| . |
Anfang
Transzendental
Transzendental
sind solche Sachverhalte, welche die Grenzen unserer Erkenntnis berühren
oder überschreiten. Ein Sachverhalt ist transzendent, wenn er jenseits,
und immanent, wenn er diesseits der Grenzen unserer Erkenntnis liegt. Transzendental
ist ein Sachverhalt auch dann, wenn er die Grenzen unserer Erkenntnis berührt,
so dass wir nicht "dahinter kommen".
Paraphänomene sind
transzendental. Sie sind Gegenstand der Naturwissenschaft insofern, als
man davon ausgehen muss, dass sie erklärbar sind und nur die Erklärung
noch nicht gefunden ist. Solange sie aber noch nicht erklärt werden
können, läßt sich nicht ausschließen, dass sie transzendenter
Natur sind. Umgekehrt sind Erscheinungen und Ereignisse transzendenter
Natur transzendental, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie irgendwann
eine naturwissenschaftliche Erklärung finden.
Wir wissen nicht, wo
die endgültigen, absoluten Grenzen liegen und ob es solche überhaupt
gibt. Die Grenze der Transzendenz teilt die Welt nicht in zwei getrennte
Welten, etwa in ein "Diesseits" und ein "Jenseits". Es kann sein, dass
sich uns neue Erkenntnisquellen erschließen, die unseren Horizont
beträchtlich erweitern, dass Hindernisse fortfallen oder dass wir
Quellen nutzen, die wir bisher nicht als solche erkennen, obwohl sie uns
offen stehen. Zudem lässt sich nicht ausschließen, dass es transzendente
Sachverhalte gibt, die irgendwann immanent in Escheinung treten. In den
Grenzgebieten der Wissenschaft tauchen immer wieder neue transzendentale
Fragen auf. Die Frage etwa, was die Welt ist, woher sie kommt und warum
sie ist, kann uns die Wissenschaft nicht dadurch erklären, dass sie
uns sagt, wie sie funktioniert. "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische,
sondern dass sie ist" (Ludwig Wittgenstein).
Weiteres Material: Wenn
es Gott gibt, so lebt er nicht etwa im Jenseits und wir im Diesseits; womöglich
sehen wir ihn sogar und erkennen ihn nur nicht. Was die Erkenntnisquellen
anlangt, so müssen wir uns fragen, welche von ihnen wir als solche
gelten lassen wollen. Können nur die von der Naturwissenschaft anerkannten
Quellen als verlässlich gelten oder gibt es auch noch andere, die
wir bisher vernachlässigt haben? Es ist eine Frage des Standpunkts
oder - wenn man so will - der Definition von Wissen und Glauben, ob man
beispielsweise die Offenbarungen, die Judentum und Christentum überliefern,
als Erkenntnisquellen gelten lassen will. Als Erkenntnisquellen kommen
wohl auch solche in Betracht, die östlicher Weisheit, buddhistischer
Meditationstechnik, der traditionellen chinesischen Medizin, den Praktiken
der Yogi und Schmanen oder der Tantrik zugrundeliegen mögen. Schließlich
sollten wir auch nicht vergessen, dass auch unser inneres, psychisches
oder geistiges Leben eine Welt bedeutet, in der es ebenfalls eine Grenze
zwischen Transzendenz und Immanenz gibt, die wir mit Hilfe neuer Erkenntnisquellen
verschieben können. Es scheint vermessen, begründetes Tatsachenwissen
allein auf das zu beschränken, was mit Hilfe der Methoden heutiger
Wissenschaften erschlossen werden kann.
Es könnte sein,
dass Gott den Urknall angestoßen und damit eine Welt in Gang gesetzt
hat, deren Teil wir sind und über die wir nicht hinaus blicken können.
In dieser Welt befangen zu sein ist für unsere Erkenntnis des Transzendenten
ein unüberwindbares Hindernis. Deshalb kann man durchaus spekulieren,
dass mit unserem Tod das Hindernis entfällt und sich uns die im Leben
(noch) transzendente Welt erschließt. Ähnlich könnte es
sich mit dem Weltende verhalten: Die sichtbare Welt vergeht und nur das
Transzendente bleibt. Aber es könnte auch umgekehrt sein: Die Transzendenz
nimmt die materielle Welt in sich auf oder dringt in sie ein. Dabei könnten
die Toten entweder in ihrer transzendenten Gestalt oder unter Aufnahme
von Materie wieder in die Welt zurückkehren (Auferstehung der Toten).
Wahrscheinlich wird indes alles anders verlaufen. Die Transzendenz, aber
auch die Materie, sind für jede Überraschung gut.
Ein Beispiel dafür,
wie die Tranzendenz in die Immanenz eindringen könnte, ist die Geburt
Jesu als Gottmensch, der sich durch Wunder legitimiert und eine Lehre verkündet,
die (angeblich) transzendente Sachverhalte offenbart. Auch die Erscheinungen
des wieder auferstandenen Christus, vielleicht sogar andere wie die von
Lourdes oder Fatima, könnten Manifestationen der Transzendenz in der
Immanenz darstellen. Die Schwierigkeit besteht hauptsächlich darin,
dass es sich um einmalige Ereignisse handelt, die sich nicht beliebig wiederholen
lassen. Während die Natur, wie oft man sie auch durch Experimente
befragt, bereitwillig konsistente Antworten gibt, ist die Transzendenz
für alle unsere Fragen taub und äußert sich bestenfalls
spontan, wenn wir es nicht erwarten. Für transzendente Aussagen gibt
es höchstens den Zeugenbeweis. Ein solcher unterliegt aber der freien
Beweiswürdigung. Ob man ihm glaubt, hängt von seiner Plausibilität,
der Glaubwürdigkeit der Zeugen und der Leichtgläubigkeit des
Urteilenden ab. Man stelle sich vor, Außerirdische landeten tatsächlich
im Garten hinter dem Haus, erkundigten sich, auf welchem Gestirn sie seien,
und schwirrten wieder ab. Wer hätte wohl den Mut, dies anderen
zu erzählen? Selbst wenn es täglich irgendwo auf der Erde geschähe,
glaubte außer den Betroffenen niemand daran. Wer ernsthaft glaubt,
hat eigene Erfahrungen. Auch das negative Credo eines positivistischen
Naturwissenschaftlers ist ein Glaubensakt, der auf der naiven Annahme beruht,
was nicht bewiesen sei, existiere nicht. Aber ist, wer diese Naivität
nicht aufbringt, weniger vernünftig?
|