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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
Mut zur Freude
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Feinde Leid? Zwänge Angst Gier Moden Macht Propheten
 
Wahl Titel Thema Feinde
Leid? Weniger 
Leid 
heißt 
mehr 
Freude
Soll von Feinden der Freude die Rede sein, denkt man zuerst an Leid. Aber das Leid steht der Freude ebenso wenig feindlich gegenüber wie die Nacht dem Tag. Freude und Leid sind untrennbar: das Helle und Dunkle im Bild des Lebens. Sie sind die entgegensetzten Pole des Fühlens. Leid zeigt uns an, wo die Dinge nicht in Ordnung sind, wo das Bemühen um Mehrung der Freude den größten Erfolg verspricht. Leid ist das, was der Welt zur Vollkommenheit fehlt. Indem wir es auf uns nehmen, leisten wir unseren Beitrag zur Vollendung der Welt. Dem Leid ausgesetzt zu sein, gibt dem Menschen die unvergleichliche Würde des Wesens, in dem sich die Natur aus Schleim und Schlamm emporwindet zum Licht des Geistes und der Freude. Leid bleibt keinem erspart. Niemand weiß, wie viel ein anderer leidet. Darum sollte sich keiner darüber beschweren, dass das Leid ziemlich ungerecht verteilt zu sein scheint. Leid schließt Freude nicht aus, ja für den Leidenden zählt Freude doppelt und dreifach. 
Zwänge Zwänge 
sind 
zumeist 
das Werk 
der 
Feinde
Die Waffe aller Feinde der Freude ist der Zwang, der uns hindert, nach unseren Gewissen zu handeln. Gewiß braucht die Gesellschaft den Zwang, den die Macht des Rechts notwendig ausübt. Aber von diesem Zwang hat der gutwillige Mensch, der seinem Gewissen folgt, nicht viel zu befürchten, vorausgesetzt, es ist ein gutes Recht, das sich bemüht, Gutes zu bewirken. Nur, Moral ist nicht im Gesetz. Auch ein gutes Recht hat Mängel. Man muß sie um des Friedens willen hinnehmen. Alle anderen Zwänge, die uns am gewissenhaften Handeln hindern, sind das Werk von Feinden der Freude. Meistens sind dies andere Menschen wie Mächtige, Gesetzeslehrer, falsche Propheten und Weltverbesser, die uns glauben machen wollen, sie wüßten besser als wir selbst, was gut für uns ist. Aber auch wir selbst erlegen uns aus Angst, Gier, Dummheit und um vieler fragwürdiger Ziele willen Zwänge auf, die unsere Freude schmälern oder sogar zerstören. 
Angst Nichts 
ist si- 
cherer 
als das 
Leben
Nichts ist sicherer als das Leben, weil alles andere noch unsicherer ist. Der Tod ist zwar jedem Lebewesen gewiß, aber er ist das Äußerste an Unsicherheit. Das Leben hat uns hervorgebracht, es trägt und erhält uns. Dessenungeachtet trauen wir ihm nicht, denn es scheint uns gefährlich chaotisch. Dies gilt besonders für den Lebensbereich der Gesellschaft. Auch sie trägt und erhält uns mehr als wir ahnen, doch weil sie aus Menschen besteht, ist sie unberechenbar. Die Angst vor Katastrophen und der Schutz vor drohendem Unheil sind berechtigt, aber wir bilden uns ein, mit Technik, Planung und Vorschriften alle erdenklichen Risiken ausschließen zu können. Diese Illusionen, verbunden mit der bohrenden Angst, treiben uns weit über Maß und Ziel hinaus. Im übrigen ist die Angst ein Hebel, mit dem uns andere Feinde der Freude - in und außer uns - ihre Lasten aufbürden. 
