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Chaos - Inhalt:
Das größte Problem bei der Maximierung
der Freude ist die äußerste Komplexität
llusionen Unser vertrautes Weltbild
ist Illusion
Der Mensch hatte schon immer Probleme mit der Natur. Dem Menschen in seinem begrifflichen Denken tritt die Welt auf zwiespältige Weise gegenüber: als Ordnung, die ihn trägt und erhält, aber auch als Chaos, das ihn ängstigt. Einerseits versorgt sie ihn mit allem, was er zum Leben braucht, doch anderseits bedroht sie ihn mit Dürre, Unwetter, Eis und sengender Sonne, mit Krankheit, reißenden Tieren und feindlichen Artgenossen, mit Erdbeben, Vulkanismus, Feuer und anderen Katastrophen. Am Ende verfällt jeder unerbittlich dem Tod. Alles, was der Mensch schafft, unterliegt zerstörenden Kräften, die unablässig darauf hinwirken, dass er und seine Werke wieder in den Kreislauf der Stoffe zurückkehren. Der Mensch braucht und nutzt die Natur und liegt dennoch ständig im Kampf mit ihr. Die Ordnung der Welt ist nicht seine Ordnung. Darum bemüht er sich, ihr die seine aufzuzwingen. Er muss diese gegen die Natur abschirmen und verteidigen. Am liebsten würde er die Welt nach eigenen Plänen ganz neu erschaffen. Der Gegensatz zur Natur hat sein ganzes Verhalten und Denken geprägt und Illusionen Vorschub geleistet, die uns bis heute zu schaffen machen. llusionen: Unser vertrautes Weltbild ist Illusion Das "alte" Weltbild beruht auf Illusionen. Das Denken und mit ihm die Handlungsfreiheit des Menschen beruhen auf der Fähigkeit, den beim Tier unlösbaren Zusammenhang zwischen Erleben und Tun zu unterbrechen und das Handeln auf die Ebene des Denkens umzuleiten. Aus den Begriffen, die der Mensch von den Dingen der Wirklichkeit hat, schafft er sich ein Weltmodell, in dem er die Begriffe hin und her schieben kann, so als seien sie die Dinge selbst. Erstaunt stellt er fest, dass die realen Gegenstände, wenn er sie seinem Modell entsprechend zurechtrückt, ähnlich wie die Begriffe in seiner Vorstellung zusammenwirken. Nach der Gedankenarbeit kann er sein Wirklichkeitshandeln wieder aufnehmen und es an seinem Modell ausrichten. Er kann die Verwirklichung aber auch unterlassen und etwas anderes tun. Der Mensch ist das Erdenwesen, das "nein" sagen kann. Die Tatsache, dass wir die Wirklichkeit auf diese Weise denken können, nährt in uns die Illusion, die Welt sei wie unser Denken strukturiert. Wir vermögen verblüffend gut den Lauf der Dinge vorauszusehen und zu beherrschen. Daraus folgern wir mit größter Selbstverständlichkeit, dass die Welt so ist, wie wir denken, jedenfalls dann, wenn unsere Urteile wahr sind und unser Weltmodell richtig ist. 1 Es ist Illusion, man könne die Welt könne durch Begriffe angemessen beschreiben Die Erfolge der Wissenschaft und der Technik scheinen zu beweisen, dass der Mensch imstande sei, sein Weltmodell fortschreitend zu verbessern bis hin zur nahezu vollkommenen Abbildung der Wirklichkeit. Zwar könne der einzelne Mensch die überwältigende Vielfalt der Welt allein nicht fassen, aber dadurch, dass sich viele Menschen auf kleine Ausschnitte der Welt spezialisieren und die Ergebnisse ihrer Arbeit in geeigneter Weise zusammentragen, könne die Menschheit einen ständig wachsenden Wissensschatz erwerben, der die Welt immer genauer beschreibt. 2 Es ist Illusion, die Welt werde durch Gesetze regiert Es scheint offensichtlich, dass die Welt durch Gesetze regiert werde, die den Lauf der Welt bis in alle Einzelheiten regeln. Sogar der Mensch sei im letzten durch naturgesetzliche Notwendigkeiten bestimmt; seine Willensfreiheit sei eine trügerische Vorstellung, hervorgerufen durch seine relative Bewegungsfreiheit. Wenn man nun die Gesetze kennt, die in einem bestimmten Zustand zur Wirkung kommen, könne man die nachfolgenden Zustände zumindest voraussehen, im Idealfall ja sogar exakt berechnen. Es zeichne sich schon ab, dass die Physik in absehbarer Zeit die fünf Grundkräfte der Natur in einem Super-Vereinigungsmodell beschreiben werde, womit dann die Weltformel gefunden sei, die alles erklärt. Es scheint uns deshalb, nichts sei uns unmöglich, wenn wir nur das nötige Wissen und die Mittel hätten. Gewiss sei heute bei weitem noch nicht alles machbar, aber irgendwann in naher oder ferner Zukunft könne der Mensch alles erreichen, was immer er sich vornimmt. Die fortschreitende Kenntnis der Naturgesetze befähige den Menschen, sich die Kräfte der Natur vollends dienstbar zu machen. Sogar chaotisch anmutende Prozesse ließen sich durch Verändern ihrer Ordnungsparameter in die gewünschte Richtung lenken. Mit Hilfe der Informationstechnik ließen sich künftig auch die kompliziertesten Vorgänge beherrschen; mit Neurocomputern und Fuzzy-Logik lasse sich künstliche Intelligenz erzeugen, die in der Hand des Menschen ein unschätzbar wertvolles Instrument abgebe, ja sogar dem Menschen in vielem überlegen sei. Sorgen bereitet indessen die Tatsache, dass der sittliche Fortschritt
bei weitem nicht mit dem technischen Schritt hält. Die Macht des Menschen
steigt ins Ungemessene. Damit wächst die Gefahr ihres Missbrauchs.
Unfriede, Fremdenhass, Brutalität, Habgier und Egoismus in der Welt
zeigen, dass der Mensch moralisch nicht weit über seinen steinzeitlichen
Status hinausgekommen ist. Andererseits zeugen die großen Demokratien
und die zunehmende Anerkennung der Menschenrechte dafür, dass Frieden
und Fortschritt möglich sind, wenn der Mensch seiner Vernunft folgt.
Das größte Problem der Gegenwart ist die Zerstörung der
Umwelt durch gedankenlose Ausbeutung. Die technische Aufgabe, den Raubbau
durch nachhaltiges Wirtschaften zu ersetzen, wird sich lösen lassen,
nachdem das Problem nun erkannt ist. Die moralische hingegen, den Menschen
zu größerer Verantwortung zu erziehen und die Verschwendung
in sparsamen Umgang mit den Gütern dieser Welt zu verkehren, ist ungleich
schwieriger. Noch schwerer wird es sein, den angeborenen Egoismus des Menschen
durch soziale Verhaltensweisen einzudämmen.
3 Es ist Illusion, die ideale Welt lasse sich konstruieren und planen Wie der wissenschaftliche und technische Fortschritt durch die Kenntnis der Naturgesetze und ihre Anwendung bewirkt wird, so scheint auch der moralische und wirtschaftlich-soziale Fortschritt nur eine Frage der richtigen Rechtsgesetze und der vernünftigen gesellschaftlichen Konstruktionen zu sein. Die Gerechtigkeit im allgemeinen und die soziale Gerechtigkeit im besonderen ließen sich damit sozusagen automatisch erzeugen. Wenn nun noch die Perfektion der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen und der Fortschritt der medizinischen Wissenschaft Wohlstand und Gesundheit für alle hervorbrächten, sei die ideale Welt vollkommen. Unter diesen Voraussetzungen scheint es eine durchaus lösbare Aufgabe, den optimalen Zustand der Welt durch ein Optimierungsmodell zu ermitteln und das Optimum dann der Planung und Konstruktion der idealen Welt zugrunde zu legen. 4 Es ist Illusion, begriffliches Denken sei dem intuitiven überlegen Die Vorstellung, die Welt werde durch Gesetze regiert, führt auch
zur Vorherrschaft des Denkens in Begriffen und Gesetzen. Die Sprache, das
gesprochene und geschriebene Wort, gilt als das entscheidende Wesensmerkmal
des Menschen. So kommt es, dass das begrifflich-abstrakte Denken als das
spezifisch menschliche Denken auftritt, dem sich alle anderen Funktionen
des Menschen unterzuordnen haben. Unbestreitbar hat der Mensch mit seiner
Gabe, die kompliziertesten Modelle zu erfinden, große Erfolge errungen.
Das intuitive, repräsentative Denken, das Denken in Bildern, Musik
und Mythen, erscheint dagegen chaotisch, gefühlsbetont, wenn nicht
gar animalisch. Es scheint letztendendes für die Fehlfunktionen des
Menschen im Getriebe der Welt verantwortlich. Man ist geneigt, es für
den irrationalen Rest im Menschen zu halten, den Rest, den es durch die
Rationalität des Denkens zu ersetzen gilt.
5 Wir haben nicht alles im Griff Wenn man der exakten Wissenschaft glaubt, sollte man meinen, dass alle Probleme lösbar seien, wenn sich nur genügend Wissenschaftler lange genug mit den nötigen Mitteln um ihre Lösung kümmerten. Es entsteht eine Art Anspruchsmentalität, die den Anspruch auf Sicherheit und auf die aus der Sicherheit erwachsenden Wohlfahrt als selbstverständliches Menschenrecht ansieht. Vor allem muss Geld da sein, alles andere kommt dann von selbst. Die meisten Menschen sind wohl auch bereit, für das Geld zu sorgen, und sie tun es auch, indem sie - mehr oder minder murrend - ihre Steuern und Abgaben zahlen oder für gute Zwecke spenden. Selbstverständlich kann man dann auch etwas verlangen. Der Staat, der die Steuern einnimmt, hat dem Anschein nach unbegrenzte Mengen Geld zur Verfügung. Also erwartet man, dass er es optimal ausgibt. Eine weitgehende Übereinstimmung besteht darin, dass Steuergelder und Spenden, welche die Wissenschaft fördern, eine gute Investition für die Wohlfahrt der Zukunft darstellen. Man sollte meinen, dass die Wissenschaft eines Tages alle Bereiche der Welt und des Lebens lückenlos aufgeklärt haben wird, so dass es nichts mehr gibt, was nicht berechenbar und beherrschbar wäre. Dann wird alles fein säuberlich registriert, verplant und optimiert, so dass alles nach strengen, aber höchst zweckmäßigen Gesetzen aufs beste geregelt ist und sich eigentlich keine Panne mehr ereignen kann. Wenn dann doch eine Katastrophe hereinbricht, kann das nur an menschlichem Versagen durch Nachlässigkeit oder bösen Willen liegen. Also kann es sich nur darum handeln, die Ursache der Störung, dass heißt den Verantwortlichen dingfest zu machen und auszumerzen. Dass Maß der Strafe hat dem Ausmaß des Schadens zu entsprechen. Durch noch strengere Auswahl der Führungskräfte und lückenlose Kontrolle könnten sich, so sollte man meinen, solche Dinge nicht mehr wiederholen. Man sollte meinen, wenn man der Wissenschaft glaubt, dass die medizinische Wissenschaft Krankheit zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, ja sie in eine erholsamen Episode im alltäglichen Einerlei verwandeln wird. Dass sie den Tod an die äußerste Grenze der menschlichen Lebenserwartung drängt, dahin, wo der Mensch, alt und verbraucht, vom Leben bis zum Überdruss gesättigt, gelangweilt und ermüdet, die Lust am Leben verliert und den Tod als willkommenen Schlusspunkt erlebt - wenn nicht sogar genießt. Doch all diese Träume, Visionen und Utopien sind blühender Unsinn, wenn man ihnen die Wirklichkeit gegenüberstellt. Am Ganzen gemessen, sind die von der Wissenschaft erklärten Sachverhalte winzige Inseln im nahezu unendlich komplexen Geschehen. Wir müssen begreifen, dass wir die Komplexität der Welt nicht durchschauen können. Wir sehen mit unseren Teleskopen bis zu den Grenzen des Universums und mit unseren Mikroskopen tief hinein in die Welt der Atome. Wir sehen dort alles wohlgeordnet, sehen Mikrokosmos und Makrokosmos und meinen, wir hätten deshalb alles im Griff. Aber das komplexe Wirkungsgefüge, das alles mit allem verbindet, dieses undurchschaubare Netz sehen wir nicht. Wir können einen winzigen Sichtkreis überblicken, doch jenseits dieses engen Horizonts umgibt uns Komplexität wie eine undurchdringliche Nebelwand, die in die Unendlichkeit reicht. Wir gehen auf sie zu und sie weicht zurück, doch hinter uns schließt sie sich wieder. Unser Tun wirkt ins Komplexe hinein, und wir wissen nicht, was es bewirkt. Umgekehrt überrascht uns komplexes Geschehen wie ein Blitz. Planen können wir allein den Bereich, den wir überschauen, aber nie wissen wir sicher, wie die Folgen auf uns zurückschlagen. 6 Die Welt ist keine Uhr, sondern eher ein Strom Die Welt lässt sich nicht durch immer ausgefeiltere Technik in eine Maschine verwandeln, die exakt so funktioniert, wie geniale Visionäre und Konstrukteure, denen Macht und Geld zur Verfügung stehen, es sich vorstellen. Erst recht nicht so, wie der Durchschnittsmensch denkt, der von der Wissenschaft nichts hat als seine hohe Meinung im gläubigem Vertrauen darauf, dass sie auch die maßlosesten Ansprüche eines Tages erfüllt - wenn auch nicht zum Nutzen der Lebenden, so doch wenigstens für kommende Generationen. Die Welt ist eher ein Strom, und wir sind mit unserer Technik ein Schiff darin. Wissenschaft und Technik können unser Schiff zwar mit allem Komfort und mit allen Sicherheitseinrichtungen ausrüsten. Aber unsere technische Welt ist und bleibt eine Spielzeugwelt, die in das komplexe Geschehen eingebettet ist und von ihm abhängt. Wir werden geschüttelt und gestoßen von Stürmen, Riesenwogen und Klippen, gleichgültig, wie groß und kostbar wir unser Spielzeug gestalten. Wichtiger als alle Bordtechnik, um im Bilde zu bleiben, ist die Seemannschaft. Es kommt nicht so sehr darauf an, sich mit allem Luxus zu umgeben, weil der, wenn es hart kommt, mit uns untergeht. Wichtiger ist vielmehr, Strömungen, Strudel, Klippen und Untiefen, Winde und Wolken zu beobachten, damit sie uns nicht mehr schaden können als unvermeidbar, aber auch damit sie uns helfen, in freundlichere, freudvollere Meere zu fahren. Die Bordingenieure sind wichtig, die unser Schiff zusammenhalten, dass es seetüchtig bleibt. Am wichtigsten aber ist die Kunst des Steuermanns, des kybernetes, wie er im Griechischen heißt. Ich möchte das Bild nicht überstrapazieren. Es liefert natürlich keine exakte Beschreibung; es ist nur eine Metapher, die das komplexe Geschehen, das uns mit sich reißt, dennoch auf vielfach stimmige Weise ausdeutet. Das Schiff als Symbol gilt ebenso wie für die Menschheit im Ganzen auch für jeden einzelnen, für die Familien, Gemeinden und Staaten: eine gewaltige Armada von kleinen und großen Schiffen aller Art. Die "Steuermannskunst" ist gewiss keine Wissenschaft im Sinne der traditionellen Wissenschaftslehre. Man kann die "Kybernetik" indessen so definieren, dass eine exakte Wissenschaft daraus wird, zumal sie viel mit Mathematik zu tun hat. Da aber Exaktheit nicht mehr das Maß aller Dinge sein kann - da Exaktheit eher eine Schwäche ist, weil sie oft die Realität verfehlt und in die Irre führt - da also Exaktheit nicht mehr der absolute Qualitätsbegriff ist, der sie einmal war, hat es auch keinen Sinn mehr, darüber nachzusinnen, ob Exaktheit ein Kriterium für die Ernsthaftigkeit einer Wissenschaft wie der Kybernetik oder der Volkswirtschaftslehre oder Soziologie oder Politologie oder Psychologie oder wessen auch immer darstellt. Keine Wissenschaft, die sich mit Systemen höherer Komplexitätsebenen befasst, kann letztlich Anspruch auf Exaktheit erheben. Sie sollte es auch nicht tun, weil es ihr keinen Zuwachs an Ansehen verschafft. Der Drang, als Jünger einer exakten Wissenschaft anerkannt zu werden, hat viele dazu verführt, mit Statistiken und allerlei anderem Blendwerk Dinge "exakt" zu beschreiben, die sich nie wiederholen oder so individuell sind, dass sich keine signifikante Regelmäßigkeit abzeichnen kann, welche die Aussicht böte, Gesetzmäßigkeiten formulieren zu können. Zudem führt es nur zu einer Pseudo-Genauigkeit, wenn quantifiziert wird, was nicht quantifizierbar ist. Jeder bilanztechnisch versierte Kaufmann weiß, was von der Genauigkeit von Bilanzen zu halten ist, deren Aktiva und Passiva auf den Pfennig übereinstimmen, selbst wenn es um Milliarden geht. Was ist der Wert einer zweifelhaften Forderung? Eines Bestandes von Lagerhütern? Einer Maschine oder eines Gebäudes nach Jahren der Nutzung? Man kann eine Abschreibung von acht vom Hundert "exakt" auf den Pfennig mit DMxxx.xxx,32 ausrechnen: Wenn die Abschreibung mit acht genau so falsch und so richtig ist wie die mit zehn oder zwölf Prozent, kommt es auf ein paar tausend Mark oder Dollar nicht an. Die pfenniggenauen Bilanzen sind aber aus tausenden solcher Posten zusammengesetzt. Wissenschaft ist nicht allein das, was in Begriffen, Zahlen und Modellen auszudrücken ist. Wissenschaft ist auch das Wissen, das durch scharfe, lange und umfassende Beobachtung gewonnen wird. Wissen, das dadurch entsteht, dass in Millionen Einzelheiten intuitiv ein bedeutungsschwangeres Muster erkannt wird, dessen Strukturen sich dynamisch und dennoch erkennbar wandeln. Wissen über Entwicklungen, die eine Richtung und ihren wahrscheinlichen Verlauf in der Zukunft erkennen lassen, Wissen über Anzeichen drohender Symmetriebrüche, Wissen über kritische, labile und chaotische Phasen, Wissen über die richtige Weichenstellung in Verzweigungssituationen, Wissen über Entscheidungen unter Unsicherheit. All diese Wissenschaften sind mindestens so wichtig wie die "exakten". Die Überschätzung der exakten Wissenschaften geht einher mit der maßlosen Überschätzung des begrifflichen gegenüber dem intuitiven Denken. Das ist an sich keineswegs zwingend. Die schönen Künste genießen seit jeher eine hohe Wertschätzung, die keineswegs in ihrer Genauigkeit gründet, mögen auch die Feinheit der Zeichnung bei den Alten Meistern oder die Präzision eines Konzerts von Bach höchste Bewunderung verdienen. Die Aufgabe der Zukunft wird es sein, die verschiedenen Denkweisen optimal
einzusetzen und sie nicht im Streit der Gelehrten zu verzetteln.
