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Gewissen - Inhalt

Das Gewissen und seine Bedeutung
Gewissen ist sittliche Intuition
Gewissen - Bollwerk gegen die Willkür der Mächtigen 
Kybernetische Ethik 
Auf den Einzelnen kommt es an
Die Autonomie des Gewissens
Die Objektivität des Gewissens
Das Gewissen und seine Bedeutung

Unter allen Wundern, die im Menschen offenbar werden, ist das bewundernswerteste das Gewissen.

Bisher haben wir geglaubt, der Welt unsere Ordnung aufzwingen zu müssen. Nun müssen wir lernen, daß die Welt eine der unseren überlegene Ordnung aufweist, die wir wohl geahnt haben, die unserem Verstand aber verborgen war. Wir können uns durchaus in der Welt häuslich einrichten, jedoch nur, wenn es im Einklang mit der natürlichen Ordnung geschieht. Die natürliche Ordnung ist indessen nicht vollkommen, denn sie kennt weder Vernunft noch Gerechtigkeit. Sie braucht deshalb unseren Geist, damit wir Unrecht und Katastrophen bekämpfen. Wir können ihre Entwicklung auch beeinflussen, indem wir moralisch handeln, um unseren bescheidenen Beitrag zum Fortschritt der Welt in Frieden leisten zu können. Das vermag aber nur der einzelne Mensch kraft seines Gewissens; Frieden, Gerechtigkeit und Glück lassen sich nicht durch Gesetze und soziale Maschinen erzwingen. 

Zwei Dinge lehren uns diese Einsichten. Erstens:  Die großen Utopien versagen. Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Glück lassen sich weder durch Automaten noch durch Gesetze erzwingen.  Zweitens: Da die Gesetze keinen Fortschritt bringen, muß er vom einzelnen kommen; Gesetze können nur die tatsächlichen Voraussetzungen dafür schaffen, daß sich die Gesellschaft und mit ihr der einzelne Mensch in einem evolutiven Prozeß durch Selbstorganisation frei entwickeln können. Die Folgerung aus diesen Einsichten lautet: Nicht das Gesetz ist das Höchste, sondern das Gewissen. Gesetze müssen offenbares Unrecht und sinnlosen Schaden verhindern; bloße Ungerechtigkeit hingegen muß man klagend erdulden, denn sie ist die Kehrseite der Freiheit. Das ist das Thema.

Die Existenz des Menschen ist eben nicht auf den teleonomischen Zweck beschränkt. Im Menschen transzendiert die Materie ins Geistige. In ihm kommt die Natur erst zu reflektiertem Bewußtsein. Darum braucht die Natur den Menschen, mehr noch als er sie. Deshalb ist es eine entsetzliche Blasphemie, den Menschen als Ungeziefer im Pelz der Biosphäre zu apostrophieren. In Wahrheit ist der Mensch ein Meisterwerk der Schöpfung. Die geistigen Fähigkeiten verschaffen dem Menschen immerhin einen so immensen Selektionsvorteil, daß ihm kein anderes Lebewesen widerstehen kann. Ist dies, wie wir heute deutlicher sehen denn je, auch eine tödliche Gefahr, so liegt darin doch eine unermeßliche Chance, die den Einsatz rechtfertigt: Der Geist des Mensch ist zwar nicht imstande, die Führung der Evolution zu übernehmen, wie er es am liebsten möchte, aber er kann, wenn er sich vernünftig verhält, der Selektion eine vernunftgemäße Komponente verleihen. Damit übernimmt er aber auch die Verantwortung für ihren Bestand. Verantwortung vor wem? Zumindest vor dem eigenen Gewissen; ...der Übel größtes aber ist die Schuld. 

Doch der Mensch hat auch eine positive Aufgabe, nur, sie ist bescheiden genug. Der Mensch kann die Geschichte  im Sinne der Vernunft beeinflussen. Die beiden Ordnungsprinzipien der Zwangsorganisation und der Selbstorganisation sind auch im Menschen selbst angelegt.   Die Zweiteilung zeigt sich am sinnfälligsten in der Dichotomie der Hirnhälften. Während die linke mehr dem linearen, konstruktiven, teleologischen, diskursiven Denken in all seiner Schwerfälligkeit zugeordnet ist, verarbeitet die rechte in jedem Augenblick Millionen von Informationen mit Leichtigkeit nahezu gleichzeitig, das heißt gewissermaßen in Lichtgeschwindigkeit. (Gleichzeitigkeit und Allgegenwart sind gleichbedeutend mit unendlicher Geschwindigkeit. So konnte man in den Abendnachrichten seinerzeit den Eindruck gewinnen, als sei der der deutsche Außenminister Genscher zur gleichen Zeit in Bonn, Moskau, Tokio und Washington anwesend. Geschwindigkeit ist keine Hexerei.) Das Gehirn ordnet die Informationen in einem überaus schnellen Selbstorganisationsprozeß. Denken und Fühlen sind in diesem Prozeß unlösbar miteinander verwoben, so daß der Mensch stets in der Lage ist, die Situationen, die er durchlebt, blitzschnell zu analysieren, einzuordnen, zu bewerten und zu beurteilen. Durch das Fühlen ist der Mensch jedem Computer unendlich überlegen. Auf dieser Fähigkeit beruht die Tatsache, daß jeder Mensch ein Gewissen hat, das sein Denken und Handeln mit großer Sicherheit exakt bewertet. Kein Mensch ist gewissenlos; auch der schlimmste Verbrecher weiß genau, daß er nicht darf, was er tut. Was gemeinhin für das Gewissen ausgegeben wird, sind nur die Gründe, mit denen es besänftigt werden soll. Folgt der Mensch aber seinem Gewissen, so wählt er unter den gegebenen Handlungsmöglichkeiten die für ihn optimale. Er handelt also selektiv, das heißt, er tut dasselbe, was die Evolution bei der Selektion macht. Je mehr Menschen nun gewissenhaft handeln, desto mehr verändert sich die Gesellschaft von selbst zum Guten hin, denn das Verhalten jedes selbstorganisierenden Systems hängt vom Verhalten seiner Elemente ab. Darüber wird noch ausführlich zu reden sein. 

