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Leid - Inhalt:
Vom Sinn des Leids
Welchen Sinn hat das Leid? Es gibt keinen.
Wenn Freude der fühlbare Ausdruck der Vollkommenheit der Welt ist,
dann ist Leid der fühlbare Ausdruck ihrer Unvollkommenheit. Leid ist
schlicht die Kehrseite oder besser: das Komplement.
Leid ist das, was der Welt an der Vollkommenheit fehlt.
Eine sich ständig verändernde Welt, die sich vom Nichts zum
Alles frei entwickelt, kann nicht in allem vollkommen sein. Unvollkommenheit
und damit das Leid sind der Preis der Freiheit. Was wäre die Welt
ohne Freiheit? Ohne Freiheit gäbe es keine Freude, keine Liebe, keine
Hoffnung und keinen Glauben. Die Freiheit gibt dem Menschen seine Würde.
Wäre die Welt, wäre der Mensch nicht frei, so wäre die
Welt eine Maschine. Sie könnte als eine vollkommene Maschine geplant
und konstruiert sein. Aber auch eine vollkommene Maschine wäre nichts
Vollkommenes, ja sie wäre ein Alptraum. Es fehlte ihr alles, was uns
die Welt liebenswert macht. Die Existenz der Welt ist allein durch die
Freude gerechtfertigt. Allein der Freude wegen hängen wir am Leben,
obwohl es uns doch so viel Leid bereitet.
Wenn auch das Leid keinen eigenständigen Sinn hat, so hat es doch
seinen Ort im Ganzen der Welt und des Lebens. Von daher erhält es
einen mittelbaren Sinn, einen Sinn sozusagen durch Teilhabe am Ganzen.
Es ist der Schatten, der dem Licht Konturen verleiht.
Man kann das Leid aber nur sinnvoll einordnen, wenn man das Ganze in
einen weit ausgreifenden kosmischen Zusammenhang stellt, der auch transzendentale
und religiöse Bezüge nicht ausgrenzt. Freilich gibt es Menschen,
insbesondere Wissenschaftler, die es für unehrenhaft halten, sich
den Tröstungen der Religion hinzugeben. Ob sie diesen heroischen Standpunkt.
ihr ganzes Leben lang durchhalten können, möge dahin stehen.
Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die das Leid mit voller Härte
trifft, zur Religion ihre Zuflucht nehmen. Menschen dagegen, denen es gut
geht, glauben auf Religion verzichten zu können.
Unglaube ist keineswegs eine wissenschaftliche Tugend. Es versteht sich,
dass ein Wissenschaftler, wenn er nicht mehr weiter weiß, nicht etwa
Gott oder den Teufel zur Erklärung heranziehen darf. Man kann aber
auch Gott nicht leugnen mit der Begründung, seine Existenz sei nicht
bewiesen, oder etwa alle transzendentalen Anfragen ganz verbieten, weil
sie unwissenschaftlich seien. Es geht schließlich um unser Leben.
Existentielle Fragen verlangen nach Antwort, auch dann, wenn die Wissenschaft
sie nicht geben kann. Für die Wissenschaft muss es genügen, dass
man glaubt, was wissenschaftlich nicht auszuschließen ist. Die moderne
Wissenschaft zeigt das Bild der Welt in seiner ganzen Komplexität,
ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation, ihre Verzweigungspfade, wo
unmessbare Veränderungen ganze Systeme auf unvorhersehbare Wege
lenken. In solchen Verzweigungspunkten sind Zufälle, ja sogar Wunder
möglich, die kein Naturgesetz und auch nicht das Kausalprinzip verletzen.
Ich vermute, dass unser Nervensystem ein ganzes Netz von Verzweigungen
bietet, in dem die bloße Kraft der Gedanken ausreicht, um die Weichen
zu stellen.
Der Tod
Als Leid-Ursache ersten Ranges gilt der Tod. Es fragt sich, wer vom
Leid des Todes am meisten betroffen wird. Der Tote wohl am wenigsten. Am
meisten leiden die, denen der Tote etwas bedeutet hat und die deshalb mit
seinem Tod einen Verlust erleiden. Vor seinem eigenen Tod sollte man sich
nicht fürchten, eher vor dem, was ihm vorausgehen kann. Vielleicht
auch vor dem, was ihm folgt.
Vielleicht ist mit dem Tod alles vorbei. Davor braucht man sich gewiss
nicht zu fürchten; man war ja auch vor seiner Geburt nicht da. Vielleicht
wird man aber auch wiedergeboren, vielleicht als anderer Mensch,
vielleicht als Tier. Das wäre einigermaßen tröstlich, aber
nicht unbedingt erstrebenswert. Vielleicht ist etwas in unserem Körper,
das den Tod überdauert und aus ihm entweicht wie der Geist aus der
Flasche. In diesem Falle könnte man sich vorstellen, dass man einem
gerechten Gott in die Hände fallen könnte, der einen für
seine Sünden straft und zum Teufel in die Hölle jagt. Ich hege
den Verdacht, dass viele Menschen, die sich Atheisten nennen, nur deshalb
lieber an keinen Gott glauben wollen und ein Weiterleben nach dem Tode
leugnen.
