womöglich einen langsameren Verlauf
als üblich. Ich könne durchaus noch 81 Jahre alt werden. Er bot
mir an, mich zu weiteren Untersuchungen an die Universitätsklinik
Köln zu überweisen, hielte dies aber nicht für sonderlich
fruchtbar, weil ja doch keine spezifische Therapie bekannt sei. Der Aussagewert
sei vergleichbar dem, ob man die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
oder Myatrophische Lateralsklerose (MAL) nenne. Er riet mir, mich nicht
unnötig quälen zu lassen und in einem halben Jahr zur Verlaufskontrolle
wiederzukommen. Wenn ich es im Nachhinein recht bedenke, hatte er womöglich
Recht. In seinem Arztbrief an meinen Hausarzt relativierte er seine Aussage
jedoch dahingehend, dass "differenzdiagnostisch ... auch an eine amyotrophe
Lateralsklerose zu denken" sei.
Alsbald nach Rückkehr vom Neurologen
setzte ich mich zu Hause an den Computer und recherchierte über ALS.
Es dauerte nicht lange, bis ich auf die Website http://www.dgm.org
der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) stieß. Dort
konnte ich mich ausführlich über alles unterrichten und am Abend
hatte ich einen ganzen Stapel ausgedruckter Seiten vor mir. Was mich zunächst
am meisten beunruhigte, waren die Auswirkungen und der Verlauf. Ich sah
aber auch, dass es eine große Zahl von Muskelkrankheiten gab, die
mit ähnlichen Symptomen einher gingen. Manche von ihnen waren gut
oder weniger gut behandelbar, manche ließen sich mildern und manche
konnten wie ALS nur palliativ behandelt werden. Es kam also darauf an genau
zu wissen, ob ich wirklich ALS hatte oder vielleicht doch eine andere Krankheit.
Aufgrund einer einzigen neurologischen Untersuchung auf ALS zu setzen,
schien mir gewagt.
Schnell wurde mir klar, dass ich mich nicht
allein auf die Diagnose des Neurologen verlassen durfte und unverzüglich
handeln musste, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Doch wer sollte die
Untersuchungen vornehmen? Das nächstgelegene Muskelzentrum war die
Neurologische Poliklinik der Universität Köln, 18 km von meiner
Wohnung entfernt. Da es schließlich um mein Leben ging, kam für
mich nur die erste Adresse in Frage. Das war für mich das Friedrich-Baur-Institut
unter Prof.Dr. Pongratz in München. Die Barmer Ersatzkasse hätte
sich wegen der Entfernung wahrscheinlich geweigert, die Kosten zu übernehmen
und eine private Krankenversicherung hatte ich nicht. Also entschloss ich
mich, die Untersuchung aus eigenen Mitteln zu bezahlen.
Bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem
Friedrich-Baur-Institut wurde mir bedeutet, dass ich einen Termin erst
in mehreren Monaten bekommen könne. Mein jüngster Bruder war
damals Produktmanager einer großen deutschen Pharmafirma, für
die er Ärztekongresse in aller Welt organisierte und deshalb viele
Ärzte persönlich kannte. Durch einen befreundeten Münchner
Arzt gelang es ihm, einen Termin auf den 18. August 1999 für mich
zu reservieren.
Unterdessen ließ es meinen Hausarzt
nicht ruhen, dass mein CPK-Wert (CK-NAC-Wert) auf das Zwei- bis Dreifache
des maximalen Referenzwerts anstieg. Er fragte deshalb bei den Spezialisten
der Kernspintomografie-Abteilung nach, ob im MRT Befunde, welche den Verdacht
auf ALS erhärten könnten, zu erkennen seien. Die Antwort vom
26. Juli 1999 lautete, Veränderungen an der Halswirbelsäule seien
bei dieser Erkrankung nicht nachweisbar; allenfalls in Spätstadien
könne man eine Atrophie des Myeloms sehen. In nur 50 Prozent der Fälle
seien neurodegenerative Veränderungen im Schädel zu erwarten.
Die Diagnose stütze sich daher im wesentlichen auf die neurologischen
Verfahren.
Juni bis August 1999:
Emotionen
Nach der ALS-Diagnose begann für mich
eine äußerst emotionale, gefühlsbetonte Zeit. Ich brauchte
viel Zeit zum Nachdenken, um meine Gedanken und Gefühle in den Griff
zu bekommen. Ich übte damals noch meinen Beruf aus. Die Tätigkeiten,
die mir Freude machten, konnten mich von meinen Gedanken ablenken; solche
dagegen, die ich immer schon widerwillig tat, waren mir jetzt erst recht
zuwider. Sie konnten mich nicht fesseln, sondern weckten in mir das Gefühl,
mit ihnen meine kostbare Zeit zu vertun. Trotzdem, was getan werden musste,
wurde getan. Wenn es meine Aufmerksamkeit hinreichend in Anspruch nahm,
konnte es mich doch auf andere Gedanken bringen.
Ich arbeitete schon seit einiger Zeit an
zwei bis drei Tagen in der Woche zu Hause. Meine häuslichen PCs waren
über einen Router direkt mit der Praxis in Köln vernetzt, so
dass ich jederzeit auf alle Dateien im Büro zugreifen und sie ändern
bzw. speichern konnte. An schönen Tagen - und solche gibt es mehr
in unseren Breiten als man denkt, wenn man auf Wochenende und Urlaub angewiesen
ist - verlegte ich meine Arbeitszeit in die dunklen Stunden, denn
wenn die Sonne schien, zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt in unseren
Garten.