Auf diese Weise zu wirken, vermag kein Kollektiv, kein Staat und keine Organisation, sondern nur der einzelne Mensch. Von daher wird begreiflich, daß alle gesetzgeberischen Bemühungen über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte keinen erkennbaren moralischen Fortschritt gebracht haben. Gesetze sind Ausdruck der tatsächlichen Machtverhältnisse in der Gesellschaft, allein das Gewissen des einzelnen Menschen ist der verläßliche Wegweiser in eine besseren Zukunft. Nichts in der Welt vermag über es zu verfügen. Der Mensch kann zwar nicht die Führung der Evolution übernehmen, denn niemand weiß, wie eine ideale Welt beschaffen sein muß, aber er kann es in Bescheidenheit durch geduldige und gewissenhafte Arbeit dazu bringen, daß sich der Strom der Geschichte in vernünftigen Bahnen bewegt und auf das Ziel aller menschlichen Sehnsucht hin driftet. Das ist die andere große Chance des Menschen, welche die Evolution uns bietet, der Dienst, den wir dem Leben zu leisten vermögen oder, wenn man so will, die Aufgabe, die uns der Schöpfer zugedacht hat.

Alles Konstruieren und Planen, alles Forschen und Organisieren sollte nur dazu dienen, Unrecht zu bekämpfen und Schaden abzuwenden. "Das Wohl des Volkes zu mehren", ist ein Passus, den man aus den Amtseiden streichen sollte, denn er verführt zu versprechen, was niemand kann. An der positiven Gestaltung der Welt zu arbeiten, muß dem einzelnen Menschen überlassen bleiben. Das All-Ge-Mein-Wohl ist keine Privatsache, gewiß, denn sie geht alle an, aber sie ist erst recht keine Privatsache derer, die sich kraft Amtes oder gestützt auf Bajonette für zuständig erklären. Nur der einzelne ist kraft seines Gewissens dazu qualifiziert. Die Meinung, das Gesetz stehe höher als das Gewissen, ist ein ebenso schauriger Irrtum wie der, der einzelne vermöge nichts und nur das einheitliche Handeln aller könne etwas bewirken. Unter dieser falschen Prämisse lernt der Mensch nie, was ihn letztlich allein rettet. Freilich kann das Gewissen irren. Darum ist mein Gewissen gut für mich, aber für niemand anderen sonst. Sobald ich beginne, das Handeln anderer an meinem Gewissen zu messen und anderen Vorschriften zu machen, verfalle ich dem Ungeist der Gewalt und des Unfriedens. Dann stehen meine Pläne gegen die Pläne aller anderen, die ebenso das "Gute" wollen wie ich, aber andere Vorstellungen hegen. Der endlose Streit aller gegen alle, ja der Aberglaube an die Gewalt finden darin ihre stärkste Ursache. Wie in der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel versteht am Ende kein Mensch mehr den anderen.

Die Mehrheit wird schlicht behaupten: "Ich bin als einzelner machtlos. Was hilft es, wenn ich allein das Richtige tue, aber alle anderen machen doch, was sie wollen? Umgekehrt spielt es, aufs Ganze gesehen, keine Rolle, wenn ich mich falsch verhalte. Einige werden sagen: Man muß sich für die Lösung der Probleme einsetzen, muß auf die Straße gehen, muß für die gute Sache kämpfen, notfalls auch mit Gewalt. Der Mensch ist schlecht. Man muß ihn zum Guten zwingen, denn ohne Zwang läßt sich das Gute nicht verwirklichen." Auf die Frage, was denn gut oder moralisch sei, dürfte die Antwort lauten: "Moralisch handelt, wer sich nach besten Kräften bemüht, die Gesetze und die Regeln des Anstands und der Höflichkeit zu befolgen." Wenn man nun noch nach dem Gewissen fragt, wird die oder der Befragte vermutlich beginnen, an der Seriosität der Umfrage zu zweifeln und ihr oder sein Befremden ausdrücken: "Was soll das? Es gibt kaum eine Schlechtigkeit, von der nicht jemand behauptet, er könne sie vor seinem Gewissen verantworten. Wenn alle nach ihrem Gewissen handelten, so wäre das vollkommene Chaos zur Folge." 

Gewissen ist sittliche Intuition

Die Fähigkeit der Intuition hilft uns, damit wir uns in komplexen Situationen zurechtfinden können, die Fähiigkeit des begrifflichen Denkens erlaubt uns, zu planen, zu konstruieren und in einem durchschaubaren Rahmen Entwicklungen vorauszusehen, so daß wir die Dinge ordnen und formen können. 

Intuitives Denken erscheint uns vage und gefühlsbetont, wenn nicht gar irrational. Wir mögen uns deshalb nicht darauf verlassen. Wir trauen dem diskursiven, begrifflichen Denken größere Genauigkeit und Zuverlässigkeit zu. Intuitives Denken mutet uns chaotisch an, wohingegen das diskursive uns bedeutend geordneter vorkommt. Aber auch das intuitive Denken ist auf eine besondere Art rational und exakt. Es wird der Komplexität besser gerecht als das diskursive, dem die Komplexität nur äußerst schwer zugänglich ist. Intuitives Denken ordnet die Dinge, indem es Muster und Gestalten erkennt und die Dinge nimmt, wie sie sind, während diskursives Denken abstrahiert und klassifiziert und die Dinge in eine hierarchische Ordnung zwingt. Intuitives Denken ist gestalthaft konkret, diskursives begrifflich abstrakt. 

Intuitives Denken ist offenbar naturnäher. Es erscheint uns deshalb selbstverständlich, obwohl wir es weder ganz verstehen noch seine Leistungen so recht zu würdigen wissen. Die Fähigkeit, begrifflich abstrakt zu denken, scheint uns vornehmer, menschenwürdiger und geistiger. 

Im Leben des Menschen lassen sich drei umfassende Systeme unterscheiden, die sich gegenseitig durchdringen. Sie sind äußerst komplex, lassen sich nur zum geringen Teil durchschauen, besitzen die Fähigkeit zur Selbstorgansation und sind nicht beherrschbar. Es sind die vormenschliche Natur, das Denken und Fühlen aller einzelnen Menschen und die menschliche Gesellschaft mit ihrer Kultur. Diese Bereiche entsprechen in etwa den drei "Welten" des Philosophen Sir Karl Raimund Popper. 

