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Willibald Hilgers
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Mut zur Freude
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Die Tatsache: Gut ist alles, was Freude macht

Der Mensch ist das Wesen, in dem sich die Natur aus Schlamm und Schleim emporwindet zum Licht des Geistes und der Freude. Das macht den Menschen - sogar im missratensten Exemplar - unendlich liebenswert und für die Natur unverzichtbar trotz aller Wunden, die er ihr schlägt. Weniges ist törichter als die Behauptung, die Natur brauche den Menschen nicht.

Leid, Schmerz, Elend, Unglück, Hass und Tod sind in unserer Welt allgegenwärtig. Bezeichnenderweise ist in diesem Buch wenig von ihnen, desto mehr von der Freude die Rede. Jeder erfährt das Schlimme am eigenen Leib, und wer ausnahmsweise davor verschont bliebe, erführe es aus den Nachrichtenträgern, die bis zum Bersten voll davon sind. Es ist sinnlos, uns zum vierundneunzigtausend-siebenhundertachtundzwanzigsten Mal über etwas zu belehren, das wir bereits seit dem siebzigsten Mal wissen. Wir brauchen keine Legionen von Journalisten im Wettstreit um die grauenhafteste Nachricht. Wir brauchen vielmehr einen Umbruch: Legionen von Journalisten auf der Suche nach den vielen kleinen Erfolgen im Kampf um ein Leben, das den Frieden unter den verschiedensten Menschen wahrt und die Umwelt schont, ohne uns alle Freuden zu vergällen. Selbst der kleinste Erfolg wiegt tausendmal schwerer als alle Katastrophenmeldungen, weil er ein gutes Vorbild ist. Oder soll das Jammergeschrei den starken Führer wecken, der uns mit großmächtigen Plänen das vollkommene Glück zu bescheren verspricht? 

Ein Heer von finsteren Bußpredigern mit diktatorischen Neigungen möchte die Menschen versklaven und ihnen jede Freude verbieten, angeblich um der Notwendigkeit des Überlebens willen. Doch was heißt Überleben, wenn das Leben nicht mehr lebenswert ist?! Nichts ist leichter, als maßlose Maßstäbe zu setzen und jeden, welcher der Vernunft eine Chance lässt, an diesen Maßstäben zu messen, damit man ihn als verantwortungslosen Verharmloser an den Pranger stellen und sich selbst als den großen Mahner präsentieren kann.

Das ist deshalb so leicht, weil die Verwirrung so groß ist, daß keiner mehr weiß, woher er denn vernünftige Maßstäbe beziehen soll. Am Informationen mangelt es uns nicht, im Gegenteil: Es fehlt uns der Überblick, um Standort und Richtung zu bestimmen. 

Was also sollen wir tun?

Wir wünschen uns eine klare und einfache Anweisung, die uns sagt, was für uns gut ist. Am liebsten möchten wir das Gute durch Regeln und Gesetze automatisieren. Doch das ist die unmöglichste aller Utopien.

Es gibt nur ein Gesetz, das immer und überall und für alle Wesen gilt: Tu das Gute, lass das Schlechte! Dieses Gesetz allein ist streng allgemeingültig. Aber es kann nur allgemeingültig sein, weil es uns nicht sagt, was "gut" ist. Das müssen wir bei jeder einzelnen unserer Entscheidungen selbst herausfinden. Schlimmer noch: Es gibt kein Gesetz, keine Regel und keine Formel, die uns in jeder Lage zuverlässig sagen, was wir tun sollen.

Der Mensch ist frei

Nichts und niemand, nicht einmal Gott, zwingen den Menschen, sich für das Gute zu entscheiden. Wir haben die vollkommene Qual der Wahl.

Die Behauptung, der Mensch sei frei, ist einer der großen philosophischen Streitpunkte. Selbstverständlich ist der Mensch nicht in dem Sinne frei, daß er gegen die natürlichen Gegebenheiten handeln könnte.