Bei meiner Liebe zum eigenen Garten kann
man sich leicht vorstellen, wie schlimm es für mich wäre, aus
meinem Haus ausziehen zu müssen. Ich beruhigte mich aber mit dem Gedanken,
dass ich auch noch im Rollstuhl in meinem Garten werde sitzen können,
selbst dann wenn ich nicht mehr gehen und stehen und meine Arme nicht mehr
bewegen könnte - vorausgesetzt, dass ich jemanden fände, der
mich Tag und Nacht betreut. Zu dieser Zeit lebte meine Frau noch. Sie war
fast vier Jahre jünger als sich und so dachte ich, mit etwas Hilfe,
vielleicht durch einen Pflegedienst, könnte sie mir den Aufenthalt
im eigenen Haus ermöglichen.
Ich rechnete überhaupt nicht damit,
dass sich alles ganz anders entwickeln würde.
Dann fing ich an zu grübeln: Wie würde
es wohl sein, wenn ich die Hände nicht mehr heben kann? Wer würde
mir beispielsweise am Kopf kratzen, wenn es mich juckt, wer würde
mir die Nase putzen? Wie lange würde ich noch meine geliebte Abendpfeife
genießen können? Ja, und wie würde es sein, wenn ich mich
nach dem Stuhlgang nicht mehr reinigen könnte? Das war etwas, was
ich als besonders schwere Belastung empfand. Und überhaupt, wie lange
würde ich wohl noch leben? Mir war bekannt, dass das Endstadium der
ALS, die Lähmung der Atemmuskulatur, gewöhnlich nach drei bis
vier Jahren eintritt. Es machte mir ganz besonders Angst, ersticken zu
müssen. In Alpträumen hatte ich früher schon das Ertrinken
und verschüttet Werden geprobt. Ähnlich stellte ich mir auch
das Ersticken bei der Atemlähmung vor. Erst viel später wurde
ich in dieser Hinsicht beruhigt. Man sagte mir, dass ALS-Patienten ganz
ruhig und friedlich einschliefen, weil der Anstieg des CO2-Gehalts im Blut
eine Art Narkose hervorriefe. Und die Ängste könne man mit wirksamen
Medikamenten im Griff behalten.
Ich nahm mir vor, so viele Reisen wie irgend
möglich mit meiner Frau zusammen zu unternehmen, solange ich noch
gehen oder wenigstens kurze Zeit stehen könnte, um vom Bett in den
Rollstuhl, auf einen Stuhl oder auf das WC zu gelangen. Jedenfalls gingen
meine Frau und ich zu unserem Reisebüro, wo wir früher schon
unsere Kreuzfahrten und USA-Reisen gebucht hatten. Dort fanden wir eine
sehr schöne Kreuzfahrt auf dem Jangtse Jiang oder Chang Jiang, dem
Großen Fluss in China, von Tschunking (Chonqing) nach Shanghai. Solche
Fahrten zu Schiff sind besonders deshalb angenehm, weil man nicht jeden
Tag das Hotel zu wechseln braucht, nicht ständig aus dem Koffer leben,
die Schränke nicht täglich aus- und einräumen und das Hotelzimmer
nicht bis elf Uhr verlassen muss, so dass man tagsüber keine Bleibe
hat, wo man ausruhen kann. Die Flussreise sollte zehn Tage dauern. Daran
schloss sich ein Flug nach Guilin und Hongkong an, insgesamt waren es etwa
15 oder 16 Tage. Wir buchten also die Reise für September 1999. Das
war nach dem vereinbarten Termin beim Friedrich-Baur-Institut in München.
Natürlich war ich sehr bedrückt
bei dem Gedanken, so nach und nach das Besteck abgeben zu müssen,
angefangen von der Kuchengabel bis zuletzt den großen Löffel.
Jetzt fing ich an, den Himmel zu bestürmen, er möge mir doch
nach Möglichkeit diese Quälerei ersparen. Andererseits sagte
ich mir, dass jeder Mensch irgendwann einmal vor einer ähnlichen Situation
stehen werde, dass also das, was ich erlebe, nichts Besonderes, sondern
etwas ganz Gewöhnliches ist. Darum ergänzte ich meine Gebete
um die Bitte, mir in allen Widerwärtigkeiten die nötige Kraft
zu verleihen, mit all diesen schlimmen Dingen fertig zu werden. Beim frühen
Tod meines jüngsten Sohnes in 1985 hatte ich gelernt, dass man die
Trauer über Verlorenes am ehesten dadurch überwindet, dass man
in sich die Dankbarkeit dafür wachruft, dass man es hatte.
Also ließ ich in Gedanken mein ganzes
Leben von der Geburt bis auf den heutigen Tag an mir vorüberziehen:
Eine glückliche Kindheit in einer intakten Familie. Die Mutter, vielbeschäftigt
als selbständige Fotografin, war immer für uns vier Kinder da,
wenn wir sie brauchten. In der Schule keinerlei Schwierigkeiten. Kriegs-
und Nachkriegszeit unbeschadet überstanden. Abgeschlossenes Studium.
Nach wenigen Angestelltenjahren Aufbau einer freiberuflichen Existenz.
