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Willibald Hilgers
 © Willibald Hilgers 2000
Muskelschwund 
 

      Inhalt
 
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Warum so viele Details?

Wer bis hierher gelesen hat, mag sich jetzt fragen: Warum in aller Welt walzt er diese Nebensächlichkeiten in solch epischer Breite aus? Meine Antwort: Weil es interessant sein könnte, wie ein ALS-Patient, dem nicht plötzlich, aber unerwartet die Frau gestorben ist, mit der er 47 Jahre lang verheiratet war, seine einsamen Tage verbringt, ohne die gute Laune zu verlieren. Oder weil es für manchen Leidensgenossen wichtig sein könnte zu wissen, dass es mindestens ein gut funktionierendes Spracheingabeprogramm gibt und wie man damit umgeht. Oder auch ganz einfach weil das Leben jedes Menschen, würde es nur in allen Einzelheiten aufgezeichnet, ein Roman ist,. Weil die Wirklichkeit schöner und aufregender ist als jeder Traum. Man muss nur mit heißem Herzen hinsehen und hinhören. Der älteste Bruder meiner Frau, ein  pensionierter Offizier, hat mir einmal vorgeworfen, ich sei ein krasser Egoist, denn ich spreche zu viel von mir. Verständlich, er war gewohnt, von anderen zu reden, indem er ihnen Befehle erteilte. Wenn ich von mir rede, verkünde ich keine ewigen, allgemeingültigen Wahrheiten, sondern tue nur ganz bescheiden meine Meinung und meine besonderen Verhältnisse kund, aber überlasse es anderen, sie zu beurteilen oder daraus Schlüsse zu ziehen. 

Ich will damit sagen, dass  jeder Mensch exemplarisch ist, ein Beispiel dafür, wie gelebtes Leben ablaufen kann. Ein ehrlicher Lebensbericht - ich meine jetzt nicht die Memoiren der Berühmtheiten - ist zwar ästhetisch weniger gestaltet, aber authentischer als Dichtung und andere Fiktion. Im Geschichtsunterricht lernen wir alles über die Taten und Untaten der Großen, doch kein Wort über das tägliche Leben der Kleinen. Ich erinnere mich an eine Familiengeschichte aus dem 2. Weltkrieg einschließlich der Vor- und Nachkriegszeit. Das Buch wurde ein Bestseller. Im Fernsehen erschien eine Serie mit vielen Folgen unter dem Titel "Tadelöser & Wolf" und der Verfasser namens Kempowski wurde Professor für Zeitgeschichte in den USA. Wenn meine Mutter früher die vielen Geschichten aus ihrer Jugendzeit erzählte, konnte ich nicht genug davon bekommen. Als sie sich nach ihrem Berufsleben als Fotografin zur Ruhe setzte, habe ich sie wieder und wieder zu überreden versucht, diese Erzählungen aufzuschreiben. Alle meine Künste waren vergebens. Heute kann ich sie nicht mehr fragen; ich werde bei Gelegenheit versuchen, die eine oder andere Geschichte hier und da nach dem Gedächtnis einzuflechten. 
 