Komplex: Alles ist mit allem verknüpft Die Wirklichkeit ist anders, als unsere Begriffe es uns vorspiegeln. Wie der heutige Wissensstand ahnen lässt, ist die Wirklichkeit ganz anders strukturiert als unser begriffliches Denken. Die Logik der Realität ist die Logik der Geschichte und nicht die der Begriffe und Gesetze. Das qualifiziert die Vorstellungen des uns bisher geläufigen Weltbilds weithin als Illusionen. Die Welt wird nicht durch Gesetze regiert, die man nur richtig anzuwenden braucht, um jedes Ziel zu erreichen. Zwar gilt der Satz vom zureichenden Grund unverändert, aber die Welt läßt sich nicht erklären, indem man sie in einzelne Ursachen und Wirkungen zerlegt. Vielmehr ist alles mit allem durch ein äußerst komplexes Netz von gegenseitigen Einflüssen verknüpft, in dem jedes Ding den Spielraum hat, den ihm die anderen zugestehen. Es ist nicht alles vollständig determiniert. Alles ist in Fluß. Bestand hat nur, was durch Gegenkräfte eine zeitlang in fließendem Gleichgewicht gehalten wird. Was womit zusammentrifft, ist nur in einfachen Beziehungen stabiler Systeme über kurze Strecken vorhersehbar. Naturgesetze sind Hilfsmittel des Denkens und kein Bestandteil der Realität Eine der größten "Selbstverständlichkeiten" ist, dass die Welt durch Gesetze regiert werde und alle Ordnung allein den Gesetzen zu verdanken sei, die entweder von Anfang an gegeben oder von Gott als dem Schöpfer gesetzt worden seien. In Wahrheit wird die Welt nicht durch Gesetze regiert. Die Natur kennt keine Gesetze und deshalb auch keine Widersprüche. "Die Welt ist alles, was der Fall ist" sagt Ludwig Wittgenstein im 1. Satz seines Traktats, und er hat Recht. Die scheinbar standfeste Ordnung, die wir glauben beobachten zu können, ist der Tatsache zu verdanken, dass sich - wie Heraklit es schon wusste - alles in Bewegung befindet und zugleich - was sich erst in unseren Tagen erweist - alles mit allem durch ein unüberschaubares Netz von gegenseitigen Einflüssen verknüpft ist, so dass jedes Ding genau den Spielraum hat, den ihm die anderen zugestehen. Jedes Ding, jedes Objekt - oder "System", wie es im folgenden Text meistens heißen wird - verhält sich gemäß seinen Eigenschaften, und zwar soweit es seine Umgebung zulässt. Systeme mit ähnlichen Eigenschaften verhalten sich deshalb in ähnlicher Umgebung auf ähnliche Weise. Spätestens jetzt ist es an der Zeit zu sagen, was mit "System" gemeint ist. Bisher wurde das Wort ohne weiteres synonym mit "Gegenstand", "Ding", "Objekt" verwendet. Dabei kann es auch bleiben; der Systembegriff ist sozusagen der Oberbegriff aller zusammengesetzten Dinge. Er ist ein Begriff höchster Abstraktion. Ein System besteht aus Elementen, die zueinander in Beziehung stehen. Es gibt materielle und andere Systeme. Diesen Systembegriff sollte man indessen nicht mit dem logischen Systembegriff, der eine geordnete Hierarchie von Sätzen bezeichnet, verwechseln. Das umfassendste System ist das Universum als ganzes. Das Universum umfasst eine Menge von Subsystemen, die seine Elemente darstellen. Jedes dieser Subsysteme umfasst seinerseits Elemente, die ihrerseits wiederum aus Subsystemen als deren Elementen bestehen. Setzt man diese Reihe durch immer weitere Untergliederung in Subsysteme fort, gelangt man schließlich zu den Atomen, die lange Zeit als die Urelemente des Universums galten. In neuerer Zeit hat es sich gezeigt, dass die Atome noch lange nicht die unterste Stufe der Systemhierarchie bedeuten, sondern ein verwickeltes Hypersystem von Subsystemen bilden. Zwar steht auch heute noch nicht fest, was die endgültigen Urelemente sind; wohl ist abzusehen, dass die Physik an eine unübersteigbare Grenze gelangt, jenseits derer das Auflösungsvermögen der Messtechnik keine weiteren Subsysteme mehr auszumachen vermag. Ob es wirklich keine mehr gibt, wird demnach womöglich nie zu entscheiden sein. Doch die Hierarchie der Systeme ist nicht klar abgegrenzt. Jedes Element oder Subsystem kann Mitglied mehrerer Hypersysteme sein. Das ist offensichtlich, soweit es sich um Systeme unterhalb der obersten beiden Ebenen handelt, weil ein jedes solcher Systeme zumindest den übergeordneten angehört. Neben dieser vertikalen Mehrfachzugehörigkeit gibt es auch eine horizontale: Beispielsweise kann der gleiche Mensch in mehreren Vereinen Mitglied sein. Systeme verhalten sich gemäß ihren Eigenschaften. Diese Eigenschaften werden durch die Eigenschaften ihrer Elemente (Subsysteme) sowie durch die Relationen zwischen den Elementen, das heißt durch die Struktur des Systems, bestimmt. Dass die Elemente für das Verhalten des Systems verantwortlich sind, war der Anlass für die Behauptung: "Nichts ist im Menschen, was nicht vorher in der Amöbe war." Doch dieser Satz stimmt nur zur Hälfte und ist folglich falsch. Wenn sich nämlich mehrere Subsysteme zu einem Gesamtsystem (Hypersystem) zusammenfinden, weist dieses Systemeigenschaften auf, die seine Subsysteme nie gekannt haben. Das liegt an den Relationen zwischen den Elementen, an ihrer Anordnung und ihrer Funktion innerhalb des Systems. Darum besitzt ein Mensch unvergleichlich komplexere Systemeigenschaften als eine Amöbe. Dennoch muss die Fähigkeit, im Hypersystem solche Eigenschaften zu entwickeln, schon in den Subsystemen grundgelegt sein. Wendet man diese Erkenntnis auf die Systemebene der Urelemente an, so gelangt man zum Ergebnis, dass schon ihnen die Fähigkeit gegeben sein muss, auf höherer Systemebene Leben, Bewusstsein oder sogar Geist zu entwickeln. Insofern hat bereits die Amöbe alles, was auch der Mensch hat. Freilich ohne seine Systemeigenschaften, und die sind gewiss das Entscheidende. Da also das Verhalten eines Systems von seinen Elementen und seiner Struktur abhängt, ist nunmehr klar, warum ähnliche Systeme, nämlich solche, die aus gleichartigen Elementen zusammengesetzt sind und deren Strukturen weitgehend übereinstimmen, sich auf ähnliche Weise verhalten. Sie können nicht anders. Woher auch? Es gibt keinen vernünftigen Grund. In der Realität zeigt sich von "Naturgesetzen" keine Spur. Es gibt nur Sachverhalte: "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Labil: In labilen Phasen verhalten sich Systeme chaotisch Die Welt wird vollends unberechenbar, unüberschaubar, ja chaotisch dadurch, daß das Fließgleichgewicht, von dem alle Beständigkeit abhängt, von zahllosen labilen Zuständen durchsetzt ist, in denen unmeßbare Veränderungen unermeßliche Folgen bewirken können. Bekannt ist wohl die Parabel vom Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Tornado von Florida weg auf den Atlantik lenkt. Sie bringt die Gründe für die sprichwörtliche Unzuverlässigkeit von Wettervoraussagen über wenige Tage hinaus auf den Punkt. Sie trifft aber für weit mehr Voraussagen und Pläne zu, als wir im entferntesten vermuten. Mit dieser "gebrochenen" Kausalität hängt zusammen, daß der Entwicklungspfad vieler Dinge Verzweigungspunkte aufweist, in denen seine Ordnung in eine ganz andere umschlägt oder gar ins Chaos fällt Nicht die Unüberschaubarkeit der Welt allein macht sie unberechenbar, sondern mehr noch die Tatsache, dass sie von zahllosen Verzweigungspunkten durchsetzt ist, an denen eine unmessbar kleine Verschiebung der Gewichte darüber entscheidet, welchen von zwei oder mehr möglichen Pfaden ein System einschlägt. Der Fingerdruck eines Weichenstellers bestimmt, ob ein Zug mit tausend Menschen und vielen hundert Tonnen Gewicht etwa von Köln aus nach Berlin oder aber nach Paris oder Mailand fährt. In der Wetterkunde spricht man zwar scherzhaft, aber doch mit sehr realem Hintergrund, vom "Schmetterlingseffekt": Wenn in Tokio ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt, kann er in einer labilen Umgebung bewirken, dass ein Taifun, der auf die chinesische Küste zu rast, abgelenkt wird und in den Nordpazifik abdreht. Darum sind Wettervorhersagen über, sagen wir, fünf Tage hinaus fragwürdig, selbst dann, wenn sie mit den schnellsten Computern der Welt berechnet wurden. Meistens ist irgendwo ein "Schmetterling" versteckt, der für Überraschungen sorgt. Das gilt nicht allein für die Wetterkunde, sondern für alle Lebensbereiche, besonders für die Politik: Schnell kann es aus nichtigen Gründen zu Streitigkeiten kommen, die sich zu Kriegen auswachsen bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen. Wir meinen gewöhnlich, viel helfe viel und wenig bewirke nichts. Wir rechnen damit, dass zwischen zwei Ereignissen ein adäquater Kausalzusammenhang (Kausalnexus) bestehe, dass nämlich die Folgen eines Ereignisses dem Ereignis angemessen seien. Es gibt aber zahllose Beispiele - auch aus dem Alltag - die dieser Erwartung Hohn sprechen. Wenn man ein Blatt Papier von oben nach unten zerreißt und die Stücke in verschiedene Erdteile schickt, ist die Tatsache, dass von zwei benachbarten Atomen das eine eine Winzigkeit weiter links als das rechte liegt, die Ursache dafür, dass sie nach kurzer Zeit durch Ozeane getrennt sind. Oder wenn man einen Bleistift auf das flache Ende stellt, kann ihn die kleinste Erschütterung umwerfen; in welche Richtung er dabei fällt, ist nicht vorauszusagen. Ein Kartenhaus fällt zusammen, wenn man eine einzige Karte herauszieht. Diese trivialen Beispiele zeigen schon, dass Ursache und Wirkung keineswegs in einem einleuchtenden Verhältnis stehen müssen. Topologie, Katastrophentheorie, Komplexitätstheorie und Chaostheorie zeigen zahllose Fälle auf, in denen das Kausalprinzip geradezu ad absurdum geführt wird. Chaos ist überdies nicht allein eine Sache des Zufalls: Auch determinierte Systeme können ins "deterministische Chaos" geraten. Ein altbekanntes Beispiel ist das Dreikörperproblem. Und umgekehrt herrscht auch im Chaos Ordnung. "Chaos" ist für uns eben alles, was wir mit unseren Gesetzen nicht in Einklang zu bringen vermögen. Die Erfahrung, dass in labilen Zuständen kleine Ursachen große Wirkungen haben können, hat weitreichende Konsequenzen, denn jedes System durchläuft irgendwann instabile Phasen. Das Fließgleichgewicht, das die Beständigkeit der Systeme gewährleistet, kann durch labile Zustände gestört werden. Das Fließgleichgewicht entsteht dadurch, dass die Elemente eines Systems sich gegenseitig in ihrer Bewegungsfreiheit behindern. Gelegentlich können einzelne Elemente jedoch in Konfigurationen geraten, in denen die Symmetrie zwischen Ursache und Wirkung bricht und die kleinste Veränderung unverhältnismäßige Folgen hat. Die Regelkreise, die das System sonst im Gleichgewicht halten, geraten außer Kontrolle, Gleichgewicht und Ordnung brechen zusammen, das System wird instabil und verhält sich chaotisch. Wenn dieser Zustand das ganze System erfasst, kann es daran zugrunde gehen. Stabilisiert sich das System wieder, hat sich gewöhnlich seine Struktur verändert. Da das Verhalten eines Systems wesentlich von seiner Struktur abhängt, ändert sich auch seine Verhaltensweise: Die Gesetze, die vorher gegolten haben, stimmen nicht mehr, das System wird unberechenbar. Oder es ändert sich so, dass es unter eine Kategorie fällt, die anderen Gesetzen folgt. Solche Symmetriebrüche gibt es auf allen Systemebenen, auch auf den höheren: Naturkatastrophen, Krisen in der Wirtschaft, Umstürze in der Politik; aber auch im Leben des einzelnen: Krankheiten, Beziehungskrisen, Psychosen und vieles andere. Denken: Wir sehen die Welt nicht wie sie ist Ähnliche Objekte (Systeme) verhalten sich in ähnlicher Umgebung auf ähnliche Weise. Diese schlichte Tatsache erlaubt die Aufstellung von Regeln und Modellen. Die Wirklichkeit ist offenbar erschreckend chaotisch. Wir versuchen, uns dadurch zu retten, daß wir uns von ihr ein vereinfachtes Modell entwerfen, mit dem wir umgehen können. Dabei hilft uns die Tatsache, daß ähnliche Dinge sich in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten. Es gibt ja keinen Grund, daß sie etwas anderes tun. Wenn wir wissen, welche Art Ding wir vor uns haben, können wir erwarten, daß es sich artgerecht verhält - als ob es einem Gesetz folgte. So wird die Zukunft für uns in etwa berechen- und beherrschbar. Die "Naturgesetze" sind also Hilfskonstruktionen unseres Denkens. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern so, wie wir sie uns in unserem Gedankenmodell zurechtlegen. Keiner unserer Pläne ist vor Überraschungen sicher. Die schlichte Tatsache, dass sich ähnliche Systeme in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten, erlaubt uns immerhin, mehrere ähnliche Systeme einer Ähnlichkeitsklasse zuzuweisen, und diese mit einer Ähnlichkeitsklasse ähnlicher Verhaltensmuster zu verknüpfen. Diese Verknüpfung nennen wir "Naturgesetz", die Ähnlichkeitsklassen heißen "Begriffe". Wenn wir die Ähnlichkeitsklasse eines Systems bestimmt haben und das dazugehörige Naturgesetz kennen, können wir voraussagen, dass sich das System so verhalten wird, wie es das Naturgesetz angibt. Das Verhalten eines Systems ist dessen Veränderung in der Zeit. Die Ähnlichkeit der Umgebung wird oft vorausgesetzt oder im Gesetz durch Bedingungen definiert oder durch Umstandsbestimmungen beschrieben; ist das Naturgesetz das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments, wird die genaue Versuchsanordnung angegeben. Mit Hilfe von Symbolen, die wir den Begriffen zuordnen, können wir unsere Gedanken mit anderen austauschen. Dies geschieht vornehmlich, wenn auch keineswegs allein, durch die Sprache, die sich der Worte als Begriffssymbole bedient. So ist all unsere Rede ist ein Reden in Gesetzen: Jede Behauptung klingt wie eine allzeit gültige Norm. Darum sind Tür und Tor für Missverständnisse offen. 1 Begriffliches und intuitives Denken gehören zusammen Das Denken in Begriffen und Gesetzen, das wegen der Illusion, die Welt werde durch Gesetze regiert, so maßlos überschätzt wurde, bedarf als Grundlage und Ergänzung des intuitiven, repräsentativen Denkens. 2 Die enge Domäne des begrifflichen Denkens ist das Berechenbare Man kann das abstrakte Denken mit dem eng begrenzten Lichtkegel einer Taschenlampe vergleichen, mit der jemand im Dunkeln einen großen, mit Dingen aller Art vollgepfropften Raum zu erkunden versucht. Auf diese Weise kann er vorzüglich viele Einzelheiten erkennen, doch wo er sich befindet, erkennt er erst richtig, wenn er den Schalter erwischt und die Raumbeleuchtung anknipst. Ähnlich wie mit der Raumbeleuchtung verhält es sich mit dem intuitiven Denken. Dieser Vergleich hinkt zwar, aber er macht einen wesentlichen Aspekt beider Denkweisen deutlich: das diskursive, Schritt für Schritt von Punkt zu Punkt schreitende, begrifflich-abstrakte Denken zum einen und das blitzhafte, alles erhellende Erfassen des komplexen Ganzen zum anderen. Ein anderer Vergleich trifft den Sachverhalt vielleicht besser. Es ist zwar abwegig, lebende Systeme, die sich selbst regeln und ordnen, mit Maschinen, welche die Verkörperung von Denkmodellen darstellen, in irgendeiner Form gleichzusetzen. Dennoch sind die Ähnlichkeiten zwischen der Arbeitsweise von Computern und dem Denken oft verblüffend. Dies gilt besonders für das begriffliche Denken und die prozeduralen Programme, die alle Daten streng der Reihe nach verarbeiten, weil der Datenfluss (zumindest in den heutzutage weit verbreiteten PCs) durch den "Flaschenhals" (J. v. Neumann) der zentralen Prozessoreinheit geschickt werden muss. Nur die im Vergleich mit unserem Lebensrhythmus überaus hohe Taktfrequenz sorgt für die sprichwörtliche Schnelligkeit. Das begrifflich-diskursive Denken geht in ähnlicher Weise vor sich. Darüber braucht man sich nicht zu wundern, denn der Computer ist ja dessen Werk. Was am Computer so fasziniert, ist seine Fähigkeit, Denkmodelle nicht nur abzubilden - das kann auch eine Zeichnung, ein Text oder eine Fotografie - sondern auch die Objekte, die das Denkmodell enthält, wie in unserem Denken interagieren, das heißt miteinander zusammenwirken zu lassen. (Es ist kein Zufall, dass man zwischen den Dateien und den Programmen, die jene verarbeiten, unterscheidet. Dies entspricht der Unterscheidung zwischen Systemen und ihrem Verhalten. Besonders deutlich wird die Analogie bei der objektorientierten Programmierung (OOP): Hier werden Objekte programmiert, die auf Nachrichten antworten und in einem bestimmten Kontext je nach Anforderung auf genau definierte Weise agieren. Für diese Objekte gilt: Gleiche Systeme verhalten sich in im gleichen Kontext auf die gleiche Weise. Wegen ihres Maschinen- oder besser Informations-Charakters ist es erlaubt, hier von Gleichheit zu sprechen und nicht, wie bei realen Systemen, von Ähnlichkeit - außer in dem seltenen, aber nicht ungewöhnlichen Fall, dass der Computer einen individuellen Charakter entwickelt und nicht das tut, was man von ihm erwarten muss.) 3 Die weite Domäne des intuitiven Denkens ist das Komplexe Was hingegen das intuitive Denken leistet, lässt
sich ermessen, wenn man es mit einem neuronalen Computer vergleicht. Neuronale
Netzwerke, die von Computern entweder durch prozedurale Programme simuliert
oder durch vernetzte Logikelemente abgebildet werden, haben erstaunliche
Fähigkeiten. Sie können vor allem verschiedene Eingabemuster
bestimmten Ausgabecodes zuordnen. Für einen herkömmlichen Computer
müssen die Eingabemuster exakt übereinstimmen, wenn er sie dem
gleichen Ausgabemuster zuordnen soll. Neuronalen Computern genügt
es dagegen schon, dass die Eingabemuster einander in einem gewissen Grad
ähneln. Es ist damit möglich, Gesichter und Namen nahezu eindeutig
zusammenzubringen, obwohl das gleiche Gesicht je nach Blickwinkel verschiedene
Ansichten bietet. Diese Mustererkennung entspricht vollkommen der Bildung
von Ähnlichkeitsklassen, wie sie dem begrifflichen Denken zugrunde
liegt. Ohne die intuitive Erfassung von Ähnlichkeiten ist das begriffliche
Denken also nicht möglich.