Beruflich erfolgreich. Eine wunderbare Frau, vier wohlgeratene Kinder.
Reisen kreuz und quer durch Europa. Ein schönes Haus mit einem zauberhaften
Garten. Segelboot auf der Adria, dem Rhein, den Kanälen der Niederlande.
Reisen durch alle Erdteile und über alle Weltmeere. Was konnte ich
mehr noch erreichen?
Gewiss, es gab schwere Zeiten. Mit 15 Jahren
wurde ich Luftwaffenhelfer. Mit 17 Reichsarbeitsdienst, Wehrdienst, Kriegsgefangenschaft,
aber kein Haar wurde mir gekrümmt. Dann die Aufbaujahre im Beruf.
Die jüngste Tochter geistig behindert. Der frühe Tod des jüngsten
Sohnes. Aber was zählte das alles gegenüber dem vielen Guten
in meinem Leben? Wenn ich es mir recht überlegte, war mein Leben reich
und schön. Konnte ich noch mehr verlangen? Ich war jetzt nahezu 72
und hatte nie eine ernste Krankheit, war noch nie als Patient im Krankenhaus.
Nein, ich konnte mich wirklich nicht beklagen,. Ich brauchte nur die Augen
zu schließen und mich in die Vergangenheit zurück zu versetzen,
um immer wieder neue, wunderbare Bilder in mir aufsteigen zu sehen. Jedes
Mal ergriff mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit. Als das beste Mittel
gegen jede Niedergeschlagenheit und Traurigkeit erwies es sich, diese Dankbarkeit
in mir zu erwecken. Sobald ich es tat, überströmte mich ein Glücksgefühl,
das alles Missliche, alles Traurige unwiderstehlich vertrieb.
Ich kann nur sagen, eine dankbare Lebenshaltung
ist das Beste, was man sich selbst antun kann. Es geht dabei nicht um die
Dankbarkeit, die man jemand Bestimmtem schuldet, vielmehr um eine Dankbarkeit
dem Leben, dem Schicksal, oder wenn man so will, den himmlischen Mächten
gegenüber. Der Undankbare sieht nur das, was er nicht hat, und kann
sich deshalb nie recht freuen über das, was er hat, sei es auch noch
so viel. Nur wer dankbar ist, weiß das, was er hat, zu würdigen.
Und nur wer das, was er hat, würdigen kann, vermag sich darüber
zu freuen. So entsteht aus Traurigkeit Dankbarkeit und aus Dankbarkeit
wiederum Freude, Freude über das, was bleibt. Damit ziehe ich mich
so zu sagen an den eigenen Schuhriemen aus dem tiefen Loch, in das ich
immer wieder versinke.
Nach und nach kann indessen noch etwas
ganz anderes ins Spiel. In den letzten Jahren hatte ich an einer Philosophie
der Freude gebastelt, die ich zu gegebener Zeit ins Internet stellen wollte.
Von Jugend auf hatte ich mich stets mit Fragen der Naturwissenschaft und
der Philosophie beschäftigt. Vor allem hatte mich die Evolution gefesselt.
Über meine Gedanken dazu hatte ich in den achtziger Jahren sogar ein
kleineres und ein größeres Buch geschrieben und versucht, es
zu publizieren. Das gelang mir jedoch nicht, obwohl die Äußerungen
der Lektoren recht positiv waren. Meine Gedanken passten offenbar nicht
so recht in die Landschaft des Buchmarktes. Im übrigen hatte ich selbst
das Gefühl, dass beide Arbeiten noch nicht klar genug erkennen ließen,
worauf es mir im wesentlichen ankam. So machte ich mich daran, das Ganze
zu straffen und in ein System zu bringen. Ich hatte mich nicht übermäßig
beeilt, weil ich immer wieder an Fragen geriet, die langes Nachdenken erforderten.
Nun musste ich erkennen, dass mir wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit bleiben
würde. Ich fing an, meine Arbeit zu beschleunigen und sie in ein internetgerechtes
Format zu bringen. Schnell wurde mir klar, dass es mir zum Abschluss meiner
Philosophie der Freude noch an Leiderfahrung fehlte, die das Ganze erst
wirklich glaubwürdig machte.
Von daher schien meine Krankheit ihren
Sinn zu bekommen. In meinem Leben hatte ich schon oft bemerkt: Wenn die
Dinge nicht so liefen, wie ich es mir wünschte, musste ich im Nachhinein
erkennen, dass es, so wie es kam, das Beste war, während es womöglich
eine Katastrophe geworden wäre, hätten sich meine Pläne
erfüllt. Ich gelangte mithin zu dem Schluss: Wie es auch immer kommt,
so ist es gut. Besser kann es nicht sein. Man lernt ja immer nur den Lebenspfad
kennen, den man tatsächlich geht. Was gewesen wäre, wenn ich
mich anders entschieden hätte oder meine ursprünglichen Pläne
Wirklichkeit geworden wären, das erfahre ich ja nie. Ich ging sogar
noch weiter. Wenn es gut ist, wie es kommt, so dachte ich, dann muss auch
meine Krankheit gut für mich sein.
Ich gebe gerne zu, dass ein solcher Optimismus
nur auf dem Boden eines starken Glaubens wachsen kann. Freilich ist es
heutzutage nahezu unmöglich ernstgenommen zu werden, wenn man sich
etwa auf das Christentum beruft. Ja, man muss sich schon schämen,
dass man ein rechtschaffener Mensch ist: nicht geschieden, kein uneheliches
Kind, keine Affären, kein Alkoholproblem, keine Drogen, nicht einmal
homosexuelle Neigungen - ja zum Teufel, was ist man denn überhaupt?