Es versteht sich von selbst, daß bei den Fragen des Handelns der Mensch im Zentrum der Betrachtung steht. Aber der Mensch steht auch real im Mittelpunkt der Betrachtung, denn jede Betrachtung kann nur vom Menschen als dem Betrachtenden ausgehen. Und zwar von jedem menschllichen Individuum, denn es gibt kein kollektives Wesen, das zum Denken und Fühlen im umfassenden Sinne fähig wäre. Die Welt hat deshalb notwendig so viele betrachtende Zentren, wie es Menschen gibt; die Welt ist multizentral. 

Gehen wir also vom Menschen aus. Der Mensch hat zwei Hirnhälften, von denen eine vornehmlich konstruktiv arbeitet, während die andere, in der Regel die rechte, vor allem die Aufgabe hat, große Informationsmengen in kürzester Zeit zu ordnen und zu bewerten. Den Maßstab für die Bewertung liefert das Gefühl. Die Fähigkeit zugleich zu erkennen und zu fühlen ist das Besondere, das den Menschen auszeichnet. Gleichwohl muß diese Fähigkeit im Keim bereits mit den Urelementen gegeben sein: Wenn sich Systeme zu Übersystemen zusammenfinden, zeigen die neuen Systeme neue Eigenschaften, die den Elementsystemen nicht gegeben sind. Gleichwohl müssen die Elemente die Eigenschaften des neuen Systems bereits im Keim besitzen, denn anderenfalls könnte das Übersystem, das aus nichts anderem als ebendiesen Elementen besteht, sie nicht auftauchen lassen. Erst auf der Ebene des Menschen gelangen die Elemente zu vollem Bewußtsein. Das zwingt zu dem Schluß, daß das Denken und Fühlen in den letzten Urelementen - von Atomen zu reden, wäre zu grob - wurzelt. Damit beantwortet sich die uralte Frage, wo denn der "Sitz" des Intellekts und des Gefühls sei, von selbst: überall, soweit der Mensch reicht. 

Der Mensch ist der gegenwärtige "state of the art" der Evolution. In ihm ist alles vereinigt, was die Natur in Jahrmilliarden geschaffen hat. Im Gefühl und in seinem intuitiven Denken - vom logisch-konstruktiven Denken reden wir später - ist der Mensch mit der Welt bis in die letzten Tiefen verbunden. Die Welt ist für ihn fühlbar und denkbar: Welt und Mensch sind isomorph. Ebenso wie die Welt das Ergebnis eines evolutiven Prozesses der Selbstorganisation ist, so sind auch Fühlen und intuitives Denken ein Prozeß der Selbstorganisation. Aber dieser Prozeß verläuft mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es unangemessen wäre, ihn evolutiv zu nennen. Dessenungeachtet durchläuft auch der Mensch während seines Lebens eine Entwicklung, während derer er sein Denken und Fühlen selbst organisiert. Der Mensch ist ein Mikrokosmos; vordergründig ein Staubkorn, aber in einem sehr komplexen Sinne so groß wie die Welt. Mensch und Welt sind koextensiv. 

Gewissen - Bollwerk gegen die Willkür der Mächtigen 

Der Mensch muß seinem Gewissen mehr gehorchen als den Menschen. Wir wissen heute, welche Leistungen unser Gehirn bei der Verarbeitung großer Mengen komplexer Informationen vollbringt. Was wir Gewissen nennen, ist nichts anderes als das Vermögen, einen komplexen Sachverhalt blitzschnell zu bewerten. Es ist ein Informationen verarbeitendes System von ungeheurer Mächtigkeit. Dabei wirken Denken und Fühlen in einem unlösbaren Wirkungsgefüge zusammen. Das ist es, was den Menschen ausmacht. Es ist nichts Geheimnisvolles oder gar Mystisches, und doch es ist die bewundernswerteste Fähigkeit des Menschen, Grund genug für religiöse Menschen, das Gewissen die Stimme Gottes zu nennen. Das Fühlen liefert die Wertmaßstäbe. Nach der Überzeugung namhafter Verhaltensforscher von heute ist das Fühlen das, was alle fühlenden Wesen miteinander verbindet. Das Gewissen ist deshalb nicht subjektiv, im Gegenteil, es ist das Objektivste im Menschen überhaupt. Freilich ist sein Urteil von individuellen Faktoren abhängig, von den im Bewußtsein vorhandenen Informationen ebenso wie von emotionalen Komponenten, die sein Fühlen bestimmen. Deshalb ist das Gewissen fehlbar, und deshalb ist mein Gewissen zwar der beste, weil einzige moralische Maßstab - aber nur für mich und niemand anderen sonst. Kein Mensch ist gewissenlos. Der Gewissenlose handelt nur so, als ob er kein Gewissen hätte. Auch Verbrecher wissen genau, daß sie nicht dürfen, was sie tun. Alles Vage, was dem Gewissen anhaftet, rührt allein daher, daß wir die Argumente, mit denen wir uns dem Anspruch unseres Gewissens zu entwinden versuchen, als die Stimme des Gewissens selbst ausgeben. Gewissen ist nicht Gutdünken. 

Dennoch spielt das Gewissen im täglichen Leben bestenfalls eine Nebenrolle. Der Mensch handelt nicht autonom nach seinem Gewissen, nicht einmal nach seinem Gutdünken. Er dient vielmehr mannigfaltigen Zwecken und Zielen, die er sich selbst setzt oder die ihm andere setzen, die mächtiger sind als er. So wird er zum Ausführenden von Plänen, von denen niemand weiß, was sie bewirken und was die Folgen sind, die aus dem undurchschaubar komplexen Wirkungsgefüge der Welt auf uns zurückschlagen. Ohne Zweifel braucht der Mensch Ziele, um leben und wirken zu können, aber es sollten nur solche sein, die sich in durchschaubaren Bereichen bewegen und deren Ergebnis unser Gewissen billigen kann. 