Was ich glaube
Was ich glaube, ist dies: Gott wird uns gnädig in Empfang nehmen
und uns vollenden. Gott will, dass keiner verloren geht. Das Ende von allem
wird Freude, unermessliche Freude sein. Wenn alle vollendet und vollkommen
glücklich sind, gibt es keinen Grund mehr, an der Vollendung der Gerechtigkeit
zu zweifeln. Indessen: wenn alles klar und offenbar ist, wenn jeder sich
selbst und jeden anderen bis ins letzte durchschaut, wird sich mancher
seiner Taten in Ewigkeit schämen müssen. Ich denke, das ist Strafe
genug, allein angesichts der allgemeinen Vollendung nicht mehr wichtig.
Doch es ist auch Grund genug, sich nicht nur auf die Gnade Gottes zu verlassen,
sondern sich nach Kräften zu bemühen, so wenig wie möglich
am Leid der Welt schuldig zu werden. Menschen wie Hitler sind deshalb keineswegs
zu beneiden. An ihnen zeigt sich jedoch die unendliche Barmherzigkeit Gottes
in ihrer ganzen Größe.
Und Gott wird nicht nur den einzelnen Menschen vollenden. Er wird auch
der Welt das geben, was ihr an ihrer Vollkommenheit fehlt. Eine Schöpfung,
die sich frei entwickelt, kann nicht allein aus sich selbst heraus zur
Vollendung finden. Sie kann sich nicht selbst vom Leid, das aus ihrer Unvollkommenheit
folgt, befreien. Leid und Unvollkommenheit, aber ebenso auch die Freude,
sind mit der Freiheit untrennbar verknüpft. Da Gott die Welt so wollte
wie sie ist, mit allen Mängeln und Fehlern, mit ihrem Leid und ihren
Freuden, war es folgerichtig, dass er sich selbst in Gestalt des Christus
in diese Welt hinein begab, um sich all ihren Mängeln und all ihrem
Leid zu unterwerfen.
Gott ist kein Schöpfer, der eine Welt erschafft und dann ungerührt
zuschaut, wie seine Geschöpfe sich in Qualen winden. Dass er sich
mit der Welt und uns, den Menschen, vereint, zeigt uns, dass es keine bessere
Alternative gibt als diese sich frei entwickelnde Welt. Gäbe es eine,
hätte er sicher nicht diesen Weg gewählt, der ihn selbst in den
wohl grausamsten Tod führte, den sich Menschen ausdenken können.
Aber dieser Weg führt auch zur Vollendung. Das ist die Botschaft,
die von Ostern, dem Tag der Auferstehung des Christus, ausgeht: Was die
Welt und wir nicht leisten können, tut Gott dazu. Anders kann keine
Welt Vollendung finden. Darum ist das Leid trotz allem gut, weil es in
einer vollkommenen Welt nicht fehlen kann. Auch ein Mensch, dem Leiderfahrung
fehlt, wird nie zur vollen Menschlichkeit gelangen.
Die Antwort auf die Frage: "Welchen Sinn hat das Leid?" findet sich
allein im Kreuz.
Trauer - Dankbarkeit - Freude
Es ist unvermeidlich, dass man trauert, wenn man etwas Wertvolles verloren
hat, etwa ein Schmuckstück, seine Heimat, einen lieben Menschen. Man
muss die Trauerarbeit leisten, das heißt, man muss sich von allen
sentimentalen Bindungen lösen, durch die man mit dem Verlorenen verknüpft
war. Das gelingt am besten, wenn man neue Bindungen aufnimmt und sich immer
wieder vor Augen führt, wie viel doch bleibt, was zur sprudelnden
Quelle der Freude werden kann. Man hat es früher nur nicht hinreichend
gewürdigt, weil man mit dem Verlorenen genug hatte.
Nach einem schweren Verlust findet man am ehesten zu der herben Süße
der heiteren Melancholie, wie sie ein kühler, sonniger Morgen im Herbst
oder die Musik Mozarts vermitteln, wenn man in sich diesen Dreiklang erzeugt:
Trauer über das, was verloren ist, Dankbarkeit dafür, dass man
es hatte, und Freude über das, was bleibt.
Das Gebet
Jedes Gebet wird erhört. Es muss nur drei Voraussetzungen erfüllen:
Erstens muss man selbst alles getan haben, um das Erbetene zu erreichen.
Zweitens will Gott wiederholt gebeten werden, um sicher zu gehen, dass
der Mensch das Erbetene auch wirklich will, dass es nicht nur ein Wunsch
ist, der einer vorübergehenden Laune entspringt. Und drittens: Gott
selbst hat auch keine bessere Lösung.