Ein durch und durch fader Zeitgenosse, der nicht einmal für die langweiligste
Talkshow taugt. Und dieser Unglücksmensch ist auch noch religiös.
Lachhaft.
Doch jetzt drehe ich den Spieß um.
Wie man aus meiner Website www.MutzurFreude.de nachprüfen kann, habe
ich mich im Lauf meines Lebens über fast alle Wissenschaften kundig
gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass die Wissenschaft mehr Fragen
aufwirft, als sie beantwortet. Jede neue Entdeckung zieht neue Probleme
nach sich. Selbst die Physik, die wähnt, der vollständigen Erforschung
der Welt nahe zu sein und die Weltformel schon im Visier zu haben, ist
nicht davor gefeit.
Alles in allem halte ich den naiven, unaufgeklärten
Wissenschaftsglauben, der nur existieren lässt, was wissenschaftlich
erklärbar oder nachweisbar ist, für einen Religionsersatz von
grotesker, ja kindischer Naivität. Die so überaus selbstgewisse
moderne Wissenschaft ist auch nur ein Mythos - ein sehr nützlicher,
gewiss - und auch sie hat ihren Gott, mit dem sie alles erklären kann:
den Zufall. Überspitzt gesagt: Die Aufklärung bedarf dringend
der Aufklärung. Obwohl ich mein Leben lang danach gesucht habe, konnte
ich bis auf den heutigen Tag nichts finden, was meinen "frommen Kinderglauben"
im mindesten hätte erschüttern können. Glauben ist nur durch
Glauben zu ersetzen. Was die Wissenschaft uns dagegen zu glauben zumutet,
ist mit Verlaub eine Unverschämtheit. Es sollte sich deshalb niemand
mit seiner wissenschaftlichen Aufgeklärtheit brüsten, denn der
Vorwurf der Unaufgeklärtheit fällt postwendend auf ihn zurück.
Sei's drum, ich oute, nein ich bekenne
mich als überzeugten, glaubensstarken Christen. Keiner mehr kann mir
kommen und mich hindern zu glauben.
August
1999: In guten Händen - Das Friedrich-Baur-Institut
Am 17. August 1999 sollte ich mich in
der Ambulanz des Friedrich-Baur-Instituts in München zur gründlichen
Untersuchung vorstellen. Am Tag davor reisten meine Frau und ich mit dem
Wagen an und übernachteten im Carat-Hotel an der Lindwurmstraße
in der Nähe des Klinikums Innenstadt. Am nächsten Morgen fanden
wir uns gegen 10 Uhr in der Ambulanz ein. Zunächst wurden umfangreiche
Blutuntersuchungen angestellt. Danach wurden Arme und Beine mit Elektroden
und Nadeln gründlich untersucht. Es war einigermaßen unangenehm,
aber nicht unerträglich. Herr Dr. Reilich nahm dazu eine eingehende
Anamnese auf. Am späten Nachmittag wurden die Ergebnisse im Beisein
meiner Frau ausführlich mit Herrn Prof. Dr. Pongratz besprochen. Als
Dr. Reilich berichtete, dass bei einer bestimmten Untersuchung die erwarteten
pathologischen Spontanaktivitäten (PSA) ausgeblieben waren, horchte
Professor Pongratz auf. Nach einem längeren Dialog mit Dr. Reilich
meinte er, wenn ich wirklich ALS hätte, so könnte ich wohl mit
einem untypisch langsamen Verlauf rechnen. Nach der Antwort auf seine Frage
nach meinem Alter wunderte er sich, dass ich schon 72 Jahre zählte
und sagte, er habe mich für zehn Jahre jünger gehalten; es sei
ungewöhnlich, dass jemand in meinem Alter noch von ALS befallen würde.
Dann wollte er wissen, weshalb ich eigens von Köln nach München
gekommen sei. Ich erzählte ihm, dass ich nach der Verdachtsdiagnose
meines Hausneurologen im Internet nach der Ersten Adresse gestöbert
hatte und über die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke auf
das Friedrich-Baur-Institut gestoßen war. Er lachte und meinte: "So
ist es richtig, immer die Direttissima nehmen". Meine Frau und ich
waren sehr beeindruckt von der Persönlichkeit des Herrn Prof. Dr.
Pongratz und seiner warmherzigen, sympathischen Ausstrahlung. Wir fassten
großes Vertrauen zu ihm. Aber auch von Herrn Dr. Reilich mit seiner
freundlichen, dazu kompetenten und offenen Art waren wir angetan.
Am nächsten Tag schritten wir zur
Liquorpunktion und zur Muskelbiopsie. Besonders vor der Entnahme der Rückenmarksflüssigkeit
hatte ich Angst, denn mein Vater hatte sich vor 50 Jahren einer solchen
Punktion unterziehen müssen und erzählte noch lange davon, dass
er in seinem ganzen Leben keine größeren Schmerzen erlebt habe.
Meine Furcht war jedoch unbegründet. Dr. Reilich nahm die Liquorpunktion
mit einer atraumatischen, an der Spitze gerundeten Nadel vor, die sich
den Weg des geringsten Widerstands sucht und kaum Verletzungen verursacht.