Der Mensch ist maßlos in seinem Streben nach Wohlstand und Einfluß. Das gilt nicht allein für die Reichen und Mächtigen. Es gilt nicht minder für die Armen und Schwachen, denn sie haben durchaus verständliche Gründe. Jeder Mensch braucht ein Mindestmaß an Gütern und Anerkennung, damit er die Freiheit hat, nach seinem Gewissen leben zu können. Aber sobald er genügend hat, gelüstet es ihn nach mehr. Dabei fragt er wenig nach dem Gewissen; es ist nur ein lästiger Mahner und Moralist. Am meisten erreicht, wer es im Schach zu halten versteht, ohne Schuldkomplexe zu züchten, die ihn in die Neurose oder Psychose treiben. Da der Mensch die materiellen Güter und seinen Lebensraum mit anderen teilen muß, stehen die Ziele und Zwecke der einzelnen in Konkurrenz miteinander. Es kommt zum Kampf aller gegen alle, der in Tod und Vernichtung ausartet; es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo in der Welt ein Krieg tobt. Warhaftig, der Buchstabe tötet wirklich, der Buchstabe der Gesetze nämlich, welche die kämpfenden Völker auf ihre Fahnen schreiben. Dabei sagt jedem Menschen sein Gewissen, daß jeder andere so wie er selbst das gleiche Lebensrecht hat. Für das Gewissen ist das Prinzip Liebe eine Selbstverständlichkeit: Jedermann hat die Pflicht, das All-Ge-mein-Wohl zum gleichberechtigten Ziel seines Strebens zu machen. 

Das Gewissen ist der Widerpart der Zwänge, denen sich Menschen unterwerfen oder denen sie unterworfen werden. Es ist nicht etwa ein Zuwenig an Zwängen, der unsere Welt so unausstehlich erscheinen läßt. An Zwängen ist in unserer Welt kein Mangel, sondern ein unerträglicher Überfluß, der das Gewissen in Bergen von Papier zu ersticken, in Strömen von Blut zu ertränken und in den Maschinen der High-tec zu zermalmen droht. Aber, wie die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit lehren, hat das Gewissen eine Macht, die sich beugt, aber auf die Dauer nicht brechen läßt. 

Kybernetische Ethik 

Nach alledem bedürfte es keiner weiteren ethischen Grundsätze, Regeln, Weisungen, Gesetze und Normen, keines weiteren moralischen Gebots als dessen: Handle immer und unter allen Umständen so, wie es dir dein Gewissen vorschreibt! Kant hat mit seinem kategorischen Imperativ wohl dasselbe gemeint, aber auch er traute dem Gewissen nicht genug zu. Er formulierte deshalb ebenso abstrakt wie inhaltsleer. Mit unseren heutigen Kenntnissen über Informationsverarbeitung, komplexe Systeme und Selbstorganisation sollten wir es nun besser wissen. 
Mit diesem Wissen gerüstet, brauchen wir auch keine Angst mehr vor dem vermeintlichen "Chaos" zu haben, welche die Menschen seit jeher umtreibt und sie dazu bringt, sich um fragwürdiger "Ordnungen" willen in die Sklaverei kollektiver Zwänge zu begeben. Es scheint so selbstverständlich wie ein Axiom und keiner Erklärung bedürftig, daß Ordnung nur durch eine ordnende Hand entstehen könne. Wenn nicht alle nach einem einheitlichen Plan leben, sondern tun, was sie wollen - mögen sie auch nach ihrem Gewissen handeln - muß dann nicht heilloses "Chaos" die Folge sein? Die richtige Antwort, das Nein, auf diese Frage zu finden, gehört zu denjenigen Leistungen des Denkens und Forschens, die dem Menschen am schwersten fallen. Und doch ist die ganze Welt ein einziger unumstößlicher Beweis. Komplexität, Selbstorganisation, Evolution: sie haben den Kosmos, den Mikrokosmos wie den Makrokosmos, hervorgebracht, und in ihm den Menschen selbst hervorgebracht, Ordnungen, die der Mensch mit seinen tolpatschigen Verbesserungsversuchen nur stören, allerdings auch zerstören kann. Insofern brauchte die Natur den Menschen nicht, ja insofern ist er nur eine Laus im Pelz der Biosphäre. Dennoch braucht sie ihn, denn er bringt etwas mit, das es vor ihm nicht gab: seine Fähigkeit, im durchschaubaren Rahmen zu planen, und sein Gewissen. Damit eröffnet er der Evolution neue Möglichkeiten. Aber er nutzt sie nicht richtig, ja er mißbraucht sie, weil er sich selbst nicht begreift. 

Indes: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Die Angst vor dem "Chaos" ist dem Menschen so tief eingefleischt, daß sie sich so bald nicht verlieren wird. Diese Angst ist das lautere Motiv, das ehrenwerte Philosophen und Moraltheologen bewegt, ganze Normensysteme zu ersinnen, welche die Menschen sittliches Verhalten lehren sollen. Gewissensfreiheit bedeutet für viele von ihnen Individualmoral, die sie scheuen wie den Teufel selbst. "Wenn jeder täte, was er will, ja wo kämen wir dann hin?" lautet die besorgte Frage. Also muß man dem Menschen möglichst exakt vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, und einen gestrengen Sittenwächter damit betrauen, die Einhaltung der Vorschriften zu überwachen. Der Staat, als Territorialherr die mächtigste Instituion der Gesellschaft, ist der geborene Anwärter für dieses Amt, und die menschlichen Organe der Gebietskörperschaften gefallen sich sehr in ihrer Rolle als Beauftragte einer moralischen Anstalt. Aus ihrem Munde klingt dann die Frage: "Ja wo kämen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?" weniger besorgt als achtunggebietend, wenn es sich darum handelt, ihre Autorität als Hoheitsträger angemessen zur Geltung zu bringen. Etwas milder sprechen ihn Religionsdiener aus, welche die Güte Gottes verkünden, und doch schwingt ein grollender Unterton mit, der unmißverständlich auf die letzten Dinge im irdischen Leben hinweist. Dies alles hat eine lange Tradition, und so kommt es, daß das Gewissen (obwohl gelegentlich auf es zurückgegriffen wird, etwa in der Verfassung, in Predigten oder in Fällen äußerster Ratlosigkeit der Moralisten) im Bewußtsein der Menschen kaum noch vor. Moral wird mit der Beobachtung der Gesetze gleichgesetzt. 

