|
| Wahl |
Titel |
Thema Chaos |
| Illusionen |
Unser
vertrautes
Weltbild
ist Illusion |
Man sollte meinen, wir hätten
alles im Griff. Für Wissenschaft und Technik scheint nichts unmöglich,
die Erfolge der Medizin eröffnen Perspektiven eines Lebens in ewiger
Jugend und absoluter Sicherheit, die allenfalls an menschlichem Versagen
scheitert. Die Welt erscheint aufgeräumt und berechenbar, die Weltformel
in greifbarer Nähe. Was noch empfindlich stört, nämlich
Hunger, Krieg und Verbrechen, wird durch bessere Planung und Gesetzgebung
beseitigt, ja selbst die Umweltzerstörung wird sich durch schonende
Technik und nachhaltiges Wirtschaften umkehren. Doch dieses Bild ist voller
Illusionen. Weniger, was Möglichkeiten und Ziele anlangt, als bezüglich
der Wege dorthin über Planung, Organisation und Rationalisierung. |
| Komplex |
Alles
ist mit
allem ver-
knüpft |
Die Welt wird nicht durch Gesetze
regiert, die man nur richtig anzuwenden braucht, um jedes Ziel zu erreichen.
Zwar gilt der Satz vom zureichenden Grund unverändert, aber die Welt
läßt sich nicht erklären, indem man sie in einzelne Ursachen
und Wirkungen zerlegt. Vielmehr ist alles mit allem durch ein äußerst
komplexes Netz von gegenseitigen Einflüssen verknüpft, in dem
jedes Ding den Spielraum hat, den ihm die anderen zugestehen. Es ist nicht
alles vollständig determiniert. Alles ist in Fluß. Bestand hat
nur, was durch Gegenkräfte eine zeitlang in fließendem Gleichgewicht
gehalten wird. Was womit zusammentrifft, ist nur in einfachen Beziehungen
stabiler Systeme über kurze Strecken vorhersehbar. |
| Labil |
Kleine
Ursachen
haben oft
große
Wirkung |
Die Welt wird vollends unberechenbar,
unüberschaubar, ja chaotisch dadurch, daß das Fließgleichgewicht,
von dem alle Beständigkeit abhängt, von zahllosen labilen Zuständen
durchsetzt ist, in denen unmeßbare Veränderungen unermeßliche
Folgen bewirken können. Bekannt ist wohl die Parabel vom Schmetterling,
dessen Flügelschlag einen Tornado von Florida weg auf den Atlantik
lenkt. Sie bringt die Gründe für die sprichwörtliche Unzuverlässigkeit
von Wettervoraussagen über wenige Tage hinaus auf den Punkt. Sie trifft
aber für weit mehr Voraussagen und Pläne zu, als wir im entferntesten
vermuten. Mit dieser "gebrochenen" Kausalität hängt zusammen,
daß der Entwicklungspfad vieler Dinge Verzweigungspunkte aufweist,
in denen seine Ordnung in eine ganz andere umschlägt oder gar ins
Chaos fällt. |
| Denken |
Wir sehen
die Welt
nicht wie
sie ist |
Die Wirklichkeit ist offenbar
erschreckend chaotisch. Wir versuchen, uns dadurch zu retten, daß
wir uns von ihr ein vereinfachtes Modell entwerfen, mit dem wir umgehen
können. Dabei hilft uns die Tatsache, daß ähnliche Dinge
sich in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten. Es gibt ja keinen
Grund, daß sie etwas anderes tun. Wenn wir wissen, welche Art Ding
wir vor uns haben, können wir erwarten, daß es sich artgerecht
verhält - als ob es einem Gesetz folgte. So wird die Zukunft für
uns in etwa berechen- und beherrschbar. Die "Naturgesetze" sind also Hilfskonstruktionen
unseres Denkens. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern so, wie
wir sie uns in unserem Gedankenmodell zurechtlegen. Keiner unserer Pläne
ist vor Überraschungen sicher. |
| Modelle |
Begriffe
agieren
anstatt
der Dinge |
Was den Menschen zum Menschen
macht, ist dies: Er kann sein Handeln aus der Reiz-Reaktion-Verknüpfung
ausklinken, es auf die gedankliche Ebene umleiten, dort modellieren und
dann wieder in die Wirklichkeit zurückführen. In unseren Gedankenmodellen
agieren aber nicht die Dinge selbst, sondern die Begriffe, die
wir uns von ihnen machen. Um die überwältigende Vielfalt zu bändigen,
fassen wir zumeist viele ähnliche Dinge, ohne uns um deren Besonderheiten
zu kümmern, in einem Begriff zusammen. Das führt zu Enttäuschungen,
wenn eine Eigenschaft unbeachtet bleibt, die zu einem unerwarteten Verhalten
führt. So müssen wir ohne Ende neue Unterscheidungen lernen.
Wenn wir unsere Modelle in die Umwelt übertragen wollen, müssen
sie stimmen, sonst verfehlen wir unsere Absichten. |
| Exakt? |
Man muß
die exakte
Wissen-
schaft
über-
winden |
Unsere Modelle müssen wenigstens
den Regeln der Logik folgen. Doch das bietet längst keine Gewähr
für ihre Richtigkeit - außer in der Mathematik, denn dort sind
die Begriffe unter sich. Der Wert unserer Modelle ist beschränkt:
Sie können uns helfen, die Welt ein wenig überschaubarer zu machen.
Das gilt auch für das hier so gepriesene Modell der universalen Optimierung.
Sein unschätzbarer Vorteil ist, daß es der nahezu unendlichen
Komplexität Rechnung trägt. Die "exakten" Wissenschaften dagegen
teilen die Welt in winzige Stücke, um sie mathematisch genau beschreiben
zu können. Doch so verlieren sie die großen Zusammenhänge
aus den Augen. Sie haben uns zwar viele kleine Erfolge, aber keinen wesentlichen
Fortschritt zum Guten in seiner komplexen Problematik gebracht. Wir müssen
die exakte Wissenschaft überwinden, dann sehen wir die Welt richtig. |
| Hoffnung |
Es gibt
Hoffnung |
Und doch gibt es Hoffnung.
Die Welt ist schließlich entstanden und hat uns hervorgebracht, ehe
wir mit unseren fragwürdigen Versuchen, sie zu "ordnen", anfingen.
Es fällt uns äußerst schwer zu begreifen, daß aus
"Chaos" ohne eine lenkende Hand Ordnung entstehen kann. Erst in neuester
Zeit haben Erkenntnisse zu den Themen Evolution, Fraktale, Katastrophen-
und Chaosforschung, vor allem aber zur Selbstorganisation der sich selbst
ordnenden, erhaltenden und steuernden - "selbstreferentiellen", "autopoietischen"
- Systeme endlich Wandel geschaffen. Mit Hilfe der von der Welt selbst
bereitgestellten Mittel können wir hoffen, die Komplexität der
Welt und damit auch des Problems der universalen Optimierung auf ein menschengerechtes
Maß zurückzuführen und das scheinbar Unmögliche im
evolutiven Dreischritt "Bewegen - Bewerten - Bewahren" zu schaffen. Darüber
mehr im folgenden Hauptabschnitt "Ordnung". |
|
^
^
^
^
^
^
^
^
^
|