Vielleicht hatte ich auch nur Glück. Jedenfalls war die Punktion nicht
schlimmer als eine weniger gut gelungene Blutentnahme. Mit Blutabnahmen
hatte ich schlechte Erfahrungen, weil meine Venen nicht leicht zu finden
sind.
Auch was ich von der Muskelbiopsie gehört
hatte, ließ mich dem Nachmittag mit Unbehagen entgegensehen, durfte
man doch den Muskel nicht anästhesieren, damit seine Lebendfunktionen
nicht gestört würden. Ich musste mich auf einen OP-Tisch legen.
Dann kam Dr. Sievers, ein junger Neurologe, dem ich später bei meiner
Behandlung im Klinikum wieder begegnete. Er anästhesierte die Haut
über dem Bizeps des linken Oberarms und entnahm mit Hilfe seines Skalpells
drei oder vier Bröckchen Muskelfasern. Die Schnitte in die Muskeln
kamen mir vor wie ein leichtes Ziepen, unangenehm, aber nicht unerträglich.
Muskeln haben nämlich keine Nerven, die Schmerzempfindungen übertragen.
Dann nähte er die drei Hautschichten, die er durchtrennt hatte, einzeln
wieder zusammen und verband die Wunde. Zum Schluss musste ich noch eine
halbe Stunde auf einer Liege verbringen, während ein kleiner Sandsack
die Wunde an meinem Arm zusammendrückte. Am nächsten Tag wurde
die Wunde frisch verbunden. Nach zehn Tagen nahm mein Hausarzt den Verband
wieder ab. Die Wunde heilte ohne Komplikationen.
Der dritte Tag, der 19. August 1999, war
für die Besprechung der Ergebnisse vorgesehen. Die Blutwerte waren
weitgehend im Normbereich, der Liquor unauffällig. Die neurologischen
Untersuchungen deuteten auf eine degenerative Motoneuronerkrankung hin,
ließen aber eine sichere Diagnose noch nicht zu. Der endgültige
Befund der Muskelbiopsie sollte erst nach einigen Tagen vorliegen, der
Schnellschnitt für die vorläufige Beurteilung dagegen sollte
heute noch kommen. Ich wartete unterdessen in der Halle der Ambulanz.
Nach einer Viertelstunde eilte Professor
Pongratz herbei und sagte zu mir: "Bitte kommen Sie doch mit in mein Büro!
Ich habe mit Ihnen etwas zu besprechen." Es musste wohl etwas Gutes sein,
denn man merkte ihm seine Freude an, offenbar darüber, dass er auch
einem ALS-Patienten einmal etwas Erfreuliches zu verkünden hatte.
Er erklärte mir, die ersten Befunde der Muskelbiopsie hätten
gezeigt, dass erst zehn Prozent des Muskels durch die Krankheit verändert
seien, was darauf schließen lasse, dass die Krankheit bei mir einen
nicht allzu raschen Verlauf nähme.
Mit diesem verheißungsvollen Ergebnis
ging ich ins Hotel. Meine Frau wartete schon auf mich. Wir liefen zu Fuß
in die nahe Altstadt, um bei Pschorr-Hacker etwas zu essen. Ich bestellte
eine Schweinshaxn mit Sauerkraut und Knödeln und trank dazu zwei halbe
Liter Hefeweizen. Als wir noch ein wenig durch die Altstadt bummelten,
merkte ich, dass mein Kopf im Nacken ungewohnt schwer war. Meine Frau lachte
und meinte, das sei kein Wunder mit einem Liter Bier im Bauch. Wahrscheinlich
hatte sie recht.
Am nächsten Tag beschlossen wir, die
Gelegenheit zu nutzen und das Bäderdreieck zu erkunden. In Altötting
ließ ich mir das Wasser vom Brunnen des Hl. Bruder Konrad von Parzham
über die Hände laufen mit der Bitte, er möge mir wenigstens
meine Finger erhalten. In Bad Füssing stiegen wir in einem Kurhotel,
dem Rottaler Hof, ab. Von da aus unternahmen wir Fahrten zu den anderen
Bädern, zum elterlichen Hof Konrads von Parzham und natürlich
nach Passau, das mich unwiderstehlich anzog, sobald ich nur immer in seine
Nähe kam - ähnlich wie Venedig oder Granada mit seiner Alhambra.
Etwa zwei Wochen nach unserer Rückkehr
rief mich eines Morgens Dr. Reilich an und sagte, eine weitere Blutuntersuchung
habe bei mir einen hohen IgM-Antikörper-Befund von 5200 BTU ergeben
(Normbereich unter 800). Dieser Wert läge zwar noch im niedrigtitrigen
Bereich, der bis 5950 gehe, sei aber bei ALS ziemlich ungewöhnlich,
wenn auch nicht ausgeschlossen. Hochtitrige Werte, also über 5950,
deuteten auf eine MMN (multifokale motorische Neuropathie) hin. Diese sei
mit Immunglobulin-Infusionen gut behandelbar. In meinem Falle lIege der
Wert so hart an der Grenze, dass MMN nicht auszuschließen sei. Es
sei daher geboten, eine Behandlung mit Immunglobulinen zu versuchen. Erst
wenn diese keinen Erfolg habe, könne man MMN ausschließen und
die ALS-Diagnose bestätigen. Die in München verordnete Medikation,
nämlich Rilutek, Kreatin und täglich 2400 Milligramm Vitamin
E, solle ich vorerst weiter nehmen und selbstverständlich auch die
Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage fortsetzen.