Wenn auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit in neuronalen Netzen gegenüber "Flaschenhalscomputern" gering erscheint, so ist die Schnelligkeit ihrer Reaktionen dennoch überwältigend, weil alle Elemente gleichzeitig arbeiten und nicht vor dem zentralen Prozessor Schlange zu stehen brauchen. Um die Leistung herkömmlicher Computer zu verbessern, schaltet man deshalb auch mehrere Prozessoren zwecks "massiv paralleler Verarbeitung" zusammen und zerlegt die Prozeduren nach Art eines Netzplans in Teilaufgaben; diese werden dann verschiedenen Prozessoren zugewiesen, damit alle gleichzeitig an der Gesamtaufgabe arbeiten können. Dazu bedarf es immensen Programmieraufwands. Diesen haben neuronale Netzwerke nicht nötig, weil sie ihre Arbeitsteilung selbst organisieren. Wenn man nun bedenkt, dass in unseren Gehirnen um die hundert Milliarden Neuronen versammelt sind, kann man erahnen, dass es uns möglich ist, Millionen von Informationen in jeder Sekunde gleichzeitig zu verarbeiten. Ein Gehirn ist selbstverständlich kein neuronales Netzwerk. Schon die unvorstellbare Zahl der Nervenzellen des Gehirns stellt alles in den Schatten, was - jedenfalls heutzutage - in der Computertechnik möglich ist. Auch die Arbeitsweise der Neuronen ist ganz anders als die der Computer. In Organismen sind es chemische Lebensvorgänge an den Schaltstellen (Synapsen) der Neuronen, die den Zustand des Netzes bilden - und nicht nur abbilden. Vor allem aber die mit dem Vorgängen im Gehirn verbundenen Bewußtseinsphänomene verbieten vollends jeden Vergleich. Denn wer sonst als das Gefühl sagt dem Gehirn, welche Muster für das Leben von Bedeutung und welche Verknüpfungen "richtig" sind? Der Neurocomputer ist nur ein Gleichnis (um das Wort "Paradigma" zu vermeiden). Dieses Gleichnis zeigt immerhin eine denkbare Möglichkeit, wie es tatsächlich der Fall sein könnte. Doch darauf, und allein darauf, kommt es hier an. 4 Das intuitive Denken hat Rationalität eigener Art Fassen wir nun zusammen: Das begriffliche Denken ist mit der Maschine verwandt, das intuitive mit dem Leben. Dort das Lineare, hier das Komplexe. Dort der Faden, hier das Knäuel. Dort die Lampe, hier das Licht. Wenn wir mit dem begrifflich-linearen Denken diese äußerst komplexe Welt erfassen wollen, kommen wir nicht weit. Es gibt uns die Teile in die Hand, aber nicht das alles verbindende Band. Wie wollen wir die großen Zusammenhänge begreifen ohne die Intuition? Wie wollen wir die Schönheit sehen ohne sie? Wie soll das Gewissen uns sagen, was gut ist, wenn es nicht einhergehen könnte mit dem intuitiven Erfassen der Folgen unseres Tuns für das komplexe Wirkungsgefüge der Welt? Gewiss, die begriffsbezogene Logik wird nicht durch Emotionen getrübt. Die Intuition dagegen bezieht auch Gefühle ein, weil sie aufs Ganze zielt. Doch das heißt nicht, dass sie keine Rationalität besäße. Ihre Rationalität ist vielmehr von eigener
Art: Es ist die Ratio des Komplexen. Nur mit ihr können wir das Komplexe
meistern. Das Komplexe ist nicht kompliziert, denn es zeigt sich. Nur wenn
wir versuchen, es mit Begriffen nachzuvollziehen, verfallen wir auf immer
kompliziertere Konstruktionen. Nur sie sind kompliziert, nicht das Komplexe.
Vor allem: Ohne das begriffliche Denken würden wir zwar die Einfachheit des Komplexen sehen, aber nicht sein Wesen erfassen. Wie hätten wir lernen können, was komplex ist, wenn wir nicht uns nicht in der Kompliziertheit unserer Konstruktionen verfangen hätten? Wie könnten wir über die Komplexität der Welt reden, wenn uns die Begriffe nicht die Worte dazu lieferten?! Begriffliches und intuitives Denken ergänzen sich, das ist wahr; auf beide gründet sich unsere Rationalität. Wir sollten uns hüten, eines davon überzubewerten. 5 Die heutige Informationsflut zeigt die chaotische Seite der Welt Die atemberaubende Beschleunigung in der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik ruft vielerlei Ängste wach. Dass sich zunächst die Arbeitswelt und bald auch die Lebenswelt in mancher Hinsicht ändern werden, ist gewiss. Aber wie, das weiß niemand. Gleichwohl ist das Konzert der Mahner und Warner wie der amtlichen, beruflichen und geschäftsmäßigen Bedenkenträger schon laut und schrill. Was die Möglichkeiten angeht, haben sicherlich alle recht, denn die Wirklichkeit ist in ihrer Kreativität jeder menschlichen Phantasie überlegen. Doch mit Realität hat das alles wenig zu tun. Solange man keine Ahnung hat, wohin sich die Dinge am Ende entwickeln, hat es keinen Zweck, sich über die Bekämpfung fingierter Missstände den Kopf zu zerbrechen. Die Gefahr ist groß, dass vorschnelle Maßregeln Fehlentwicklungen hervorrufen, die ohne sie niemals eingetreten wären. Schon immer, wenn der Mensch mit offenen Augen durch die Welt ging, überfluteten ihn Augen und Ohren mit Informationen. Der ständige Informationsfluss ist unser Leben, wir sind darauf hin ausgelegt. Unser intuitives Denken befähigt uns, Unmengen von Informationen zugleich zu verarbeiten. Anders ist heute allein die Tatsache, dass wir mit unseren Augen und Ohren Botschaften aus Bereichen vernehmen, die uns früher verschlossen waren. Dadurch scheint es unserem begrifflich-abstrakten Verstand, die Welt sei dabei, immer komplizierter und komplexer zu werden. Sie wird es wohl auch tatsächlich, insofern wir sie dazu machen. Doch die Welt war schon immer so, nur wir haben es nicht gemerkt, weil wir unsere eigene Lebenswelt, einen vergleichsweise (hoffentlich) idyllischen Teil, für das Ganze hielten. Wir haben schon immer nur das an uns herangelassen, was uns interessierte, was uns für unser Leben bedeutsam und wertvoll schien, und das von uns weggeschoben, was uns belastete. Die vielfach beklagte Abstumpfung der Empfindung ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der uns vor informationeller Überforderung bewahrt. Er wird aber nicht verhindern, dass der Mensch von Entsetzen geschüttelt wird, wenn ihm das Schreckliche leibhaft gegenübertritt. Die tatsächlich zu beobachtende Gleichgültigkeit hat andere Ursachen. Die neuen Medien und ihre Informationsflut haben
auch positive Aspekte. Auf jeden Fall sind die Zeiten vorbei, da jeder
nur wissen durfte, was Tyrannen, Fürsten und Kirchen nicht auf den
Index setzten. Vorbei sind auch die Zeiten, da jedermann nur ein einziges
Fernsehprogramm empfangen konnte, so dass alle Welt nichts anderes als
der Nachbar dachte, weil der Sender die Vorstellungswelt sämtlicher
Zuschauer mit den gleichen Bildern füllte. Zwar können auch heute
noch auf allen Kanälen die gleiche Werbung und die gleiche Propaganda
betrieben werden, doch die Möglichkeiten, abzuschalten und sich mit
etwas anderem zu befassen, sind unerschöpflich. Sobald der Mensch
merkt, wie viel pralles Leben ihm während seiner Beschäftigung
mit der virtuellen "Realität" entgeht, schaltet er ab. Bis dahin
Vor allen Dingen wird die Welt endlich als das
erkannt, was sie ist: ein unfassbar komplexes System, das niemand durchschauen
oder gar beherrschen kann. Es wird jetzt begreifbar, dass alle Utopien,
alle Weltverbesserungspläne und alle Versprechungen der Politiker
nicht wert sind, dass man ihnen auch nur zuhört, geschweige denn dass
man sie ernst nimmt oder sich womöglich gar für sie umbringen
lässt. Weit gefährlicher als die "Unordnung" in den Medien ist,
dass diese unter die Zensur regelungssüchtiger Bürokraten geraten
oder von Machthabern für ihre Interessen missbraucht werden könnten,
indem sie den Medien eine ihnen genehme Ordnung aufzwingen. Der erfreulichste
Aspekt der Medien, nämlich dass sie die chaotische Seite der Wirklichkeit
widerspiegeln, würde dadurch zunichte.
Auch der Vorwurf, die Medien entfremdeten den
Menschen der Welt, geht fehl. Der Mensch hat sich schon immer gern in eine
wohlgeordnete, freundliche und überschaubare Welt geflüchtet;
Typisch sind heute einerseits die Vereinnahmung des menschlichen Denkens
durch Computer, elektronische Medien oder die virtuelle Realität des
"Cyberspace". Andererseits ist bezeichnend, dass die Esoterik, die zudem
oft mit Drogenkonsum verbunden ist, immer mehr in Mode kommt. Dennoch:
das Prinzip ist so alt wie die Menschheit. Es gab schon immer Theater,
Märchenerzähler, Poeten, Schamanen und Mystiker. Auch Sport und
Spiel gehören in diese Kategorie, weil sie den Menschen in eine weniger
harte Wirklichkeit entführen (dis-portare), wo etwa der Wettkampf
mit einigermaßen friedlichen Mitteln ausgetragen wird. In diese Kategorie
gehören der "Cyberspace", der Kybernetische Raum, die virtuelle Realität.
Ohne sich vom Bett zu erheben, kann der Mensch sich als Bruder von Tarzan,
Batman und Terminator fühlen, kann im Alleingang ganze Reiche erobern
und dies, ohne einen einzigen Tropfen echtes Blut zu vergießen. Irgendwann
wird auch das langweilig und die Sehnsucht nach frischer Luft, körperlicher
Betätigung und leibhaftigem Leben unwiderstehlich.
