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Gewissen - Inhalt
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Das Gewissen und seine Bedeutung
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Gewissen ist sittliche Intuition
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Gewissen - Bollwerk gegen die Willkür der Mächtigen
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Kybernetische Ethik
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Auf den Einzelnen kommt es an
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Die Autonomie des Gewissens
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Die Objektivität des Gewissens
Das Gewissen und seine Bedeutung
Unter allen Wundern, die im Menschen offenbar werden, ist das bewundernswerteste
das Gewissen.
Bisher haben wir geglaubt, der Welt unsere Ordnung aufzwingen zu müssen.
Nun müssen wir lernen, daß die Welt eine der unseren überlegene
Ordnung aufweist, die wir wohl geahnt haben, die unserem Verstand aber
verborgen war. Wir können uns durchaus in der Welt häuslich einrichten,
jedoch nur, wenn es im Einklang mit der natürlichen Ordnung geschieht.
Die natürliche Ordnung ist indessen nicht vollkommen, denn sie kennt
weder Vernunft noch Gerechtigkeit. Sie braucht deshalb unseren Geist, damit
wir Unrecht und Katastrophen bekämpfen. Wir können ihre Entwicklung
auch beeinflussen, indem wir moralisch handeln, um unseren bescheidenen
Beitrag zum Fortschritt der Welt in Frieden leisten zu können. Das
vermag aber nur der einzelne Mensch kraft seines Gewissens; Frieden,
Gerechtigkeit und Glück lassen sich nicht durch Gesetze und soziale
Maschinen erzwingen.
Zwei Dinge lehren uns diese Einsichten. Erstens: Die großen
Utopien versagen. Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Glück lassen sich weder
durch Automaten noch durch Gesetze erzwingen. Zweitens: Da die Gesetze
keinen Fortschritt bringen, muß er vom einzelnen kommen; Gesetze
können nur die tatsächlichen Voraussetzungen dafür schaffen,
daß sich die Gesellschaft und mit ihr der einzelne Mensch in einem
evolutiven Prozeß durch Selbstorganisation frei entwickeln können.
Die Folgerung aus diesen Einsichten lautet: Nicht das Gesetz ist das Höchste,
sondern das Gewissen. Gesetze müssen offenbares Unrecht und sinnlosen
Schaden verhindern; bloße Ungerechtigkeit hingegen muß man
klagend erdulden, denn sie ist die Kehrseite der Freiheit. Das ist das
Thema.
Die Existenz des Menschen ist eben nicht auf den teleonomischen Zweck
beschränkt. Im Menschen transzendiert die Materie ins Geistige. In
ihm kommt die Natur erst zu reflektiertem Bewußtsein. Darum braucht
die Natur den Menschen, mehr noch als er sie. Deshalb ist es eine entsetzliche
Blasphemie, den Menschen als Ungeziefer im Pelz der Biosphäre zu apostrophieren.
In Wahrheit ist der Mensch ein Meisterwerk der Schöpfung. Die geistigen
Fähigkeiten verschaffen dem Menschen immerhin einen so immensen Selektionsvorteil,
daß ihm kein anderes Lebewesen widerstehen kann. Ist dies, wie wir
heute deutlicher sehen denn je, auch eine tödliche Gefahr, so liegt
darin doch eine unermeßliche Chance, die den Einsatz rechtfertigt:
Der Geist des Mensch ist zwar nicht imstande, die Führung der Evolution
zu übernehmen, wie er es am liebsten möchte, aber er kann, wenn
er sich vernünftig verhält, der Selektion eine vernunftgemäße
Komponente verleihen. Damit übernimmt er aber auch die Verantwortung
für ihren Bestand. Verantwortung vor wem? Zumindest vor dem eigenen
Gewissen; ...der Übel größtes aber ist die Schuld.
Doch der Mensch hat auch eine positive Aufgabe, nur, sie ist bescheiden
genug. Der Mensch kann die Geschichte im Sinne der Vernunft beeinflussen.
Die beiden Ordnungsprinzipien der Zwangsorganisation und der Selbstorganisation
sind auch im Menschen selbst angelegt. Die Zweiteilung zeigt
sich am sinnfälligsten in der Dichotomie der Hirnhälften. Während
die linke mehr dem linearen, konstruktiven, teleologischen, diskursiven
Denken in all seiner Schwerfälligkeit zugeordnet ist, verarbeitet
die rechte in jedem Augenblick Millionen von Informationen mit Leichtigkeit
nahezu gleichzeitig, das heißt gewissermaßen in Lichtgeschwindigkeit.
(Gleichzeitigkeit und Allgegenwart sind gleichbedeutend mit unendlicher
Geschwindigkeit. So konnte man in den Abendnachrichten seinerzeit den Eindruck
gewinnen, als sei der der deutsche Außenminister Genscher zur gleichen
Zeit in Bonn, Moskau, Tokio und Washington anwesend. Geschwindigkeit ist
keine Hexerei.) Das Gehirn ordnet die Informationen in einem überaus
schnellen Selbstorganisationsprozeß. Denken und Fühlen sind
in diesem Prozeß unlösbar miteinander verwoben, so daß
der Mensch stets in der Lage ist, die Situationen, die er durchlebt, blitzschnell
zu analysieren, einzuordnen, zu bewerten und zu beurteilen. Durch das Fühlen
ist der Mensch jedem Computer unendlich überlegen. Auf dieser Fähigkeit
beruht die Tatsache, daß jeder Mensch ein Gewissen hat, das sein
Denken und Handeln mit großer Sicherheit exakt bewertet. Kein Mensch
ist gewissenlos; auch der schlimmste Verbrecher weiß genau, daß
er nicht darf, was er tut. Was gemeinhin für das Gewissen ausgegeben
wird, sind nur die Gründe, mit denen es besänftigt werden soll.
Folgt der Mensch aber seinem Gewissen, so wählt er unter den gegebenen
Handlungsmöglichkeiten die für ihn optimale. Er handelt also
selektiv, das heißt, er tut dasselbe, was die Evolution bei der Selektion
macht. Je mehr Menschen nun gewissenhaft handeln, desto mehr verändert
sich die Gesellschaft von selbst zum Guten hin, denn das Verhalten jedes
selbstorganisierenden Systems hängt vom Verhalten seiner Elemente
ab. Darüber wird noch ausführlich zu reden sein.