Die Folgen sind erschütternd. Die überwältigende Mehrheit der Menschen hat bei allen Fehlern und Schwächen soviel Selbstachtung und Ehrgefühl, daß sie die Anerkennung der Mitmenschen suchen und als anständige Menschen gelten wollen. Ausnutzung der Gesetzestreue durch Mächtige. Befehlsnotstand und Tötung Unschuldiger. Gesetze verführen zur Umgehung. Beliebigkeit. Trennung von Gesetz und Moral. Gewissen ist individuell, aber nicht beliebig. Ordnung durch Selbstorganisation. Voraussetzungen der Selbstorganisation durch Gesetze schaffen. Kybernetik: Le homme machine, Freiheit durch Automation, Begrenzung der Automation durch Freiheit, Beschränkung der Freiheit allein durch das Gewissen, Entscheidungen durch Computer vorbereiten ja, aber treffen nein. Rücknahme von Überreglementierung, Bescheidenheit, nicht alles Heil vom Staat und sozialen Maschinen erwarten, 

Auf den Einzelnen kommt es an 

Wir sollten endlich aufhören, Recht, Gesetze und Sittenlehren als moralische Veranstaltungen zu betrachten, die notwendig wären, um Menschen zum Guten zu zwingen. Stattdessen sollten wir lernen, die Stimme des Gewissens aus dem Lärm der Argumente unserer selbstsüchtigen Wünsche herauszuhören. Dann wissen wir genau, was wir zu tun und zu lassen haben. Das bewahrt uns nicht davor, Fehler zu machen. Aber die Fehler, die uns das Gewissen zu machen vorschreibt, sind nicht von der Art, welche die Menschheit in die Katastrophe treibt. Der evolutionäre Prozeß der Selbstorganisation, der die Gesellschaft in Freiheit ordnet, verzeiht solche Fehler. Wichtig ist nur, daß das Zielkriterium und damit die Richtung stimmen. 

Es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu meinen, die Menschheit könne sich durch gesellschaftliche Maschinen selbst erlösen. Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand, Gesundheit und Glück kann man sich nicht erkaufen. Es ist ein Unding zu glauben, man brauche nur eine starke Persönlichkeit an der Spitze des Staates, intelligente Politiker lauteren Charakters und perfekte Gesetze, und dem allgemeinen Wohlbefinden stehe nichts mehr entgegen. Es ist eine törichte Utopie, man könne soziale Gerechtigkeit durch Gesetze erreichen. Es genügt nicht, Steuern zu zahlen oder für mildtätige Zwecke zu spenden und sich daraufhin im wohligen Gefühl, alles Menschenmögliche getan zu haben, bequem im Fernsehsessel zurückzulehnen. Man kann die Welt nicht verbessern durch einfaches Nachdenken darüber, wie man die Gesellschaft geschickt organisiert, diese Organisation möglichst schmerzlos verwirklicht und sie dann reibungslos am Laufen hält. Man kann die Welt nur durch harte, geduldige Arbeit verbessern. Das kann nur der einzelne. 
Die Zwänge, denen wir unterliegen, sind großenteils vom einzelnen selbst verschuldet. Wenn wir dem Staat Aufgaben überlassen, die unsere eigene Sache wären, brauchen wir uns nicht zu wundern, daß er hohe Steuern fordert und viele Vorschriften erläßt. Wenn wir von absoluter Sicherheit träumen, bewirken wir, daß er uns mit Verboten überhäuft. Wenn wir saubere Luft, reines Wasser, grüne Bäume, üppige Wälder und saftige Wiesen wollen, können wir nicht erwarten, daß andere dafür sorgen, während wir selbst gedankenlos weiter sündigen. Wir müssen begreifen: Der wahre und letzte Grund für die Zerstörung der Umwelt ist nicht die Profitsucht der Industrie, sondern ganz allein die materielle Begehrlichkeit, die Unbescheidenheit und der Luxus jedes einzelnen. 

Nicht das Kollektiv hat die Macht, sondern der einzelne. Das Kollektiv hat nur die Macht, die der einzelne ihm verleiht, indem er seine ureigene Aufgabe erfüllt. Wenn es einem Volk wohl ergeht, ist das nicht das Produkt der Gesellschaft oder ihrer Funktionäre, sondern das Werk der Kreativität und des Fleißes jedes einzelnen Bürgers. Es ist falsch zu meinen, der einzelne vermöge nichts, wenn nicht alle so handelten wie man selbst. Das Gegenteil ist richtig:  Nur wenn der einzelne nach seinem Gewissen handelt, kann das Ganze gedeihen. Darum ist es töricht, andere bessern zu wollen. Man kann ihnen die Meinung sagen, man kann wehklagen, wenn man verletzt wird, damit der andere merkt, was er falsch macht. Fehler und Ungerechtigkeit sind nicht zu verhindern; man muß sie ertragen, denn niemand ist vollkommen. Man sollte nicht kleinlich sein, Großmut ist Stärke. Es gibt nichts, was das Gewissen mehr aufrüttelt als Verzeihung und Dankbarkeit. Wer einem permanent auf die Nerven geht, um den sollte man einen Bogen machen; es ist besser, jemanden zu meiden als ihn zu hassen. Nur wenn jemand ein Unrecht begeht, das auf keinen Fall geschehen darf, muß man sich in der Not wehren oder, wo es möglich ist, ihn anzeigen und der Rechtswehr des Staates überantworten. Auch der Frieden fängt beim einzelnen an. 