Der Mensch besitzt aber die Freiheit des Weichenstellers: Nach heutiger Erkenntnis ist die Zeit baumartig strukturiert. Das netzartige Wirkungsgefüge der Welt ist von Verzweigungspunkten durchsetzt, in denen eine unmessbare Verlagerung der Gewichte genügt, um den Ablauf der zukünftigen Welt in den einen oder anderen Ast der Verzweigung zu "kippen". ("Schmetterlingseffekt") Wenn der Mensch in solchen Bifurkationssituationen steht, kann ihn nichts daran hindern, sich frei für die eine oder andere Möglichkeit zu entscheiden. Zudem ist die Welt nicht vollständig determiniert. Es gibt weite Spielräume, die dem zufälligen Zusammentreffen der Systeme Tür und Tore öffnen. Gäbe es keinen Zufall, wäre keine Evolution möglich. Der Mensch kann diese Spielräume nutzen.

Auf jeden Fall hat der Mensch als sittliches Subjekt die Freiheit der Stellungnahme: Auch wenn man ihm mit Gewalt die Hand führte, um ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht will, so könnte er sich dennoch von dem Geschehen innerlich distanzieren und es ablehnen.

Das sittliche Subjekt ist das, was übrig bleibt, wenn man den Menschen aller materiellen Attribute entkleidet. Was nun dieses sittliche Subjekt ist. ob Geist oder etwas anderes, ist letztlich eine transzendentale Frage. Solange man unterstellt, der Geist sei nur eine Nebenerscheinung materieller Vorgänge, kann man nicht ausschließen, dass auch die sittlichen Entscheidungen deren zwangsläufige Ergebnisse darstellen und das sittliche Subjekt eine Täuschung ist. Dann wäre die Freiheit ein leerer Wahn. Diese These lässt sich zwar nicht widerlegen, aber ebenso wenig beweisen. So unbefriedigend das für einen wissenschaftlich denkenden Menschen auch sein mag: Es bleibt nichts anderes übrig, als sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Alles, was lebt, strebt nach Freude

Um einer schwierigen Frage beizukommen, ist es oft hilfreich, die Blickrichtung einfach umzukehren. Fragen wir also nicht direkt, was gut ist, sondern fragen wir negativ, was den Menschen am meisten schreckt.

Offensichtlich hat der Mensch vor nichts größere Angst als vor der Leere der Sinnlosigkeit. Ohne einen letzten Sinn kann der Mensch nicht glücklich sein. Die absolute Sinnlosigkeit halten die wenigsten Menschen aus, und wenn doch, dann hält sie nur die dunkle Ahnung aufrecht, daß es jenseits aller Hoffnung einen Sinn geben muss. Der Mensch kann ohne Sinn nicht leben. Ja, die Existenz dieser von Leid, Schmerz, Elend, Unglück, Hass und Tod erfüllten Welt wäre ohne die Freude nicht zu rechtfertigen.

Sinn schlechthin ist das letzte und höchste aller Ziele,  der oberste Zweck, das höchste Gut, das Ende (lat.: Finis) von allem. Alles was geschieht, alles was wir tun, muss einen Sinn haben, das heißt es muss diesem obersten aller Zwecke dienen. Und dieser Zweck muss so beschaffen sein, daß wir ihn voll und ganz bejahen können, damit wir aus ihm die Kraft und den Mut schöpfen, alles Ungemach und alle Anstrengungen auf uns zu nehmen, um dem Ziel näher zu kommen. Nur ein Zweck, der ganz und gar der unsere ist und nicht der eines anderen - auch nicht Gottes - vermag uns zu motivieren. Umgekehrt: Wenn es einen solchen Zweck nicht gibt, wenn die Bahn des Universums im Nichts endet, dann ist alles sinnlos, dann sind Leben, Geist und Gott nur Hirngespinste, dann sind wir ganz auf uns selbst verwiesen, Zigeuner am Rande des Weltalls (Monod). Andere Wesen können uns gleichgültig sein, wir haben nur ein Ziel: zu genießen, was unser Leben hergibt und alles beiseite zu räumen, was uns daran hindert. Rechte Freude kommt dabei nicht auf, denn die Stunden verrinnen, das Ende mit Schrecken kommt und nichts kann es aufhalten. 