Auf diese Weise zu wirken, vermag kein Kollektiv, kein Staat und keine
Organisation, sondern nur der einzelne Mensch. Von daher wird begreiflich,
daß alle gesetzgeberischen Bemühungen über Jahrtausende
der Menschheitsgeschichte keinen erkennbaren moralischen Fortschritt gebracht
haben. Gesetze sind Ausdruck der tatsächlichen Machtverhältnisse
in der Gesellschaft, allein das Gewissen des einzelnen Menschen ist der
verläßliche Wegweiser in eine besseren Zukunft. Nichts in der
Welt vermag über es zu verfügen. Der Mensch kann zwar nicht die
Führung der Evolution übernehmen, denn niemand weiß, wie
eine ideale Welt beschaffen sein muß, aber er kann es in Bescheidenheit
durch geduldige und gewissenhafte Arbeit dazu bringen, daß sich der
Strom der Geschichte in vernünftigen Bahnen bewegt und auf das Ziel
aller menschlichen Sehnsucht hin driftet. Das ist die andere große
Chance des Menschen, welche die Evolution uns bietet, der Dienst, den wir
dem Leben zu leisten vermögen oder, wenn man so will, die Aufgabe,
die uns der Schöpfer zugedacht hat.
Alles Konstruieren und Planen, alles Forschen und Organisieren sollte
nur dazu dienen, Unrecht zu bekämpfen und Schaden abzuwenden. "Das
Wohl des Volkes zu mehren", ist ein Passus, den man aus den Amtseiden streichen
sollte, denn er verführt zu versprechen, was niemand kann. An der
positiven Gestaltung der Welt zu arbeiten, muß dem einzelnen Menschen
überlassen bleiben. Das All-Ge-Mein-Wohl ist keine Privatsache, gewiß,
denn sie geht alle an, aber sie ist erst recht keine Privatsache derer,
die sich kraft Amtes oder gestützt auf Bajonette für zuständig
erklären. Nur der einzelne ist kraft seines Gewissens dazu qualifiziert.
Die Meinung, das Gesetz stehe höher als das Gewissen, ist ein ebenso
schauriger Irrtum wie der, der einzelne vermöge nichts und nur das
einheitliche Handeln aller könne etwas bewirken. Unter dieser falschen
Prämisse lernt der Mensch nie, was ihn letztlich allein rettet. Freilich
kann das Gewissen irren. Darum ist mein Gewissen gut für mich, aber
für niemand anderen sonst. Sobald ich beginne, das Handeln anderer
an meinem Gewissen zu messen und anderen Vorschriften zu machen, verfalle
ich dem Ungeist der Gewalt und des Unfriedens. Dann stehen meine Pläne
gegen die Pläne aller anderen, die ebenso das "Gute" wollen wie ich,
aber andere Vorstellungen hegen. Der endlose Streit aller gegen alle, ja
der Aberglaube an die Gewalt finden darin ihre stärkste Ursache. Wie
in der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel versteht am Ende
kein Mensch mehr den anderen.
Die Mehrheit wird schlicht behaupten: "Ich bin als einzelner machtlos.
Was hilft es, wenn ich allein das Richtige tue, aber alle anderen machen
doch, was sie wollen? Umgekehrt spielt es, aufs Ganze gesehen, keine Rolle,
wenn ich mich falsch verhalte. Einige werden sagen: Man muß sich
für die Lösung der Probleme einsetzen, muß auf die Straße
gehen, muß für die gute Sache kämpfen, notfalls auch mit
Gewalt. Der Mensch ist schlecht. Man muß ihn zum Guten zwingen, denn
ohne Zwang läßt sich das Gute nicht verwirklichen." Auf die
Frage, was denn gut oder moralisch sei, dürfte die Antwort lauten:
"Moralisch handelt, wer sich nach besten Kräften bemüht, die
Gesetze und die Regeln des Anstands und der Höflichkeit zu befolgen."
Wenn man nun noch nach dem Gewissen fragt, wird die oder der Befragte vermutlich
beginnen, an der Seriosität der Umfrage zu zweifeln und ihr oder sein
Befremden ausdrücken: "Was soll das? Es gibt kaum eine Schlechtigkeit,
von der nicht jemand behauptet, er könne sie vor seinem Gewissen verantworten.
Wenn alle nach ihrem Gewissen handelten, so wäre das vollkommene Chaos
zur Folge."
Gewissen ist sittliche Intuition
Die Fähigkeit der Intuition hilft uns, damit wir uns in komplexen
Situationen zurechtfinden können, die Fähiigkeit des begrifflichen
Denkens erlaubt uns, zu planen, zu konstruieren und in einem durchschaubaren
Rahmen Entwicklungen vorauszusehen, so daß wir die Dinge ordnen und
formen können.
Intuitives Denken erscheint uns vage und gefühlsbetont, wenn nicht
gar irrational. Wir mögen uns deshalb nicht darauf verlassen. Wir
trauen dem diskursiven, begrifflichen Denken größere Genauigkeit
und Zuverlässigkeit zu. Intuitives Denken mutet uns chaotisch an,
wohingegen das diskursive uns bedeutend geordneter vorkommt. Aber auch
das intuitive Denken ist auf eine besondere Art rational und exakt. Es
wird der Komplexität besser gerecht als das diskursive, dem die Komplexität
nur äußerst schwer zugänglich ist. Intuitives Denken ordnet
die Dinge, indem es Muster und Gestalten erkennt und die Dinge nimmt, wie
sie sind, während diskursives Denken abstrahiert und klassifiziert
und die Dinge in eine hierarchische Ordnung zwingt. Intuitives Denken ist
gestalthaft konkret, diskursives begrifflich abstrakt.
Intuitives Denken ist offenbar naturnäher. Es erscheint uns deshalb
selbstverständlich, obwohl wir es weder ganz verstehen noch seine
Leistungen so recht zu würdigen wissen. Die Fähigkeit, begrifflich
abstrakt zu denken, scheint uns vornehmer, menschenwürdiger und geistiger.
Im Leben des Menschen lassen sich drei umfassende Systeme unterscheiden,
die sich gegenseitig durchdringen. Sie sind äußerst komplex,
lassen sich nur zum geringen Teil durchschauen, besitzen die Fähigkeit
zur Selbstorgansation und sind nicht beherrschbar. Es sind die vormenschliche
Natur, das Denken und Fühlen aller einzelnen Menschen und die menschliche
Gesellschaft mit ihrer Kultur. Diese Bereiche entsprechen in etwa den drei
"Welten" des Philosophen Sir Karl Raimund Popper.