Neuer Abschnitt - Aber das muß man den Menschen pausenlos klarmachen. Wenn der Mensch nicht erkennt, welche Fehler er macht, kann er sie nicht unterlassen. Wenn ihm ständig eingeredet wird, alles Unglück gehe auf Korruption und Dummheit der Politiker zurück; wenn man den Eindruck erweckt, für jedes Problem gebe es Experten, welche die Lösungen kennen und die man leicht finden könne, sofern nur der gute Wille da sei; wenn man immer nur zeigt, wie schlecht die anderen sind; wenn man so tut, als sei die schöne neue Welt in aller Perfektion nur eine Frage der Zeit und des Fortschritts der Wissenschaft; wenn man die Menschen glauben macht, der Staat könne alles und mache alles besser; wenn man behauptet, man könne jeden Mißstand leicht durch Gebote und Verbote beheben; wenn man nach jeder Katastrophe Verantwortliche sucht, deren Versagen angeblich die alleinige Ursache sein soll - bei soviel Desinformation lernt der einzelne nie, daß er selbst verantwortlich und die Welt nicht so leicht zu verbessern ist, wie man ihm vorspiegelt. Aber das soll wohl so sein, denn woher sollen die Großen der Politik und der Medien ihre Macht nehmen, wenn keine Gemeinde gläubiger Gefolgsleute existiert, die ihnen Geld, Stimmen, Abonnenten und Einschaltquoten beschert, weil sie allen Ernstes denkt, ihre Erwartungen könnten erfüllt werden? Es mutet lächerlich und hoffnungslos zugleich an zu sehen, daß die unglaublichsten Versprechungen mehr Vertrauen finden als vernünftige Vorschläge. 

Wenige abgeleitete Grundsätze und entsprechende Aufklärung nötig. Vorbereitung des Abschnitts Grundsätze und Hypothesen, 

Gesetze sind notwendig, um planmäßiges Handeln vieler zu ermöglichen. Notwendig sind auch Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Aber all das birgt mannigfache Gefahren. Die zerstörerischen Gefahren liegen auf der Hand, doch die Gefahren, die dadurch drohen, daß Menschen immer weniger ihr Leben selbst gestalten können und stattdessen immer mehr dem Willen der Mächtigen unterworfen werden, sind ungleich größer und heimtückischer. 

Es ist ja ganz plausibel, daß das Leben desto komplizierter werden müsse, je mehr Menschen auf der Erde leben, die mit Hilfe von Wissenschaft und Technik ernährt und am wachsenden Wohlstand der Industrienationen beteiligt werden wollen. Überdies sei der Mensch ja so schlecht, daß er nur zum Guten fähig sei, wenn ihm sein Verhalten klipp und klar vorgeschrieben und er mit Gewalt gezwungen werde, die Vorschriften einzuhalten. 

Aber der Glaube, das Gute könne nur mit Gewalt erzwungen werden, ist ein Aberglaube, mehr noch: er ist der verhängnisvollste Aberglaube, den es gibt. Jeder, der Macht hat, neigt dazu, genau die Vorschriften, die er selbst für richtig hält, den Beherrschten aufzuzwingen; auf ihre Bedürfnisse nimmt er ebensowenig Rücksicht wie auf ihr Gewissen. Besser werden die Menschen durch solche Vorschriften, die der Willkür der Macher entspringen, nicht. Je perfekter die Kontrolle der Mächtigen über die Beherrschten wird, desto mehr wird ihre Macht gestärkt und desto aggressiver wird das Verhalten der Kontrollierten ebenso wie das der Kontrolleure. Zunächst richtet sich die Aggression der Menschen gegen ihre Nächsten. Wenn das nicht mehr genügt, richtet sie sich gegen ihre Herrscher und, da sie gegen deren Macht nichts ausrichten können, wendet sie sich gegen ihre Nachbarvölker - zum Vorteil der Herrschenden, welche die Aggressivität ausnutzen und die Menschen aufhetzen, um ihre Macht nach außen zu stärken. Unruhen und Kriege sind die unausbleiblichen Folgen. Mit Hilfe von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nehmen sie apokalyptische Züge an. 