Die Sinnfrage ist mithin Alpha und Omega, ist Anfang und Ende aller Philosophie. Bei allem, was wir tun und lassen, stellt sich die Frage nach dem Sinn. Die Antwort, die wir auf diese Frage finden, bestimmt unser Denken und Handeln. Auch die Wissenschaft muss sich fragen lassen, welchen Sinn sie hat. Man mag einwenden, Zweckmäßigkeitserwägungen dürften die Freiheit der Forschung nicht einschränken. Das ist richtig, denn bedeutende Erkenntnisse gibt es oft da, wo man sie am wenigsten erwartet. Aber die Sinnfrage bleibt, weil die Bedeutung einer Erkenntnis wiederum nur vom Ziel aller Ziele her beurteilt werden kann. Den Primat hat die Ethik.

Wenn man absolut keinen Sinn im Leben zu erkennen vermag, so bleibt dennoch eines: die Freude. Selbst der überzeugteste Nihilist dürfte der kölschen Maxime zustimmen: Mach dir Freud', so lang' et geiht, dat Leben währt kein' Iewigkeit! Umkehrt ist jeder bereit, ein Leben, in dem es keine Freude gibt, sinnlos zu nennen und es nur mehr für wert zu erachten, dass man es wegwirft wie eine ausgequetschte Zitrone (es sei denn man trägt es, um Buße zu tun, was für einen gläubigen Menschen durchaus Sinn macht, freilich auf theologischen Umwegen, die sich mit innerweltlichem Denken nicht nachvollziehen lassen). Daraus läßt sich ohne geistige, sittliche oder theologische Klimmzüge, zu denen schließlich nicht jeder Vernünftige bereit ist, leicht erkennen, was das höchste Gut des Menschen ist: die Freude.

Ich stelle mir vor, ein Mensch habe jeglichen Glauben an einen Sinn seines Lebens verloren. Jede einzelne der vielen Anstrengungen, die allein das bloße Überleben mit sich bringt, ist ihm schon zu viel. Das Leben ist ihm nichts mehr wert; am liebsten möchte er es wegwerfen. Er hat bereits alle Vorkehrungen dazu getroffen, doch jetzt geschieht etwas Unerwartetes, was ihm eine große Freude bereitet. Wird er sein düsteres Vorhaben dennoch verwirklichen? - Mit Sicherheit nicht. Er wird zumindest diese Freude noch mitnehmen wollen. Die Menschen in den Favelas von Rio de Janeiro, so sagt man, hält nur die Freude an den wenigen Tagen des Karnevals am Leben (Samba-Schulen), an Tagen, an denen sich der Ärmste als König verkleiden und fühlen kann.

Wenn Freude Ziel, Zweck und Sinn des Lebens ist, können wir diesen Zweck voll und ganz bejahen. Er ist ganz und gar der unsere und nicht der eines anderen. Er ist fähig, uns Kraft und Mut zum Tragen allen Ungemachs und aller Anstrengungen zu begeistern.

Dass Freude ganz und gar unser Ziel ist, schließt keinesfalls aus, daß auch andere in der Freude ihr ganz und gar ureigenes Ziel sehen. Freude ist ja nichts Materielles wie ein Stück Kuchen, das kleiner er wird, je öfter man den Kuchen aufteilt. Freude ist der Information verwandt: Man kann sie durch Teilung beliebig vermehren. Geteilte Freude ist doppelte Freude, meint das Sprichwort. "Freude, schöner Götterfunken" sagt Schiller in seiner berühmten Ode, die Beethoven in seinem noch berühmteren Schlusssatz der Neunten Symphonie in Töne gesetzt hat. +

Trotzdem mochte angesichts der vielen Übel bisher niemand glauben, dass Freude der Sinn des Lebens sei. Ja Freude und Moral erschienen als unversöhnliche Gegensätze. Erst die Ideen der Selbstorganisation komplexer Systeme und der Optimierung einander widerstreitender Bestrebungen erlauben es, der Freude den gebührenden Rang in der Moral zuzuweisen.

Was (fast) alle tun, ist Sitte

Eine Sitte nennen wir ein Verhaltensmuster, das - nahezu - von allen geübt wird, das Übliche also oder das, was halt Usus ist. Im Lateinischen heißt Sitte "mos", Mehrzahl "mores", und davon wird das Wort "Moral" abgeleitet, das die gleiche Bedeutung hat wie Sittenlehre und Sittlichkeit. Aus dem Griechischen leitet sich auf ähnliche Weise das Wort "Ethik" ab, ein anderes Wort für Sittenlehre. Da alle Menschen nach Freude streben, ist das Streben nach Freude folglich Sitte. Die "gute" Sitte freilich ist das Streben nach Freude mit Maßen, denn des einen Freud' ist häufig des anderen Leid. Wir kommen im nächsten Hauptabschnitt darauf zurück.