Mitte September reisten meine Frau und
ich für drei Wochen nach China. Ich war schon 1987, also zwölf
Jahre vorher, dort gewesen und wunderte mich maßlos über die
Entwicklung, die das Land seitdem durchlaufen hatte. Städte wie Chongqing
(Tschungking), die damals noch urchinesisch waren, hatten jetzt eine Skyline,
die sich leicht mit denjenigen amerikanischer Städte wie Chicago,
San Francisco, Los Angeles, Atlanta und dergleichen messen konnten. Das
trifft ganz besonders auf Schanghai zu. Wir flogen nach Peking, Xi An (Sian)
und Chongqing, von wo wir dann mit einem modernen Fluss-Kreuzfahrtschiff
mit Namen "Yellow Crane" über den Yangtse Jiang nach Schanghai fuhren.
Dort fand am 30.September 1999 anlässlich des 50-jährigen Bestehens
der Volksrepublik China ein Feuerwerk statt. Unvorsichtig hatten wir am
Nachmittag einen Bummel über den Bund gemacht. Als wir zum Schiff
zurückkehren wollten, begann ein unvorstellbarer Zustrom von Chinesen,
die vom Bund aus das Schauspiel des Feuerwerks genießen wollten.
Lange bevor wir das Schiff erreichen konnten, waren wir von Millionen Chinesen
auf Tuchfühlung eingekeilt. Alle waren lustig und freundlich, besonders
zu uns "Langnasen". Wir hatten keine Sekunde lang das Gefühl irgendeiner
Bedrohung. Mit Hilfe unserer Bordkarte, die auf chinesisch unsere Adresse
mit der Aufforderung, uns zu helfen. enthielt, gelang es uns, durch die
Polizeiabsperrungen zu unserem Schiff durchzudringen. Abends gab es über
eine Stunde lang das gigantischste Feuerwerk, das ich je im Leben gesehen
habe. Von Schanghai aus flogen wir nach Guilin und machten eine Flussfahrt
auf dem Li Jiamg, der von lauter zuckerhutförmigen Bergen umgeben
ist. Anschließend verbrachten wir noch zwei Tage in Hongkong und
flogen dann nach Hause. Ich war der Reise noch recht gut gewachsen, weil
meine Beine damals noch vollkommen in Ordnung schienen. Allerdings bin
ich zweimal gefallen. Einmal rutschte ich bei der Besichtigung eines Reisfelds
bei Guilin aus und einmal brachte mich ein Wackelstein zu Fall beim Einsteigen
in eines der Boote, mit denen wir die drei Kleinen Schluchten, die in den
Yangtse Jiang einmünden, befuhren. Günstig wirkte sich für
mich der Umstand aus, dass die Hälfte der Reise auf einem Schiff stattfand.
Man brauchte so nicht Tag für Tag in ein anderes Hotel umzuziehen.
Das hätte meine Kräfte gewiss überfordert. Die größten
Schwierigkeiten machte das Essen, weil ich in Händen und Armen nur
noch wenig Kraft besaß und mich deshalb umständlich, langsam
und vorsichtig bewegte.. Beim Essen musste man sich sputen, denn die Speisen
standen auf einem großen Drehteller und jeder der zehn Tischgenossen
war bestrebt, die besten Speisen zu erwischen. Aber meine Frau hat mich
bestens versorgt.
Die folgenden Monate wurden durch die Behandlungszyklen
beim Friedrich-Baur-Institut in München beherrscht. Zu den ersten
Terminen reiste ich am Vortag mit einem von Köln nach München
durchgehenden EC an, übernachtete in Bahnhofsnähe im Hotel Einhorn
und meldete mich am nächsten Morgen im Klinikum Innenstadt an. Später,
als ich mich nicht mehr an- und auskleiden konnte, nahm ich den Nachtzug
und schlief angekleidet auf der Liege. Als ich auch nicht mehr von der
Liege aufstehen konnte, fuhr ich im Sitzwagen. Von der Wohnung bis zum
Hauptbahnhof Köln und wieder zurück brachte mich ein Familienmitglied
mit dem Wagen.
Über die einzelnen Behandlungszyklen
berichte ich - in Anlehnung an die Aztberichte - stellenweise verkürzt:
22. bis 28. Oktober 1999: 1. Zyklus intravenöser
Immunglobulingabe mit insgesamt 165 Gramm Alphaglobin, verteilt über
fünf Tage. Eine spürbare Besserung bemerkte ich nicht.
13. bis 16. Dezember 1999: 2. Zyklus intravenöser
Immunglobulingabe mit insgesamt 165 Gramm Alphaglobin, verteilt über
fünf Tage, der von mir komplikationslos vertragen wurde. In den ersten
zehn Tagen danach änderte sich nichts. Zwischen Weihnachten und Neujahr
jedoch hatte ich das Gefühl, als ob mir alle Bewegungen bedeutend
leichter fielen. Ein paar Tage lang wurde es besser und besser, aber dann
bemerkte ich, dass die alte Schwäche zurückkam. Als ich zum nächsten
Zyklus fuhr, war wieder alles beim alten.