Die Autonomie des Gewissens
 

  • Der oberste Gesetzgeber ist der einzelne Mensch, denn nur er hat Vernunft und Gefühl, die den Menschen zur Gesetzgebung qualifizieren, weil sie die Grundlage dessen sind, was wir Gewissen nennen. Außer Gott ist im ganzen Universum nichts zu entdecken, was dem Menschen diesen Rang streitig machen könnte. Der Mensch braucht die Natur, das stimmt, aber die Natur braucht auch den Menschen.
  • Als oberster Gesetzgeber ist der einzelne Mensch nur dem Sittengesetz der Vernunft oder dem gegenüber verpflichtet, der uns die Vernunft und mit ihr das Sittengesetz verliehen hat. Kein Mensch gehört einem anderen. Kein Mensch darf einen anderen zu seinen Zwecken gebrauchen. Kein Mensch hat etwas von einem anderen zu fordern. Ansprüche von Menschen gegen einen anderen sind nur als Reflex des Sittengesetzes zu verstehen. Wenn Menschen sich untereinander verpflichten, sind ihre Ansprüche gegeneinander nur bindend, weil es unvernünftig und deshalb unmoralisch ist, daß man etwas verspricht und dann nicht hält. Zu behaupten, daß eine Pflicht sei und zugleich nicht sei, verletzt den Satz vom Widerspruch. Wohin es führt, wenn man unmittelbare Ansprüche von Menschen gegen Menschen zuläßt, zeigt die Idee des Klassenkampfs, der Menschen das Recht gibt, sich gegen den Willen anderer zu nehmen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht: Die Folge ist ein Kampf aller gegen alle, denn jeder fühlt sich von irgendeinem anderen "ausgebeutet". Das heißt natürlich nicht, daß wirkliche Ausbeutung erlaubt sei; sie widerspricht dem Sittengesetz, weil sie Mißbrauch von Menschen zu fremden Zwecken bedeutet.  Sie kann schweres Unrecht sein.
  • Man kann nicht scharf genug unterscheiden zwischen dem Gewissen und den Gründen, die er Mensch erfindet, um sich aus Selbstsucht oder, was selten ist, aus Bosheit über sein Gewissen hinwegzusetzen. Werden diese Gründe als Spruch des Gewissens selbst ausgegeben, macht man das Gewissen zum Sündenbock für alle Ungerechtigkeit der Welt. Kein Mensch ist gewissenlos. Auch der größte Verbrecher weiß, daß er nicht darf, was er tut. Es gilt daher ohne Einschränkung die sittliche Pflicht, in allen Situationen dem Gewissen zu folgen und es nicht durch erfundene Gegengründe zum Schweigen zu bringen. Man sollte nicht gegen sein eigenes Gewissen prozessieren.
  • Da es leicht möglich ist, die tatsächlichen Grundlagen einer Entscheidung zu verkennen und ihre Bewertung falsch zu beurteilen, sind Irrtümer nicht nur möglich, sondern sogar die Regel. Dennoch ist das Gewissen der beste moralische Ratgeber, aber nur, weil es keinen anderen gibt. Für die eigenen Entscheidungen steht das eigene Gewissen sogar über den Sittennormen. Diese stellen eine Art kollektiven Gewissens dar. 
  • Das Hauptproblem beim Gewissen ist, daß die Menschen die Stimme ihres Gewissens nicht oder nicht mehr zu hören vermögen und ihre, meist selbstsüchtigen, Motive oder bestenfalls die Angst vor den Folgen einer Gesetzesübertretung mit dem Gewissen in einen Topf werfen. Würden die Menschen das Gestrüpp des Drum und Dran beiseite räumen und tief in sich hineinhorchen, würden sie erkennen, daß ihr Gewissen eine verdammt klare Sprache spricht. Seine Sprache ist: Ja, ja! und: Nein, nein! Tu das! Laß das! Was darüber ist, ist des Teufels. Die bekannte Erzählung vom Sündenfall der ersten Menschen läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Das Gewissen spricht: "Tu's nicht! Laß den Apfel am Baum der Erkenntnis da, wo er ist!" Doch jetzt melden sich die Zweifel: "Warum nicht? Welche Absicht steckt dahinter? Vielleicht Eifersucht? Soll uns etwas Wertvolles vorenthalten werden? Was ist gut, was ist böse? Könnte es nicht sein, daß alles ganz anders ist, womöglich gar nicht so schlimm? Versuchen wir's doch!" und es geschieht. Obwohl das Gewissen das Gewicht Gottes in die Waagschale wirft, weil es spürt, daß Gott gute Gründe hat, die der Verstand nicht begreift, erträgt der Mensch es nicht, von deren Kenntnis ausgeschlossen zu bleiben. Er will sein wie Gott, will selbst urteilen, will selbst auf Gut oder Böse erkennen. Es genügt ihm nicht, selektiv zu handeln, er will planen, er will wissen, was auf ihn zukommt. Ist das Legendenbiblisch, für Menschen von heute kindisches Geschwätz? Nein, es drückt die Situation des Menschen in der universalen Komplexität meisterhaft aus, es trifft den Nagel auf den Kopf, und zwar - ich wiederhole es bewußt - verdammt genau. Das ist Deutsch, Deutsch für Pferde, damit auch der letzte Mensch es begreift.
  • Das Gewissen ist nicht Geheimnisvolles, jedenfalls nichts Geheimnisvolleres als viele andere alltägliche Wunder, die wir als selbstverständlich hinnehmen. Theologen haben zur Mystifizierung des Gewissens beigetragen, indem sie es "die Stimme Gottes" nannten und nennen. Sie haben insofern recht, als das Gewissen tatsächlich das Bewundernswerteste der Menschennatur ist, und wer an Gott glaubt, hat guten Grund, es als Gottes Stimme zu betrachten. Wer aber nicht an Gott glaubt, wird durch die Mystifizierung des Gewissens verleitet, es für eine Erfindung der Theologen zu halten, was es, weiß Gott, nicht ist. Unser Gehirn, vor allem seine rechte Hälfte, hat die Fähigkeit, Millionen von Informationen nahezu gleichzeitig zu verarbeiten. Ich will damit nicht behaupten, daß das Gewissen nicht mehr sei als eine Funktion des Gehirns, denn das wird niemand mit wissenschaftlichen Methoden beweisen können. Selbst wenn es so wäre, denn wäre das allein schon ein Grund, an die Existenz Gottes zu glauben. Materialismus ist für mich kein Thema mehr, denn die Materie erscheint mir als etwas so Wunderbares, daß nur Gott sie erfunden haben kann. Sie ist die Schöpfung selbst.
  • Doch zurück zum Thema: Die Fähigkeit des Gehirns, Millionen von Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, erlaubt uns, beispielsweise Muster zu erkennen oder in einem vorüberhuschenden Fernsehbild einen von tausend Bekannten zu identifizieren. Mustererkennung ist ein Herausfiltern des Wesentlichen. Es gibt kaum eine schwierigere Aufgabe in der Artificial-Intelligence-Forschung, als einem Computer das Erkennen von Mustern beizubringen. Für unser Gehirn ist Mustererkennung indessen das Natürlichste von der Welt. Die gleiche intuitive Fähigkeit läßt uns das Ergebnis schwierigster Berechnungen abschätzen. Die Ausdrücke "erwägen" oder "abwägen" weisen auf einen solchen Schätzungsmechanismus hin, der das "Gewicht" der Möglichkeiten aufwiegt, zwischen denen man zu wählen hat. Die Redewengung "mit dem Bauch entscheiden" zeigen in die gleiche Richtung: Im Sonnengeflecht, nämlich dem Teil des Gefäßsystems, das die Bauchgegend überzieht, macht sich während schwieriger Einschätzungen ein Unbehagen breit, das so lange währt, bis das optimale Ergebnis gefunden ist. Überaus wichtig ist folgende Regel: Die Genauigkeit solcher Schätzungen wird desto verblüffender, je schwieriger die Aufgabe ist, während die intuitive Leistung bei einfachen Berechnungen nicht unbedingt überzeugt. Das Gewissen beruht offenbar auf einem unfaßbar komplexen Schätzungmechanismus, der zwar keine exakten Ergebnisse, aber ausgezeichnete Näherungen hervorbringt. Dabei werden sämtliche Fakten und Faktoren, seien sie bewußt oder unbewußt, berücksichtigt. Näherungslösen sind kein Mangel, wenn es um Faktoren geht, die nicht oder nur schwer zu quantifizieren sind, denn keine exakte Berechnung ergibt genauere Ergebnisse, als es die Eingangswerte zulassen. Selbst bei exakten Eingangsgrößen gelangen die schnellsten Vektorrechner, wie sie etwa bei den Wetterämtern eingesetzt werden, nur zu Näherungslösungen, wenn die Zahl der Parameter groß, die Funktionen nichtlinear und die Beziehungen der Elemente komplex sind.
  • Das Gewissen ermittelt unter Berücksichtigung aller verfügbaren Fakten denjenigen Punkt auf der sittlichen Bewertungsskala, welcher der zu beurteilenden Situation am ehesten entspricht. Dort rastet es ein und rührt sich nicht mehr von der Stelle. Nur neue Tatsachen, welche die Bewertung beeinflussen, können es zu einer Änderung bewegen, und das wiederum mit Notwendigkeit.
  • Man kann das Gewissen nun mit Argumenten eindecken, um sich selbst zu belügen, doch das Gewissen verharrt unbeirrt auf seinem Standpunkt. Man kann es beruhigen, es mit Nichtbeachtung strafen, es abstumpfen, ja sogar verdrängen; das Gewissen bleibt sich treu. Selbst wenn es jahrelang verdrängt wurde - sobald man sich ihm wieder zuwendet, ist es augenblicklich da und seine Beurteilung ist die gleiche wie je. In der Verdrängung entwickelt es unbewußte Schuldgefühle, die als Komplexe an Stellen zum Ausbruch kommen, an die man bestenfalls im Traume denkt. Die Praxen der Psychiater sind voll von Patienten mit verdrängten Gewissensentscheidungen.
  • Das Gewissen nimmt auch wenig Rücksicht auf die Zwänge, denen der Mensch unterliegt. Immerhin gibt es sich, wenn auch nur mit Unbehagen zufrieden, wenn man nicht die absolut beste, sondern die zweit- oder drittbeste Lösung wählt. Zum Glück hängt die sittliche Evolution - des einzelnen ebenso wie die der Gesellschaft als Ganzes - nicht davon ab, daß jeder Mensch immer und überall das absolut Richtige tut. Es genügt, wenn die Richtung stimmt. Darüber wird noch eingehend zu reden sein.
Exkurs: Wie es scheint, könnte die Mustererkennung mit einem Computer der fünften oder sechsten Generation gelingen, wenn man sich der Technologie neuronaler Netzwerke bedient. Man kann das Verfahren mit einer speziellen Optimierungstechnik vergleichen, mit deren Hilfe man den Ort des höchsten oder niedrigsten Potentials ermitteln kann. Anschaulicher ist wohl das Beispiel der Murmel in einer Vertiefung, die zum tiefsten Punkt der Kuhle rollt und dort liegen bleibt. Das Bild ist im Prinzip richtig, aber die Realität ist weit komplizierter, denn in Wirklichkeit haben wir es nicht mit den drei Dimensionen des Murmelspiels, sondern mit einer unglaublich großen Zahl von Dimensionen zu tun, nämlich für jeden Parameter, das heißt für jede Einflußgröße, eine. Es gilt also, mit einer vieldimensionalen Murmel in einer vieldimensionalen Kuhle die tiefste Stelle zu finden.