Indes, ob das Streben nach Freude Allgemeingut ist, besonders, ob auch andere Wesen als der Mensch Freude empfinden und suchen, ist möglicherweise eine transzendentale Frage. Eine Erkenntnis ist transzendental, wenn ihr Gegenstand die Grenzen unseres Denkvermögens überschreitet oder sie wenigstens berührt, so dass wir nicht "dahinter" kommen. Doch ob eine Frage wirklich transzendental ist, lässt sich niemals abschließend beurteilen. Man muß immer damit rechnen, daß irgendwann eine wissenschaftlich begründete Antwort gefunden wird.

Einstweilen bleibt uns nur ein Analogieschluss: Da alle Menschen Kinder der gleichen Evolution sind und viele Ähnlichkeiten aufweisen, kann jeder von sich auf andere schließen und vermuten, daß alle Menschen ähnlich empfinden. Diesen Analogieschluss müssen wir aus ethischen Gründen bis zum Beweis des Gegenteils auch auf Tiere, vielleicht sogar auf alle Lebewesen, ja selbst auf die Materie ausdehnen. Die ganze Natur ist ein System aus Subsystemen, die alle aus den gleichen Urelementen aufgebaut sind. Die Fähigkeit zu leben und zu fühlen muss schon in den Urelementen grundgelegt sein, wenn auf höherer Systemebene Leben, Fühlen und schließlich das Denken zum Vorschein kommen. Und je mehr Freiheit sich das Leben verschafft, desto wichtiger wird das Fühlen mit dem Streben nach Freude als Kompass der Evolution.

Unser Handeln ist gut - schlecht - böse

      Wir nennen

  • gut, was das allgemeine Streben nach Freude fördert,
  • schlecht, was ihm schadet,
  • böse den Willen, der das Schlechte dem Guten vorzieht.


Hat man erst das Streben nach Freude als Sinn und Ziel des Lebens, der Menschen und der Welt ausgemacht, so ist die Frage nach Gut und Böse nur noch eine Frage der Definition.

Ein Grund für viele Missverständnisse liegt darin, dass "gut" im deutschen Sprachgebrauch ebenso den Gegensatz zu "böse" wie den Gegensatz zu "schlecht" bildet. Wenn von "gut" die Rede ist, sollte man deshalb deutlich unterscheiden, ob es sich um den Willen oder die Tat handelt. Leider wird der Unterschied durch Wendungen wie "Böses tun" verschleiert. Viel Gutes geschieht in Ausführung eines Plans, hinter dem ein böser Wille steckt. Umgekehrt ist auch ein guter Plan unlöslich mit Schlechtem verknüpft.

Werte sind Erkenntnisgegenstände, Dinge und Sachverhalte, deren Vorhandensein "gut" ist, weil sie das allgemeine Streben nach Freude fördern. Wir streben danach, sie zu verwirklichen und zu erhalten, weil wir uns von ihnen Förderung unseres Strebens nach Freude versprechen. Wert wird definitionsgemäß stets als "gut" gedacht; ein Wert, der schlecht wäre, ist kein Wert. Man kann allenfalls von einem "negativen Wert" oder "Unwert" sprechen.

Tugenden sind Werte, die in bestimmten Menschen verwirklicht sind. Tugendhaft ist ein Mensch, dem gutes Handeln durch Erziehung und Arbeit an sich selbst zur zweiten Natur (habitus) geworden ist. Ein Mensch, der die Tugend der Klugheit besitzt, weiß immer ohne lange Überlegung, was er tun muss, um gut zu handeln. Wer tapfer ist, findet stets die vernünftige Mitte zwischen Vorsicht und Leichtsinn. Gerecht ist, wer jeden behandelt, wie er es verdient. Und der besitzt die Tugend des Maßes, der leicht den optimalen Punkt zwischen den Extremen findet.

Die Begriffe Wert und Tugend werden hier selten gebraucht. Sie sind Kürzel für bestimmte Sachverhalte, für die im hier entwickelten Begriffssystem keine besonderen Ausdrücke benötigt werden.