Gier Geld ist 
notwen- 
dig, 
aber 
nicht 
wichtig
Angst vor Armut und Not ist ein starker Grund für den Drang der Menschen nach Geld, Gut, Macht und Anerkennung. In vielen Menschen aber überbordet der Drang und steigert sich zur Gier. Freilich gehören die Objekte der Gier, wenn auch in bescheidenem Maß, zum Notwendigen, ohne das der Mensch nicht leben und sich nicht freuen kann, aber was nutzen alle notwendigen Dinge, ja selbst Gesundheit und Leben, wenn das Wichtigste, die Freude fehlt? Die Jagd nach Geld kann alle Kräfte binden und einem Reichen ebenso wenig Raum für Freude lassen wie einem Armen, der um sein Leben kämpft. Und so quälen sich die Menschen ab bis zur Erschöpfung - für Zwecke, die wenig Freude bringen, aber Zeit und Kraft kosten, mit denen man sich und anderen wahre Freude machen könnte. Überfluß schaffen heißt kostbare Lebenszeit zu verschwenden - selbst dann, wenn es um Geld geht. 
Moden Wer sich 
Moden 
unter- 
wirft, 
verliert
Die Macht der Moden gründet auf der Angst, aufzufallen, verlacht zu werden, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, als Außenseiter zu gelten und dadurch Anerkennung, Achtung, Zuwendung einzubüßen oder sonstwie Schaden zu nehmen. Wie man sich kleidet, für welches aktuelle Label man Reklame läuft, ob man sich politisch korrekt äußert oder verhält, welchen Lebensstil und welche Vorurteile man pflegt, wie man zu Familie, Sexualität, Religion, Gesellschaft und Moral steht, all das und mehr hängt viel eher von den Moden des "Zeitgeists" als von der eigenen Überzeugung ab. Was fast alle tun, sagen oder denken, kann doch - sollte man meinen - nicht ganz verkehrt sein. Dennoch ist es falsch: Niemand weiß, was nicht nur flüchtige Wünsche und Launen eines anderen befriedigt, sondern ihm im tiefsten Grund seines Wesens wahrhaft Freude macht. Jeder für sich muß es selbst herausfinden. 
Macht Macht 
verführt 
zum 
Miß- 
brauch
Die Gesellschaft braucht Macht auf allen Ebenen - in Politik, Recht, Wirtschaft, Religion, Medien, Wissenschaft, Technik und mehr - um Normen durchzusetzen, damit sich Menschen aufeinander verlassen können. Auf jeder Ebene gibt es einen, welcher der Mächtigste ist, und einer von diesen ist wiederum mächtiger als alle anderen. Zur Kontrolle sollte Macht verteilt sein, aber wer kontrolliert den Mächtigsten? Wenige können der Verführung der Macht widerstehen: ein Glücksfall, wenn ein Mächtiger zu ihnen gehört. Gewöhnlich verführt Macht den Mächtigen, andere mittels Angst oder Hoffnung seinen Zwecken - Ideen, Wünschen und Plänen - oder denen seiner Anhänger dienstbar zu machen. So entstehen Gesetze und sonstige Vorschriften, die zum Nutzen der Begünstigten anderen Freude verbieten, Lasten auferlegen, Gewissensnot bereiten und vorspiegeln, sie zu befolgen, sei Moral. 
Prophe- 
ten
Was 
man 
nicht 
planen 
kann, 
muß 
man 
reifen 
lassen
Wohlstand, Gesundheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit für alle, dazu saubere Umwelt, keine Katastrophen, ewiger Frieden: Das etwa ist unsere Vorstellung von der idealen Welt. Nur, kein Mensch weiß, wie eine solche Welt gebaut sein müßte. Doch immer wieder treten falsche Propheten und Weltverbesserer auf, als hätten sie die Blaupausen. Sie sind wohl die gefährlichsten Feinde der Freude. Und immer wieder geschieht das Unfaßbare: Ganze Völker glauben ihnen und lassen sich für ihre Utopien in grausame Kriege stürzen. In Wahrheit aber müssen alle hochfliegenden Pläne an der Komplexität der Welt scheitern, je umfassender sie sind, desto gewisser. Man kann die Welt nur in mühevoller Kleinarbeit verbessern, bescheiden, gelassen und im Vertrauen darauf, daß die Selbstorganisation des Lebens unsere Fehler verzeiht, wenn wir nach unserem Gewissen handeln. Eine Vision? Oder nur eine Utopie? 
 
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