Meine Eltern

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Meine Mutter war eine örtlich sehr erfolgreiche Porträtfotografin. Sie hatte in Köln bei Elli Hirschberg, einer Prominentenfotografin der zwanziger Jahre, gelernt. Ihre Lehrherrin hielt sie für so begabt, dass sie meine Mutter zu ihrer Partnerin machen wollte. Aber das verhinderte ihr Vater. Er wollte sie gerne zu Hause behalten, denn sie in sollte seinem Geschäft, einer Druckerei mit Schreibwarenhandel und Fotoatelier, arbeiten. Ein verständlicher Wunsch, denn ihre Eltern hatten eine Familie mit zwölf Kindern zu versorgen. Meine Mutter war aber eine so starke und emanzipierte Frau, dass sie sich damit nicht abfand, sondern ihr Elternhaus bei Nacht und Nebel mit ihrem damaligen Verlobten, meinem Vater, verließ. Der war ein Selfmademan, der nur die Volksschule besucht hatte, sich aber so weit wie fortgebildet hatte, dass er in der Kreisverwaltung Bergheim an der Erft als Verwaltungsinspektor arbeiten konnte. So hatten meine Eltern einen zwar bescheidenen, aber für die damalige Zeit nicht üblichen Wohlstand erreicht. Ich hatte noch zwei Brüder und eine Schwester. Ich wuchs sozusagen in der Dunkelkammer auf, denn wenn ich von der Schule kam, war zuerst Hilfe im Fotoatelier angesagt, zum Beispiel Hochglanzabzüge auf der Spiegelglasscheibe trocknen, Fotos mit einem speziellen Schneidepult mit Büttenrand versehen, oder - besonders unbeliebt - den Salmiakgeist aus der Schale unten im Entwicklungskasten für Blaupausen in die Flasche zurückgießen und allerlei andere Tätigkeiten. Erst dann konnte ich zum Spielen verschwinden. Trotzdem blieb mir immer noch Zeit genug, um mich in kindgerechter Weise zu entwickeln. In der Schule hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, denn ich war ein Ausbund von Neugierde. Wenn zu Anfang des Schuljahres die neuen Bücher kamen, las ich sie durch, weil mich alles, was darin stand, interessierte. Mathematik- und Physikbücher waren für mich die reinsten Handbücher für Zauberlehrlinge. Auch Erdkunde und Biologie waren bei mir sehr beliebt. Englisch und Latein lernte ich gern, weil ich so mit anderen sprechen konnte, ohne dass die Uneingeweihten verstanden, wovon die Rede war. Wegen dieser Neugierde hatte ich es in der Schule leicht. Ich brauchte mich nur auf das zu konzentrieren, was ich noch nicht verstanden hatte, und stellte dementsprechend kluge Fragen, was mir die Lehrer honorierten, indem sie mir gute Noten gaben. Trotzdem war ich nicht unterfordert, denn ich nutzte die Zeit, um die ich den Mitschülern voraus war, um noch die letzten verbliebenen Fragen zu klären. 
 
 

Das Ende des Krieges

Vor dem Jungvolk und der Hitlerjugend drückte ich mich, so gut ich immer konnte. Es war nicht meine Sache, in Reih' und Glied zu stehen und nach dem Kommando der Wichtigtuer vor der Front zu hampeln. Ehrgeiz hatte ich nicht im Mindesten. Zu guter letzt wurde ich gegen meinen Willen dann doch noch zum Kameradschaftsführer, der untersten Charge, gemacht. Als ich aber 1943 mit 15Jahren Luftwaffenhelfer werden musste, konnte ich mich dem Stehen in Reih' und Glied nicht mehr entziehen. Zum Glück waren unsere Flakstellungen immer in der Nähe meines Elternhauses, so dass ich manches Wochenende zu Hause verbringen konnte. Vor Bomben und Feuerüberfällen blieb ich verschont; Immerhin wurde einer von uns getötet und ein anderer schwer verwundet. Ende 1944 musste ich für drei Monate zum Reichsarbeitsdienst und im März 1945 noch zum Militär. Ich meldete mich als Reserveoffiziersbewerber, weil ich begriffen hatte, dass der Mensch im Krieg erst beim Offizier anfängt. Doch während meiner Ausbildung neigte sich der Krieg dem Ende zu. Auflösungserscheinungen, wie ich sie schon bei den Luftwaffenhelfern genutzt hatte, um zu verschwinden, zeigten sich. Als sich unsere Einheit auflöste, machte ich mich mit einem Kameraden aus dem Staub, nicht ohne uns zuvor mit einem mächtigen Braten aus der Küche und mit Pistolen und Munition aus der Waffenkammer zu versorgen. Wir hatten die mitgebrachte Zivilkleidung noch im Spind hängen; sie nahmen wir natürlich mit. Unsere Einheit lag in der Barbarakaserne in Hamm am Nordrand des Ruhrkessels. Wir machten uns in Richtung Süden davon, weil sich meine Eltern in dieser Zeit in Derscheid bei Much im Siegkreis aufhielten, wohin sie vor der nahenden Westfront geflüchtet waren. Am Abend des ersten Tages stießen wir auf einen Bauernhof, in dem schon eine Anzahl versprengter Soldaten einquartiert war. Am nächsten Morgen zogen wir die Zivilkleidung an und versenkten die Uniform, beschwert mit einem Stein, in einem Teich in der Nähe von Hemmerden. Dann gingen wir weiter. Nach zwei Stunden hielten wir einen Militär-Lkw an und fragten, ob wir mitfahren dürften. "Na klar," sagten die Schlitzohren, "springt nur hinten auf!". Kaum waren wir aufgesprungen, fuhr der Fahrer los. Wir schlugen die Plane zurück und sahen mit Schrecken, dass wir auf einem Munitionslaster gelandet waren - und in der Luft tummelten sich die Tiefflieger. In Fröndenberg musste der Laster einen Moment halten. Wir sprangen schleunigst ab und gingen dann doch lieber zu Fuß weiter. Abends waren wir in Gummersbach. Wir schliefen im Saal einer Gastwirtschaft jeder auf drei nebeneinander stehenden Stühlen. Dort erfuhren wir, dass noch ein Eisenbahnzug von Gummersbach nach Bergneustadt fahre, und beschlossen, uns dieser unerwarteten Fahrgelegenheit zu bedienen. Als wir in der Frühe zum Bahnhof gegen, begegneten uns die Kameradenklaus von der Feldgendarmerie. Ich hatte kurze Hosen an und meine Schultasche unter dem Arm. Der Atem stockte uns, doch wir behielten die Nerven und spielten die Schüler, die zur Schule marschierten. Als wir an den Feldgendarmen vorbeigingen, drückte ich die Aktentasche an mich: Wir grüßten mit erhobenem Arm und einem zackigen Heil Hitler. Das war's. Die Kameradenklaue schöpften keinen Verdacht und ließen uns ziehen. Kurz vor Much trennten sich unsere Wege. Manfred Camminneci zog nach Dattenfeld und ich weiter gen Much. 