Es versteht sich von selbst, daß bei den Fragen des Handelns der
Mensch im Zentrum der Betrachtung steht. Aber der Mensch steht auch real
im Mittelpunkt der Betrachtung, denn jede Betrachtung kann nur vom Menschen
als dem Betrachtenden ausgehen. Und zwar von jedem menschllichen Individuum,
denn es gibt kein kollektives Wesen, das zum Denken und Fühlen im
umfassenden Sinne fähig wäre. Die Welt hat deshalb notwendig
so viele betrachtende Zentren, wie es Menschen gibt; die Welt ist multizentral.
Gehen wir also vom Menschen aus. Der Mensch hat zwei Hirnhälften,
von denen eine vornehmlich konstruktiv arbeitet, während die andere,
in der Regel die rechte, vor allem die Aufgabe hat, große Informationsmengen
in kürzester Zeit zu ordnen und zu bewerten. Den Maßstab für
die Bewertung liefert das Gefühl. Die Fähigkeit zugleich zu erkennen
und zu fühlen ist das Besondere, das den Menschen auszeichnet. Gleichwohl
muß diese Fähigkeit im Keim bereits mit den Urelementen gegeben
sein: Wenn sich Systeme zu Übersystemen zusammenfinden, zeigen die
neuen Systeme neue Eigenschaften, die den Elementsystemen nicht gegeben
sind. Gleichwohl müssen die Elemente die Eigenschaften des neuen Systems
bereits im Keim besitzen, denn anderenfalls könnte das Übersystem,
das aus nichts anderem als ebendiesen Elementen besteht, sie nicht auftauchen
lassen. Erst auf der Ebene des Menschen gelangen die Elemente zu vollem
Bewußtsein. Das zwingt zu dem Schluß, daß das Denken
und Fühlen in den letzten Urelementen - von Atomen zu reden, wäre
zu grob - wurzelt. Damit beantwortet sich die uralte Frage, wo denn der
"Sitz" des Intellekts und des Gefühls sei, von selbst: überall,
soweit der Mensch reicht.
Der Mensch ist der gegenwärtige "state of the art" der Evolution.
In ihm ist alles vereinigt, was die Natur in Jahrmilliarden geschaffen
hat. Im Gefühl und in seinem intuitiven Denken - vom logisch-konstruktiven
Denken reden wir später - ist der Mensch mit der Welt bis in die letzten
Tiefen verbunden. Die Welt ist für ihn fühlbar und denkbar: Welt
und Mensch sind isomorph. Ebenso wie die Welt das Ergebnis eines evolutiven
Prozesses der Selbstorganisation ist, so sind auch Fühlen und intuitives
Denken ein Prozeß der Selbstorganisation. Aber dieser Prozeß
verläuft mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es unangemessen
wäre, ihn evolutiv zu nennen. Dessenungeachtet durchläuft auch
der Mensch während seines Lebens eine Entwicklung, während derer
er sein Denken und Fühlen selbst organisiert. Der Mensch ist ein Mikrokosmos;
vordergründig ein Staubkorn, aber in einem sehr komplexen Sinne so
groß wie die Welt. Mensch und Welt sind koextensiv.
Gewissen - Bollwerk gegen die Willkür
der Mächtigen
Der Mensch muß seinem Gewissen mehr gehorchen als den Menschen.
Wir wissen heute, welche Leistungen unser Gehirn bei der Verarbeitung großer
Mengen komplexer Informationen vollbringt. Was wir Gewissen nennen, ist
nichts anderes als das Vermögen, einen komplexen Sachverhalt blitzschnell
zu bewerten. Es ist ein Informationen verarbeitendes System von ungeheurer
Mächtigkeit. Dabei wirken Denken und Fühlen in einem unlösbaren
Wirkungsgefüge zusammen. Das ist es, was den Menschen ausmacht. Es
ist nichts Geheimnisvolles oder gar Mystisches, und doch es ist die bewundernswerteste
Fähigkeit des Menschen, Grund genug für religiöse Menschen,
das Gewissen die Stimme Gottes zu nennen. Das Fühlen liefert die Wertmaßstäbe.
Nach der Überzeugung namhafter Verhaltensforscher von heute ist das
Fühlen das, was alle fühlenden Wesen miteinander verbindet. Das
Gewissen ist deshalb nicht subjektiv, im Gegenteil, es ist das Objektivste
im Menschen überhaupt. Freilich ist sein Urteil von individuellen
Faktoren abhängig, von den im Bewußtsein vorhandenen Informationen
ebenso wie von emotionalen Komponenten, die sein Fühlen bestimmen.
Deshalb ist das Gewissen fehlbar, und deshalb ist mein Gewissen zwar der
beste, weil einzige moralische Maßstab - aber nur für mich und
niemand anderen sonst. Kein Mensch ist gewissenlos. Der Gewissenlose handelt
nur so, als ob er kein Gewissen hätte. Auch Verbrecher wissen genau,
daß sie nicht dürfen, was sie tun. Alles Vage, was dem Gewissen
anhaftet, rührt allein daher, daß wir die Argumente, mit denen
wir uns dem Anspruch unseres Gewissens zu entwinden versuchen, als die
Stimme des Gewissens selbst ausgeben. Gewissen ist nicht Gutdünken.
Dennoch spielt das Gewissen im täglichen Leben bestenfalls eine
Nebenrolle. Der Mensch handelt nicht autonom nach seinem Gewissen, nicht
einmal nach seinem Gutdünken. Er dient vielmehr mannigfaltigen Zwecken
und Zielen, die er sich selbst setzt oder die ihm andere setzen, die mächtiger
sind als er. So wird er zum Ausführenden von Plänen, von denen
niemand weiß, was sie bewirken und was die Folgen sind, die aus dem
undurchschaubar komplexen Wirkungsgefüge der Welt auf uns zurückschlagen.
Ohne Zweifel braucht der Mensch Ziele, um leben und wirken zu können,
aber es sollten nur solche sein, die sich in durchschaubaren Bereichen
bewegen und deren Ergebnis unser Gewissen billigen kann.
Der Mensch ist maßlos in seinem Streben nach Wohlstand und Einfluß.