Modelle: Begriffe agieren anstatt der Dinge Was den Menschen zum Menschen macht, ist dies: Er kann sein Handeln aus der Reiz-Reaktion-Verknüpfung ausklinken, es auf die gedankliche Ebene umleiten, dort modellieren und dann wieder in die Wirklichkeit zurückführen. In unseren Gedankenmodellen agieren aber nicht die Dinge selbst, sondern die Begriffe, die wir uns von ihnen machen. Um die überwältigende Vielfalt zu bändigen, fassen wir zumeist viele ähnliche Dinge, ohne uns um deren Besonderheiten zu kümmern, in einem Begriff zusammen. Das führt zu Enttäuschungen, wenn eine Eigenschaft unbeachtet bleibt, die zu einem unerwarteten Verhalten führt. So müssen wir ohne Ende neue Unterscheidungen lernen. Wenn wir unsere Modelle in die Umwelt übertragen wollen, müssen sie stimmen, sonst verfehlen wir unsere Absichten. Die Möglichkeit der Begriffsbildung erlaubt uns, Denkmodelle zu entwerfen, in denen - statt der Systeme selbst - ihre Begriffe agieren. Da wir erwarten dürfen, dass sich die realen Systeme ähnlich verhalten werden wie unsere Begriffe, können wir einigermaßen sicher sein, dass sich die Wirklichkeit ähnlich verhalten wird wie die Modelle. Wenn wir also die Wirklichkeit unseren Modellentwürfen entsprechend zurechtrücken, können wir bewirken, dass sie sich unseren Wünschen fügt. Unsere Maschinen sind, anders als die natürlich gewachsenen Systeme, nichts anderes als in die Materie zurückübertragene Modelle; ihre Kopfgeburt sieht man ihnen zeit ihrer Existenz an, sie unterscheidet sie von der Natur. Maschinen können verschleißen: Durch Umwelteinfluss und häufigen Gebrauch verlieren die Einzelteile ihre Form und werden so den Begriffen, die sie repräsentieren, immer unähnlicher, bis die Maschine versagt. Gesetze und Modelle vernachlässigen die Besonderheiten der in einer Klasse zusammengefassten Einzeldinge. Mit diesem Kunstgriff können wir die nahezu unendliche Vielfalt der Welt in wenige Begriffe fassen, damit wir sie handhaben können, ohne unsere bescheidene Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen zu überfordern. Das gelingt recht gut, wenn sich die Systeme nicht wesentlich voneinander unterscheiden, beispielsweise auf der Ebene der Atome, oder wenn es nicht auf die Eigentümlichkeiten der Systeme ankommt, etwa bei der Aussage "Alle Körper sind schwer". Ist die Individualität der Systeme hingegen von Belang, vor allem in vielen Aussagen über Menschen, lassen sich keine zutreffenden Naturgesetze formulieren. Nutzlos werden Naturgesetze immer in ungewöhnlichen Situationen, wo Systeme in selten vorkommenden Konstellationen und Konfigurationen zusammentreffen; wir sprechen dann von der "Verkettung unglücklicher Umstände". Die Erfahrung der häufigen Wiederholung des Gleichen, des "Üblichen", setzt uns in den Stand, Naturgesetze zu formulieren, doch wenn etwas Ungewohntes geschieht, fehlt uns diese Erfahrung. Aber wieso ist es dann möglich, Naturgesetze in exakter mathematischer Form auszudrücken? Woher kommt diese verblüffende Übereinstimmung zwischen unseren Denkgesetzen und dem Verhalten der wirklichen Dinge? Diese Frage erzeugt ein Scheinproblem, weil sie unnötigerweise voraussetzt, dass die Naturgesetze Teil der Natur selbst (um mit I. Kant zu sprechen: des Dinges an sich) seien. Die sprichwörtliche Exaktheit der Mathematik erklärt sich dadurch, dass hier Begriffe "unter sich" sind. Das gleiche gilt für die Logik, sofern man sie nicht, wie ich es sehe, als einen Zweig der Mathematik betrachten mag oder meinetwegen auch umgekehrt. In dieser krummen Welt dagegen gibt es nicht viel Gerades; darum sollte man nicht alles geradebiegen wollen, weil man sonst das wenige Gerade auch noch verbiegt. Die Präzision von Maschinen rührt daher, dass sie nach Art der Geometrie, also mit mathematischer Exaktheit, konstruiert sind. Maschinen behalten ihre Genauigkeit nur, solange die Einzelteile ihre ursprünglichen geometrischen Formen bis aufs Haar bewahren. Die Zuverlässigkeit von Computern kommt dadurch zustande, dass sie sich in jeder Sekunde vielmals selbst "reparieren", indem sie die Informationen, aus denen ihre Programme und Daten bestehen, periodisch wiederauffrischen. Anderenfalls bräche das ganze Computersystem binnen Sekunden zusammen. Womöglich gibt es in der Realität keine einzige wirklich gerade Linie und keinen einzigen Kreis, bei dem alle Punkte des Umrisses exakt gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Trotzdem gibt es eine Unzahl geradliniger und kreisförmiger Dinge, sofern man bereit oder imstande ist, über ihre Unregelmäßigkeiten hinwegzusehen. Der geometrisch exakte Kreis hingegen ist ein Begriff und existiert als solcher nur im menschlichen Denken, aber nicht in der Natur - ja nicht einmal in der Technik, wenn man es genau nimmt. Als Ähnlichkeitsklasse umfasst der Kreis-Begriff alle kreisförmigen Gegenstände. Bei jedem dieser Gegenstände, sofern er dem geometrisch exakten Kreis ausreichend ähnlich sieht, erfüllt sein Umriss alle Gesetze, die sich von einem geometrisch exakten Kreis aussagen lassen, wenn auch nur in derjenigen Näherung, die dem Maß seiner Ähnlichkeit entspricht. Warum auch nicht? Welcher vernünftige Grund spricht dagegen? Nicht der Gegenstand als solcher erfüllt die Kreisgesetze, sondern seine Kontur, die der Mensch als etwas vom Gegenstand logisch Verschiedenes auffasst und als Kreis klassifiziert. Ähnlich verhält es sich mit den Bahnen der Gestirne und mit den Bewegungen im Innern der Atome: Der Mensch feilt so lange an ihrer mathematischen Beschreibung, bis sie hinreichend genau auf die Realität passt, und nennt die Zahlen, welche die passenden Gleichungen zufällig erfüllen, "Naturkonstanten". Man kann die Bahnen der Planeten - wie Ptolemäus mit der Erde im Mittelpunkt - durch Zyklen und Hyperzyklen mathematisch exakt beschreiben, aber auch - mit der Sonne im Zentrum - gemäß den Newtonschen Gesetzen. Sofern man es nicht mit der Relativität zu tun bekommt. Dann nämlich bedarf es zahlreicher Korrekturen der Gesetze gemäß der Relativitätstheorie. Doch damit nicht genug: In der Nähe der Singularitäten, wie der Schwarzen Löcher und des Urknalls, wo nahezu unendliche Dichte herrscht, bedarf es weiterer Korrekturen nach Maßgabe der Quantentheorie. Mit der Wirklichkeit selbst haben es die "Gesetze" nur am Rande zu tun. Die Vielfalt der Welt ist nahezu unendlich. Kein System von höherer Komplexität gleicht dem anderen, und die Zahl der möglichen Variationen und Kombinationen, in denen Systeme zusammentreffen können, ist unvorstellbar. Vorhersagen aufgrund unserer Kenntnis der Naturgesetze können nur dann einigermaßen zutreffend sein, wenn sich die Umstände nicht unversehens ändern und die Abfolge der Ereignisse, die so genannte "Kausalkette", wenige Glieder umfasst. Glücklicherweise erfüllen die meisten unserer Alltagsaufgaben diese Voraussetzungen. Die ständige Bestätigung unserer Voraussagen erzeugt deshalb in uns die Vorstellung, der Lauf der Dinge sei tatsächlich vorhersehbar und berechenbar. Diese Vorstellung ist Illusion. Erst wenn man die ganze Komplexität und Vielfalt der Welt verinnerlicht hat, geht einem auf, wie ungewiss alles ist, was vor uns liegt, und wie unbegreiflich es ist, dass wir überhaupt leben, jahrzehntelang, und dabei auch noch auf eine gesicherte Zukunft vertrauen. Im nächsten Hauptabschnitt werden wir sehen: Die Erklärung für dieses Unerklärliche liegt darin, dass sich in Milliarden Jahren eine Ordnung herausgebildet hat, die uns trägt, uns erhält und uns ohne unser Zutun hervorgebracht hat. Das hat nichts, aber auch gar nichts, mit den Naturgesetzen zu schaffen, die wir uns ausgedacht haben, um uns in dieser Welt zurechtzufinden. Die Welt und ihre Ordnung waren vor den Gesetzen da. Exakt: Denkgesetze halten die Phantasie am Zügel Unsere Modelle müssen wenigstens den Regeln der Logik folgen. Doch das bietet längst keine Gewähr für ihre Richtigkeit - außer in der Mathematik, denn dort sind die Begriffe unter sich. Der Wert unserer Modelle ist beschränkt: Sie können uns helfen, die Welt ein wenig überschaubarer zu machen. Das gilt auch für das hier so gepriesene Modell der universalen Optimierung. Sein unschätzbarer Vorteil ist, daß es der nahezu unendlichen Komplexität Rechnung trägt. Die "exakten" Wissenschaften dagegen teilen die Welt in winzige Stücke, um sie mathematisch genau beschreiben zu können. Doch so verlieren sie die großen Zusammenhänge aus den Augen. Sie haben uns zwar viele kleine Erfolge, aber keinen wesentlichen Fortschritt zum Guten in seiner komplexen Problematik gebracht. Wir müssen die exakte Wissenschaft überwinden, dann sehen wir die Welt richtig. Da sich die realen Systeme nach ihren Eigenschaften verhalten, soweit sie nicht durch die Existenz der sie umgebenden Dinge beschränkt werden, stehen der Entwicklung weite Spielräume offen. Was geschieht, ist mithin lediglich teilweise determiniert. Nur deshalb ist Evolution möglich. Deshalb ist aber auch der Mensch keineswegs die Marionette mythischer Naturgesetze. Zwar ist auch er als Teil der Natur vielfachen Zwängen unterworfen, aber sein Freiraum ist groß. Zudem kann er diesen Freiraum mit Hilfe seines Denkens noch beträchtlich erweitern, indem er die Hindernisse, die ihm im Wege stehen, durch Gestaltung seiner Umgebung verändert. Freiheit ist somit keine Illusion. Frei ist er vor allem im Denken, denn hier wird er durch nichts behindert. Er kann denken, was er mag. Er kann die widersprüchlichsten Begriffe in Gedanken vereinen und sie mit den kuriosesten Verhaltensweisen ausstatten. Freilich kann sich seine Gedankenwelt auf diese Weise weit von der Wirklichkeit entfernen. Phantasie und Träume haben keine Grenzen. Sobald wir aber unser Denken benutzen, um die Realität in Gedankenmodelle abzubilden, mit denen wir die Welt nach unseren Wünschen verändern können, brauchen wir Denkgesetze, nach denen wir die Begriffe verknüpfen: die Regeln der Logik und der Mathematik. Die Denkgesetze zwingen uns nicht, sie zu beachten, nur, wenn wir gegen sie verstoßen, werden sich die Denkmodelle anders verhalten, als die Realität, die sie darstellen sollen. Sie sind dann möglicherweise kunstvoll gestaltet und angenehm zu betrachten, doch damit sind sie unbrauchbar für die Umsetzung in die Wirklichkeit. Es wird viel über die Natur der Denkgesetze gestritten, etwa ob sie aus der Erfahrung stammen oder a priori gegeben, das heißt in der Natur des Menschengeistes verankert sind. Einen ähnlichen Streit gibt es unter Mathematikern, nämlich den Intuitionalisten und Formalisten. Hier ist nicht der Ort, näher auf diese filigranen Diskussionen einzugehen. Dass die Strukturen des menschlichen Denkens zumindest teilweise a priori gegeben sind, halte ich angesichts der Evolution des Gehirns für sicher, aber auch, dass es Denkgesetze gibt, die aus der Erfahrung, der Beobachtung des Verhaltens der realen Systeme, stammen. Jedenfalls können uns alle Denkgesetze nicht davor bewahren, dass unser Denken zu den vertracktesten Antinomien und Aporien führt und dass es letztlich unmöglich ist, unser Denken und uns selbst ganz zu begreifen. Die Möglichkeiten unseres Denkens sind eben recht begrenzt. Das sollten wir immer bedenken. Andererseits ist unsere Fähigkeit zu denken ein wunderbares Werkzeug,
wenn wir es mit Klugheit benutzen und unsere Grenzen beachten
Wenn man ein System untersucht, beginnt man damit, es in seine Elemente zu zerlegen. Dann beobachtet man deren Zusammenwirken und beschreibt es, nach Möglichkeit mit mathematischen Ausdrücken. Sehr komplizierte Zusammenhänge werden dadurch erhellt, dass man Abgrenzungen und Vereinfachungen vornimmt und eine möglichst ideale Darstellung anstrebt, wobei Abweichungen vom Ideal als zufällige "Verunreinigungen" aufgefasst werden. In diesem eng umgrenzten Darstellungsmodell fällt der Nachweis des Kausalnexus wegen der Überschaubarkeit des Sachverhalts einigermaßen leicht. Wenn man schließlich alle Bereiche des Systems auf diese Weise ausgeleuchtet hat, gilt das ganze System für erklärt. Warum aber das System zusammen mit anderen auf höherer Systemebene ungeahnte Systemeigenschaften entwickelt, bleibt weiter im Dunkeln. Die Verfolgung des Kausalnexus gerät so immer tiefer in die Welt der Elementarteilchen und landet schließlich im Quantenbereich, wo das Kausalgesetz seine Gültigkeit endgültig einbüßt. Überdies führt dieser Weg dazu, dass man den Gesamtzusammenhang aller Dinge aus dem Blick verliert und damit die Tatsache, dass die Komplexität es ist, was die Zukunft so unvorhersehbar macht. "Man hat die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band" würde Goethe an dieser Stelle bemerken. "Man kann nicht aus dem Bestehen eines Sachverhalts auf das Bestehen eines anderen schließen" sagt Ludwig Wittgenstein im Traktat. "Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube." Der Sachverhalt, den wir mit dem Kausalgesetz zu umschreiben versuchen, ist nichts anderes als die Vernetzung von allem mit allem in Verbindung mit der Tatsache, dass sich alle Systeme gemäß ihren Eigenschaften verhalten, soweit ihre Umgebung es zulässt. Das ist der Grund (causa) dafür, dass sich ähnliche System in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten. Da die Dinge sozusagen gar nicht anders können, weil es keinen vernünftigen Grund für große Unterschiede im Verhalten ähnlicher Dinge gibt, ist es keineswegs abwegig, von Notwendigkeit, Determinierung und Kausalität zu sprechen. Das Denken und Sprechen in Gesetzen und Begriffen ist, wie bereits früher betont, eine Eigenart der abstrahierenden Sprache. Von Kausalität oder von Ursache und Wirkung zu reden ist vor allem bequem, weil wir uns an diese Redeweise gewöhnt haben. Nur: Die Dinge behalten trotzdem einen beträchtlichen Spielraum, der Überraschungen zulässt und damit das ermöglicht, was wir Zufall nennen. Der Zufall wird gewöhnlich abgeleugnet, weil er angeblich dem Satz, nach dem alles einen zureichenden Grund haben muss, widerspreche. Die Vorbehalte gegen das Kausalgesetz der Naturwissenschaft sollten darum keinesfalls missverstanden werden: Den Satz vom zureichenden Grunde zu leugnen, liegt mir fern, denn es würde alles vernünftige Denken ad absurdum führen und im totalen Irrationalismus enden. Dann brauchte ich diesen Text gar nicht erst zu schreiben. Auch der Zufall hat seinen zureichenden Grund; es ist die Tatsache, dass die Welt Zeit und Raum für Veränderungen hat: Zeit ist die Möglichkeit der Veränderung, Raum die Möglichkeit der Vielheit. Solange sich die Welt überhaupt verändern kann, gibt es den Zufall; erst wenn alles erstarrt sein wird, ist die Welt vollständig determiniert. Sogar das anscheinend grundlose Springen der Elektronen auf ihren quantenmechanisch vorgegebenen Bahnen hat seinen zureichenden Grund: Es könnte sein, dass es jenseits der Grenzen unserer Beobachtungsinstrumente noch feinere Strukturen und Elemente gibt, die das Sprungverhalten der Elektronen begründen. Denkbar ist auch, dass Spontaneität zu denjenigen Eigenschaften der Urelemente gehört, die es möglich machen, dass die Materie auf höheren Komplexitätsebenen Leben, Bewusstsein, wenn nicht gar Geist entwickelt. Doch das sind wiederum transzendentale Fragen, die wissenschaftlich vielleicht nie beantwortet werden können, weil dazu der Sprung heraus aus dem System unserer Erkenntnis erforderlich wäre. Träfe beispielsweise die erste Vermutung zu, dass es feinere Strukturen gebe, die sich unserer Beobachtung entziehen, so gerieten wir wohl wiederum in die gleiche Zwickmühle, wenn wir Instrumente hätten, die diese Strukturen sichtbar machen. Doch dass es immer so weiter gehe, ist nur eine Denk- und keineswegs eine Natur-Notwendigkeit. Was die zweite Vermutung anlangt, wonach Spontaneität zu den Eigenschaften der Urelemente gehöre, so ist ihre Richtigkeit ebenso wenig beweisbar wie die der ersten, denn solange nicht bewiesen ist, dass es keine feineren Strukturen gibt, ist die Existenz der Spontaneität nicht zwingend. Man muss die exakte Wissenschaft überwinden, dann sieht man die Welt richtig Die Methode der Naturwissenschaft ist es, Sachverhalte so abzugrenzen, dass möglichst günstige Bedingungen für ihre Beobachtung entstehen. Nachdem der Sachverhalt auf diese Weise isoliert ist, wird er analysiert. Dann wird das Zusammenspiel seiner Elemente beschrieben. Damit gilt das Phänomen als erklärt. Diese Methode ist dem Denken des Menschen in Begriffen und Modellen angemessen. Der Wirklichkeit indes wird es nicht gerecht. Wenn man ein System oder einen Sachverhalt irgendwelcher Art aus dem äußerst komplexen Wirkungsgefüge herauslöst und seine Verbindungen mit der Umgebung kappt, sind streng genommen das System nicht mehr es selbst und der Sachverhalt nicht mehr derselbe. Sie werden vielmehr zum Modell dessen, was sie einmal waren. Geschieht das Herauslösen eines Objekts tatsächlich, das heißt auf der Ebene der Realität, kann es sein, dass es nicht mehr funktioniert oder gar, wenn es Teil eines Lebewesens ist, nicht mehr lebt. Wenn man es jedoch rein logisch, das heißt auf der Ebene des Gedankenmodells, herauslöst, ändert sich auf der Ebene der Realität nichts: Das