Am 6. April, zwei Tage vor dem Geburtstag meiner Mutter und kurz vor Ostern, kam ich bei meinen Eltern an. Doch auch da hatte ich keine Ruhe. Schon am nächsten Nachmittag erschienen zwei Feldgendarmen und suchten nach versprengten Militärangehörigen, aber auch nach jungen Leuten, die zum Werwolf geholt werden sollten. Ich hatte natürlich keinen Wehrpass, denn den hatte ich am Kasernentor abgeben müssen. So konnte ich meinen Zivilstatus nicht mehr nachweisen. Aber ich hatte noch meinen alten Luftwaffenhelferausweis, in dem leider die Stempel für die letzten beiden Quartale fehlten. Da ich schon immer groß war im Erfinden von Ausreden, konnte ich die Leute davon überzeugen, dass ich von der Luftwaffeneinheit weggeschickt worden sei, weil sie sich aufgelöst habe. Dies erschien ihnen plausibel. Sie erteilten mir den Auftrag, mich noch am gleichen Abend im Hof der Schule in Much, die als Sammelstelle für junge und alte Werwolfaspiranten diente, zu stellen. Ich hatte zwar keine große Lust, dort  hinzugehen aber mein Vater, der als Beamter große Angst vor Bürokraten, besonders vor den militärischen, hatte, beschwor mich hinzugehen und meine "Pflicht" zu tun. Mit großem Widerstreben fuhr ich abends mit dem Fahrrad, mit dem ich bei der Flucht in weitem Abstand hinter dem Auto meiner Eltern hergefahren war, zur Sammelstelle. Ich betrachtete den Laden und merkte bald, dass dort ein sehr vernünftig scheinender Lehrer das Kommando hatte. Ich machte ihm klar, dass ich noch mal eben nach Hause fahren und meine Luftwaffenhelferuniform holen wollte, die meine Eltern mitgenommen hätten (ich wusste natürlich nicht, ob sie überhaupt noch da war), um am nächsten Morgen pünktlich wieder zu erscheinen.  Ich hatte in Wahrheit nicht die geringste Absicht, mich hier noch einmal blicken zu lassen. Ich weiß nicht, was sich der Lehrer in jenem Augenblick gedacht hat, aber er ließ mich ziehen. Als ich wieder nach Hause kam, war  mein armer Vater außer sich vor Besorgnis  und achtete darauf, dass ich am nächsten Morgen in der Frühe wieder nach Much marschierte. Nun liegt Much in einem Talkessel. Ich kam von Derscheid her, einem kleinen Bauernnest in der Nähe. Als ich am Rand des Tals auf der Straße stand und hinunter blickte, sagte ich laut zu mir: "Nun hast du fünf Jahre Krieg ohne den kleinsten Kratzer überstanden, aber wenn du jetzt da unten hingehst, kommst du nicht mehr lebend heraus." Mich zuguterletzt noch für Hitler verheizen zu lassen, das wollte ich nun wirklich nicht, dann ließ ich mich lieber erschießen. Doch so weit war es noch lange nicht. Also drehte ich ab und schlenderte auf weiten Umwegen, nochmals alle Chancen und Risiken erwägend, langsam und mit vielen Rastpausen nach Hause. Ich kam dort am späten Nachmittag an. Endlich hatte mein Vater ein Einsehen. Er merkte ja, dass ich durch nichts zu bewegen war, nochmals in das Kriegsgeschehen einzugreifen. Schließlich: Wer von uns beiden hatte denn die größere Fronterfahrung? 

