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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
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Chaos Illusionen Komplex Labil Denken Modelle Exakt? Hoffnung
 
  Wahl Titel Thema Chaos
Illusionen Unser 
vertrautes 
Weltbild 
ist Illusion
Man sollte meinen, wir hätten alles im Griff. Für Wissenschaft und Technik scheint nichts unmöglich, die Erfolge der Medizin eröffnen Perspektiven eines Lebens in ewiger Jugend und absoluter Sicherheit, die allenfalls an menschlichem Versagen scheitert. Die Welt erscheint aufgeräumt und berechenbar, die Weltformel in greifbarer Nähe. Was noch empfindlich stört, nämlich Hunger, Krieg und Verbrechen, wird durch bessere Planung und Gesetzgebung beseitigt, ja selbst die Umweltzerstörung wird sich durch schonende Technik und nachhaltiges Wirtschaften umkehren. Doch dieses Bild ist voller Illusionen. Weniger, was Möglichkeiten und Ziele anlangt, als bezüglich der Wege dorthin über Planung, Organisation und Rationalisierung. 
Komplex Alles 
ist mit 
allem ver- 
knüpft
Die Welt wird nicht durch Gesetze regiert, die man nur richtig anzuwenden braucht, um jedes Ziel zu erreichen. Zwar gilt der Satz vom zureichenden Grund unverändert, aber die Welt läßt sich nicht erklären, indem man sie in einzelne Ursachen und Wirkungen zerlegt. Vielmehr ist alles mit allem durch ein äußerst komplexes Netz von gegenseitigen Einflüssen verknüpft, in dem jedes Ding den Spielraum hat, den ihm die anderen zugestehen. Es ist nicht alles vollständig determiniert. Alles ist in Fluß. Bestand hat nur, was durch Gegenkräfte eine zeitlang in fließendem Gleichgewicht gehalten wird. Was womit zusammentrifft, ist nur in einfachen Beziehungen stabiler Systeme über kurze Strecken vorhersehbar. 
Labil Kleine 
Ursachen 
haben oft 
große 
Wirkung
Die Welt wird vollends unberechenbar, unüberschaubar, ja chaotisch dadurch, daß das Fließgleichgewicht, von dem alle Beständigkeit abhängt, von zahllosen labilen Zuständen durchsetzt ist, in denen unmeßbare Veränderungen unermeßliche Folgen bewirken können. Bekannt ist wohl die Parabel vom Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Tornado von Florida weg auf den Atlantik lenkt. Sie bringt die Gründe für die sprichwörtliche Unzuverlässigkeit von Wettervoraussagen über wenige Tage hinaus auf den Punkt. Sie trifft aber für weit mehr Voraussagen und Pläne zu, als wir im entferntesten vermuten. Mit dieser "gebrochenen" Kausalität hängt zusammen, daß der Entwicklungspfad vieler Dinge Verzweigungspunkte aufweist, in denen seine Ordnung in eine ganz andere umschlägt oder gar ins Chaos fällt. 
Denken Wir sehen 
die Welt 
nicht wie 
sie ist
Die Wirklichkeit ist offenbar erschreckend chaotisch. Wir versuchen, uns dadurch zu retten, daß wir uns von ihr ein vereinfachtes Modell entwerfen, mit dem wir umgehen können. Dabei hilft uns die Tatsache, daß ähnliche Dinge sich in ähnlicher Umgebung ähnlich verhalten. Es gibt ja keinen Grund, daß sie etwas anderes tun. Wenn wir wissen, welche Art Ding wir vor uns haben, können wir erwarten, daß es sich artgerecht verhält - als ob es einem Gesetz folgte. So wird die Zukunft für uns in etwa berechen- und beherrschbar. Die "Naturgesetze" sind also Hilfskonstruktionen unseres Denkens. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern so, wie wir sie uns in unserem Gedankenmodell zurechtlegen. Keiner unserer Pläne ist vor Überraschungen sicher. 
Modelle Begriffe 
agieren 
anstatt 
der Dinge
Was den Menschen zum Menschen macht, ist dies: Er kann sein Handeln aus der Reiz-Reaktion-Verknüpfung ausklinken, es auf die gedankliche Ebene umleiten, dort modellieren und dann wieder in die Wirklichkeit zurückführen. In unseren Gedankenmodellen agieren aber nicht die Dinge selbst, sondern die Begriffe, die wir uns von ihnen machen. Um die überwältigende Vielfalt zu bändigen, fassen wir zumeist viele ähnliche Dinge, ohne uns um deren Besonderheiten zu kümmern, in einem Begriff zusammen. Das führt zu Enttäuschungen, wenn eine Eigenschaft unbeachtet bleibt, die zu einem unerwarteten Verhalten führt. So müssen wir ohne Ende neue Unterscheidungen lernen. Wenn wir unsere Modelle in die Umwelt übertragen wollen, müssen sie stimmen, sonst verfehlen wir unsere Absichten. 
Exakt? Man muß 
die exakte 
Wissen- 
schaft 
über- 
winden
Unsere Modelle müssen wenigstens den Regeln der Logik folgen. Doch das bietet längst keine Gewähr für ihre Richtigkeit - außer in der Mathematik, denn dort sind die Begriffe unter sich. Der Wert unserer Modelle ist beschränkt: Sie können uns helfen, die Welt ein wenig überschaubarer zu machen. Das gilt auch für das hier so gepriesene Modell der universalen Optimierung. Sein unschätzbarer Vorteil ist, daß es der nahezu unendlichen Komplexität Rechnung trägt. Die "exakten" Wissenschaften dagegen teilen die Welt in winzige Stücke, um sie mathematisch genau beschreiben zu können. Doch so verlieren sie die großen Zusammenhänge aus den Augen. Sie haben uns zwar viele kleine Erfolge, aber keinen wesentlichen Fortschritt zum Guten in seiner komplexen Problematik gebracht. Wir müssen die exakte Wissenschaft überwinden, dann sehen wir die Welt richtig. 
Hoffnung Es gibt 
Hoffnung
Und doch gibt es Hoffnung. Die Welt ist schließlich entstanden und hat uns hervorgebracht, ehe wir mit unseren fragwürdigen Versuchen, sie zu "ordnen", anfingen. Es fällt uns äußerst schwer zu begreifen, daß aus "Chaos" ohne eine lenkende Hand Ordnung entstehen kann. Erst in neuester Zeit haben Erkenntnisse zu den Themen Evolution, Fraktale, Katastrophen- und Chaosforschung, vor allem aber zur Selbstorganisation der sich selbst ordnenden, erhaltenden und steuernden - "selbstreferentiellen", "autopoietischen" - Systeme endlich Wandel geschaffen. Mit Hilfe der von der Welt selbst bereitgestellten Mittel können wir hoffen, die Komplexität der Welt und damit auch des Problems der universalen Optimierung auf ein menschengerechtes Maß zurückzuführen und das scheinbar Unmögliche im evolutiven Dreischritt "Bewegen - Bewerten - Bewahren" zu schaffen. Darüber mehr im folgenden Hauptabschnitt "Ordnung". 
 
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