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| Wahl |
Titel |
Thema Feinde |
| Leid? |
Weniger
Leid
heißt
mehr
Freude |
Soll von Feinden der Freude die
Rede sein, denkt man zuerst an Leid. Aber das Leid steht der Freude ebenso
wenig feindlich gegenüber wie die Nacht dem Tag. Freude und Leid sind
untrennbar: das Helle und Dunkle im Bild des Lebens. Sie sind die entgegensetzten
Pole des Fühlens. Leid zeigt uns an, wo die Dinge nicht in Ordnung
sind, wo das Bemühen um Mehrung der Freude den größten
Erfolg verspricht. Leid ist das, was der Welt zur Vollkommenheit fehlt.
Indem wir es auf uns nehmen, leisten wir unseren Beitrag zur Vollendung
der Welt. Dem Leid ausgesetzt zu sein, gibt dem Menschen die unvergleichliche
Würde des Wesens, in dem sich die Natur aus Schleim und Schlamm emporwindet
zum Licht des Geistes und der Freude. Leid bleibt keinem erspart. Niemand
weiß, wie viel ein anderer leidet. Darum sollte sich keiner darüber
beschweren, dass das Leid ziemlich ungerecht verteilt zu sein scheint.
Leid schließt Freude nicht aus, ja für den Leidenden zählt
Freude doppelt und dreifach. |
| Zwänge |
Zwänge
sind
zumeist
das Werk
der
Feinde |
Die Waffe aller Feinde der Freude
ist der Zwang, der uns hindert, nach unseren Gewissen zu handeln. Gewiß
braucht die Gesellschaft den Zwang, den die Macht des Rechts notwendig
ausübt. Aber von diesem Zwang hat der gutwillige Mensch, der seinem
Gewissen folgt, nicht viel zu befürchten, vorausgesetzt, es ist ein
gutes Recht, das sich bemüht, Gutes zu bewirken. Nur, Moral ist nicht
im Gesetz. Auch ein gutes Recht hat Mängel. Man muß sie um des
Friedens willen hinnehmen. Alle anderen Zwänge, die uns am gewissenhaften
Handeln hindern, sind das Werk von Feinden der Freude. Meistens sind dies
andere Menschen wie Mächtige, Gesetzeslehrer, falsche Propheten und
Weltverbesser, die uns glauben machen wollen, sie wüßten besser
als wir selbst, was gut für uns ist. Aber auch wir selbst erlegen
uns aus Angst, Gier, Dummheit und um vieler fragwürdiger Ziele willen
Zwänge auf, die unsere Freude schmälern oder sogar zerstören. |
| Angst |
Nichts
ist si-
cherer
als das
Leben |
Nichts ist sicherer als das Leben,
weil alles andere noch unsicherer ist. Der Tod ist zwar jedem Lebewesen
gewiß, aber er ist das Äußerste an Unsicherheit. Das Leben
hat uns hervorgebracht, es trägt und erhält uns. Dessenungeachtet
trauen wir ihm nicht, denn es scheint uns gefährlich chaotisch. Dies
gilt besonders für den Lebensbereich der Gesellschaft. Auch sie trägt
und erhält uns mehr als wir ahnen, doch weil sie aus Menschen besteht,
ist sie unberechenbar. Die Angst vor Katastrophen und der Schutz vor drohendem
Unheil sind berechtigt, aber wir bilden uns ein, mit Technik, Planung und
Vorschriften alle erdenklichen Risiken ausschließen zu können.
Diese Illusionen, verbunden mit der bohrenden Angst, treiben uns weit über
Maß und Ziel hinaus. Im übrigen ist die Angst ein Hebel, mit
dem uns andere Feinde der Freude - in und außer uns - ihre Lasten
aufbürden. |
| Gier |
Geld ist
notwen-
dig,
aber
nicht
wichtig |
Angst vor Armut und Not ist ein
starker Grund für den Drang der Menschen nach Geld, Gut, Macht und
Anerkennung. In vielen Menschen aber überbordet der Drang und steigert
sich zur Gier. Freilich gehören die Objekte der Gier, wenn auch in
bescheidenem Maß, zum Notwendigen, ohne das der Mensch nicht leben
und sich nicht freuen kann, aber was nutzen alle notwendigen Dinge, ja
selbst Gesundheit und Leben, wenn das Wichtigste, die Freude fehlt? Die
Jagd nach Geld kann alle Kräfte binden und einem Reichen ebenso wenig
Raum für Freude lassen wie einem Armen, der um sein Leben kämpft.