Unterdessen kam die Front immer näher. Man hörte es an den Detonationen. Nach einigen Tagen hatte ich das Gefühl, dass die Amerikaner jeden Augenblick erscheinen könnten. Ein Nachbar des Bauern, bei dem wir einquartiert waren, und ich beschlossen, auf die andere Seite der Agger nach Schönenberg zu gehen, um dort den Lauf der Dinge abzuwarten. Wir vermuteten, dass uns das Überqueren des Flusslaufs einen besseren Überblick über die Lage verschaffen könnte. Zuvor mussten wir über einen Höhenzug laufen. Als wir die Höhe passierten, müssen uns wohl Amerikaner oder vielleicht auch Deutsche gesehen haben. Wir hörten  Schrapnells in den Wipfeln der Bäume krepieren und rannten davon so schnell wir konnten.. Doch alles ging gut; wir bekamen nichts ab. Auf der anderen Seite der Höhe stiegen wir ins Aggertal hinunter und gingen über eine Brücke. Eine halbe Stunde später hörten wir eine Explosion. Ein Irrer unter den Deutschen hatte die Brücke in die Luft gesprengt, weil er glaubte, dies könne die Amerikaner aufhalten. Wir verbrachten die Nacht bei Bekannten meines Begleiters in Schönenberg. 

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass die Deutschen abgezogen waren. Man hatte schnell eine Notbrücke aus Brettern und Baumstämmen gezimmert. Als sie fertig war, gingen wir zurück nach Derscheid, wo meine Familie ihr Quartier hatte. Am nächsten Tag stand ich auf dem Dorfplatz und sah, wie ein Trüppchen von drei Amerikanern mit vorgehaltenem Gewehr und offensichtlich großer Angst in das Dorf, das aus vielleicht sechs oder sieben Bauernhöfen bestand, eindringen wollte, um es zu erobern. Ich war froh, dass die Amerikaner endlich kamen, weil ich erst jetzt vor den deutschen Feldgendarmen sicher sein konnte. Erfreut ging ich langsam auf sie zu. Sie sahen, dass ich keinerlei Waffen hatte und ließen mich näher kommen. Ich hob die Hände hoch (ich glaube, ich hatte sogar ein weißes Taschentuch in der rechten Hand) und rief ihnen zu: "Glad to see you. You are welcome!" Den GIs war die Sache aber nicht geheuer, wie ich an ihrem etwas gequälten Grinsen zu erkennen glaubte. Ich machte ihnen klar, dass hier keiner Lust hätte, sich ihnen in den Weg zu stellen, und wir mit ihrem Auftauchen eigentlich ganz zufrieden wären. Dann nahmen sie mich in ihre Mitte und gingen weiter. So konnten sie einigermaßen sicher sein, dass nicht auf sie geschossen würde. Nach und nach kamen auch die Bewohner aus den Häusern: Die friedliche Übergabe Derscheids war perfekt.
 