Das Sittengesetz lautet: Tu das Gute! oder negativ: Lass das Schlechte!

Wenn alle nach Freude streben, so ist es im Sinne aller, dass jeder das Streben nach Freude tatkräftig unterstützt. Doch genügt das schon, um die Erwartung, das Gute zu tun und das Schlechte zu unterlassen, in den Rang eines allgemeingültigen Sittengesetzes zu erheben?

Gewiss nicht. Dass alle nach Freude streben und von jedem erwarten, sich diesem Streben anzuschließen, ist nichts anderes als eine schlichte Tatsache. Ebenfalls drückt die Aussage, gut sei alles, was Freude macht, nur eine Tatsache aus, wenn auch in anderen Worten, die sich der Definition für gut und schlecht bedienen. Eine schlichte Tatsache kann indessen keine Norm erzeugen, mag auch das Faktische normative Kraft entwickeln. Die normative Kraft des Faktischen folgt nicht aus den Tatsachen direkt, sondern aus Normen, Regeln und Forderungen, denen die Tatsachen den Widerstand der Realität entgegenstemmen und sie dadurch zu ungewollten Änderungen zwingen.

Aus dem, was ist, kann man niemals darauf schließen, was sein soll.

Es ist immer wieder versucht worden, aus dem So-sein der Natur allgemeingültige Regeln zu erschließen, sei es daß man in Ihnen den Willen Gottes zu erkennen meinte, sei es daß man die Rache der Natur für widernatürliches Verhalten fürchtete. Man versuchte, das Natur-Recht gegen die Beliebigkeit der Sitten und des positiven Rechts ins Feld zu führen. Auch die christliche Lehre von den in sich schlechten Handlungen liegt auf dieser Linie; sie versucht, der Natur deren "Zwecke" als Ausdruck des göttlichen Schöpferwillens abzulauschen, um sie als feste Pflöcke in ihre Sittenlehre einzurammen. Dabei übersieht sie, daß die Natur keine Zwecke verfolgt, sondern das weite Feld des Machbaren ohne Rücksicht auf gut oder schlecht auslotet. Jeder Versuch, vom Sein unmittelbar auf das Sollen zu schließen, muss scheitern.

Aus der Einsicht, daß alles gut ist, was Freude macht, ergibt sich noch keine sittliche Pflicht, das Gute zu tun. Es müssen andere Gründe hinzutreten.

Es ist vernünftig, dem Sittengesetz zu folgen
 

  • Anderenfalls setzte man sich mit sich selbst und allen anderen in Widerspruch.


Der Schlüssel zum Verständnis der Sittlichkeit liegt in der Freiheit des Willens. Wäre der Wille nicht frei, so wäre jede Moral gegenstandslos. Alles, was geschieht, wäre die nackte Notwendigkeit. Der Mensch verhielte sich wie jedes Ding und jedes Tier gemäß seinen Eigenschaften, begrenzt von den Einschränkungen, die uns das Vorhandensein der anderen Dinge auferlegt.

Da nichts und niemand den Menschen zwingt, sich für das Gute zu entscheiden, setzt die Gültigkeit des Sittengebots eine Selbstverpflichtung des Menschen voraus. Die Entscheidung des Menschen für das Sittengebot - im allgemeinen und in jeder einzelnen Entscheidungssituation - ist die ureigene, ja sogar die einzig denkbare Leistung des Menschen als sittliches Subjekt, die den Wert oder Unwert des Menschen ausmacht. In letzter Konsequenz ist es die einzige Leistung des Menschen überhaupt, weil alles andere, was er sonst noch leistet, ein Werk der Natur ist, das ihm verdienstlos zufällt wie ein Geschenk oder der Treffer in einer Lotterie.

Unverkürzt müsste das Sittengesetz eigentlich lauten: Wenn du ein guter Mensch sein willst, dann tu das Gute und lass das Schlechte! Wenn man die Bedingung weglässt, sollte man sie wenigstens mit denken.

Aber warum sollte man ein guter Mensch sein wollen?