Das gilt nicht allein für die Reichen und Mächtigen. Es gilt
nicht minder für die Armen und Schwachen, denn sie haben durchaus
verständliche Gründe. Jeder Mensch braucht ein Mindestmaß
an Gütern und Anerkennung, damit er die Freiheit hat, nach seinem
Gewissen leben zu können. Aber sobald er genügend hat, gelüstet
es ihn nach mehr. Dabei fragt er wenig nach dem Gewissen; es ist nur ein
lästiger Mahner und Moralist. Am meisten erreicht, wer es im Schach
zu halten versteht, ohne Schuldkomplexe zu züchten, die ihn in die
Neurose oder Psychose treiben. Da der Mensch die materiellen Güter
und seinen Lebensraum mit anderen teilen muß, stehen die Ziele und
Zwecke der einzelnen in Konkurrenz miteinander. Es kommt zum Kampf aller
gegen alle, der in Tod und Vernichtung ausartet; es vergeht kaum ein Monat,
in dem nicht irgendwo in der Welt ein Krieg tobt. Warhaftig, der Buchstabe
tötet wirklich, der Buchstabe der Gesetze nämlich, welche die
kämpfenden Völker auf ihre Fahnen schreiben. Dabei sagt jedem
Menschen sein Gewissen, daß jeder andere so wie er selbst das gleiche
Lebensrecht hat. Für das Gewissen ist das Prinzip Liebe eine Selbstverständlichkeit:
Jedermann hat die Pflicht, das All-Ge-mein-Wohl zum gleichberechtigten
Ziel seines Strebens zu machen.
Das Gewissen ist der Widerpart der Zwänge, denen sich Menschen
unterwerfen oder denen sie unterworfen werden. Es ist nicht etwa ein Zuwenig
an Zwängen, der unsere Welt so unausstehlich erscheinen läßt.
An Zwängen ist in unserer Welt kein Mangel, sondern ein unerträglicher
Überfluß, der das Gewissen in Bergen von Papier zu ersticken,
in Strömen von Blut zu ertränken und in den Maschinen der High-tec
zu zermalmen droht. Aber, wie die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit
lehren, hat das Gewissen eine Macht, die sich beugt, aber auf die Dauer
nicht brechen läßt.
Kybernetische Ethik
Nach alledem bedürfte es keiner weiteren ethischen Grundsätze,
Regeln, Weisungen, Gesetze und Normen, keines weiteren moralischen Gebots
als dessen: Handle immer und unter allen Umständen so, wie es dir
dein Gewissen vorschreibt! Kant hat mit seinem kategorischen Imperativ
wohl dasselbe gemeint, aber auch er traute dem Gewissen nicht genug zu.
Er formulierte deshalb ebenso abstrakt wie inhaltsleer. Mit unseren heutigen
Kenntnissen über Informationsverarbeitung, komplexe Systeme und Selbstorganisation
sollten wir es nun besser wissen.
Mit diesem Wissen gerüstet, brauchen wir auch keine Angst mehr
vor dem vermeintlichen "Chaos" zu haben, welche die Menschen seit jeher
umtreibt und sie dazu bringt, sich um fragwürdiger "Ordnungen" willen
in die Sklaverei kollektiver Zwänge zu begeben. Es scheint so selbstverständlich
wie ein Axiom und keiner Erklärung bedürftig, daß Ordnung
nur durch eine ordnende Hand entstehen könne. Wenn nicht alle nach
einem einheitlichen Plan leben, sondern tun, was sie wollen - mögen
sie auch nach ihrem Gewissen handeln - muß dann nicht heilloses "Chaos"
die Folge sein? Die richtige Antwort, das Nein, auf diese Frage zu finden,
gehört zu denjenigen Leistungen des Denkens und Forschens, die dem
Menschen am schwersten fallen. Und doch ist die ganze Welt ein einziger
unumstößlicher Beweis. Komplexität, Selbstorganisation,
Evolution: sie haben den Kosmos, den Mikrokosmos wie den Makrokosmos, hervorgebracht,
und in ihm den Menschen selbst hervorgebracht, Ordnungen, die der Mensch
mit seinen tolpatschigen Verbesserungsversuchen nur stören, allerdings
auch zerstören kann. Insofern brauchte die Natur den Menschen nicht,
ja insofern ist er nur eine Laus im Pelz der Biosphäre. Dennoch braucht
sie ihn, denn er bringt etwas mit, das es vor ihm nicht gab: seine Fähigkeit,
im durchschaubaren Rahmen zu planen, und sein Gewissen. Damit eröffnet
er der Evolution neue Möglichkeiten. Aber er nutzt sie nicht richtig,
ja er mißbraucht sie, weil er sich selbst nicht begreift.
Indes: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube".
Die Angst vor dem "Chaos" ist dem Menschen so tief eingefleischt, daß
sie sich so bald nicht verlieren wird. Diese Angst ist das lautere Motiv,
das ehrenwerte Philosophen und Moraltheologen bewegt, ganze Normensysteme
zu ersinnen, welche die Menschen sittliches Verhalten lehren sollen. Gewissensfreiheit
bedeutet für viele von ihnen Individualmoral, die sie scheuen wie
den Teufel selbst. "Wenn jeder täte, was er will, ja wo kämen
wir dann hin?" lautet die besorgte Frage. Also muß man dem Menschen
möglichst exakt vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat, und
einen gestrengen Sittenwächter damit betrauen, die Einhaltung der
Vorschriften zu überwachen. Der Staat, als Territorialherr die mächtigste
Instituion der Gesellschaft, ist der geborene Anwärter für dieses
Amt, und die menschlichen Organe der Gebietskörperschaften gefallen
sich sehr in ihrer Rolle als Beauftragte einer moralischen Anstalt. Aus
ihrem Munde klingt dann die Frage: "Ja wo kämen wir denn hin, wenn
jeder macht, was er will?" weniger besorgt als achtunggebietend, wenn es
sich darum handelt, ihre Autorität als Hoheitsträger angemessen
zur Geltung zu bringen. Etwas milder sprechen ihn Religionsdiener aus,
welche die Güte Gottes verkünden, und doch schwingt ein grollender
Unterton mit, der unmißverständlich auf die letzten Dinge im
irdischen Leben hinweist. Dies alles hat eine lange Tradition, und so kommt
es, daß das Gewissen (obwohl gelegentlich auf es zurückgegriffen
wird, etwa in der Verfassung, in Predigten oder in Fällen äußerster
Ratlosigkeit der Moralisten) im Bewußtsein der Menschen kaum noch
vor. Moral wird mit der Beobachtung der Gesetze gleichgesetzt.