Die Spracheingabe mit ViaVoice

Meine Versuche mit der Spracheingabe haben ihre kleine Geschichte. Zunächst benutzte ich das Headset, das mit der Software geliefert wurde. Das war vor einem halben Jahr. Eigentlich war ich angenehm überrascht, wie gut das Programm funktionierte. Nur mit dem Headset hatte ich meine Schwierigkeiten. Wegen meiner Schwäche beim Arbeiten über Kopf dauerte es immer ein paar Minuten, bis das Set an der richtigen Stelle saß. Außerdem stellte es sich beim Diktieren heraus, dass das Mikrofon nicht richtig platziert war. Wenn die Arbeit dann nach zehn Minuten endlich richtig beginnen konnte, klingelte es an der Haustür oder ich musste zum Telefon, weil sich das schnurlose Handgerät mal wieder nicht mitgenommen hatte. Oder ich benötigte Unterlagen und andere Dinge, die ich nicht greifbar hatte, oder ich hatte persönliche Bedürfnisse wie etwa Essen, Trinken und deren Folgen. Aber ich war an den Computer angebunden. Also musste ich meiner Rüstung ab-und beiseite legen, tun, was zu tun war, und anschließend wieder zehn Minuten mit dem Anlegen der Rüstung verplempern. Schnell wurde mir klar, dass nur Mikrofon und Lautsprecher abhelfen könnten. Leider hatte ich in den Monaten Januar bis Mai 2001 wegen der Krebserkrankung und des Todes meiner Frau sehr wenig Zeit. Dann schickte ich eine E-mail an IBM und fragte, ob sie mir ein bestimmtes Mikrofon empfehlen könnten. Das könnten sie nicht, schrieben sie zurück, aber grundsätzlich könne man jedes handelsübliche Mikrofon für Spracheingabe mit Nebengeräuschdämpfung verwenden. Darauf wandte ich mich an einen örtlichen Händler. Die Mikrofone, die er mir vorschlug, schienen mir leider nicht als sonderlich geeignet. Kurz danach wurde ich im Internet fündig und bestellte bei Telex das Tischmikrofon M-60 für DM 159,00 zuzüglich Versandkosten. Dieses Mikrofon ist speziell für Spracheingabe konstruiert in der ausgesprochenen Absicht, den Anwender von seinem PC loszubinden ("untether"). Als Lautsprecher nahm ich einfach die, welche ich schon hatte. Frohgemut begab ich mich ans Diktieren, doch was heraus kam, spottete jeder Beschreibung - eine zirkusreife Lachnummer sondergleichen. Rudolf, Sohn eines vor zwei Jahren verstorbenen Freundes, stand hinter mir. Er hatte Mikrofon und Lautsprecher eingesteckt und hilft mir auch sonst sehr viel. Neugierig wollte er zusehen, was wohl die Frucht seiner Bemühungen sein werde. Er bekam er einen Lachanfall und wusste sich kaum zu halten. Er machte sich davon im Gefühl, dass ich wohl einen absoluten Flop gelandet hätte.

Schnell wurde mir klar, dass das neue Mikrofon eine ganz andere Signalcharakteristik hat als das alte. Ich musste das Programm also von Grund auf neu trainieren, das heißt ich musste eine neue Sprachmusterdatei anlegen, 256 Mustersätze aufsprechen und die sprechbaren Befehle trainieren. Das tat ich höchst wiederwillig. Beim Aufsprechen der Mustersätze zeigte sich, dass ich bedeutend näher an das Mikrofon heran musste als ich konnte. Wegen meiner Nackenschwäche muss ich mich weit genug zurücklehnen, um den Kopf aufrecht halten zu können. Dadurch bin ich aber vom Tischmikrofon, wenn es neben den Computer steht, zu weit entfernt. Nach vielem Hin und Her fand ich die Lösung: Ich stellte das Mikrofon seitwärts von mir auf ein fahrbares Beistelltischchen. Eine Schwierigkeit bestand darin, dass ich im Rollstuhl sitze. Das Beistelltischchen kann ich nicht nahe genug heran schieben, weil Radkranz und andere Anbauteile im Wege stehen. Also nahm ich ein dünnes Brett, legte es auf den Beistelltisch, schob es weit genug über die mir zugewandte Kante der Tischplatte, beschwerte das Brett auf der von mir abgewandten Seite mit einem Buch und stellte das (sehr leichte) Mikrofon auf den Überhang, der die störenden Teile des Rollstuhls überbrückt. Der Erfolg der Aktion war verblüffend: Die sprechbaren Befehle gehorchten mir aufs Wort, was sie bislang durchaus nicht immer taten, und die Qualität der Wiedergabe im Text war besser denn je. Angemerkt sei noch, dass ich gestern bei ausgedehnten Tests in den Konfigurationsdateien von ViaVoice herumsuchte und dabei im Programm den Hinweis fand, welche Mikrofone mit ViaVoice kompatibel sind. Das hätte ich wissen sollen, denn dann hätte ich IBM nicht gefragt. Mein Telex M-60 war nicht dabei., vielleicht weil es ein ganz neues Modell ist. Jedenfalls bin ich froh, dass ich es habe. Man weiß ja nie, wozu etwas gut ist. Nun habe ich also endlich meine optimale Ausrüstung und kann heute, am Pfingstsonntag 2001, endlich mit dem beginnen, was ich schon so lange tun wollte: schreiben.
 