28. Januar bis 1. Februar 2000: 3. Zyklus.
Im Rahmen dieses stationären Aufenthalts sollte eine erneute
elektrophysiologische Untersuchung sowie eine Kraftmessung zur Verlaufskontrolle
durchgeführt werden. Wenn sich dann keine eindeutige Besserung der
Symptomatik zeigte, sollte erneut über die Fortführung der Therapie
diskutiert werden. Bei den Kontrolluntersuchungen zeigte sich mein Zustand
als weitgehend stabil. Da ich zudem von einer zwischenzeitlichen Besserung
berichten konnte, entschloss man sich, die Behandlung mit Immunglobulin
fortzusetzen. Wieder zu Hause, arbeitete ich einen Kontrollplan aus, in
dem ich die Leistungen bei krankengymnastischen Übungen und bei den
Tätigkeiten des täglichen Lebens nach verschiedenen Kriterien
wie Dauer, Geschwindigkeit oder Anzahl der nacheinander ausgeführten
Kraftübungen eintrug und sie nach einem Punktesystem bewertete. Die
Tagessumme der Punkte trug ich in eine Grafik ein, die den zeitlichen Verlauf
der Leistungen über den gesamten Zeitraum zwischen den Zyklen darstellte.
Die Kurve bestätigte die Beobachtung zwischen den beiden letzten Zyklen,
wonach sich nach etwa zehn Tagen eine Besserung zeigte, die sich in den
nächsten zehn Tagen steigerte, einige Tage anhielt und dann wieder
in eine kontinuierliche Verschlechterung überging. Ich muss allerdings
gestehen, dass das Verfahren zu einer übertriebenen Selbstbeobachtung
führte und einen gewissen Leistungsstress bewirkte. Für eine
einmalige Beobachtung war es gut, doch auf die Dauer hätte es zu verfälschten
Ergebnissen geführt. Zudem war es überaus lästig. Deshalb
habe ich es nach dem nächsten Zyklus nicht mehr fortgesetzt.
29. Februar bis 6. März 2000: 4. Zyklus
der intravenösen Immunglobulintherapie. Bei insgesamt stabiler Klinik
war nun doch von einer Verdachtsdiagnose einer MMN auszugehen. Eine elektrophysiologische
Untersuchung ließ einen Motoleitungsblock (motor conduction block,
MCB) erkennen, der als ziemlich sicheres Zeichen für MMN gilt. Dieser
Befund war möglicherweise ausschlaggebend für die MMN-Diagnose.
Die Medikation mit Rilutek wurde deshalb abgesetzt. Ich erfuhr es am Rosenmontag,.
Dass ich nun kein Rilutek mehr brauchte, versetzte mich in Karnevalsstimmung,
denn Rilutek war für mich gleichbedeutend mit der schrecklichen ALS.
In froher Hoffnung flogen wir ein paar
Tage später noch einmal für drei Wochen zu den Malediven. Das
Schwimmen machte mir nicht viel mehr Schwierigkeiten als im vergangenen
Jahr. Meine Frau und ich waren recht glücklich und genossen das tropische
Paradies in vollen Zügen.
6. April bis 12. April 2000: 5. Zyklus.
4 Tage je 25 Gramm Alphaglobin. Zustand seit dem letzten Zyklus stabil.
Doch leider konnte der Motoleitungsblock jetzt nicht mehr nachgewiesen
werden. Damit wurde die MMN Diagnose, die in mir so große Hoffnungen
geweckt hatte, wieder fragwürdig. Dennoch wurde ein 6. Zyklus am 19.
Mai vorgesehen, doch der mußte wegen einer Lungenentzündung
ausfallen.
Am 15. Mai 2000 fühlte ich mich sehr
krank. Mein Hausarzt Dr. Malzkorn schickte mich nach einer Lungenauskultation
zum Röntgenthorax beim Radiologen Dr. Bossert. Der stellte bei mir
eine Bronchopneumonie im linken unteren Lungenlappen fest. Eine Behandlung
mit Antibiotika brachte keine Besserung. Das Fieber hielt unvermindert
an. Vom 22. Mai bis 9. Juni wurde ich im St. Elisabeth-Krankenhaus Köln-Hohenlind
behandelt. Trotz Infusion stärkster Antibiotika ging das Fieber immer
noch nicht zurück. Deshalb wurde eine Bronchoskopie mit Lavage und
mikrobiologischer Untersuchung durchgeführt. Es ergab sich kein konkreter
Erregernachweis, aber aufgrund des Krankheitsbilds der Verdacht einer Hämophilus-Infektion.
Ab dem 31.05.2000 wurde daraufhin als Antibiotikum Tavanic eingesetzt.
Nun fühlte ich mich von Tag zu Tag besser, so dass ich am 9. Juni
aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Zu Hause erholte ich mich
innerhalb eines Monats recht gut. Auch die Muskelkräfte, die während
des Krankenhausaufenthalts sehr gelitten hatten, erreichten annähernd
wieder das frühere Niveau.
So konnte ich zum 6. Zyklus, der vorm 18.
Juli bis 25. Juli 2000 dauerte, nach München reisen. Bei diesem Zyklus
wurden mir viermal 30 Gramm Alphaglobin verabreicht. In der Kraftmessung
zeigte sich, dass ich auf die Immunglobulin-Behandlung ansprach. So wurde
ich zur Fortsetzung der Therapie nach sechs Wochen wieder nach München
gebeten. Die Lungenfunktionsprüfung ergab keine wesentliche Änderung
gegenüber der Untersuchung im April. Immerhin erschien eine Störung
der Atempumpe möglich.