Die meisten Gebete scheitern an der dritten Voraussetzung. Dennoch ist
das Gebet nicht vergebens, weil Gott das Beste für uns aussucht. Ohne
das Gebet wären wir womöglich dem blinden Zufall ausgeliefert.
Die Behauptung, wie man es mache, sei es falsch, stimmt einfach nicht.
Eher gilt: Was man tut, ist immer richtig. Man kann doch nie wissen, ob
nicht jede Alternative noch schlechter gewesen wäre. Wir lernen nur
den Lebenspfad kennen, den wir tatsächlich gehen und werden nie erleben,
was uns begegnet wäre, wenn wir uns anders entschieden hätten.
Ich jedenfalls habe oft genug im Nachhinein erkennen müssen, dass
es, wenn alles nach meinen Wünschen gelaufen wäre, zu einer Katastrophe
gekommen wäre.
Wenn man unheilbar krank ist, hat es wenig Sinn, um Genesung zu bitten.
Ganz und gar vergebens ist es, um die Wiedererweckung eines Toten zu beten.
In das Unabänderliche muss man sich fügen. Was auch immer geschieht,
aus der Perspektive des ganzen Lebens ist es immer das Beste. Darauf dürfen
wir vertrauen. Wir können aber bitten, dass in uns die Kraft wachse,
mit dem Geschehen fertig zu werden, ohne den Mut und die Freude an den
Dingen, die uns verbleiben, einzubüßen. Dieses Gebet wird immer
erhört.
Es kommt nicht darauf an, dass man nicht fällt, sondern darauf,
dass man beim Fallen nicht den Hals bricht. Das Genick hat man gebrochen,
wenn man die gute Laune verliert. Man kann es sich auch in der Hölle
bequem machen.
Wie man es sich auch in der Hölle bequem macht
Wenn man ein Leid erfahren hat, begegnet man oft guten Bekannten, die
einen in bester Absicht mit dummen Sprüchen traktieren, um einen wieder
aufzubauen. Es gibt bessere Ratgeber. Hier darum eine kleine Auswahl von
Merksätzen, die mir sehr viel geholfen haben:
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Das Leben ist sie eine unheilbare Krankheit, die in jedem Fall zum Tode
führt.
Wenn man an einer unheilbaren Krankheit leidet, ertappt man sich oft dabei,
dass man die Gesunden beneidet. Das sollte man nicht tun, denn jeder Mensch
ist von Krankheit und Tod bedroht. Kann ich wissen, ob jener, den ich heute
wegen seiner kraftstrotzenden Gesundheit bewundere, nicht in wenigen Wochen
einer Krankheit oder nicht gar schon morgen einem Unfall zum Opfer fällt?
Man sollte überhaupt niemanden beneiden, wenn man nicht bereit ist,
seine gesamte Lebenssituation anzunehmen. Man kann sich nicht die Rosinen
heraus neiden. Wenn ich jemand um sein Geld beneide, muss ich bedenken,
dass er womöglich unter Schmerzen, Depressionen, vertrackten Familienverhältnissen,
Beziehungskrisen und dergleichen leidet oder in wenigen Tagen sterben wird.
Für mich ziehe ich daraus den Schluss, dass ich in einer ganz gewöhnlichen
Situation lebe und allen Grund habe, mich meines Lebens zu freuen. Weiß
ich denn, wie viele meiner Mitmenschen ich trotz meiner Krankheit noch
überleben werde? Und ist es denn sicher, dass ich an meiner gegenwärtigen
Krankheit sterbe und mich nicht über kurz oder lang ein plötzlicher
Tod, der eine ganz andere Ursache hat, überrascht? So oder so: Heute
ist jedenfalls der erste Tag vom Rest meines Lebens. Ich muss darum jede
Minute nutzen, um mir und anderen so viel Freude wie möglich zu machen.
Es gibt noch so vieles, worüber ich mich freuen kann. Ich muss es
mir nur ins Gedächtnis rufen. Am besten ist es, eine Liste von acht
oder zehn Dingen, die mich heute erfreuen können, aufzustellen und
sie dann immer wieder durchzugehen.
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Das Leben ist eine ganz und gar unmögliche Angelegenheit. Man muss
sich nur wundern, wie lange es gut geht.
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Nichts ist sicherer als das Leben. Nicht, weil es so besonders sicher wäre,
sondern weil alles andere noch unsicherer ist.
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Das Leben ist ein Optimierungsprozess. Es kommt immer darauf an, das Beste
daraus zu machen.
Es ist deshalb grundfalsch, alle Gedanken an unangenehme Dinge, insbesondere
an Krankheit und Tod, zu verdrängen. Wenn dann ein Unglücksfall
eintritt, ist man unvorbereitet. Deshalb ist es besser, sich mit möglichem
Unheil rechtzeitig zu befassen, damit man alles Nötige veranlassen
kann, um das Bestmögliche zu erreichen.
Religiöse Anmerkungen
Ende Text
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