Unser Garten

Unseren Garten muss man sich so vorstellen: Das Haus liegt auf der Ostseite der nord-südlich verlaufenden Schloßstraße. Davor liegt ein sieben Meter breiter Vorgarten und dahinter eine Gartenfläche von etwa fünfzehn Meter Breite und zwanzig Meter Tiefe. Die Terrasse liegt an der Südostecke des Hauses. BlumenlämpchenSie ist zum Garten hin sanft abgeböscht, so dass man von der Terrasse ohne Treppe in die tieferen Teile des Gartens gelangt. Die Mitte des Gartens nimmt eine Rasenfläche ein. Rund um den Rasen ist alles von Bäumen und Sträuchern zugewachsen. Man darf sich den Garten nicht als ein gepflegtes, abgezirkeltes Kunstwerk vorstellen, sondern als ein dichtes Gestrüpp von unterschiedlichsten Sträuchern und Bäumen. Als ich den Garten anlegte, fuhr ich mit den Gärtner zur Baumschule, suchte die Bäume und Sträucher aus, die mir gefielen, und brachte die Fuhre zusammen mit dem Meister seines Fachs zu mir nach Hause. Dort lud der Gärtner die Gewächse ab und pflanzte sie schlicht und einfach der Reihe nach, wie sie kamen, rund um die Rasenfläche ohne darauf zu achten, ob sie zusammen passten. Das war vor etwa 35 Jahren. Inzwischen hat sich der Pflanzenbestand zu einem dichten Gebüsch entwickelt, so daß der Garten wie die Wiese einer Lichtung im Wald anmutet. Rasen mit GartenhäuschenEs sind noch etliche Pflanzen dazu gekommen, die sich mit Hilfe der Vögel oder des Windes von selbst angesiedelt haben und sich an ihren Platz offensichtlich sehr wohl fühlen.. Ich habe immer alles wachsen lassen und nur weggeschnitten, was störte. So ist etwas entstanden, was für jemand, der für durchgestylte Anlagen schwärmt, ein Gräuel bedeutet, aber für einen wahren Naturliebhaber wie mich eine Augenweide. Übrigens sieht es ähnlich wie hinter dem Haus auch im Vorgarten aus. Jedenfalls findet jeder Besucher - zumindest die meisten - beide Gärten sehr schön. Vielleicht auch nur aus Höflichkeit, und doch:. Zu meiner größten Erstaunen geschah es noch im letzten Jahr, dass sich eine vorübergehende Dame an meine Frau, die im Vorgarten jätete, wandte und sagte: "Was haben Sie doch für einen schönen Vorgarten!". Inzwischen hat die Nachbarschaft meine Eigenheiten akzeptiert, wenn nicht gar ein wenig nachgeahmt.