Die Folgen sind erschütternd. Die überwältigende Mehrheit
der Menschen hat bei allen Fehlern und Schwächen soviel Selbstachtung
und Ehrgefühl, daß sie die Anerkennung der Mitmenschen suchen
und als anständige Menschen gelten wollen. Ausnutzung der Gesetzestreue
durch Mächtige. Befehlsnotstand und Tötung Unschuldiger. Gesetze
verführen zur Umgehung. Beliebigkeit. Trennung von Gesetz und Moral.
Gewissen ist individuell, aber nicht beliebig. Ordnung durch Selbstorganisation.
Voraussetzungen der Selbstorganisation durch Gesetze schaffen. Kybernetik:
Le homme machine, Freiheit durch Automation, Begrenzung der Automation
durch Freiheit, Beschränkung der Freiheit allein durch das Gewissen,
Entscheidungen durch Computer vorbereiten ja, aber treffen nein. Rücknahme
von Überreglementierung, Bescheidenheit, nicht alles Heil vom Staat
und sozialen Maschinen erwarten,
Auf den Einzelnen kommt es an
Wir sollten endlich aufhören, Recht, Gesetze und Sittenlehren als
moralische Veranstaltungen zu betrachten, die notwendig wären, um
Menschen zum Guten zu zwingen. Stattdessen sollten wir lernen, die Stimme
des Gewissens aus dem Lärm der Argumente unserer selbstsüchtigen
Wünsche herauszuhören. Dann wissen wir genau, was wir zu tun
und zu lassen haben. Das bewahrt uns nicht davor, Fehler zu machen. Aber
die Fehler, die uns das Gewissen zu machen vorschreibt, sind nicht von
der Art, welche die Menschheit in die Katastrophe treibt. Der evolutionäre
Prozeß der Selbstorganisation, der die Gesellschaft in Freiheit ordnet,
verzeiht solche Fehler. Wichtig ist nur, daß das Zielkriterium und
damit die Richtung stimmen.
Es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu meinen, die Menschheit könne
sich durch gesellschaftliche Maschinen selbst erlösen. Freiheit, Gerechtigkeit,
Frieden, Wohlstand, Gesundheit und Glück kann man sich nicht erkaufen.
Es ist ein Unding zu glauben, man brauche nur eine starke Persönlichkeit
an der Spitze des Staates, intelligente Politiker lauteren Charakters und
perfekte Gesetze, und dem allgemeinen Wohlbefinden stehe nichts mehr entgegen.
Es ist eine törichte Utopie, man könne soziale Gerechtigkeit
durch Gesetze erreichen. Es genügt nicht, Steuern zu zahlen oder für
mildtätige Zwecke zu spenden und sich daraufhin im wohligen Gefühl,
alles Menschenmögliche getan zu haben, bequem im Fernsehsessel zurückzulehnen.
Man kann die Welt nicht verbessern durch einfaches Nachdenken darüber,
wie man die Gesellschaft geschickt organisiert, diese Organisation möglichst
schmerzlos verwirklicht und sie dann reibungslos am Laufen hält. Man
kann die Welt nur durch harte, geduldige Arbeit verbessern. Das kann nur
der einzelne.
Die Zwänge, denen wir unterliegen, sind großenteils vom
einzelnen selbst verschuldet. Wenn wir dem Staat Aufgaben überlassen,
die unsere eigene Sache wären, brauchen wir uns nicht zu wundern,
daß er hohe Steuern fordert und viele Vorschriften erläßt.
Wenn wir von absoluter Sicherheit träumen, bewirken wir, daß
er uns mit Verboten überhäuft. Wenn wir saubere Luft, reines
Wasser, grüne Bäume, üppige Wälder und saftige Wiesen
wollen, können wir nicht erwarten, daß andere dafür sorgen,
während wir selbst gedankenlos weiter sündigen. Wir müssen
begreifen: Der wahre und letzte Grund für die Zerstörung der
Umwelt ist nicht die Profitsucht der Industrie, sondern ganz allein die
materielle Begehrlichkeit, die Unbescheidenheit und der Luxus jedes einzelnen.
Nicht das Kollektiv hat die Macht, sondern der einzelne. Das Kollektiv
hat nur die Macht, die der einzelne ihm verleiht, indem er seine ureigene
Aufgabe erfüllt. Wenn es einem Volk wohl ergeht, ist das nicht das
Produkt der Gesellschaft oder ihrer Funktionäre, sondern das Werk
der Kreativität und des Fleißes jedes einzelnen Bürgers.
Es ist falsch zu meinen, der einzelne vermöge nichts, wenn nicht alle
so handelten wie man selbst. Das Gegenteil ist richtig: Nur wenn
der einzelne nach seinem Gewissen handelt, kann das Ganze gedeihen. Darum
ist es töricht, andere bessern zu wollen. Man kann ihnen die Meinung
sagen, man kann wehklagen, wenn man verletzt wird, damit der andere merkt,
was er falsch macht. Fehler und Ungerechtigkeit sind nicht zu verhindern;
man muß sie ertragen, denn niemand ist vollkommen. Man sollte nicht
kleinlich sein, Großmut ist Stärke. Es gibt nichts, was das
Gewissen mehr aufrüttelt als Verzeihung und Dankbarkeit. Wer einem
permanent auf die Nerven geht, um den sollte man einen Bogen machen; es
ist besser, jemanden zu meiden als ihn zu hassen. Nur wenn jemand ein Unrecht
begeht, das auf keinen Fall geschehen darf, muß man sich in der Not
wehren oder, wo es möglich ist, ihn anzeigen und der Rechtswehr des
Staates überantworten. Auch der Frieden fängt beim einzelnen
an.
Neuer Abschnitt - Aber das muß man den Menschen pausenlos klarmachen.