Und so quälen sich die Menschen ab bis zur Erschöpfung - für
Zwecke, die wenig Freude bringen, aber Zeit und Kraft kosten, mit denen
man sich und anderen wahre Freude machen könnte. Überfluß
schaffen heißt kostbare Lebenszeit zu verschwenden - selbst dann,
wenn es um Geld geht. |
| Moden |
Wer sich
Moden
unter-
wirft,
verliert |
Die Macht der Moden gründet
auf der Angst, aufzufallen, verlacht zu werden, nicht auf der Höhe
der Zeit zu sein, als Außenseiter zu gelten und dadurch Anerkennung,
Achtung, Zuwendung einzubüßen oder sonstwie Schaden zu nehmen.
Wie man sich kleidet, für welches aktuelle Label man Reklame läuft,
ob man sich politisch korrekt äußert oder verhält, welchen
Lebensstil und welche Vorurteile man pflegt, wie man zu Familie, Sexualität,
Religion, Gesellschaft und Moral steht, all das und mehr hängt viel
eher von den Moden des "Zeitgeists" als von der eigenen Überzeugung
ab. Was fast alle tun, sagen oder denken, kann doch - sollte man meinen
- nicht ganz verkehrt sein. Dennoch ist es falsch: Niemand weiß,
was nicht nur flüchtige Wünsche und Launen eines anderen befriedigt,
sondern ihm im tiefsten Grund seines Wesens wahrhaft Freude macht. Jeder
für sich muß es selbst herausfinden. |
| Macht |
Macht
verführt
zum
Miß-
brauch |
Die Gesellschaft braucht Macht
auf allen Ebenen - in Politik, Recht, Wirtschaft, Religion, Medien, Wissenschaft,
Technik und mehr - um Normen durchzusetzen, damit sich Menschen aufeinander
verlassen können. Auf jeder Ebene gibt es einen, welcher der Mächtigste
ist, und einer von diesen ist wiederum mächtiger als alle anderen.
Zur Kontrolle sollte Macht verteilt sein, aber wer kontrolliert den Mächtigsten?
Wenige können der Verführung der Macht widerstehen: ein Glücksfall,
wenn ein Mächtiger zu ihnen gehört. Gewöhnlich verführt
Macht den Mächtigen, andere mittels Angst oder Hoffnung seinen Zwecken
- Ideen, Wünschen und Plänen - oder denen seiner Anhänger
dienstbar zu machen. So entstehen Gesetze und sonstige Vorschriften, die
zum Nutzen der Begünstigten anderen Freude verbieten, Lasten auferlegen,
Gewissensnot bereiten und vorspiegeln, sie zu befolgen, sei Moral. |
Prophe-
ten |
Was
man
nicht
planen
kann,
muß
man
reifen
lassen |
Wohlstand, Gesundheit, Freiheit,
Gerechtigkeit, Sicherheit für alle, dazu saubere Umwelt, keine Katastrophen,
ewiger Frieden: Das etwa ist unsere Vorstellung von der idealen Welt. Nur,
kein Mensch weiß, wie eine solche Welt gebaut sein müßte.
Doch immer wieder treten falsche Propheten und Weltverbesserer auf, als
hätten sie die Blaupausen. Sie sind wohl die gefährlichsten Feinde
der Freude. Und immer wieder geschieht das Unfaßbare: Ganze Völker
glauben ihnen und lassen sich für ihre Utopien in grausame Kriege
stürzen.
In Wahrheit aber müssen alle hochfliegenden Pläne an der Komplexität
der Welt scheitern, je umfassender sie sind, desto gewisser. Man kann die
Welt nur in mühevoller Kleinarbeit verbessern, bescheiden, gelassen
und im Vertrauen darauf, daß die Selbstorganisation des Lebens unsere
Fehler verzeiht, wenn wir nach unserem Gewissen handeln. Eine Vision? Oder
nur eine Utopie? |
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