Objekt bleibt, was und wo es ist. Man kann sich dann bei der Untersuchung leicht einbilden, es mit dem realen Objekt zu tun zu haben, weil dieses ja nach wie vor in seiner Umgebung verbleibt, funktioniert oder lebt. In Wahrheit indes schiebt man der Betrachtung unversehens einen Wechselbalg unter: eben doch ein - wenn auch nur logisch - isoliertes Modell. Man kann dem Modell gedanklich auch Verbindungen mit seiner Umwelt hinzufügen: Es ist und bleibt dennoch ein isoliertes, wenn auch erweitertes Modell, erweitert nämlich um das Modell desjenigen Teils seiner Umgebung, zu dem die Verbindungen bestehen. Die Schnittstelle ist nur um diesen Teil nach außen verschoben. Im Wesentlichen ist damit nichts gewonnen. Hier zeigt sich deutlich das Dilemma allen menschlichen Denkens. Wir müssen immer irgendwo einen Schnitt machen, um überhaupt denken zu können, doch dadurch verfehlen wir die Wahrheit, die ein unteilbar Ganzes ist. Je enger wir die Grenzen ziehen, desto übersichtlicher, einfacher und stimmiger wird das Modell, doch je weiter wir die Grenzen ausdehnen, desto unüberschaubarer, komplizierter und zweifelhafter wird es. Die Realität dagegen ist einfach: ein Schritt folgt zwanglos auf den anderen, der vorhergehende ist die Ausgangsbasis des nächsten wie bei der Rekursionsformel eines Fraktals. Nichts ist geregelt; was geschieht, machen die Elemente und Systeme unter sich aus, einfach so, kraft ihrer nackten Existenz. Das ergibt Komplexität und Ordnung, eine Ordnung freilich, die genau so gut anders sein könnte. Der Mensch dagegen will das zutiefst Regellose durch Gesetze und Begriffe erfassen - eine unlösbare Aufgabe. Er verhaspelt sich dabei in immer kompliziertere Modelle, von denen jedes im Ansatz - da nämlich, wo es noch einfach und überschaubar ist - richtig ist; doch in der hochkomplizierten Ausfaltung ist es ebenso falsch wie jedes andere. Die größten Hoffnungen hegt die Physik. Am untersten Ende der Systemhierarchien angesiedelt, braucht sie nach "unten" hin keinen Schnitt zu machen, denn die Grenze setzt die Realität selbst. Je mehr man sich der absoluten Grenze nähert, so scheint es, desto realistischer werden die Modelle. Dabei geht zwar nebenbei die Anschaulichkeit verloren, doch das ist nicht wichtig. Es kommt nicht so sehr darauf an, sich ein Bild zu machen als darauf, dass das Verhalten der Elemente exakt beschrieben und berechnet werden kann. Denn, so hofft man, hat man erst die Formel für die Beschreibung des Verhaltens der Grundbausteine dingfest gemacht, so hat man auch die "Weltformel" in der Hand. Mit ihr lasse sich, da ja (was die Wissenschaft als selbstverständlich voraussetzt) alles nach Maßgabe des Kausalgesetzes ablaufe, der Gang der Welt bis in die fernsten Zeiten vorausberechnen, wenigstens im Prinzip. Leider stößt die Physik ausgerechnet an ihrem Kap der guten Hoffnung auf die Grenzen des Kausalgesetzes. Es gibt keine erkennbare Ursache der Quantensprünge, die ein Elektron vollführt, wenn es ein Photon aufnimmt oder abgibt. Zudem gibt es Unschärfen im Bild, weil man niemals zugleich Ort und Geschwindigkeit eines Elementarteilchens bestimmen kann. Außerdem wird das Skalpell, mit dem der Physiker die Realität seziert, um in ihr Innerstes zu blicken, seltsam stumpf. Die energiereichste Strahlung, die verfügbar ist, reicht nicht aus, um Teilchen mit größerer Masse zu beobachten. Schließlich steht bei jeder Messung, die den kleinsten Teilchen ihre Informationen zu entreißen versucht, der Sendbote des Forschers seinem Objekt - sozusagen Mann gegen Mann - gleichberechtigt und gleich bewaffnet auf gleicher Ebene gegenüber. Dabei verschmelzen Instrument und Objekt zu einem neuen System mit neuen Systemeigenschaften, und die Informationen, die dabei herauskommen, betreffen nun nicht mehr das zu beobachtende, sondern das neue Objekt. Eine andere hoffnungsvolle Wissenschaft ist die Medizin. Als Wissenschaft von lebenden Objekten hat sie es schwerer, ein Objekt zu isolieren, denn wenn sie es isoliert, lebt es gewöhnlich nicht mehr. Vorteilhaft dagegen ist, dass sich vieles leicht mit einem mechanischen oder chemischen Modell vergleichen lässt, wie Blutkreislauf, Lunge, Herz und Leber. Zweischneidig ist die Tatsache, dass ein lebender Körper vieles von selbst erledigt, um das sich der Arzt wenig zu kümmern und das er auch nicht genau zu verstehen braucht. Der Chirurg kann sich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die Glieder, die er einfügt oder verbindet, zusammenwachsen und ihren Dienst aufnehmen. Wie das Zusammenwachsen geschieht, braucht er nicht unbedingt zu wissen. Die Kehrseite ist, dass dieses Nicht-wissen-Müssen der Medizin den Ruf einbringt, sie sei mehr Kunst als Wissenschaft. Doch das ist ungerecht: Jede Wissenschaft auf höherer Systemebene, die es mit komplexen Systemen zu tun hat, hört irgendwo auf, "exakte" Wissenschaft zu sein, teilweise und in vielen Bereichen, Es ist spätestens dann der Fall, wie eingangs dargelegt, wenn sie die Schnittstellen ihrer Modelle zur Realität überschreitet. Da sich das Leben in mittleren und hohen Systemebenen
abspielt, kann nicht die "Exaktheit" einer Wissenschaft das entscheidende
Wertkriterium sein. Maßstab jeder Bewertung ist der Beitrag, den
die Verwirklichung eines Werts zur Mehrung der Freude in der Welt leistet.
Gewiss sind Entdeckungen und Erkenntnisse unmittelbare Quellen der Freude
und somit gewissermaßen Werte an sich. Wissenschaft soll aber auch
helfen, das Weltbild in uns mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen,
soweit dies überhaupt möglich ist. Wir können nicht richtig
handeln, wenn wir von falschen Voraussetzungen ausgehen. Inhalt und Ziel
aller Erklärung sind das Wahre und das Gute. Nichts wird wirklich
erklärt, wenn man Kausalketten beschreibt, die so kurz sind, dass
der Kausalnexus mathematisch nachweisbar ist. Diese Kurzstrecken-Kausalität
verführt zu engstirniger Wissenschaft und führt dazu, dass sie
ihren Universalitätsanspruch verfehlt. Als Beispiel möge die
homöopathische Medizin gelten: Die Homöopathie arbeitet mit der
"Potenzierung" von Zubereitungen. Dabei werden Verdünnungsgrade erzeugt,
die keinen Raum für die Annahme lassen, dass auch nur ein einziges
Atom des Wirkstoffs in der Verdünnung zurückgeblieben sein könnte.
Im übrigen dürfen die Gefäße bei der Herstellung der
Verdünnungen nicht geschüttelt werden: Sie werden vielmehr zwecks
Vermischung gegen einen ledernen Buchrücken "geschlagen". Die Abwesenheit
des Wirkstoffs ist für die allopathische Schulmedizin ein Grund, die
homöopathische Medizin als Scharlatanerie zu verhöhnen. Weit
davon entfernt, mir ein Urteil darüber anzumaßen, wer in dieser
Frage Recht hat, gebe ich jedoch zu bedenken, ob nicht die frühere
Anwesenheit des Wirkstoffs in der Lösungsflüssigkeit gerade diejenigen
Strukturen hinterlassen hat, auf die es ankommt. Das "Schlagen" deutet
darauf hin, dass diese Strukturen durch chaotisches Schütteln zerstört
werden könnten. Strukturen enthalten Informationen. So wird es verständlich,
dass homöopathische Ärzte vom "Geist" der Wirkstoffe sprechen,
der in der Verdünnung zurückbleibt. Die Erfahrung, so heißt
es, spreche für die Homöopathie, was also, bitte, gibt der "exakten"
Wissenschaft die Legitimation, von jener den Nachweis des "Wirkungsmechanismus"
nach Art der Chemie oder Physik zu verlangen? Ähnliches gilt hinsichtlich
anderer Heilmethoden, beispielsweise der Akupunktur: Wenn Erfolge einwandfrei
nachweisbar sind, warum soll dann der Nachweis ihrer Wirksamkeit mit Methoden,
die dem Wissensgebiet nicht entsprechen, geführt werden? Wohl nur,
weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Palmström lässt grüßen.
Die Tatsache, dass jedes System dann und wann in Krisen gerät, in denen es Labilität bis hin zu chaotischem Verhalten aufweist, weist den Wissenschaften von komplexen System die Aufgabe zu, Anzeichen für beginnende Krisen aufzuspüren und Instrumente zu entwickeln, wie man in labilen Situationen die Weichen stellt, um das System möglichst bald wieder in einen stabilen Zustand, und zwar den besten der möglichen Folgezustände, zu versetzen. Wobei noch die Frage bleibt, welcher der beste ist. Es wäre indes verkehrt, Exaktheit und Komplexität der Wissenschaften gegeneinander auszuspielen. Wo Exaktheit sinnvoll ist, soll man sie nutzen. Wo sie nicht zu erreichen ist, soll man sie nicht krampfhaft durch maßlose Idealisierung und Vereinfachung herbeizwingen wollen. Die Verschiedenheit der Methoden spiegelt notwendig die Verschiedenheit der Sachverhalte wieder. Richtig angewandt, dienen alle Methoden der Mehrung des Wissens. Unser Wissen ist dank der Unvereinbarkeit des logischen Denkens mit der historischen Realität dürftig. Es ist und bleibt Stückwerk und ist doch unschätzbar wertvoll. Darum können wir auf keine Wissenschaft und ihre wohlverstandenen Methoden verzichten. Wenn der Mensch sein Wissen auch oft missbraucht, so kann er doch nie genug wissen, denn nur wenn er genug über die Welt weiß, kann er sich bewusst richtig verhalten und seine Aufgabe, die Evolution mit seinen besonderen Fähigkeiten zu rationalisieren und zu beschleunigen, erfüllen. Grund für Stolz oder gar Hochmut haben wir allerdings nicht. Es gilt wie immer, aus dem Gegebenen das Beste, das Optimum, zu machen. Vor allem muss man die unschätzbaren Verdienste der exakten Wissenschaften würdigen. Wissenschaft ist nicht eine erstarrte Institution. Sie ist ein System und ein Prozess, in dessen Verlauf sich das System ständig verändert. Dieser Prozess verläuft nicht geradlinig in ruhigen Bahnen. Er durchläuft immer wieder kritische und chaotische Phasen, die zum "Paradigmenwechsel" führen. Nach solchen wissenschaftlichen Revolutionen müssen weite Bereiche neu durchdacht und geordnet werden. In den ruhigen Zeiten zwischen den Krisen beherrscht das geltende Weltbild das Denken der Gelehrten. Niemand kann die Grenzen des Systems verlassen, doch innerhalb des gegebenen Horizonts werden die Erkenntnisse gewonnen, die den kommenden Paradigmenwechsel bewirken. So ist auch das neue Weltbild eine Frucht der exakten Wissenschaften. Das Wissen, das die Grundlage des Neuen bildet, wurde mit den Mitteln der exakten Wissenschaften erarbeitet. "Man muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem man auf ihr heraufgestiegen ist." (frei nach Wittgenstein, Tractatus 6.54) Das gilt heute auch für die exakten Wissenschaften. Man muss sie überwinden, dann sieht man die Welt etwas richtiger. (Eine voraussetzungslose Wissenschaft ist Utopie, denn jede Wissenschaft beruht auf Voraussetzungen, deren sie sich nicht bewusst ist. Selbstverständlich ist auch das neue Weltbild noch lange nicht das letzte Wort der Wissenschaft.) Schlimm ist nur, dass der Mythos der exakten Wissenschaften im Bewusstsein der meisten Menschen, der ungebildeten und der Gebildeten, der kleinen und großen, der Mächtigen und der Massen, so tief verankert ist, dass daraus verhängnisvolle Fehler im Denken und Handeln erwachsen. Es kann lange dauern, bis neue Denk- und Handlungsweisen an die Stelle der alten treten. Um so drängender ist die Aufgabe, den alten Glauben, der ein Aberglaube ist, zu bekämpfen. Das Universale Optimierungsproblem ist lösbar, aber nicht im Modell, sondern nur am Objekt selbst Die letzte und wichtigste Konsequenz, die sich aus der Komplexität
und Unüberschaubarkeit der Welt, aus dem unberechenbaren, chaotischen
Verhalten von Systemen, die in eine labile Phase geraten, und aus der nahezu
unendlichen Zahl der Systeme und Elemente ergibt, ist die: Wir müssen
die Hoffnung aufgeben, das Problem der Universalen Optimierung jemals in
der Weise lösen zu können, dass wir ein optimales Weltmodell
mit Hilfe von irgendwelchen ausgeklügelten Verfahren bestimmen, um
es dann systematisch in die Realität umzusetzen.
Wir müssten damit rechnen, dass im Bereich der Quantenphysik, da wo die Messwerkzeuge der Physiker stumpf werden, wo das mangelhafte Auflösungsvermögen Unschärfen im Bild des Geschehens hervorruft und das "Kausalgesetz" seine Gültigkeit verliert, Einflüsse von unbekannten Parametern jenseits der Grenzen unserer Beobachtungsvermögens auftreten, welche das Verhalten der Grundelemente unseres Modells unvorhersehbar und dieses dadurch unbrauchbar machen. Wir müssten auch sämtliche Prozesse in unseren Gehirnen modellieren. Selbst wenn uns das gelänge, müssten wir damit rechnen, das etwas in uns ist, das wir nicht ergründen könnten, weil es transzendental ist. Dieses Etwas, nennen wir es beispielsweise Bewusstsein, Geist oder Seele, könnte bewirken, dass wir uns anders verhalten als das Modell. Ich will damit nicht behaupten, dass es dieses Etwas gibt, denn das wäre eine Glaubensäußerung. Aber wir können es auch nicht ausschließen. Wenn wir nun einmal annehmen, das Unmögliche sei uns gelungen, so müssten wir auch den Faktor Zeit berücksichtigen: Wie lange hat es gedauert, bis das komplette Modell aufgestellt war und wie lange wird es dauern, bis die Optimierung durchgeführt ist? In dieser Zeit ist uns die Wirklichkeit gleich zweimal uneinholbar davon gelaufen. Wir hätten überhaupt keine Zeit mehr, um das Modell in die Wirklichkeit umzusetzen. Nur ein Wesen - es müsste göttliche Qualitäten besitzen - das den gesamten Ablauf der Welt mit einem Blick bis ins kleinste Detail überschaut, könnte den ersten Teil der Aufgabe lösen, nämlich die Aufstellung des Modells. Damit wäre aber noch nicht die Optimierung gelungen, es sei denn, das göttliche Wesen hätte auch die Fähigkeit, den optimalen Punkt auf einen Blick - sozusagen intuitiv - zu erkennen. Nur ein solches Wesen könnte systematisch und planmäßig darangehen, die Welt zu ihrem Optimum hinzulenken. Dieses Wesen allein besäße die Blaupausen der idealen Welt. Uns dagegen bleibt keine Wahl. Wir müssen auf Pläne und Blaupausen verzichten und uns sofort an die Arbeit machen an der Welt wie sie ist, eben so wie wir sie vorfinden. Das heißt allerdings nicht, dass wir ohne Sinn und Ziel ins Blaue hinein vorgehen müssten. Uns ist ja nur der Umweg über das Modell verwehrt. Das Modell müssten wir ja auch optimieren - warum sollten wir dann statt des Modells nicht gleich die Welt selbst optimieren? Als im zweiten Hauptabschnitt von Optimierungsmodellen die Rede war, hieß es, man könne die wesentlichen Eigenschaften der Optimierungsmodelle und -verfahren auf die Wirklichkeit übertragen. Dass dafür kein Simplex-Algorithmus in Frage kommt, bedarf wohl keiner Begründung mehr. Zielsuchverfahren dagegen sind durchaus geeignet, nur wird die Zielsuche nicht simuliert, vielmehr geschieht sie in der Wirklichkeit wie bei einer Rakete, die ihr Ziel dank dessen Wärmestrahlung von selbst findet. Zielsuchverfahren haben aber ein Problem: Es kann geschehen, dass der Suchprozess in einem Subobtimum hängen bleibt wie ein Ball, der einen Hang hinunterläuft und in einer Senke liegen bleibt, ohne die tiefste Stelle im Tal, das globale Optimum, zu erreichen. Doch auch dieses Problem ist lösbar. Simulierte Suchverfahren suchen stichprobenweise die weitere Umgebung nach Punkten ab, die günstiger liegen als das gefundene Suboptimum. Wenn wir die Welt selbst optimieren wollen, dürfen wir uns also nicht allein auf die kleinen Schritte verlassen. Wir müssen den Blick vielmehr immer wieder weit in die Ferne richten. Hierbei haben Visionäre, Utopisten und Weltverbesserer eine Aufgabe. Wir sollten sie hören, sollten bedenken, was sie sagen, und uns immer wieder fragen, ob das Erreichte, mag es uns auch noch so optimal erscheinen, wirklich schon das Universale Optimum ist. Es ist dies mit Sicherheit nicht. Aber ob die angepriesene Vision, Utopie oder Ideologie uns wirklich weiterbringt, ist ebenfalls zweifelhaft. Viele Weltverbesserungspläne werden benutzt, um möglichst viele Menschen für die Pläne derer, die nach Macht, Geld und Einfluss streben, zu gewinnen oder sie für die Zwecke von Demagogen gefügig zu machen. Darum sollte man ihnen allenfalls folgen, bis man die wahre Absicht erkennt, und nur so weit, als man jederzeit wieder zurückfinden kann. Suchverfahren lassen sich zudem durch "heurististische Prinzipien" beschleunigen. Das sind Sätze, die etwas darüber aussagen, was gemäß Logik oder Erfahrung nicht optimal sein kann oder umgekehrt, was sich schon öfters als vorteilhaft erwiesen hat. Als heuristische Prinzipien wirken viele Regeln, Sittennormen und Gesetze, allen voran der Dekalog vom vierten bis zehnten Gebot. Was könnte es auch schon Gutes bringen, wenn man mordet, die Ehe bricht, stiehlt oder lügt? Aber die Befolgung dieser Regeln für sich allein bringt die Welt noch längst nicht dem Universalen Optimum näher. Es handelt sich vielmehr um Faustregeln, die nur die ungefähre Richtung weisen und Ausnahmen zulassen. Von daher wird meine Behauptung verständlich, dass die Moral Dienerin der Freude sei oder sich zumindest bemühen sollte, es zu sein, wenn sie nicht ihren Sinn verfehlen will. Davon wird im übernächsten Hauptabschnitt noch ausführlich die Rede sein. Jedenfalls sind wir trotz aller Schwächen aufs beste gerüstet, um dem Universalen Optimum ein gutes Stück näher zu kommen. Darum gibt es Hoffnung.