MittagIch hatte nie Zeit,  mich allzu sehr um den Garten zu kümmern. Nach der Arbeit war ich zu müde und wenn ich schon im Garten war, dann wollte ich ihn auch genießen und nicht bearbeiten. Das Schöne an der Natur ist ja, dass sie sich selbst hilft und gestaltet. Das ist nichts für einen, der dem Zufall keine Chance lässt, der von jedem Pflänzchen verlangt, dass es exakt so wächst, wie er sich das vorstellt; und am liebsten alles und jedes vierkant zurecht stutzen möchte. Ich meine, man muss die Dinge nehmen wie sie kommen und sehen, dass man das Beste daraus macht. Jedenfalls muss man sehr viel Zeit haben oder auch viel Geld, um einen Gärtner zu bezahlen. Rhododendronbüsche im GartenBei mir steht alles durcheinander: Rhododendron, Flieder, Sommer- und Winterschneeball, falscher Jasmin, Japanische Zier- und andere Kirschen, Haselsträucher, chinesischer Wacholder, Thujen, Ilex, Tannen, Fichten und Kiefern, Kirschlorbeeren aller Art, Maiglöckchen, Efeu, ja, und vor allem, in der Mitte der Südseite am Rande des Grundstücks eine 20 Meter hohe Birke, die zur Zeit der Sommersonnenwende einen zehn Meter langen Schatten wirft. Auch sie gehört zu den Pflanzen, die sich ihren Standort ohne unser Zutun gewählt haben. Wenn die Sonne scheint, ist der lichte Schatten dieser Birke mein Lieblingsplatz. Ich sehe, wie die Sonne durch Blätter und Blüten scheint und sie hell vor dem schattigen Hintergrund leuchten lässt, wie die blanke Seite der Blätter glitzert, wie die Eichhörnchen spielen und sich über die Haselnüsse hermachen, wie die Schwalben über den Himmel huschen. Ich höre, wie die Amseln ihre Lieder singen. Es ist so schön zu sehen, wie abends ein Himmelslämpchen nach dem anderen angeknipst wird, während sich die Konturen des Hauses scharf gegen den Abendhimmel abheben, oder wie nach St. Johannis die Glühwürmchen schwärmen.
Hibiskusblüten im Garten
Müsste ich meine letzten Tage in einem Alters- oder Pflegeheim zubringen, wäre es für mich wohl das größte Leid, nicht mehr in meinem Garten sitzen zu dürfen. Hier habe ich viele der schönsten Stunden meines Lebens verbracht. Wenn ich glücklich war, so war ich es hier.  Ich habe mich der ganzen Welt umgesehen, alle Erdteile bereist und alle sieben Weltmeere befahren, und kann sagen: Es gibt es gibt nur wenige unter den Plätzen, die ich erlebt habe, die sich mit dem messen können, was sich mir hier nicht weit von unserer Haustür bietet. Ich erinnere mich an Tage auf den Malediven, als ich unter Palmen und tropischen Gewächsen  am schneeweißen Strand saß, über das von gelb über türkis ins blau spielende Wasser der Lagune blickte und unter dem Horizont den indischem Ozean mächtig gegen das Korallenriff anbranden hörte. Das lässt sich durchaus mit meinen glücklichen Stunden im Garten vergleichen. Es ist dieselbe Sonne, es sind dieselben Wolken und dieselben Sterne (wenn man von den Zirkumpolarsternen des Südens absieht), es ist zwar nicht so heiß, aber dafür ist die Temperatur angenehmer. StreifenÜbrigens steht die Mittagssonne in den Tropen zur Zeit unserer Sommersonnenwende ebenso hoch wie in unseren Breiten. Zudem brauche ich nicht zweimal neun Stunden Flug mit Anreise zum Flughafen und Transfer zum Ziel über mich ergehen zu lassen: es genügt, die Terrassentür aufzumachen und hinaus zu gehen. Im Kühlschrank stehen die Getränke und wenn man Hunger hat, findet man immer etwas zu essen. Man mag einwenden, der Mensch finde seine Heimat immer am schönsten, sei sie auch noch so öde. Doch ich glaube, dass ich mir hierzu ein einigermaßen objektives Urteil anmaßen darf. Ich gebe ja zu, dass es etwa auf dem Rangiroa-Atoll, der Insel Grenada oder sonstwo in der Karibik und etwa an manchen Stellen Kaliforniens, zum Beispiel an der Pazifikküste am Big Sur oder bei Carmel, für manchen Geschmack noch etwas schöner sein mag, nur, es ist etwas anderes, ob man diese Orte besucht oder ob man an ihnen leben muss. Dabei spielt der Heimvorteil dann doch eine entscheidende Rolle.Morgen
 

Glauben und Wissenschaft

Wie man aus meiner Website www.MutzurFreude.de nachprüfen kann, habe ich mich im Lauf meines Lebens über fast alle Wissenschaften kundig gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass die Wissenschaft mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Jede neue Entdeckung zieht neue Probleme nach sich. Selbst die Physik, die wähnt, der vollständigen Erforschung der Welt nahe zu sein und die Weltformel schon im Visier zu haben, ist davor nicht gefeit. Relativitätstheorien, Quantenmechanik, Quantenfeldtheorie, Stringtheorie - überall dort zeigt sich, wie sich das Ende der Fahnenstange immer weiter hinaus schiebt. So braucht die Stringtheorie sechs zusätzliche Raumdimensionen, um ihre mathematischen Formeln mit der Realität in Einklang zu bringen. Neuerdings werden aus den Strings Membranen und die sogenannte String-M-Theorie benötigt sogar sieben zusätzliche Raumdimensionen. Und selbst dann, wenn es gelänge, die physikalische Welt vollständig zu beschreiben, so ist damit immer noch nicht die Frage beantwortet, was denn da schwingt und Strings oder Membranen bildet. Ludwig Wittgenstein sagt in seinem Tractatus: "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist" und gerade er ist es, auf den sich der Positivismus gerne beruft. 