Für die Fähigkeit des Menschen, intuitiv Schätzungen vorzunehmen, gibt es sicher weit bessere Beispiele, aber diese sind es, die mich am meisten verblüfft haben: In meiner jahrzehntelangen Berufstätigkeit habe ich mich immer wieder gewundert, wie genau Einzelhändler ihren Warenbestand aufgrund der Zu- und Abgänge schätzen können. Ein anderes Beispiel: Meine Frau hat es auf einer Fahrt mit einem 9 m langen Segelboot im Nebel über einen freien Seeraum von 24 sm geschafft, haarscharf die Hafeneinfahrt zu treffen, obwohl das Boot im Seegang sehr stark gierte; sie hat die Kursabweichungen nach Steuer- und Backbord intuitiv so einwandfrei ausgeglichen, daß der Kurs auf den Bruchteil eines Winkelgrads stimmte.

Die Objektivität des Gewissens

 Die meisten Gesetzgeber und Moralisten hegen ein abgrundtiefes Mißtrauen gegen das Gewissen, weil sie es für subjektiv halten. Gewissensethik erscheint bestenfalls als die Vorhölle der Individualmoral. In Wahrheit ist das Gewissen das Objektivste im Menschen, wenn es im Menschen überhaupt etwas Objektives gibt. Das Gewissen unterscheidet wie der Verstand zwischen wahr und falsch: Gut ist moralisch richtig, Böse ist moralisch falsch. Gesetze wenden sich an den Verstand mit dem Ansinnen, das Gewissen zu kontrollieren und ihm die Regeln des Gesetzgebers aufzuzwingen. Dieses Ansinnen übersieht, daß Intellekt und Gefühl, Verstand und Gewissen miteinander zu einer unlösbaren Einheit, einer substanziellen Identität verknotet sind. Die "zwei Seelen in einer Brust" regen sich nur, wenn das Bewußtsein des Guten, Wahren und Schönen im Menschen und das Bewußtsein seiner Wünsche und Triebe unvereinbar gegenüberstehen. Aber wenn es zum Konflikt kommt, warum sollte dann der Mensch dem Gesetz eher folgen als dem Gewissen? Einem Menschen, dem die Wahrheit nichts bedeutet, dem bedeuten Gesetze erst recht nichts. Der Mensch dagegen, der auf sein Gewissen hört und ihm folgt, wird eher einem guten Gesetz folgen als jener, und wenn er ein schlechtes Gesetz aus Gewissensgründen negiert, so ist das gut. Selbst, wenn er aus Gewissensgründen einem guten Gesetz den Gehorsam versagen sollte, ist der Schaden gering gegenüber dem Guten, das ein gewissenhafter Mensch vollbringt. Übrigens, wie objektiv sind Gesetze, die von Menschen gemacht sind, welche selbst nicht objektiver sind als diejenigen, die sie befolgen sollen? Oder ist die Meinung vieler wirklich objektiver als die eines einzelnen? Wie steht es um die Objektivität von begeisternden Plänen, welche die Menschen wie Drogen in ihren Bann zwingen und sie zu den schlimmsten Untaten verführen? Eine Meinung wird dadurch, daß sie von vielen geteilt wird, weder richtiger noch verkehrter.
 
 
 

Religiöse Anmerkungen
 
 
 

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