Die Welt ist schließlich entstanden und hat uns hervorgebracht, ehe
wir mit unseren fragwürdigen Versuchen, sie zu "ordnen", anfingen.
Es fällt uns äußerst schwer zu begreifen, daß aus
"Chaos" ohne eine lenkende Hand Ordnung entstehen kann. Erst in neuester
Zeit haben Erkenntnisse zu den Themen Evolution, Fraktale, Katastrophen-
und Chaosforschung, vor allem aber zur Selbstorganisation der sich selbst
ordnenden, erhaltenden und steuernden - "selbstreferentiellen", "autopoietischen"
- Systeme endlich Wandel geschaffen. Mit Hilfe der von der Welt selbst
bereitgestellten Mittel können wir hoffen, die Komplexität der
Welt und damit auch des Problems der universalen Optimierung auf ein menschengerechtes
Maß zurückzuführen und das scheinbar Unmögliche im
evolutiven Dreischritt "Bewegen - Bewerten - Bewahren" zu schaffen. Darüber
mehr im folgenden Hauptabschnitt "Ordnung".
Hörigkeit
Konsequenzen: Die Vertreibung aus dem Paradies findet heute statt Das neue Bild der Wirklichkeit zwingt uns, gewohnte Sicht- und Verhaltensweisen von Grund auf neu zu überdenken. Die Werke des Menschen sind wie Fremdkörper in einem Organismus. Wegen der Komplexität der Welt versuchen wir die Welt mit Hilfe von Begriffen und Gedankenmodellen beschreiben. Diese vernachlässigen aber die Individualität und die Feinstruktur der Dinge. Unsere Begriffe, Modelle und Konstruktionen sowie die Erzeugnisse unserer Tätigkeit bilden eine Art Spielzeugwelt, in der die Begriffe die "Bauklötze" darstellen. Die Dinge, die wir schaffen, sind gleichsam von außen her nach dem Bild, der "Konstruktionszeichnung" unserer Begriffe geformt. Die natürlich gewachsenen Dinge dagegen bauen sich von innen her auf. Unsere Ordnungen sind Zwangsordnungen, welche den Dingen mehr oder weniger Gewalt antun. Im Gegensatz dazu werden die natürlichen Ordnungen durch die gegenseitige Beeinflussung der Dinge (Systeme) und ihrer Elemente zwanglos bewirkt. Darüber wird nach ausführlich die Rede sein. Die Ordnung, die wir den natürlich gewachsenen Dingen aufzwingen, wird deren innerer Struktur nicht gerecht. Darum stellt die Eigendynamik der Natur eine ständige Gefahr für unsere Zwangsordnungen dar. Unsere Werke sind ja, nach Umsetzung der gedanklichen Konstruktionen in die Realität, Teil der natürlichen Ordnung, in der sie wie Eisbrocken in warmem Wasser schwimmen. Betrachten wir ein künstliches Organ, ein künstliches Herz etwa oder eine implantierte Prothese: Es hat weder die Regenerationsfähigkeit des natürlichen Organs noch dessen Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Anforderungen. Es ist bei aller Finesse ein grober Klotz in einem filigranen Gebilde. Der Organismus, in dem es steckt, unternimmt alles, um es wieder loszuwerden, und nur durch die besondere Dauerhaftigkeit seines Materials behält es seine Form. Es unterliegt dennoch dem Verschleiß und muss ständig gewartet werden. Wenn es seine Funktionstüchtigkeit durch Verformung eingebüßt hat, muss es entfernt und von außen durch ein neues ersetzt werden. Die Instandhaltung unserer Werke verlangt uns deshalb einen immensen Aufwand ab. Das ist desto mehr der Fall, je komplizierter unsere Konstruktionen werden. Je weiter unsere Technik fortschreitet, je mehr wir unsere natürliche Umwelt durch künstlich geschaffene Dinge ersetzen, desto größer wird der Anteil des Erhaltungsaufwands an unserer Arbeitsleistung. Der Produktivitätszuwachs, den wir gewinnen, wird an einem gewissen Punkt durch steigende Investitions-, Installations- und Erhaltungskosten aufgezehrt. Bei fortschreitender Entwicklung werden die Kosten irgendwann sogar höher als der Nutzen. Wir können zwar, wie es im Falle des Computers geschieht, die Technik zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit unserer Werke einsetzen, aber den Vorteil, den wir so gewinnen, setzen wir umgehend wieder für noch gewagtere Konstruktionen aufs Spiel. Der technische Fortschritt ermöglicht immer abenteuerlichere Konstruktionen, und damit wachsen die Gefahren. Die Autos sind im Lauf der Jahrzehnte immer sicherer geworden: Die Straßenlage ist besser, die Reifen auch, es gibt Servolenkung und -bremsen, ABS, Antischlupfregelungen und Airbags. Aber der Sicherheitsgewinn wird durch riskantere Fahrweise zunichte gemacht; wenn dann ein Unfall geschieht, sind die Folgen schlimmer als früher, als man in kritischen Situationen noch langsam fahren musste. Auf Interkontinentalflügen, zwölf Kilometer
über dem Weltmeer und weit von der nächsten Küste entfernt,
beschleicht mich regelmäßig der Zweifel an meinem Mut, mit dem
ich ohne ernstliche Bedenken darauf vertraue, dass Tausende von hochbelasteten
Einzelteilen der Flugmaschine zwölf Stunden und länger ohne Schaden
ihren Dienst versehen. Die Gestalt des Direktors Rivière aus Antoine
de Saint-Exupérys "Nachtflug" kommt mir in den Sinn und sein gnadenloser
Kampf gegen jegliche Nachlässigkeit, die so gefährlich ist, weil
der Tod durch die kleinste Ritze in der Bespannung, durch jedes gebrochene
Niet eindringen und das große Werk des Aufbaus nächtlicher Flugverbindungen
zwischen den Kontinenten in Verruf bringen kann. Heute ist die Sicherheit
der Geräte bedeutend höher als zu Zeiten des Südkuriers,
besonders bei den Großflugzeugen. Aber auch diese stürzen ab,
und dabei kommen gleich Hunderte ums Leben.
Mit dem Fortschritt der Technisierung, der Rationalisierung, der Zivilisation und der Verstädterung geraten wir somit unausweichlich immer tiefer in die Zwangsjacke der Abhängigkeit von der Technik. Die Vielschreiber von der Zunft der Schwarzmaler haben schon seit Jahrzehnten vor dem Moloch Technik gewarnt und damit Vermögen verdient. Aber es ist nicht die Technik, die sich über den Menschen erhebt und ihn auffrisst. Es ist vielmehr der Mensch selbst, der sich in verblendeter Überschätzung seiner Fähigkeiten an sie versklavt, indem er sich auf Kosten der ihn tragenden und befreienden Selbsterhaltungskräfte der Natur immer tiefer in seine Spielzeugwelt verliert, die er nur funktionsfähig halten kann, wenn er sich ganz und gar in ihren Dienst stellt. Er muss all seine Zeit und Kraft an ihre Entwicklung, Erneuerung und Erhaltung setzen und seine ganze moralische Kraft der für die Sicherheit nötigen Disziplin widmen. Die Gesellschaft wird, wie wir heute zu sagen pflegen, zur Leistungsgesellschaft. Der Prozess der Technisierung und Rationalisierung zeigt dabei eine unwiderstehliche Dynamik: hin zum immer höher, immer weiter, immer schneller, immer glänzender, immer komplizierter. Es ist eine Art Evolution: Das Bessere ist der Feind des Guten. Nur das hat Bestand, was den Eindruck erweckt, allen Konkurrenten überlegen zu sein. Es ist gewiss nicht schlecht, dass die technischen Erzeugnisse immer besser werden, und deshalb gibt es niemanden, der das Prinzip in Frage stellt. Ja das Prinzip ist so gut und wirksam, dass offenbar keine Alternative auch nur die kleinste Erfolgsaussicht hätte. Nur, das Prinzip zwingt uns dazu, uns immer tiefer in die Zwänge der Rationalisierung und der Abhängigkeit von der Technik zu verstricken. Der Konkurrenzkampf der Produkte weitet sich zum gnadenlosen Konkurrenzkampf der Menschen um Geld, Arbeit und soziale Sicherheit aus. Diesem Kampf kann sich kaum jemand entziehen. Geld, Macht und Reichtum an materiellem Besitz werden zu Götzen des modernen Menschen. Freude wird nur mehr denkbar als Funktion materieller Güter. Je härter der Konkurrenzkampf wird, desto weniger Menschen haben die Kraft, in ihm zu bestehen. Desto mehr aber fallen aus der Leistungsgesellschaft heraus und müssen zusehen, wie die anderen immer reicher werden. Die wenigsten schaffen den Wiedereinstieg. Den kräftezehrenden Kampf der im Arbeitsprozess Befangenen um ihren Verbleib aber sehen sie nicht oder sie vergessen, wie es ihnen selbst vor dem Absturz erging. Die materialistischen Zielvorstellungen dagegen bleiben ihnen erhalten, ja der Materialismus ist bei den Armen stärker ausgeprägt als bei den Reichen, denn was man nicht hat, schätzt man mehr als das, was man besitzt. Jene werden von Unzufriedenheit, Minderwertigkeitsgefühlen und Neid gepeinigt und sind ebenso verzweifelt wie vergeblich bemüht, am Wohlstand der Gesellschaft teilzuhaben. Das wiederum fordert den Widerstand der Wohlhabenden heraus; sie benutzen ihre Macht, um sich gegen die Ansprüche und Aneignungsversuche der anderen abzuschirmen. So kommt es, dass sich um die wirtschaftlichen Metropolen der "unterentwickelten" Länder ein Gürtel armseliger Hütten bildet, wo der Unrat der Massen und ihre vergeblichen Hoffnungen, angesichts des Luxus, das Elend auf die Spitze treiben. Das Elend der Zukurzgekommenen in den "reichen" Ländern ist besser versteckt, aber nicht minder ätzend. Alles in allem: Der Mensch verdrängt die Natur. Technische Anlagen und Wohngebiete beanspruchen immer größere Räume. Die Rohstoffe werden verheizt oder in unbrauchbaren Müll verwandelt. Die im Elend lebenden Menschen vermehren sich und breiten sich über die Erde aus; in ihrer Not verzehren, verfüttern und verheizen sie alles, was von der Natur noch übrig bleibt, bis auch sie selbst sterben und eine Wüste zurücklassen. Nur ein paar Reiche und Mächtige - die skrupellosesten - und ihre Sklaven überstehen den Endkampf. Vielleicht. Wir sind auf dem besten Weg, die Welt zum Raumschiff
zu machen, in dem nichts mehr von selbst funktioniert. Sogar Automaten
versagen ihren Dienst, wenn sie nicht regelmäßig mit Sorgfalt
gewartet werden. Das ganze Leben der Menschen in diesem Raumschiff hat
nur noch zum Ziel, die Maschine am Laufen zu halten. Das beansprucht ihr
ganzes Denken und ihre ganze Kraft. Alle Freude erschöpft sich in
der Erleichterung, die man nach der gelungenen Arbeit an einem neuen Produkt
oder der erfolgreichen Reparatur eines alten verspürt. Natur ist nur
noch als Dekoration und in der Nahrungsmittelwerbung zu finden. So findet
die Vertreibung aus dem Paradies in der Gegenwart statt. Wir vertreiben
uns selbst und verbannen uns, wie Max Weber es nennt, in das "stahlharte
Gehäuse der Hörigkeit".
******* Hörigkeit Ende ******* Technik: Das Extrem liegt irgendwo in der Mitte Dieser Satz klingt paradox. Er bedarf der Erklärung: Mit dem Extrem ist das Optimum gemeint als Extremwert der Zielfunktion, eben das Beste oder genauer das Bestmögliche. Das Motto der Technik ist das gleiche wie das des Sports: Immer höher, schneller, weiter! Wir suchen das Heil im Extremen, statt in der Mitte nach dem Besten zu suchen. Dabei ist Technik nicht in sich schlecht, sondern gut und nützlich. Sie macht uns das Leben leichter, gibt uns eine Menge Sicherheit, verhindert und heilt viele Krankheiten, erschließt uns ungeahnte Erlebnisräume, kurz: Sie dient der Freude auf höchst mannigfaltige Weise. Vor allem ist die Technik eine starke Leistung der menschlichen Fähigkeit, den Lauf der Dinge vorauszusehen und zu beeinflussen. Die Natur kann nicht planen; die erstaunliche Zweckmäßigkeit, die uns vor allem in den Lebewesen begegnet, ist nicht etwa das Ergebnis einer vorausschauenden Planung. Sie ist vielmehr die Folge der überbordenden Fülle verwirklichter Möglichkeiten, deren Werke im Nachhinein durch die schlichte Tatsache ihrer Beständigkeit ihren Platz an der Sonne erwerben. Die Natur braucht den Menschen mit seiner Fähigkeit, zu planen, zu kalkulieren und die Folgen seines Tuns abzuschätzen. Im Gang der Evolution ist sie ein gewaltiger Fortschritt, ja ein Entwicklungssprung ohnegleichen. Dieses neue Element, das teleologische Prinzip, ist geeignet, die Evolution zu rationalisieren und enorm zu beschleunigen. Es wäre deshalb äußerst unvernünftig, der Technikfeindlichkeit das Wort zu reden. Das Problem liegt einzig darin, dass der Mensch in seiner Arbeitswut, die nichts ist als verkappte Verspieltheit, keine Grenzen kennt. Der Zeitgewinn, den uns die Rationalisierung bringt, geht verloren, weil man sich ständig mit den Tücken der Technik herumschlagen muss. Wir werden noch häufig auf ähnliche Sachverhalte stoßen, wo man maßlose Übertreibungen und andere Missstände nicht einfach dadurch beseitigen kann, dass man das "Grundübel" ausrottet, weil dieses bei verständiger Übung durchaus gute Seite hat, ja meist sogar unverzichtbar ist. Aber wo liegt die Grenze? Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik die Tugend als Mitte zwischen zwei Extremen definiert, zum Beispiel den Mut als Mitte zwischen Feigheit und Leichtsinn. Aber die Tugend liegt, wie die Wahrheit, selten genau in der Mitte. Meist liegt das eine Extrem bei Null und das andere strebt nach Unendlich. Hier gibt es überhaupt keine Mitte. Gesucht wird vielmehr der Punkt, an dem jedes Mehr oder Weniger eine Verschlechterung bewirkt. Es ist der klassische Fall eines Optimierungsproblems. Das Optimum ist sozusagen die "extreme Mitte", der Punkt nämlich, der den höchsten, den extremen Vorteil bietet. Indes, für die Frage, wie viel Technik es denn bitte sein dürfe, geben diese Überlegungen im konkreten Fall nichts her. Wie will man etwa entscheiden, ob dieses oder jenes Gerät, Bauwerk, Programm oder Forschungsprojekt die Grenze des Optimalen überschreitet? Zudem ändern sich die Verhältnisse laufend. Was heute überflüssig ist, kann morgen brotnötig sein. Wer weiß, ob nicht eines Tages die Atom- oder Gentechnik die letzte Rettung der Menschheit bringt? Und doch sind diese Überlegungen nicht unnütz, sondern zwingend, weil sie zeigen, dass uns nicht Beliebigkeit, Willkür und das freie Spiel der Kräfte voranbringen, dass vielmehr die Suche nach dem Optimum das Maß aller Dinge sein muss. Zwar weiß kein Mensch, wo die optimale Grenze liegt. Darum darf keine Macht der Welt, darum darf niemand sich anmaßen, durch Gesetze, Bürokratie oder gar Gewalt und Maschinenstürmerei die Grenze zu setzen. Andererseits muss sich jeder bei allem, was er tut, die Frage vorlegen, ob er damit die Freude in der Welt mehrt oder mindert. Die Freiheit der Wissenschaft, des Welthandels oder wessen auch immer, kann niemanden von seiner Verantwortlichkeit entpflichten. Wie und ob dieses Problem eine Lösung findet, darauf wird noch zurückzukommen sein. Eines ist aber längst klar: Durch einfaches Nachdenken oder durch "wissenschaftliche" Technikfolgenabschätzung, gewissermaßen "more geometrico", lässt sich keine Lösung finden. Die Welt ist zu komplex für simple Optimierungsmodelle, die mit den groben, unzulänglichen Werkzeugen des begrifflichen Denkens mit seinen unzulässig vereinfachenden Abstraktionen arbeiten. Und noch eins ist klar: Die Vorstellung einer
vollständig durchrationalisierten Welt, in der alles von Menschenhand
geschaffen und kontrolliert wird, wo der Zufall keine Chance mehr hat,
in der absolute Sicherheit herrscht und die Medizin den Tod besiegt, dieses
ultimative technologische Projekt, ist Utopie. Schlimmer: Ein Alptraum.