Wenn alle Welt das Gute will, weil sie nach Freude strebt, ist es vernünftig, sich diesem Streben anzuschließen. Zudem ist das Streben nach dem Guten und nach Freude in jedem Menschen selbst angelegt. Es ist darum schon aus diesem Grund vernünftig, sich mit dem allgemeinen Streben zu verbünden. Es ist also ein Gebot der Vernunft, das Gute zu tun und das Schlechte zu lassen. Folgerichtig pflegt man die Klugheit unter den Kardinaltugenden an die erste Stelle zu setzen. Es wäre doch höchst unklug und unvernünftig, gegen sein eigenes Interesse zu handeln und sich außerdem der Gegenwehr der anderen auszusetzen.

Das Sittengesetz sagt aus, was andere von mir erwarten. Somit sagt es mir zugleich, was ich von anderen erwarten kann. Daraus folgt das Gegenseitigkeitsprinzip, das auch die Goldene Regel der Moral genannt wird. Es ist nichts anderes als das, was das Sprichwort fordert: "Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu!" Positiv formuliert steht es in der Bibel: "Was ihr wünscht, das die Menschen für euch tun sollen, das tut auch für sie!"

Sich dem Guten zu verweigern und das Schlechte zu tun, hat zudem für den Täter äußerst üble Folgen.

Es ist darum nicht ganz leicht zu verstehen, warum in aller Welt überhaupt ein Mensch böse sein mag ("mysterium iniquitatis"). Dennoch ist die Welt voller Übel und Bosheit, weil die Freude des einen oft mit dem Leid des anderen verbunden ist und weil es Gewalt, die unbegreifliche Lust am Quälen und Zerstören, gibt. Sie ist das Übel, das keine Rechtfertigung kennt. Indes, der Hauptgrund für die zahllosen Schlechtigkeiten, die Menschen begehen, sind weniger das Treiben der Böswilligen als die Unwissenheit und die Schwäche der Gutwilligen bei der Umsetzung des Guten in die Tat, die Trägheit, Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit. Diese Untugenden werden durch das ganze Lebensumfeld des Menschen mit seinen Irrwegen, Moden und Unsitten sowie durch den angeborenen Selbsterhaltungstrieb, der oft in Selbstsucht ausartet, gefördert. Kein Mensch kann sich diesen negativen Einflüssen entziehen (Erbsünde, Ursünde, original sin).

Wer dem Sittengesetz zuwiderhandelt, kann bestraft werden
 

  • Er kann nur bestraft werden, wenn er sich dem Sittengebot unterworfen hat. Es ist nicht einzusehen, daß der Mensch seine Freiheit, die doch einen Wesenszug seiner Würde ausmacht, nicht auch gebrauchen dürfte.
  • Wer sich dem Sittengesetz nicht unterworfen hat, kann nicht bestraft werden, aber er trägt die Folgen. Diese können schlimmer sein als jede Strafe, weil er sich der Gegnerschaft der anderen aussetzt und sein ureigenes Streben nach Freude verrät.


Folgen muss man hinnehmen, Strafe dagegen kann man annehmen.

Strafe setzt Schuld voraus. Indem der Mensch sich in die Schar der Gutwilligen einreiht, geht er eine Selbstverpflichtung ein, auf Grund derer er Gott oder der Welt Wohlverhalten schuldet. Wenn er gegen das Sittengesetz verstößt, fügt er der Welt Schaden zu. Diesen Schaden muss er wieder gutmachen. Das gelingt jedoch niemals vollständig. Es bleibt immer ein nicht wieder gutzumachender immaterieller Schaden zurück, der nur durch die Annahme einer angemessenen Strafe aufgehoben werden kann. Die Gerechtigkeit gegenüber den Geschädigten und denjenigen, die sich nichts zuschulden kommen lassen, verlangt nach Genugtuung. Es ist nicht einzusehen, dass jemand, der sich durch eine Übeltat Vorteile verschafft hat, diese behalten darf, ohne irgendwelche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Das hat nichts mit Rache zu tun, denn Rache ist schon als solche unangemessen.

Strafe ist auch für den "Seelenhaushalt" des Schuldigen wichtig. Das Gewissen des im Wesen gutwilligen Menschen bereitet ihm Schuldgefühle, die sich nur durch Annahme einer Strafe beseitigen lassen. Manche Menschen bestrafen sich - bewusst oder unbewusst - selbst, um ihre Schuldgefühle zu tilgen. Andere stellen sich aus dem gleichen Grund freiwillig den Richtern. Wieder andere werden durch Schuldgefühle in Neurosen und Psychosen getrieben.