Wenn der Mensch nicht erkennt, welche Fehler er macht, kann er sie nicht
unterlassen. Wenn ihm ständig eingeredet wird, alles Unglück
gehe auf Korruption und Dummheit der Politiker zurück; wenn man den
Eindruck erweckt, für jedes Problem gebe es Experten, welche die Lösungen
kennen und die man leicht finden könne, sofern nur der gute Wille
da sei; wenn man immer nur zeigt, wie schlecht die anderen sind; wenn man
so tut, als sei die schöne neue Welt in aller Perfektion nur eine
Frage der Zeit und des Fortschritts der Wissenschaft; wenn man die Menschen
glauben macht, der Staat könne alles und mache alles besser; wenn
man behauptet, man könne jeden Mißstand leicht durch Gebote
und Verbote beheben; wenn man nach jeder Katastrophe Verantwortliche sucht,
deren Versagen angeblich die alleinige Ursache sein soll - bei soviel Desinformation
lernt der einzelne nie, daß er selbst verantwortlich und die Welt
nicht so leicht zu verbessern ist, wie man ihm vorspiegelt. Aber das soll
wohl so sein, denn woher sollen die Großen der Politik und der Medien
ihre Macht nehmen, wenn keine Gemeinde gläubiger Gefolgsleute existiert,
die ihnen Geld, Stimmen, Abonnenten und Einschaltquoten beschert, weil
sie allen Ernstes denkt, ihre Erwartungen könnten erfüllt werden?
Es mutet lächerlich und hoffnungslos zugleich an zu sehen, daß
die unglaublichsten Versprechungen mehr Vertrauen finden als vernünftige
Vorschläge.
Wenige abgeleitete Grundsätze und entsprechende Aufklärung
nötig. Vorbereitung des Abschnitts Grundsätze und Hypothesen,
Gesetze sind notwendig, um planmäßiges Handeln vieler zu
ermöglichen. Notwendig sind auch Wirtschaft, Wissenschaft und Technik.
Aber
all das birgt mannigfache Gefahren. Die zerstörerischen Gefahren liegen
auf der Hand, doch die Gefahren, die dadurch drohen, daß Menschen
immer weniger ihr Leben selbst gestalten können und stattdessen immer
mehr dem Willen der Mächtigen unterworfen werden, sind ungleich größer
und heimtückischer.
Es ist ja ganz plausibel, daß das Leben desto komplizierter werden
müsse, je mehr Menschen auf der Erde leben, die mit Hilfe von Wissenschaft
und Technik ernährt und am wachsenden Wohlstand der Industrienationen
beteiligt werden wollen. Überdies sei der Mensch ja so schlecht, daß
er nur zum Guten fähig sei, wenn ihm sein Verhalten klipp und klar
vorgeschrieben und er mit Gewalt gezwungen werde, die Vorschriften einzuhalten.
Aber der Glaube, das Gute könne nur mit Gewalt erzwungen werden,
ist ein Aberglaube, mehr noch: er ist der verhängnisvollste Aberglaube,
den es gibt. Jeder, der Macht hat, neigt dazu, genau die Vorschriften,
die er selbst für richtig hält, den Beherrschten aufzuzwingen;
auf ihre Bedürfnisse nimmt er ebensowenig Rücksicht wie auf ihr
Gewissen. Besser werden die Menschen durch solche Vorschriften, die der
Willkür der Macher entspringen, nicht. Je perfekter die Kontrolle
der Mächtigen über die Beherrschten wird, desto mehr wird ihre
Macht gestärkt und desto aggressiver wird das Verhalten der Kontrollierten
ebenso wie das der Kontrolleure. Zunächst richtet sich die Aggression
der Menschen gegen ihre Nächsten. Wenn das nicht mehr genügt,
richtet sie sich gegen ihre Herrscher und, da sie gegen deren Macht nichts
ausrichten können, wendet sie sich gegen ihre Nachbarvölker -
zum Vorteil der Herrschenden, welche die Aggressivität ausnutzen und
die Menschen aufhetzen, um ihre Macht nach außen zu stärken.
Unruhen und Kriege sind die unausbleiblichen Folgen. Mit Hilfe von Wirtschaft,
Wissenschaft und Technik nehmen sie apokalyptische Züge an.
Die Autonomie des Gewissens
-
Der oberste Gesetzgeber ist der einzelne Mensch, denn nur er hat Vernunft
und Gefühl, die den Menschen zur Gesetzgebung qualifizieren, weil
sie die Grundlage dessen sind, was wir Gewissen nennen. Außer
Gott ist im ganzen Universum nichts zu entdecken, was dem Menschen diesen
Rang streitig machen könnte. Der Mensch braucht die Natur, das stimmt,
aber die Natur braucht auch den Menschen.
-
Als oberster Gesetzgeber ist der einzelne Mensch nur dem Sittengesetz
der Vernunft oder dem gegenüber verpflichtet, der uns die Vernunft
und mit ihr das Sittengesetz verliehen hat. Kein Mensch gehört
einem anderen. Kein Mensch darf einen anderen zu seinen Zwecken gebrauchen.
Kein Mensch hat etwas von einem anderen zu fordern. Ansprüche von
Menschen gegen einen anderen sind nur als Reflex des Sittengesetzes zu
verstehen. Wenn Menschen sich untereinander verpflichten, sind ihre Ansprüche
gegeneinander nur bindend, weil es unvernünftig und deshalb unmoralisch
ist, daß man etwas verspricht und dann nicht hält. Zu behaupten,
daß eine Pflicht sei und zugleich nicht sei, verletzt den Satz vom
Widerspruch. Wohin es führt, wenn man unmittelbare Ansprüche
von Menschen gegen Menschen zuläßt, zeigt die Idee des Klassenkampfs,
der Menschen das Recht gibt, sich gegen den Willen anderer zu nehmen, was
ihnen nach ihrer Meinung zusteht: Die Folge ist ein Kampf aller gegen alle,
denn jeder fühlt sich von irgendeinem anderen "ausgebeutet". Das heißt
natürlich nicht, daß wirkliche Ausbeutung erlaubt sei; sie widerspricht
dem Sittengesetz, weil sie Mißbrauch von Menschen zu fremden Zwecken
bedeutet. Sie kann schweres Unrecht sein.
-
Man kann nicht scharf genug unterscheiden zwischen dem Gewissen und den
Gründen, die er Mensch erfindet, um sich aus Selbstsucht oder, was
selten ist, aus Bosheit über sein Gewissen hinwegzusetzen. Werden
diese Gründe als Spruch des Gewissens selbst ausgegeben, macht man
das Gewissen zum Sündenbock für alle Ungerechtigkeit der Welt.
Kein Mensch ist gewissenlos. Auch der größte Verbrecher weiß,
daß er nicht darf, was er tut. Es gilt daher ohne Einschränkung
die sittliche Pflicht, in allen Situationen dem Gewissen zu folgen und
es nicht durch erfundene Gegengründe zum Schweigen zu bringen.