7. Zyklus vom 7. September bis 11. September
2000: Viermal 30 Gramm Flebogamma (entspricht Alphaglobin). Bislang keine
Bulbärsymptomatik. In der Kraftprobe keine objektivierbare Besserung.
Ein paar Tage später flogen meine
Frau und ich zusammen mit unserer behinderten Tochter Ursula für gut
drei Wochen nach Phoenix/Arizona. Wir wollten unsere Tochter Monika
besuchen, die mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Peoria, einem westlichen
Vorort von Phoenix, wohnt. Übrigens hatten wir für den Transfer
in Chicago, und zwar für den Hinflug ebenso wie für den Rückflug,
schon beim Buchen um einem Rollstuhl gebeten. In nächster Nähe
des Flugzeugs wartete bereits ein Begleiter mit dem "wheelchair". Er brachte
uns auf schnellstem Weg zum Anschlussflug. Bei der Größe des
Flugplatzes und der Kürze der Übergangszeit hätten wir den
Anschluss sonst sicher verpasst. In Phoenix war es sehr heiß, etwa
um die 40 Grad Celsius. Wir hatten uns einen Cadillac Northstar 2001 gemietet,
um Tagesausflüge in das Bergland um Prescott und Sedona zu unternehmen.
Dort herrschte angenehmes Klima mit etwa 25 Grad. Da es beim Fahren im
komfortablen Wagen auch für mich keine Schwierigkeiten gab, beschlossen
wir, für eine Woche eine Rundfahrt durch Colorado zu machen. Zwischen
Aspen und der alten Goldgräberstadt Leadville fuhren wir bei Temperaturen
um den Gefrierpunkt über den mehr als 12.000 Fuß (3.600 Meter)
hohen Independence-Pass. Auf der Hälfte aller Wege war ich es, der
den Wagen lenkte, besonders wenn die Straße schwierig und kurvenreich
war. Meine Armkraft reichte völlig aus, um die leichtgängige
Servolenkung sicher zu bewegen. Mit den Beinen hatte ich zu dieser Zeit
noch keinerlei Sorgen.
8. Zyklus vom 19. Oktober bis 2. November
2000. Fünfmal 30 Gramm Flebogamma intravenös. Ursprünglich
war lediglich eine Verlaufskontrolle geplant. Der 8. Zyklus war offenbar
ein letzter Versuch, um MMN mit Sicherheit ausschließen zu können.
Die lange Verweildauer in der Klinik war nötig, um die Wirkung der
Therapie über mehrere Tage zu beobachten. Im Bericht heißt es
unter anderem: Intensive Verlaufskontrolle. Keine Bulbärsymptomatik.
Erhöhte Auslastung der Atempumpe. In den neurophysiologischen Untersuchungen
vom 24. Oktober ergaben sich ausgeprägt neurogene Veränderungen
mit Nachweis von pathologischer Spontanaktivität an allen vier Extremitäten,
keine elektrophysiologische Kriterien für MMN. Zusätzlich axonale
sensomotorische Neuropathie wahrscheinlich. Inhomogene, echoarme Schilddrüse
mit einer Zyste über dem Isthmus. Keine weiteren Knoten, keine Auffälligkeiten
der Perfusion. Sono-Verlauf und TSH-Kontrolle empfohlen. Die Diagnose lautete
jetzt: Verdacht auf Motoneuronerkrankung, von MMN war nicht mehr die Rede.
Schade. Die ALS hatte mich wieder.
Vom 20. Februar bis 23. Februar 2001 fand
eine Verlaufskontrolle zur abschließenden Beurteilung statt. Diagnose:
Degenerative Motoneuronerkrankung ohne Wenn und Aber. Die Einschränkung
"Verdacht" entfiel. Zu dieser Zeit lag meine Frau in Köln mit Krebs
im Krankenhaus.
Bei der Verlaufskontrolle vom Februar wurde
ich um eine rechtzeitige Terminvereinbarung in ca. sechs Monaten für
eine stationäre Wiederaufnahme zur Beurteilung der klinischen Situation
des Verlaufs gebeten. Anfang September 2001 - meine Frau war inzwischen
gestorben - wurde ich noch für ein paar Tage aufgenommen. Da ich nicht
mehr alleine mit der Bahn fahren konnte, brachte mich mein Sohn mit dem
Wagen hin. Er holte mich so auch wieder ab. Es war offensichtlich, dass
sich mein Zustand langsam, aber kontinuierlich verschlechtert hatte,. Bei
der Diagnose wollte man sich nicht auf ALS festlegen, wahrscheinlich weil
die Bulbärsymptomatik immer noch fehlte. Es blieb bei der allgemeineren
Bezeichnung "degenerative Motoneuronerkrankung", weil man ALS auch nicht
ausschließen konnte. Wieder Rilutek einzunehmen wurde mir indessen
nicht empfohlen, denn bei der immerhin etwas unsicheren Diagnose sei die
Wirksamkeit fraglich, so dass die unerwünschten Wirkungen zu sehr
ins Gewicht fielen. Mir wurde vorgeschlagen, mich aus logistischen Gründen
in Zukunft in Köln behandeln zu lassen. Damit war für mich das
Kapitel Friedrich-Baur-Institut, zumindest vorläufig, zu Ende.
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