******* Technik Ende *******
Viele glauben jeden Unsinn, nur nicht an Gott. Ich glaube an Gott und sonst nichts. Glauben hat, wo es um Wissen geht, nichts zu suchen. Umgekehrt hat Wissenschaft nichts zu suchen, wo es um Glauben geht. Der Positivismus (auch der juristische) wird offenbar gründlich verkannt, am meisten von seinen Anhängern. Zu Unrecht berufen manche sich auf Ludwig Wittgenstein, der im Traktat (6.55) sagt: "Die richtige Methode der Wissenschaft wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt..." Im Abschnitt vorher (6.522) sagt er: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische." Und nicht weit davor (6.44) heißt es: "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist." Diese Sätze klingen wie in Felsen gebrochen, so als ob Wittgenstein sagen wollte, das sei das Fundament seines Denkens. Mehr über das Unaussprechliche zu sagen, verbot er sich in Konsequenz seiner Gedankenführung selbst. Damit sagt er über das Transzendentale alles. Er leugnet das Transzendentale, sogar das Transzendente, mit keinem Wort. Er verneint nur, dass man über Transzendentes etwas Zutreffendes aussagen könne. Wenn man dieses gedankliche Umfeld beiseite fegt, bis nur der Satz bleibt: "Nichts sagen, als was sich sagen lässt": Dann hat der radikalste Positivismus freie Bahn. Dann existiert in dieser weiten Welt tatsächlich nicht mehr als das, was wissenschaftlich beweisbar ist. Transzendental ist, was die Grenzen unserer Denkfähigkeiten übersteigt oder so berührt, dass wir nicht "dahinter" kommen. Transzendent ist dagegen, was jenseits unserer Grenzen liegt. Deshalb ist evident, dass wir über das Transzendente nichts sagen können, ja nicht einmal, dass es überhaupt Transzendentes gibt. Wenn es aber Transzendentes gibt, können wir darüber nur aussagen, was jemand, der über die Grenzen unseres Wissens hinauszublicken vermag, uns darüber mitteilt. Wir können diesem Jemand glauben oder nicht. Die Frage aber, ob wir ihm glauben oder nicht, ist keine Frage des Wissens, sondern wiederum eine Frage des Glaubens. Ein Atheist beispielsweise ist ebenso ein Glaubender wie etwa jeder gläubige Christ - womöglich noch mehr. Glaubensentscheidungen sind im Wesen Willensentscheidungen: Ich will an Gott glauben, also glaube ich. Ich will nicht an Gott glauben, also glaube ich nicht. Wissenschaftlich gesehen, sind beide Entscheidungen gleichwertig. Wer dies bestreitet, verlässt den Boden der Wissenschaft und verliert den Anspruch, wissenschaftlich ernst genommen zu werden. Radikaler Positivismus ist unwissenschaftlich. Ein Positivismus dagegen, der wie Wittgenstein lediglich saubere Grenzen zieht, ist für die Wissenschaft unentbehrlich. Mit dem Transzendentalen verhält es sich so: Gödel und Tarski haben bewiesen, dass es unmöglich ist, ein System, auch wenn es in sich vollkommen widerspruchsfrei ist, hinsichtlich seiner Übereinstimmung mit der Realität abschließend zu beurteilen, solange man sich innerhalb der Grenzen dieses Systems bewegt. Eine Bilanz kann auf den Pfennig stimmen und dennoch ein einziger Schwindel sein. Man muss also über das System hinausspringen, um es beurteilen zu können. Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass man alles Transzendente leugnet. Das wäre zu einfach, denn schon der Begriff Grenze schließt den Gedanken ein, dass jenseits von ihr etwas existiert. Ob etwas existiert oder was es ist, was jenseits der Grenzen unserer Erkenntnismöglichkeiten liegt, können wir weder sagen noch beweisen und noch weniger abstreiten. Ja wir wissen nicht einmal, wo die absoluten Grenzen unseres Wissens liegen. Noch vor wenigen Jahrhunderten endete unser Horizont an den damals sichtbaren Objekten des Firmaments; heute wissen wir, dass unser ganzes Sonnensystem ein winziger Teil des Universums ist. Grenzen sollte man sich indessen nicht rein sinnfällig-räumlich denken. Gewiss, Raum ist die Möglichkeit der Vielheit und insofern ist Grenze ein ursprünglich räumlicher Begriff. Zeit ist die Möglichkeit der Veränderung, und dass in der Zeit vieles entsteht und vergeht, erlaubt uns, von einem "Zeitraum" und seinen Grenzen zu sprechen. Grenzen existieren nicht wirklich, sondern nur logisch. Sie sind die gedachte "Linie", die eine Untermenge von ihrer Obermenge scheidet. Der Mensch ist grenzenlose Leere, die nach grenzenloser Fülle strebt. Darum erleben wir Grenzen als schmerzlich. Wir wollen uns nicht mit ihnen abfinden und versuchen, sie zu durchbrechen. Wir wollen erkennen, was dahinter liegt. In diesem endlosen Streben stoßen wir allenthalben auf solche Grenzen. Wir haben solche Grenzen nicht gewollt und erst recht nicht gemacht, sie zeigen sich vielmehr. Jedes Mal, wenn wir auf solch eine Grenze stoßen, müssen wir uns fragen: Ist diese Grenze absolut oder können wir sie überwinden? Wenn wir irgendeine Grenze für absolut halten, die es nicht ist, vergeben wir die Möglichkeit, sie jemals zu durchbrechen. Also sind wir auf Grund unseres Wesens dazu verurteilt, keine Grenze anzuerkennen, mögen wir uns auch noch so blutige Schädel holen, wenn wir eine absolute Mauer einzurennen versuchen. Der radikale Positivismus leugnet mit der Existenz des Transzendenten zugleich, dass es überhaupt eine Grenze des Erkennens gebe. Demnach gäbe es nur überwindbare Schwierigkeiten. Für die Praxis macht es zunächst keinen Unterschied, ob meine Schwierigkeiten nur vorübergehend sind oder ob ich es mit einer absoluten Grenze zu tun habe, von der ich ja nicht weiß, dass sie unüberwindbar ist. Aber für die Beurteilung des Weltbilds und das sich darauf gründende Verhalten ist es entscheidend, ob man wenigstens die grundsätzliche Möglichkeit von Grenzen und damit der Existenz des Transzendentalen und des Transzendenten anerkennt oder nicht. Wer es nicht tut, gleicht der Fliege, die im Inneren einer großen Kugel lebt und aufgrund ihrer Erfahrung die Existenz der Sonne leugnet. Die Erfolge der "exakten" Wissenschaft haben in den Köpfen vieler Wissenschaftler und wohl der meisten Nicht-Wissenschaftler den Glauben bestärkt oder verfestigt, menschliche Erkenntnis sei grenzenlos und was nicht beweisbar sei, existiere nicht. Viele philosophisch denkende Naturwissenschaftler sind sich der Grenzen vollauf bewusst, aber auch ihnen fällt es schwer, ihre Skepsis zu begründen, zumal es ihrer Reputation schaden könnte, wenn sie dadurch als "Meta"-Physiker in Verruf gerieten. Metaphysik im Sinne einer Art Grenz-Physik ist notwendig und keineswegs unwissenschaftlich. Wie könnte unwissenschaftlich sein, was die Grenzen einer Wissenschaft von innen her ausforscht? Wissenschaftliche Metaphysik muss sich jedoch hüten, inhaltlich etwas über das Transzendente aussagen zu wollen, es sei denn in streng hypothetischer Form, etwa so: Wenn es Gott gibt und er so in den Lauf der Welt eingreifen wollte, dass kein Naturgesetz verletzt, kein Wesen in seiner freien Entfaltung behindert und dabei keine Spur seines Eingriffs nachweisbar wären, könnte er dies in einem der vielen Verzweigungspunkte tun, in denen die kleinste Verschiebung der Gewichte das System in einen bestimmten von mehreren möglichen Pfaden lenkt. So wie der Schmetterling im Gleichnis vom Taifun diesen von den Japanischen Inseln abhält und ihn auf den offenen Pazifik hinausschickt - sozusagen der Engel des Herrn im Gewande des Schmetterlings. Wenn also ein "Schmetterlingseffekt" möglich ist, dann ist es auch möglich, dass viele der glücklichen Zufälle, die sich in der Evolution des Universums bis heute ereigneten, nicht reines Roulette sind, sondern die Fügung einer lenkenden Hand. Gewiss ist das keine "exakte" Wissenschaft im klassischen Sinne mehr. Auch das gehört zu deren notwendiger Überwindung. Eine solche Argumentation muss sich jedoch hüten zu behaupten, es sei so und Gott sei der Urheber. Das zu tun oder zu lassen ist Sache der Glaubensverkünder und Theologen. An diesem Beispiel lässt sich ermessen, wie viel eine wissenschaftliche Grenz- oder Metaphysik dazu beitragen kann, Glaubensfragen in vernünftiger Weise zu stellen und zu beantworten und somit möglichen Glauben von unmöglichem Aberglauben zu scheiden. Ich verstehe katholische Theologen wie Eugen Drewermann nicht, die ihrem allmächtigen Gott nicht zutrauen, was jede geschickte Genetikerin kann, nämlich in einer Frau in Abwesenheit eines Mannes ein Kind zu zeugen. Indessen reicht das Feld einer Grenz-Physik sehr viel weiter. Es gibt mancherlei transzendentale Sachverhalte, deren physikalische Klärung viel zu unserem Weltverständnis beitragen könnte. Gödel und Tarski verstehe ich hinsichtlich unseres Selbstverständnisses so: Wir vermögen uns nicht einmal selbst zu begreifen, weil unser Begreifen auf unsere Denkfähigkeit angewiesen ist und wir - was logischerweise unmöglich ist - über uns selbst hinausdenken müssten, um unser Wesen zu verstehen. Wir wüssten ja nicht einmal, was im Denken und Fühlen anderer Menschen vor sich geht, wenn wir nicht glaubten, er sei ähnlich wie wir. Da wir andere Menschen nur durch Analogie zu uns selbst verstehen können, reicht unser Verständnis des Menschen nur so weit wie unser eigenes, doch das ist auf unsere "Innenansicht" beschränkt und insofern nicht qualifiziert genug, um es abschließend, das heißt von außerhalb des Systems, das wir sind, zu beurteilen. Die Liste der transzendentalen Sachverhalte ist
lang, z.B. Was ist Materie? Was hat den Urknall ausgelöst? Gibt es
den Urknall überhaupt? Wie und wann wird das Universum enden? Wird
es überhaupt enden oder gibt es eine endlose Kette von Expansionen
und Kontraktionen? Gibt es noch andere Universen? Gibt es in unserem Universum
noch andere Intelligenzen als uns? Ist Geist eine Eigenschaft der Materie
oder eine eigenständige Substanz? - Im vorliegenden Text weise ich
häufig auf mögliche transzendentale Sachverhalte hin. Viele dieser
Fragen sind Was-ist-Fragen. Man kann diese zwar wie Popper für müßig
erklären und oft sind sie es auch, aber die Tatsache, dass wir sie
stellen, zeigt, dass wir ein existenzielles Interesse an ihnen haben. Freilich
sollte man sich nicht über Gebühr damit aufhalten, eben weil
sie ja transzendental und wahrscheinlich allein im Glauben einer Antwort
fähig sind. Und doch ist es wichtig, dass die Wissenschaft sich im
Rahmen ihrer Möglichkeiten mit ihnen befasst, weil wir von vornherein
niemals wissen können, inwieweit sie erforschbar und insoweit nicht
wirklich transzendental sind.
******* Transzendental Ende *******
Gerechtigkeit ist nicht im Gesetz
Es scheint theoretisch nicht übermäßig schwierig, die ideale Welt zu verwirklichen. Jedermann weiß doch, wie eine ideale Welt aussehen muss: Wohlstand für alle in standfester Gesundheit, soziale Gerechtigkeit, saubere Luft und sauberes Wasser; Friede und Freiheit, absolute Sicherheit, immer schönes Wetter und zugleich genug Regen; Arbeit für alle, aber bitte nicht zu viel, sinkende Preise, steigende Löhne und dazu Schutz vor Rationalisierungsmaßnahmen. Dass die Welt alles andere als ideal ist, scheint nur die Folge etwa der Unfähigkeit der Politiker oder einer Verschwörung mächtiger Dunkelmänner zu sein. Leider kennen wir nur die Eigenschaften der idealen
Welt, aber niemand weiß, wie eine Welt, die solche Eigenschaften
auszeichnen, konstruiert sein muss. Im Gedankenmodell lassen sich in einem
Objekt Eigenschaften vereinen, die in der harten Realität unvereinbar
sind. Angesichts der verwirrenden Komplexität des Daseins leuchtet
ein, dass die ideale Welt, wenn überhaupt, dann nur schwer zu verwirklichen
ist, nicht allein praktisch, auch theoretisch.