Man sollte nicht gegen sein eigenes Gewissen prozessieren.
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Da es leicht möglich ist, die tatsächlichen Grundlagen einer
Entscheidung zu verkennen und ihre Bewertung falsch zu beurteilen, sind
Irrtümer nicht nur möglich, sondern sogar die Regel. Dennoch
ist das Gewissen der beste moralische Ratgeber, aber nur, weil es keinen
anderen gibt. Für die eigenen Entscheidungen steht das eigene Gewissen
sogar über den Sittennormen. Diese stellen eine Art kollektiven
Gewissens dar.
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Das Hauptproblem beim Gewissen ist, daß die Menschen die Stimme ihres
Gewissens nicht oder nicht mehr zu hören vermögen und ihre, meist
selbstsüchtigen, Motive oder bestenfalls die Angst vor den Folgen
einer Gesetzesübertretung mit dem Gewissen in einen Topf werfen. Würden
die Menschen das Gestrüpp des Drum und Dran beiseite räumen und
tief in sich hineinhorchen, würden sie erkennen, daß ihr Gewissen
eine verdammt klare Sprache spricht. Seine Sprache ist: Ja, ja! und: Nein,
nein! Tu das! Laß das! Was darüber ist, ist des Teufels.
Die bekannte Erzählung vom Sündenfall der ersten Menschen läßt
an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Das Gewissen spricht:
"Tu's nicht! Laß den Apfel am Baum der Erkenntnis da, wo er ist!"
Doch jetzt melden sich die Zweifel: "Warum nicht? Welche Absicht steckt
dahinter? Vielleicht Eifersucht? Soll uns etwas Wertvolles vorenthalten
werden? Was ist gut, was ist böse? Könnte es nicht sein, daß
alles ganz anders ist, womöglich gar nicht so schlimm? Versuchen wir's
doch!" und es geschieht. Obwohl das Gewissen das Gewicht Gottes in die
Waagschale wirft, weil es spürt, daß Gott gute Gründe hat,
die der Verstand nicht begreift, erträgt der Mensch es nicht, von
deren Kenntnis ausgeschlossen zu bleiben. Er will sein wie Gott, will selbst
urteilen, will selbst auf Gut oder Böse erkennen. Es genügt ihm
nicht, selektiv zu handeln, er will planen, er will wissen, was auf ihn
zukommt. Ist das Legendenbiblisch, für Menschen von heute kindisches
Geschwätz? Nein, es drückt die Situation des Menschen in der
universalen Komplexität meisterhaft aus, es trifft den Nagel auf den
Kopf, und zwar - ich wiederhole es bewußt - verdammt genau. Das ist
Deutsch, Deutsch für Pferde, damit auch der letzte Mensch es begreift.
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Das Gewissen ist nicht Geheimnisvolles, jedenfalls nichts Geheimnisvolleres
als viele andere alltägliche Wunder, die wir als selbstverständlich
hinnehmen. Theologen haben zur Mystifizierung des Gewissens beigetragen,
indem sie es "die Stimme Gottes" nannten und nennen. Sie haben insofern
recht, als das Gewissen tatsächlich das Bewundernswerteste der Menschennatur
ist, und wer an Gott glaubt, hat guten Grund, es als Gottes Stimme zu betrachten.
Wer aber nicht an Gott glaubt, wird durch die Mystifizierung des Gewissens
verleitet, es für eine Erfindung der Theologen zu halten, was es,
weiß Gott, nicht ist. Unser Gehirn, vor allem seine rechte Hälfte,
hat die Fähigkeit, Millionen von Informationen nahezu gleichzeitig
zu verarbeiten. Ich will damit nicht behaupten, daß das Gewissen
nicht mehr sei als eine Funktion des Gehirns, denn das wird niemand mit
wissenschaftlichen Methoden beweisen können. Selbst wenn es so wäre,
denn wäre das allein schon ein Grund, an die Existenz Gottes zu glauben.
Materialismus ist für mich kein Thema mehr, denn die Materie erscheint
mir als etwas so Wunderbares, daß nur Gott sie erfunden haben kann.
Sie ist die Schöpfung selbst.
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Doch zurück zum Thema: Die Fähigkeit des Gehirns, Millionen von
Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, erlaubt uns, beispielsweise
Muster zu erkennen oder in einem vorüberhuschenden Fernsehbild einen
von tausend Bekannten zu identifizieren. Mustererkennung ist ein Herausfiltern
des Wesentlichen. Es gibt kaum eine schwierigere Aufgabe in der Artificial-Intelligence-Forschung,
als einem Computer das Erkennen von Mustern beizubringen. Für unser
Gehirn ist Mustererkennung indessen das Natürlichste von der Welt.
Die gleiche intuitive Fähigkeit läßt uns das Ergebnis schwierigster
Berechnungen abschätzen. Die Ausdrücke "erwägen" oder "abwägen"
weisen auf einen solchen Schätzungsmechanismus hin, der das "Gewicht"
der Möglichkeiten aufwiegt, zwischen denen man zu wählen hat.
Die Redewengung "mit dem Bauch entscheiden" zeigen in die gleiche Richtung:
Im Sonnengeflecht, nämlich dem Teil des Gefäßsystems, das
die Bauchgegend überzieht, macht sich während schwieriger Einschätzungen
ein Unbehagen breit, das so lange währt, bis das optimale Ergebnis
gefunden ist. Überaus wichtig ist folgende Regel: Die Genauigkeit
solcher Schätzungen wird desto verblüffender, je schwieriger
die Aufgabe ist, während die intuitive Leistung bei einfachen Berechnungen
nicht unbedingt überzeugt. Das Gewissen beruht offenbar auf einem
unfaßbar komplexen Schätzungmechanismus, der zwar keine exakten
Ergebnisse, aber ausgezeichnete Näherungen hervorbringt. Dabei werden
sämtliche Fakten und Faktoren, seien sie bewußt oder unbewußt,
berücksichtigt. Näherungslösen sind kein Mangel, wenn
es um Faktoren geht, die nicht oder nur schwer zu quantifizieren sind,
denn keine exakte Berechnung ergibt genauere Ergebnisse, als es die Eingangswerte
zulassen. Selbst bei exakten Eingangsgrößen gelangen die schnellsten
Vektorrechner, wie sie etwa bei den Wetterämtern eingesetzt werden,
nur zu Näherungslösungen, wenn die Zahl der Parameter groß,
die Funktionen nichtlinear und die Beziehungen der Elemente komplex sind.