Gnade ist angebracht, wenn die Strafe oder die Folgen der Tat den Schuldigen mit übermäßiger Härte treffen. Eine unangemessene "Strafe" oder "die Bestrafung" eines Unschuldigen ist keine Strafe, sondern Unrecht oder zumindest Ungerechtigkeit. Wer aber eine angemessene Strafe nicht annimmt, sondern ablehnt oder sich ihr womöglich entzieht, handelt damit gegen das Sittengesetz. 

Das Gute zu tun, erscheint nach alledem so vernünftig und logisch, dass man sich fragen muß, warum der Mensch es dennoch nicht tue.

Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, dass es Menschen gibt, die sich in vollem Bewusstsein der Tragweite ihrer Entscheidung ein für allemal selbst aus der Gemeinschaft der Gutwilligen ausschließen und damit eine Grundentscheidung gegen das Gute treffen. Der Mensch ist als Teil der Natur ein Wesen, das sich entwickelt. Er hält eine Entscheidung nicht sein ganzes Leben lang durch. Vor allem in Grenzsituationen wie in schweren Leiden und angesichts des Todes werden seine Maximen schwankend. Die Entscheidung gegen das Gute ist zu allermeist von begrenzter Dauer. Dennoch mag es Menschen geben, die es nicht ertragen, von Gott oder der Gesellschaft oder von wem auch immer irgendwelche Weisungen entgegenzunehmen. Mancher mag es für unter seiner Würde halten, zu tun, was die Masse tut. Solche Menschen können der Gesellschaft und der Welt schwere Schäden zufügen. Sie dafür zu "bestrafen", hätte keinen Sinn. Die "Strafe" wäre gegenstandslos, weil mangels Verpflichtung keine Schuld besteht. Kein Mensch schuldet dem anderen etwas, es sei denn, daß er sich selbst dazu verpflichtet hätte.

Umgekehrt hat kein Gutwilliger die Pflicht, das Treiben eines Böswilligen zu dulden. Wer gegen das Sittengesetz verstößt, muss damit rechnen, wie jeder gutwillige Übeltäter behandelt zu werden. Was gegenüber Gutwilligen Strafe ist, erscheint gegenüber Böswilligen als bloße Folge von dessen ureigener Entscheidung.

Die Unterscheidung zwischen Folge und Strafe hat in der Praxis keine große Bedeutung. Sie ist dennoch nicht belanglos, denn ohne sie lässt sich das Wesen der Freiheit und der Sittlichkeit nicht verstehen.
 
 

Religiöse Anmerkungen

Es wäre auch für Gott keine Schande, wenn für ihn Freude das Höchste wäre. Wenn Gott den Menschen liebt, will er, wie jeder, der wahrhaft liebt, für den anderen das Beste. Und dieses Beste ist eben die Freude. In meiner Kindheit habe ich im Katechismusunterricht gelernt: Wir sind dazu auf Erden, daß wir den Willen Gottes tun und dadurch in den Himmel kommen. Der Himmel wurde uns als immerwährende Freude geschildert. In meiner Bibliothek steht unübersehbar eine Postkarte, deren Vorderseite der Spruch füllt: "Ostern gibt die Gewißheit, dass das Ende von allem nur Freude, unermessliche Freude sein kann." Wenn also Gott will, daß wir Freude erfahren, so erfüllen wir, indem wir die Freude vermehren, auch in theologischer Sicht das Sittengebot.

Ein überzeugter christlicher Theologe müsste auf die Frage nach Sinn und Ziel des Lebens antworteten: "Gott!" Diese Antwort steht in keinem Gegensatz zu der Aussage, die Freude sei der Sinn des Lebens. Ganz sicher ist Freude ein wesentliches Attribut Gottes. Zum Mindesten kann man sagen, dass Gott die Quelle aller Freude sei. Wenn der Mensch nach Freude strebt, so strebt er damit auch nach Gott. Gewiss ist besteht ein Unterschied zwischen dem Objekt selbst und seinen Attributen. Richtig ist aber auch, dass die Suche nach dem Attribut im Objekt selbst endet. Das Attribut ist also ein Zielkriterium für die Suche nach dem Objekt: Die Freude führt uns hin zu Gott.

Ende Text
 

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