Zwar hat auch der Mensch viele naturgegebene Grenzen, aber die Freiheit stellt alle anderen Eigenschaften in den Schatten. Seine Intelligenz befähigt ihn zudem, natürliche Grenzen zu überwinden und so seinen Freiraum auszuweiten. Wenn seinem Verhalten Grenzen gesetzt werden sollen, muss der Mensch sie sich selbst ziehen. Die Grenzen seines Verhaltens zu beschreiben, ist darum eine Aufgabe der Gesetze. Eine zweite kommt hinzu: Anders als die Natur kann sich der Mensch Ziele und Zwecke setzen. Er kann zwischen verschiedenen Verhaltensweisen wählen, je nachdem sie ihn seinen Zielen näher bringen oder seine Zwecke erfüllen. Gesetze sind auch dazu da, ein zweckmäßiges Verhalten zu beschreiben. Es versteht sich deshalb von selbst, dass eine Gesellschaft freier Wesen auf andere Weise geordnet sein muss als beispielsweise eine Population von Tieren, deren Verhalten weitgehend durch angeborene Eigenschaften und Umgebung bestimmt ist. Was geschieht, wenn von den angeborenen Eigenschaften des Menschen Egoismus und Aggressivität eine Gesellschaft beherrschen, kann man ermessen, wenn man sich die Kriege und Massaker der Geschichte vor Augen führt. Die Intelligenz des Menschen macht ihn, wenn sie in den Dienst der Selbstsucht gestellt wird, zum gefährlichsten Raubzeug im Universum, demgegenüber das wildeste Tier wie ein Schoßhündchen anmutet. Von daher scheint die Meinung begründet, der Mensch sei von Natur aus so schlecht, dass er nur mit Gewalt zum Guten gezwungen werden könne. Wäre diese Meinung richtig, hätten sich die Menschen längst selbst ausgerottet. Doch der Mensch ist immerhin klug genug, es einzusehen. Dank seiner Fähigkeit zu denken findet er schnell heraus, dass er nur leben kann, wenn er sich anderen gegenüber so verhält, wie es die anderen von ihm erwarten. Zwar kann er nicht unmittelbar empfinden, was andere denken und fühlen, doch gemäß der Erfahrung, dass sich ähnliche Systeme ähnlich verhalten, begreift er, dass die anderen ähnlich denken und fühlen wie er. Also kann er davon ausgehen, dass die anderen von ihm genau das Verhalten erwarten, das er selbst von ihnen erhofft. Damit hat er schon die "Goldene Regel der Moral", nämlich das Gegenseitigkeits- oder Reziprozitäts-Prinzip gefunden. Sie ist das Fundament der wichtigsten Gesetze, Normen und Regeln. Zwar wird die Goldene Regel oft genug durchbrochen, weil Selbstsucht und Aggressivität immer wieder die Oberhand gewinnen, aber dadurch, dass der Gesetzesbrecher auf Selbstsucht und Aggressivität der Verletzten trifft, wird er schnell auf den Pfad des Gesetzes zurückgeführt. Leider geschieht es nur zu oft, dass der Ungeist von Selbstsucht und Aggressivität ganze Völker erfasst und die berüchtigten Kriege und Massaker der Geschichte auslöste und immer noch ähnliche auslöst. Gewalt ist deshalb das Übel der Übel, das es mit viel Mut, Intelligenz und Geduld zu bekämpfen gilt. Was wir heute erleben, ist der Versuch, die Gemeinschaft der Völker im Kampf gegen die Gewalt zu vereinen. Dass es noch nicht gelungen ist, darf uns nicht entmutigen. Wir stehen am Anfang und müssen unendlich viel lernen. Bis es gelingt, werden Hekatomben von Opfern fallen. Aber nichts darf uns hindern, es immer und immer wieder zu versuchen, bis wir es schaffen. Darum ist es die erste Aufgabe der menschlichen Gesellschaft, sich so zu organisieren, dass sie Gewalt und Verbrechen zu bekämpfen vermag. Dazu braucht sie Gesetze, die der Willkür der Menschen Grenzen setzen. Dazu braucht sie aber auch Gesetze als Organisationsnormen, die das gemeinsame Handeln zum Zweck der Abwehr innerer und äußerer Feinde ermöglichen. Über diese vornehmste Aufgabe, die dem Staat als der stärksten Territorialmacht zufällt, hinaus kann die Gesellschaft zahlreiche weitere Leistungen zum Wohl ihrer Mitglieder übernehmen. Dazu braucht sie eine Menge weiterer Organisationsnormen. Bis zu einem gewissen Grad braucht die Gesellschaft auch Gesetze und Normen, welche die wichtigsten sittlichen Grundsätze kodifizieren und darauf hinwirken, dass sie auch eingehalten werden. Darüber wird noch im Abschnitt über die Moral als Dienerin der Freude eingehend zu reden sein. Indes: Die wenigsten Staaten bleiben bei den vernünftigen Grenzen ihrer Wirksamkeit stehen. Auch ihre Bürger willigen gern darin ein, dass der Staat immer mehr Aufgaben übernimmt. Die Modellvorstellung von der idealen Welt als eine Art sozialer Maschine, die vom Gesetzgeber konstruiert und durch ein Regelwerk von Gesetzen in Gang gehalten wird, ist zu verlockend, als dass sie entschlossenen Widerstand fände. Sie verschafft den Bürgern das Gefühl der sozialen Sicherheit und enthebt sie der Verantwortung für das Allgemeinwohl. Die Konsequenzen sind schwerwiegend: Der Mensch wird sozusagen zum Rad in einer Art Maschine gemacht, die alle möglichen Zwecke, gerechtfertigte und ungerechtfertigte, erfüllt. Er wird dadurch über Gebühr in seinem sittlichen Handeln behindert. Gesellschaftliche Modelle, die von - anfangs oft durchaus gutwilligen - Ideologen, Utopisten, Visionären und anderen Weltverbesserern konstruiert und von interessierten Politikern propagiert werden, sind verführerisch. Ihr besonderer Charme liegt in ihrer Kompliziertheit, die es plausibel macht, dass es geraume Zeit dauern werde, bis die Vollendung erreicht sei. Bis dahin gibt es für Gesetzgeber, Richter, Juristen, Polizisten, Bürokraten u.s.w. eine Unmenge zu tun. Ihre Arbeit wächst unter ihren fleißigen Händen ins Unermessliche; immer neue Aufgaben wachsen ihnen zu. Entsprechend wachsen ihr Ansehen, ihre Macht, die Zahl ihrer Untergebenen und ihre Bezüge. Politiker ziehen mit der Laterne durchs Land auf der Suche nach Missständen, die sie mit der geballten Macht des Staates, neuen Ämtern und Behörden, neuen Vorschriften und Kontrollen und vor allem viel, viel Steuergeldern, beseitigen, um sich zu profilieren. Die, welche Diener des Volkes sein sollten, werden unversehens zu seinen Herrschern. Gewiss, viele, wenn nicht die meisten, glauben gute Arbeit zu tun. Sie glauben an ihren Auftrag und daran, dass ihr Wirken segensreich sei. Ja sogar viele Bürger glauben es ihnen. Aber viele betreiben dieses Geschäft auch mit vollem Bedacht und Vergnügen. Dieser Prozess ist unabhängig von der Staatsform. Auch die viel gepriesene Demokratie bleibt nicht davor verschont. Die Demokratie ist gewiss keine gute Staatsform, aber es gibt keine bessere. Doch selbst die Demokratie neigt zum Totalitarismus. "Mehr Demokratie wagen!", "Demokratisierung aller Lebensbereiche" sind Parolen, die eine Mehrung der Selbstbestimmung suggerieren, aber in Wahrheit mehr Fremdbestimmung bewirken, denn immer mehr Lebensbereiche werden unter Vormundschaft gestellt. Was bedeutet schon Selbstbestimmung in der Demokratie, wenn man in Abständen von mehreren Jahren einmal zur Wahl gehen darf und in der ganzen Zwischenzeit dem Gewählten ausgeliefert ist? Der Volksvertreter wird für die Legislaturperiode zum Fürsten, und wenn er es versteht, seine Anhänger zu belohnen und seine Gegner unbemerkt zu benachteiligen (denn irgendwoher müssen ja die Geschenke kommen), kann es sein, dass er jahrzehntelang herrscht. In Politik und Gesellschaft verhält es sich nicht anders als in Wirtschaft und Technik: Es gibt einen ständigen Prozess der Unterwerfung der Menschen unter wachsende Zwänge. Wir werden immer abhängiger vom Staat, seinen Institutionen, Behörden und Bürokraten. Diesem Prozess zu entrinnen, ist kaum möglich. Zwischen den Parteien tobt ein ständiger Konkurrenzkampf um Wählerstimmen. Es geht um Macht und Privilegien der Politiker und ihrer Bürokraten, auf deren Wohlverhalten ihre Macht letztlich ruht, weil sie es sind, welche die Wahlversprechen wahr machen können. Dabei ist es nicht so entscheidend, welche Partei zufällig regiert. Für den Bürger ohnehin nicht, aber auch nicht für die Staatsbediensteten, solange sie ihr Gehalt bekommen und befördert werden. Alle unterliegen denselben Triebkräften, alle treiben den Prozess voran: die Politiker wie die Staatsbediensteten, welche die Leistungen erbringen, die sie in den Augen der Bürger attraktiv machen, und die Bürger selbst, die nach Leistungen verlangen und doch nie zufrieden sind, weil ihnen der Gegenwert für ihre Steuern und Abgaben immer zu niedrig erscheint. Die Opposition fordert immer höhere Staatsleistungen, weil sie sich damit beliebt machen kann und die Mittel nicht aufzubringen braucht. Die Regierung muss gegenhalten und sich damit unbeliebt machen, weil sie nie genug Mittel bekommt, um alle Wünsche zu erfüllen. Damit sie trotzdem die Chance behält, die nächste Wahl zu gewinnen, wendet sie alle Intelligenz auf, um durch neue Wohltaten, die außer zusätzlichen Maßregeln nichts kosten, ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen. Wie die Rationalisierung in Technik und Wirtschaft ist auch der Antrieb zu immer engmaschigerer Versorgung und Betreuung der Bürger unaufhaltsam. Wie in jeder Hilfe steckt darin ein gerüttelt Maß an Bevormundung. Der Mensch verlernt, moralisch und eigenverantwortlich zu handeln. Sein Verhalten wird durch zahllose Vorschriften geregelt, die er alle beachten muss, um nicht unangenehm aufzufallen, zum Außenseiter zu werden oder gar als Asozialer, ja als Krimineller abgestempelt zu werden. Es bleibt ihm kaum noch Zeit, über Moral und Lebenssinn nachzudenken. Das Gewissen wird ihm regelrecht ausgetrieben, weil es ihm nur Nachteile bringt. Wer nach seinem Gewissen zu handeln versucht, gerät schnell mit dem Gesetz in Konflikt, und wo das Gewissen Vorteile anzunehmen verbietet, erlaubt es oft genug das Gesetz, weil der Vorteil vom Gesetzgeber gewollt ist, um den Bürger für die nächste Wahl zu bestechen. Am Ende haben sich die Menschen so sehr an den Wohlfahrtsstaat gewöhnt, dass sie zur Eigenverantwortung unfähig werden und nicht mehr imstande sind, sich selbst zu versorgen. Ihr Leben beschränkt sich zunehmend im Ausfüllen von Anträgen auf gesellschaftliche Leistungen und im Studieren der einschlägigen Vorschriften. Keine Freude ist größer als die, wieder eine gesellschaftliche Leistung ergattert zu haben. Nur nichts unternehmen, nur nicht auffallen, sich nirgendwo einmischen, lautet die Parole. "Political correctness" bestimmt das Reden und Handeln. Ich habe in meiner Jugend die Zeit erlebt, als diese Form der Anpassung an die allgemeine politische Richtung unmerklich in die Unmenschlichkeit des Hitlerregimes einmündete. Wie die "braune" Korrektheit habe ich später die rote erlebt und erlebe heute die grüne. Man weiß nie, wohin es am Ende führt. Auf jeden Fall führt die Vollkaskoversorgung des Menschen durch den Staat ins "stahlharte Gehäuse der Hörigkeit", vor dem Max Weber schon vor vielen Jahrzehnten warnte. Wenn man nun die wachsende Abhängigkeit von der Technik mit der vom Staat vergleicht, ergibt sich folgendes Bild: Gemeinsam ist beiden Formen der Hörigkeit die Verstrickung in Zwänge, welche die moralischen Kräfte bis hin zur totalen Gewissenlosigkeit und die schöpferischen Fähigkeiten bis zur völligen Phantasielosigkeit lähmen. Zudem führen sie zu einer radikalen Form des Materialismus, in der Freude nur mehr als Funktion materieller Güter und Leistungen verstanden wird. Doch in anderer Hinsicht unterscheiden sich beide Formen der Hörigkeit sehr: Während die Abhängigkeit von der Technik die Leistungsträger immer reicher und die Leistungsunfähigen immer ärmer macht, führt die Abhängigkeit vom Staat dazu, dass sie den Leistungswillen der Leistungsträger untergräbt, erstens, weil die staatliche Umverteilung Leistung durch Abschöpfung des Erfolgs bestraft, zweitens, weil der wachsende Sozialneid der Leistungsempfänger die Leistungserbringer ängstigt. Am Ende steht die vollständige Entsolidarisierung. Die Leistungsträger verschanzen sich oder wandern aus. Zurück bleibt eine verelendete Gesellschaft, der die Erbringer der sozialen Leistungen fehlen. Etwas Ähnliches geschah im Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion; die Sonderheit besteht darin, dass in der Sowjetunion die Leistungsträger systematisch demotiviert oder durch Einbindung in die politische Nomenklatura korrumpiert wurden. Wenn die Gesellschaft erst entsolidarisiert ist und die Wirtschaft am Boden liegt, kann eine Krise durchaus der Anfang einer vernünftigeren Entwicklung sein. Doch soweit darf man es nicht kommen lassen. Man muss vielmehr die Auswüchse eines Vollkasko-Versorgungsstaats rechtzeitig zurückschneiden und das im Prinzip nicht verkehrte System in vernünftige Bahnen lenken. Denn wenn man zulässt, dass das Gesellschaftssystem eines Volkes vollends zusammenbricht, wird sich, statt dass sich eine Entwicklung zu blühendem gesellschaftlichem Leben anbahnt, eher ein neuer Machtkampf erheben, an dessen Ende der Gesellschaft wieder ein Modell übergestülpt wird, das zwar anders, aber kaum besser als das alte ist. Damit beginnt ein neuer Prozess, und niemand weiß, wie er endet - womöglich ähnlich wie der verflossene. Niemand hat die Blaupausen der idealen Gesellschaft. Wir müssen lernen, dass wir auch im gesellschaftlichen Leben keiner technokratischen Utopie nachhängen dürfen, einer Illusion, die von einer wachsenden Zahl Gesetze eine Zunahme der Gerechtigkeit oder sogar der Sittlichkeit erwartet. Das Gegenteil ist der Fall, weil ein Zuviel an Gesetzen die Sittlichkeit tötet und den Menschen die Freude am Leben vergällt. Gesetze können und müssen Grenzen setzen und gemeinschaftliches Handeln zu bestimmten Zwecken ermöglichen, aber sie können das sittliche Handeln des einzelnen nicht erzwingen oder ersetzen. Und kein gesetzlicher Zweck ist über jede Kritik erhaben, nur weil er Gesetz ist: Jedes Gesetz ist bestenfalls so gut, wie der Zweck, den es verfolgt. Gerechtigkeit ist eine sittliche Aufgabe, die sich nicht durch Gesetze beschreiben lässt, weil jede Entscheidung im Einzelfall einen Knoten in einem komplexen Netz von Auswirkungen, Absichten, Notwendigkeiten und Zwecken darstellt. Gesetze drücken dagegen bestimmte Regelungsabsichten in einer bestimmten Kategorie von Fällen aus. Auf den Einzelfall angewendet, stehen sie einem Bündel einander widersprechender Regelungsabsichten gegenüber. Man kann zwar Kollisionsnormen schaffen, die den kollidierenden Normen unterschiedliche Ränge zuordnen, aber das Ergebnis bleibt, vom sittlichen Standpunkt betrachtet, rein zufällig. Es ist Glücksache, wenn ein Sachverhalt so in das Netz der Gesetze passt, dass Gerechtigkeit oder sonst ein sittlich Gutes bewirkt wird. Das Gute fällt meist durch die Maschen. Rechtsgesetze sind wie die Naturgesetze Werke
des menschlichen Denkens in Begriffen und Modellen. Deshalb können
sie der komplexen Wirklichkeit niemals gerecht werden. Aber wir brauchen
sie, nicht weil der Mensch nicht wüsste, was Recht ist, sondern weil
sie seiner Selbstsucht und Aggressivität Grenzen setzen müssen
und gemeinschaftliches Handeln ermöglichen. Wie im Fall der Technik
müssen wir die rechte Mitte, das Optimum zwischen Anarchie und Überregulierung
finden. Auch das lässt sich nicht durch einfaches Nachdenken oder
"wissenschaftliche" Gesellschaftsmodelle erledigen und durch irgendwelche
Optimierungsverfahren erst recht nicht. Darüber mehr im nächsten
Abschnitt.
Ende des autorisierten Textes Splitter:
Optimierung etc. gehezu dort Eines ist aber längst klar: Durch einfaches Nachdenken oder durch
"wissenschaftliche" Technikfolgenabschätzung, gewissermaßen
"more geometrico", lässt sich keine Lösung finden. Die Welt ist
zu komplex für simple Optimierungssmodelle, die mit den groben, unzulänglichen
Werkzeugen des begrifflichen Denkens mit seinen unzulässig vereinfachenden
Abstraktionen arbeiten.
********Machthaber und solche, die an die Macht wollen, denken sich
Gesellschaftsmodelle aus oder greifen Modelle auf, die sich Ideologen,
Utopisten, Visionäre und andere Weltverbesserer ausgedacht haben,
um sie den Menschen, die sie beherrschen, aufzuzwingen. Ihre Propagandisten
stellen die Entwürfe in den leuchtendsten Farben dar und wecken damit
die Erwartungen der Menschen auf ein besseres Leben. Sie tun so, als besäßen
sie die Blaupausen der idealen Welt.
**********Gesetze, Moral, Staat und Gesellschaft
**********Den Absatz vom Internet etc. unter Konsequenzen eingliedern
erl**********Fremdkörper
erl**********Das neue Bild der Wirklichkeit hat für uns unabsehbare
Konsequenzen. Die Richtung deutete sich am Ende des letzten Unterabschnitts
bereits an
Ende Text
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