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Das Gewissen ermittelt unter Berücksichtigung aller verfügbaren
Fakten denjenigen Punkt auf der sittlichen Bewertungsskala, welcher der
zu beurteilenden Situation am ehesten entspricht. Dort rastet es ein und
rührt sich nicht mehr von der Stelle. Nur neue Tatsachen, welche die
Bewertung beeinflussen, können es zu einer Änderung bewegen,
und das wiederum mit Notwendigkeit.
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Man kann das Gewissen nun mit Argumenten eindecken, um sich selbst zu
belügen, doch das Gewissen verharrt unbeirrt auf seinem Standpunkt.
Man kann es beruhigen, es mit Nichtbeachtung strafen, es abstumpfen, ja
sogar verdrängen; das Gewissen bleibt sich treu. Selbst wenn es
jahrelang verdrängt wurde - sobald man sich ihm wieder zuwendet, ist
es augenblicklich da und seine Beurteilung ist die gleiche wie je. In der
Verdrängung entwickelt es unbewußte Schuldgefühle, die
als Komplexe an Stellen zum Ausbruch kommen, an die man bestenfalls im
Traume denkt. Die Praxen der Psychiater sind voll von Patienten mit verdrängten
Gewissensentscheidungen.
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Das Gewissen nimmt auch wenig Rücksicht auf die Zwänge, denen
der Mensch unterliegt. Immerhin gibt es sich, wenn auch nur mit Unbehagen
zufrieden, wenn man nicht die absolut beste, sondern die zweit- oder drittbeste
Lösung wählt. Zum Glück hängt die sittliche Evolution
- des einzelnen ebenso wie die der Gesellschaft als Ganzes - nicht davon
ab, daß jeder Mensch immer und überall das absolut Richtige
tut. Es genügt, wenn die Richtung stimmt. Darüber wird noch
eingehend zu reden sein.
Exkurs: Wie es scheint, könnte die Mustererkennung
mit einem Computer der fünften oder sechsten Generation gelingen,
wenn man sich der Technologie neuronaler Netzwerke bedient. Man kann das
Verfahren mit einer speziellen Optimierungstechnik vergleichen, mit deren
Hilfe man den Ort des höchsten oder niedrigsten Potentials ermitteln
kann. Anschaulicher ist wohl das Beispiel der Murmel in einer Vertiefung,
die zum tiefsten Punkt der Kuhle rollt und dort liegen bleibt. Das Bild
ist im Prinzip richtig, aber die Realität ist weit komplizierter,
denn in Wirklichkeit haben wir es nicht mit den drei Dimensionen des Murmelspiels,
sondern mit einer unglaublich großen Zahl von Dimensionen zu tun,
nämlich für jeden Parameter, das heißt für jede Einflußgröße,
eine. Es gilt also, mit einer vieldimensionalen Murmel in einer vieldimensionalen
Kuhle die tiefste Stelle zu finden.
Für die Fähigkeit des Menschen, intuitiv Schätzungen
vorzunehmen, gibt es sicher weit bessere Beispiele, aber diese sind es,
die mich am meisten verblüfft haben: In meiner jahrzehntelangen Berufstätigkeit
habe ich mich immer wieder gewundert, wie genau Einzelhändler ihren
Warenbestand aufgrund der Zu- und Abgänge schätzen können.
Ein anderes Beispiel: Meine Frau hat es auf einer Fahrt mit einem 9 m langen
Segelboot im Nebel über einen freien Seeraum von 24 sm geschafft,
haarscharf die Hafeneinfahrt zu treffen, obwohl das Boot im Seegang sehr
stark gierte; sie hat die Kursabweichungen nach Steuer- und Backbord intuitiv
so einwandfrei ausgeglichen, daß der Kurs auf den Bruchteil eines
Winkelgrads stimmte.
Die Objektivität des Gewissens
Die meisten Gesetzgeber und Moralisten hegen ein abgrundtiefes
Mißtrauen gegen das Gewissen, weil sie es für subjektiv halten.
Gewissensethik erscheint bestenfalls als die Vorhölle der Individualmoral.
In
Wahrheit ist das Gewissen das Objektivste im Menschen, wenn es im Menschen
überhaupt etwas Objektives gibt. Das Gewissen unterscheidet wie
der Verstand zwischen wahr und falsch: Gut ist moralisch richtig, Böse
ist moralisch falsch. Gesetze wenden sich an den Verstand mit dem Ansinnen,
das Gewissen zu kontrollieren und ihm die Regeln des Gesetzgebers aufzuzwingen.
Dieses Ansinnen übersieht, daß Intellekt und Gefühl, Verstand
und Gewissen miteinander zu einer unlösbaren Einheit, einer substanziellen
Identität verknotet sind. Die "zwei Seelen in einer Brust" regen sich
nur, wenn das Bewußtsein des Guten, Wahren und Schönen im Menschen
und das Bewußtsein seiner Wünsche und Triebe unvereinbar gegenüberstehen.
Aber wenn es zum Konflikt kommt, warum sollte dann der Mensch dem Gesetz
eher folgen als dem Gewissen? Einem Menschen, dem die Wahrheit nichts bedeutet,
dem bedeuten Gesetze erst recht nichts. Der Mensch dagegen, der auf sein
Gewissen hört und ihm folgt, wird eher einem guten Gesetz folgen als
jener, und wenn er ein schlechtes Gesetz aus Gewissensgründen negiert,
so ist das gut. Selbst, wenn er aus Gewissensgründen einem guten Gesetz
den Gehorsam versagen sollte, ist der Schaden gering gegenüber dem
Guten, das ein gewissenhafter Mensch vollbringt. Übrigens, wie objektiv
sind Gesetze, die von Menschen gemacht sind, welche selbst nicht objektiver
sind als diejenigen, die sie befolgen sollen? Oder ist die Meinung vieler
wirklich objektiver als die eines einzelnen? Wie steht es um die Objektivität
von begeisternden Plänen, welche die Menschen wie Drogen in ihren
Bann zwingen und sie zu den schlimmsten Untaten verführen? Eine Meinung
wird dadurch, daß sie von vielen geteilt wird, weder richtiger noch
verkehrter.
Religiöse Anmerkungen
Ende Text
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