Oder nehmen wir die Kosmologie. Es gibt namhafte Wissenschaftler, die nicht ausschließen mögen, dass es auch andere wenn nicht gar unendlich viele Universen gibt, die vielleicht durch sogenannte Wurmlöcher untereinander verbunden sind. Oder nehmen wir uns die Frage vor, woher das Leben in die Materie gekommen ist oder das Bewusstsein oder gar der Geist. Es ist durchaus möglich, dass Proteine durch Zufall entstanden sind. Dass aber eine lebende Zelle durch Zufall entstanden sein könnte, hat eine derart geringe Wahrscheinlichkeit, dass 100 Milliarden Jahre nicht ausreichen, um alle Möglichkeiten durchzuprobieren. Es müsste denn eine wundersame Kette von unglaublich vielen äußerst glücklichen Zufällen vorliegen. Die Theorie des Panspermismus behauptet, das Leben sei aus dem Weltall gekommen. Der Philosoph McGill meint, die Informationen, auf Grund derer die Materie das Bewusstsein und möglicherweise auch den Geist hervorbringt, stecke in den Genen, während wir mit unserem Wahrnehmungsvermögen zwar das Bewusstsein introspektiv erforschen, aber nichts über seine Entstehung und seine Strukturen wissen könnten. Strukturen des Bewusstseins, wie sie in der Psychologie bekannt sind, kennt man nur aus der Introspektion, nicht durch Erforschung ihrer Entstehungsursachen. Wer will ausschließen, dass diese Informationen, die kaum durch Zufall entstanden sein können, nicht von extraterrestrischen Intelligenzen stammen, wobei es keinesfalls sicher ist, dass diese in unserem Universum beheimatet sind. Es sieht ganz danach aus, als seien unsere Wahrnehmungs- und Messmöglichkeiten auf einen winzigen Teil der Wirklichkeit beschränkt. Möglicherweise hat uns die Evolution so dumm gehalten, wie wir sind, weil es uns eine Selektionsvorteil bringt. Wüssten wir zu viel über Dinge, die uns normalerweise verborgen sind, könnten wir uns wahrscheinlich nicht mehr in dieser materiellen Welt behaupten. Es erginge uns wie zum Beispiel einem Drogensüchtigen, der nicht mehr mit dem gewöhnlichen Leben zurechtkommt, weil er ständig in einer fremden Gedankenwelt lebt.

Jedenfalls ist die Welt wunderbarer und weiter, als wir mit allen Teleskopen und Mikroskopen sehen können. Das Jenseits existiert nur in unserem Denken als das Land hinter unseren Grenzen. Es gibt nur eine Welt und wir leben mitten darin.

Ich bin der letzte, der nicht ungeheure Hochachtung vor den Leistungen der Wissenschaft empfände. Aber diese Leistungen sind alle auf den materiellen Bereich beschränkt, weil nur der in unserem Wahrnehmunghorizont liegt. Es gibt offenbar Beweise, dass Drogen das menschliche Bewusstsein erweitern können und dabei helfen, weitere Bereiche der Welt zu erschließen. In diese Richtung weist auch das erstaunliche Wissen der Schamanen über die Heilkräfte der Natur oder die hoch wirksamen psychotechnischen Praktiken buddhistischer und hinduistischer Kulturen. Aber die heutige Naturwissenschaft ist nicht in der Lage, über diese und ähnliche Dinge Aussagen zu machen, weil sie nicht in ihr Erklärungsschema passen.  Doch dann hat man auch kein Recht zu behaupten, weil man keine Erklärung habe, wäre alles Unerklärliche Erzeugnis blühender Phantasie. Das ist so, als ob ein Blinder sagte, weil er den Gegenstand vor ihm nicht sähe, existiere er nicht. Es ist das gute Recht, ja die höchste Pflicht der Wissenschaft, Erklärungen zu finden und sich nicht damit zufrieden zu geben, fehlende Erklärungen etwa durch Hinweis auf das Wirken Gottes oder anderer Geistwesen als Deus ex machina zu ersetzen. Seltsamerweise lässt die Wissenschaft aber den Zufall gelten. Wenn man es recht betrachtet, behandelt die Wissenschaft den Zufall nicht anders als einen Gott, der alles vermag und alles erklärt. 

Alles in allem halte ich den naiven, unaufgeklärten Wissenschaftsglauben, der nur existieren lässt, was wissenschaftlich erklärbar oder nachweisbar ist, für einen Religionsersatz von grotesker, ja kindischer Naivität. Überspitzt gesagt: Die Aufklärung bedarf dringend der Aufklärung. Obwohl ich mein Leben lang danach gesucht habe, konnte ich bis auf den heutigen Tag nichts finden, was meinen "frommen Kinderglauben" im mindesten hätte erschüttern können. Glauben ist nur durch Glauben zu ersetzen. Was die Wissenschaft uns dagegen zu glauben zumutet, ist mit Verlaub eine Unverschämtheit. Es sollte sich deshalb niemand mit seiner wissenschaftlichen Aufgeklärtheit brüsten, denn der Vorwurf der Unaufgeklärtheit fällt postwendend auf ihn zurück. 

für open source im Bundestag: www.bundestux.de

 

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